"Es ist allgemein bekannt, daß in dem Worte
welsch ein älterer Völkername
Wal(c)he steckt, zu dem als ursprüngliches Zugehörigkeitsadjektiv die Bildung
wal(c)hisch, mit Verlust des Vokals der Ableitungssilbe dann
wälsch bzw.
welsch, gehört. Während sich aber das Adjektiv in einer neuen Substantivierung (
die Welschen) auch als Völkername durchgesetzt hat, ist der Ausgangsname
Walche in nhd. Zeit ausgestorben und nur noch resthaft in Eigennamen (
Wa[h]le,
Walchen-see usw.) erhalten. In den Anfängen steht aber der ursprüngliche Völkername als althochdeutsch
Walha, angelsächsisch
Weal(h)as, altnordisch
Valir durchaus im Vordergrund, er ist zunächst durch eine Reihe von Jahrhunderten der eigentliche Träger der Entwicklung, von der aus erst die spätere Leistung des abgeleiteten
welsch zu verstehen ist. Es ist daher zunächst nötig, die Schicksale des alten Namens in gemeingermanischer Zeit aufzuzeigen. Wir finden dabei eine begriffliche Entwicklung, die durch drei Stufen gekennzeichnet ist; aus dem ursprünglichen Namen für einen einzelnen Nachbarstamm [
die Volcae] wird eine allgemeine Benennung für keltische Völkerschaften und schließlich eine von den ursprünglichen Trägern losgelöste Bezeichnung für die westlichen Angrenzer. Das besagt, daß die ursprüngliche Kennzeichnung nachbarlichen Gegenübers über ein Hervorheben des stammlichen Gegensatzes zu einem Bewußtwerden der volklichen Verschiedenheit führt. Diese drei Stufen stellen wichtige Etappen in dem Begreifen der eigenen Stellung innerhalb des Völkerkreises dar und müssen hier so weit einbezogen werden, wie sie das allmähliche Werden des Volksbewußtseins aufhellen."
(
Weisgerber, Leo.
Deutsch als Volksname: Ursprung und Bedeutung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, 1953. S. 161-2)
"
walhisk [war] in den Jahrhunderten der Durchdringung romanischen Raumes durch Germanen zu dem Wort geworden, das auch über den Menschenkreis hinaus die dem fremden Raume zugehörigen Besonderheiten und Eigenarten kennzeichnete. Menschen, Land, Sprache, Sitten und Gewohnheiten, Natur- und Kulturerzeugnisse: alles das konnte in seiner Eigenart und in seinem Abstand vom eigenen Raum, von den angestammten Formen des Lebens und Schaffens festgelegt werden. Schon von den frühesten Belegen an zeigt sich, daß hierin die Hauptleistung des Wortes
welsch lag. Bei den Glossierungen
volemis: uualihiskun pirun; balsamiten: welehesc minza liegt der Nachdruck sicher nicht auf der Seite der geographischen oder volklichen Zuordnung, sondern auf dem Hervorheben der Andersartigkeit des Ursprungs und der Daseinsbedingungen. Und was sich gleichzeitig und in der Weiterentwicklung an Wendungen mit
welsch herausbildet, mag es sich um Menschen, Sprache, Sitten, Kulturerzeugnisse usw. handeln, zeigt eine so durchgehende Gleichgerichtetheit, daß am Ausgangspunkt bereits diese Richtung vorgezeichnet gewesen sein muß. Wir dürfen sagen, daß dieses
walhisk bereits im
Bewußtsein der Völkerwanderungszeit gelebt hat
als Inbegriff dessen, was seiner Herkunft und seiner Eigenart nach fremd war: allerdings nicht in einem abstrakten Begriff des Fremden, sondern in der Lebensfülle der aus den Erfahrungen des Westraumes geschöpften
Erkenntnis der volklichen Andersartigkeit. Und in diesem Sinn bewahrt das Wort in der Folgezeit seine Eigenbegrifflichkeit, und der Unterschied bleibt deutlich auch gegenüber den neu entstehenden Begriffen für die einzelnen romanischen Volkstümer.
Welsch ist nicht gleich
französisch oder
italienisch, selbst nicht in den Grenzmundarten, wo die räumlichen Bedingungen den Bezug auf ein einzelnes Nachbarvolk fast erzwingen; es bleibt dem Wort darüber hinaus jenes Bewußtsein von der volklichen Andersartigkeit und das starkere Zurücktreten von
welsch im späteren Nhd. läßt diese seine eigentliche begriffliche Leistung nicht unsichtbar werden."
(Weisgerber, Leo.
Deutsch als Volksname: Ursprung und Bedeutung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, 1953. S. 194)