Consul hat geschrieben : ↑ Do 2. Okt 2025, 17:19
Kurz bevor ich auf
Absenden klicken wollte, ist mir die Unterscheidung von
fregeschen Propositionen und
russellschen Propositionen wieder eingefallen.
"Singuläre Propositionen (auch „Russellsche Propositionen“ genannt) sind Propositionen, die sich auf ein bestimmtes Individuum beziehen, weil dieses Individuum ein direkter Bestandteil ist.
…
Wir gehen ohne weitere Argumentation von einer propositionalistischen Semantik aus, nach der Sätzen (im Kontext) Propositionen als Inhalte zugewiesen werden, die primäre Träger von Wahrheitswerten, Träger modaler Eigenschaften wie Kontingenz und Notwendigkeit und Objekte propositionaler Einstellungen wie Glauben, Hoffen und Sagen sind. Wir können zwei große Klassen von Theorien über Propositionen unterscheiden. Vertreter der ersten, fregeschen Sichtweise akzeptieren Freges Unterscheidung zwischen Sinn und Referenz, Vertreter der zweiten, russellschen Sichtweise hingegen nicht. Wenn der Fregeanismus wahr ist, ist alles Denken über konkrete Individuen indirekt, vermittelt durch Sinne, die von diesen Individuen unabhängig sind. (Manche behaupten, Frege habe
de-re-Sinne – Sinne, deren Existenz und Identität von ihrer Referenz abhängt – als Inhalt von Eigennamen anerkannt; in diesem Fall hätte er sich nicht einer fregeschen Theorie, wie oben beschrieben, angeschlossen.)
Am einfachsten lässt sich dies verstehen, wenn man sich Sinne als rein qualitative Erfüllungsbedingungen vorstellt. Eine solche Bedingung bestimmt ein Objekt aufgrund der Eigenschaften, die es verkörpert. Dem Russellianismus zufolge können wir andererseits direkt über ein Individuum nachdenken; wir können einen Gedanken über ein Individuum haben, indem wir dieses Individuum als unmittelbaren Bestandteil des Gedankens haben. Nach der Standardinterpretation Freges sind Individuen
keine Bestandteile von Propositionen. Propositionen bestehen aus Sinnen, nicht aus Individuen, und Sinne werden unabhängig von jedem Individuum individualisiert. Wenn der Fregeanismus wahr ist, gibt es keine singulären Propositionen. Wenn der Russellianismus wahr ist, dann spielen singuläre Propositionen eine entscheidende Rolle in der Semantik und jeder vollständigen Theorie des Denkens."
SEP:
Singuläre Propositionen [Google Translate]
Russellsche Propositionen (als etwas von fregeschen Propositionen Verschiedenes) ergeben für mich keinen rechten Sinn. Was enthalten sie denn noch neben außersprachlichen Gegenständen? Wenn die prädikative Komponente in
Eigenschaften besteht, dann unterscheiden sich russellsche "Propositionen" nicht von nichtpropositionalen Sachverhalten (à la Armstrong).
"Dem Russellianismus zufolge können wir andererseits direkt über ein Individuum nachdenken; wir können einen Gedanken über ein Individuum haben, indem wir dieses Individuum als unmittelbaren Bestandteil des Gedankens haben." – Ja, der erste Teil stimmt, aber der zweite Teil nicht; denn der Gegenstand eines geistigen (nichtfregeschen) Gedankens in meinem Kopf kann kein Bestandteil des Gedankens sein. Ich habe keinen Bären oder Hasen im Kopf, wenn ich über einen nachdenke oder mir einen vorstelle.
"Terme, Dinge und Begriffe
Nach Russells (1903 [The Principles of Mathematics]) Auffassung sind Propositionen weder sprachlicher noch psychologischer Natur. Sie sind strukturierte Komplexe, die in der vom Geist unabhängigen Welt existieren. So ist beispielsweise die von „Maggie schwimmt“ ausgedrückte Proposition ein strukturierter Komplex, der aus Maggie selbst und Schwimmen besteht. Semantisch bedeutsame Ausdrücke in Sätzen „indizieren“ die Entitäten, aus denen die Proposition besteht. Russell nennt diese Entitäten „Terme“:
—
Was auch immer ein Objekt des Denkens sein mag, oder in einer wahren oder falschen Proposition vorkommen mag, oder als eines gezählt werden kann, nenne ich einen Term. Dies ist somit das umfassendste Wort im philosophischen Vokabular. Ich werde die Wörter Einheit, Individuum und Entität als damit synonym verwenden. (Russell 1903: 44, Kursivschrift im Original.)
—
Russell unterscheidet zwischen zwei Arten von Termen: Dinge und Begriffe. Erstere werden durch Eigennamen bezeichnet, letztere werden durch alle anderen (nicht synkategorematischen) Ausdrücke angezeigt. So bezeichnet „Maggie“ eine Art von Term – ein Ding –, während „Schwimmen“ eine andere Art von Term – einen Begriff – bezeichnet.4
[4: Während die Wahl von „Begriff“ etwas Psychologisches suggeriert, verwendet Russell diese Wort stattdessen für etwas „Logisches“, nämlich eine Entitätskategorie mit Parallelen zu unserer heutigen Kategorie von Eigenschaften. (S. 202)]
Propositionale Bezogenheit [Aboutness]
Russell unterscheidet auch zwischen denjenigen Termen einer Proposition, die Terme sind, worauf sich die Proposition bezieht, und Termen, die nicht dasjenige sind, worauf sich die Proposition bezieht.
—
Ich werde von den Termen einer Proposition als denjenigen Termen sprechen, wie zahlreich sie auch sein mögen, die in einer Proposition vorkommen und als Subjekte betrachtet werden können, über die es in der Proposition geht.
(Russell 1903: 46, Kursivschrift im Original)
—
Dinge können immer nur als Subjekte (oder Terme der Proposition) auftreten, während Begriffe zweifach vorkommen: Sie können entweder als Subjekte vorkommen oder als Teil dessen, was über das/die Subjekt(e) behauptet wird." [Google Translate mit Änderungen meinerseits]
(Alford-Duguid, Dominic, & Fatema Amijee. "Russell on Propositions." In The Routledge Handbook of Propositions, ed. by Adam Russell Murray & Chris Tillman, 188-208. New York: Routledge, 2023. p. 189)
1. Wenn ein
Term (term) kein "
Zeichen in einer formalisierten Theorie [ist], mit dem eines der in der Theorie betrachteten Objekte dargestellt wird" (DUDEN), sondern ein
(nichtrepräsentationales) Objekt selbst ist – d.i.
ein Ding/Ereignis oder eine Eigenschaft/Beziehung –, dann ist Russells Wortwahl unpassend und irreführend.
2. Russells Verwendung von
"Begriff" ("concept") ist ebenso irreführend wie Freges, denn beide meinen damit keine
Repräsentationen von Eigenschaften oder Beziehungen, sondern
Eigenschaften oder Beziehungen selbst (als Universalien) .
3. Wenn russellsche "Propositionen" aus
nichtrepräsentationalen Dingen und "Begriffen" = Eigenschaften/Beziehungen bestehen und nicht aus Wörtern oder Zeichen, die Dinge oder Eigenschaften/Beziehungen repräsentieren, dann ist Russells Rede von einer
"aboutness" von Propositionen widersinnig. Wenn die Proposition <Maggie schwimmt> aus Maggie
selbst und Schwimmen
selbst (als dynamischer Eigenschaft) besteht, dann repräsentiert sie
nichts und besitzt somit keinerlei semantische Eigenschaften wie
aboutness (Referenz).
Es sollte angemerkt werden, dass Russell seine ursprüngliche Propositionstheorie später selbst aufgegeben hat:
"Russells Konzeption der Erklärungsrolle von Propositionen änderte sich zwischen 1903 und 1919. 1903 war seine Position erkennbar orthodox. Er betrachtete Propositionen als Objekte von Urteilen und Behauptungen und als letztendliche Träger von Wahrheit und Falschheit. Beispielsweise ist die Proposition, die durch die Äußerung „Lyra liebt Will“ ausgedrückt wird, auch das, was Maggie glaubt, wenn sie glaubt, dass Lyra Will liebt, und sowohl die Äußerung als auch der Glaube erben ihre Wahrheit von der Wahrheit der geäußerten und geglaubten Proposition. Schließlich betrachtete Russell Propositionen als das, was in logischen Implikationsbeziehungen vorkommt. So impliziert die Proposition „Lyra liebt Will und Maggie schwimmt“ die Proposition „Lyra liebt Will“.
Wie wir jedoch sehen werden, gibt Russell 1913 diese Konzeption der Erklärungsrolle von Propositionen auf und weicht damit erheblich von der gegenwärtigen Orthodoxie bezüglich der Rolle von Propositionen ab. Der Theorie von 1913 zufolge…sind Propositionen keine eigenständigen Entitäten mehr. Vielmehr leitet sich Wahrheit oder Falschheit letztlich aus der Wahrheit oder Falschheit von Urteilen ab." [Google Translate mit Änderungen meinerseits]
(Alford-Duguid, Dominic & Fatema Amijee. "Russell on Propositions." In The Routledge Handbook of Propositions, hrsg. von Adam Russell Murray & Chris Tillman, 188–208. New York: Routledge, 2023, S. 188)
"Einige mentale Zustände haben einen Inhalt: Der Glaube, dass Seabiscuit ein Pferd ist, hat den Inhalt, dass Seabiscuit ein Pferd ist; die Hoffnung, dass Seabiscuit gewinnen wird, hat den Inhalt, dass Seabiscuit gewinnen wird. Inhalte sind Propositionen: abstrakte Objekte, die Wahrheitsbedingungen möglicher Welten bestimmen. Drei führende Kandidaten für solche abstrakten Objekte sind Fregesche Gedanken, Russellsche Propositionen (strukturierte Einheiten mit Objekten und Eigenschaften als Bestandteilen) und Lewissche/Stalnakersche Propositionen (Mengen möglicher Welten). Manchmal ist der Begriff „Proposition“ ausschließlich den Inhalten traditioneller propositionaler Einstellungen wie Glaube und Hoffnung vorbehalten; in dieser Verwendung sind Russellsche „Propositionen“ keine Propositionen, wenn diese Inhalte (zum Beispiel) Gedanken sind." [Google Translate mit Änderungen meinerseits]
(Byrne, Alex. "Perception and Perceptual Content." In Contemporary Debates in Epistemology, ed. by Matthias Steup & Ernest Sosa, 231-250. Malden, MA: Blackwell, 2005. p. 232)
"Eine russellsche Proposition ist ein Sachverhalt." [meine Übers.]
(Landini, Gregory. "Russell’s Substitutional Theory." In The Cambridge Companion to Bertrand Russell, ed. by Nicholas Griffin, 241-285. Cambridge: Cambridge University Press, 2003. p. 254)
Bingo!
Russellsche "Propositionen"
als (nichtrepräsentationale) Sachverhalte unterscheiden sich wesentlich von fregeschen Propositionen ("Gedanken") als repräsentationalen
Sinnverhalten oder
Begriffverhalten (*. Ich denke, dass man nur Letztere als "Propositionen" bezeichnen sollte; denn die Rede von russellschen "Propositionen",
welche eigentlich gar keine Propositionen sind, stiftet nur Unklarheit und Verwirrung.
(* In "Begriff(s)verhalt" verwende ich "Begriff"
im nichtfregeschen & nichtrussellschen Sinn, in dem Begriffe
keine Eigenschafts- oder Beziehungsuniversalien sind, sondern
abstrakte fregesche Sinne, die Bestandteile fregescher Gedanken sind.)