Was ist Bewusstsein?

Was ist Bewusstsein? Eine Frage, die nach wie vor ungeklärt ist.
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Jörn P Budesheim
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Do 1. Jan 2026, 19:29



Ein ganz neues Video mit Anil Seth – der auch in dem Start-Video zu sehen war – bei closer to truth. Lustigerweise beackert er das Thema mit der wichtigen Unterscheidung von notwendigen und hinreichenden Bedingungen, das wir hier im Forum in einem anderen Faden besprechen.

Ich vermute, dass er hier mitliest ;)

Seth betont, dass die Identifizierung hinreichender Bedingungen seiner Ansicht nach "noch in weiter Ferne liegt" ("a really long way off").

Eine Ausnahme davon reklamiert für sich die sogenannten IIT, die hier auch schon öfter erwähnt wurde. Die Vertreter dieser Theorie sind ja Ansicht, dass sie die notwendigen und zusammen hinreichenden Bedingungen für Bewusstsein in ihrer Theorie formulieren.



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Consul
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Do 1. Jan 2026, 19:48

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 1. Jan 2026, 17:51
Nein, das geht meines Erachtens keineswegs. Es ergibt keinen Sinn zu sagen, ich habe eine Schlange gesehen, aber es war eine Blindschleiche.
Richtig, aber das habe ich nicht gesagt! Eine Blindschleiche als Schlange zu sehen, bedeutet, eine Blindschleiche zu sehen, aber sie als Schlange aufzufassen, d.h. zu denken oder/und zu glauben, dass die gesehene Blindschleiche eine Schlange ist. In diesem Fall sieht das Subjekt zwar eine Blindschleiche, aber es ist sich dessen nicht bewusst, weil es denkt/glaubt, eine Schlange zu sehen.



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Jörn P Budesheim
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Do 1. Jan 2026, 19:53

Seth will testen. Das ist natürlich lobenswert. Allerdings frage ich mich, ob es Grenzen des Testbaren gibt, dazu ein Beispiel: Wenn ein Kunstkenner ein komplexes Kunstwerk betrachtet, liest oder hört, fließen in diesen Prozess so viele „Hintergrund-Elemente“ ein, die unmöglich alle testbar sind. Das gesamte Wissen des Kenners spielt eine Rolle – ebenso wie die unvorhersehbaren Überraschungen, welche die Künstlerin in das Werk gelegt hat. Wie will man so eine ästhetische Erfahrungen testen? Ich denke, dass es auch in alltäglichen Situationen oft solche Erfahrungen gibt ...



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Consul
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Do 1. Jan 2026, 20:02

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 1. Jan 2026, 19:29
Ein ganz neues Video mit Anil Seth – der auch in dem Start-Video zu sehen war – bei closer to truth. Lustigerweise beackert er das Thema mit der wichtigen Unterscheidung von notwendigen und hinreichenden Bedingungen, das wir hier im Forum in einem anderen Faden besprechen.
Zum Thema notwendige & hinreichende Bedingungen des Bewusstseins, siehe diesen Beitrag von mir!



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Consul
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Do 1. Jan 2026, 20:25

Seth bejaht die Ansicht, dass das Gehirn der Ursprungsort des Bewusstseins ist. Wenn er anschließend Gehirne als "eingekörperte und eingebettete Systeme" bezeichnet, dann—wenn er sich nicht selbst widersprechen will—kann er dies nur im schwachen Sinn von "Einkörperung" und "Einbettung" meinen, also im Sinn von kausaler Abhängigkeit und nicht von Konstitution. Siehe die entsprechenden Definitionen!
"Somehow, within each of our brains, the combined activity of billions of neurons, each one a tiny biological machine, is giving rise to a conscious experience."
———
"Irgendwie erzeugt in jedem unserer Gehirne die kombinierte Aktivität von Milliarden von Neuronen, von denen jedes eine winzige biologische Maschine ist, ein bewusstes Erlebnis." [Google Translate]

(Seth, Anil. Being You: A New Science of Consciousness. New York: Dutton, 2021. p. 2)

"I use the word ‘wetware’ to underline that brains are not computers made of meat. They are chemical machines as much as they are electrical networks. Every brain that has ever existed has been part of a living body, embedded in and interacting with its environment – an environment which in many cases contains other embodied brains. Explaining the properties of consciousness in terms of biophysical mechanisms requires understanding brains – and conscious minds – as embodied and embedded systems."
———
"Ich verwende den Begriff ‚Wetware‘, um zu betonen, dass Gehirne keine Computer aus Fleisch sind. Sie sind ebenso chemische Maschinen wie elektrische Netzwerke. Jedes Gehirn, das jemals existiert hat, war Teil eines lebenden Körpers, eingebettet in seine Umwelt und in Wechselwirkung mit ihr – eine Umwelt, die in vielen Fällen andere verkörperte Gehirne enthält. Die Eigenschaften des Bewusstseins anhand biophysikalischer Mechanismen zu erklären, erfordert ein Verständnis des Gehirns – und des bewussten Geistes – als eingekörperte und eingebettete Systeme." [Google Translate]

(Seth, Anil. Being You: A New Science of Consciousness. New York: Dutton, 2021. p. 6)



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Jörn P Budesheim
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Fr 2. Jan 2026, 07:49

Consul hat geschrieben :
Do 1. Jan 2026, 19:48
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 1. Jan 2026, 17:51
Nein, das geht meines Erachtens keineswegs. Es ergibt keinen Sinn zu sagen, ich habe eine Schlange gesehen, aber es war eine Blindschleiche.
Richtig, aber das habe ich nicht gesagt! Eine Blindschleiche als Schlange zu sehen, bedeutet, eine Blindschleiche zu sehen, aber sie als Schlange aufzufassen, d.h. zu denken oder/und zu glauben, dass die gesehene Blindschleiche eine Schlange ist. In diesem Fall sieht das Subjekt zwar eine Blindschleiche, aber es ist sich dessen nicht bewusst, weil es denkt/glaubt, eine Schlange zu sehen.
Mit anderen Worten: er nimmt eine Blindschleiche wahr, hält sie aber für eine Schlange.



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Jörn P Budesheim
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Fr 2. Jan 2026, 08:51

Consul hat geschrieben :
Do 1. Jan 2026, 20:25
Ursprungsort
Consul, Anil Seth zitierend hat geschrieben : Jedes Gehirn, das jemals existiert hat, war Teil eines lebenden Körpers, eingebettet in seine Umwelt und in Wechselwirkung mit ihr – eine Umwelt, die in vielen Fällen andere verkörperte Gehirne enthält. Die Eigenschaften des Bewusstseins anhand biophysikalischer Mechanismen zu erklären, erfordert ein Verständnis des Gehirns – und des bewussten Geistes – als eingekörperte und eingebettete Systeme.
Deine Metapher vom „Ursprungsort“ scheint mir mit Seths Ansatz nur schwer vereinbar – gelinde gesagt, jedenfalls so, wie ich ihn verstehe. Bewusstsein ist bei Seth gerade kein Produkt, das allein an einem bestimmten Ort entsteht. Wir haben es nicht mit einer linearen Bewegung mit Ursprung und Ende zu tun, sondern mit einem dynamischen Wechselspiel: einem dauerhaften Kreislauf.

Interessanterweise zeigt genau das Zitat, das du selbst gepostet hast, sehr deutlich, worum es eigentlich geht: Gehirne existieren nie isoliert, sondern immer als Teile lebender Körper, eingebettet in eine Umwelt und in fortlaufender Wechselwirkung mit ihr – und, was ebenfalls sehr wichtig ist, zusammen mit anderen verkörperten Gehirnen. Vor diesem Hintergrund erscheint es nachgerade sinnlos, nach einem Ort zu fragen, an dem Bewusstsein „erzeugt“ wird. Bewusstsein ist eine emergente Eigenschaft, die aus dem dynamischen Zusammenspiel von Gehirn, Körper, Umwelt und Seinesgleichen hervorgeht. (Soweit ich sehe, ist das fast die gleiche Zutatenliste, die auch so unterschiedliche Denker wie Thomas Fuchs und Lisa Feldman Barrett vorlegen.)

Wenn Seth von der „Beast Machine“ spricht, beschreibt er Bewusstsein entsprechend nicht als etwas Lokalisiertes oder Statisches, sondern als einen verkörperten, prozesshaften Regelkreis aus Vorhersage, Handlung und sensorischer Rückmeldung. „Sensorische Rückmeldung“ bedeutet hier nach meinem Verständnis auch, dass die Person ihre Aufmerksamkeit aktiv dorthin lenkt, wo der Vorhersagefehler lokalisiert ist – was auch die geteilte Aufmerksamkeit verschiedener Personen einschließt. Dieser dauernde Kreislauf gehört selbst – so verstehe ich es – zu den notwendigen Bedingungen des Bewusstseins.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Rede von einem „Ursprungsort“ irreführend; sie führt begrifflich/metaphorisch in die falsche Richtung: Aus einer Kreisbewegung wird eine Linie gemacht.



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Consul
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Fr 2. Jan 2026, 17:23

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 2. Jan 2026, 08:51
Consul, Anil Seth zitierend hat geschrieben : Jedes Gehirn, das jemals existiert hat, war Teil eines lebenden Körpers, eingebettet in seine Umwelt und in Wechselwirkung mit ihr – eine Umwelt, die in vielen Fällen andere verkörperte Gehirne enthält. Die Eigenschaften des Bewusstseins anhand biophysikalischer Mechanismen zu erklären, erfordert ein Verständnis des Gehirns – und des bewussten Geistes – als eingekörperte und eingebettete Systeme.
Deine Metapher vom „Ursprungsort“ scheint mir mit Seths Ansatz nur schwer vereinbar – gelinde gesagt, jedenfalls so, wie ich ihn verstehe. Bewusstsein ist bei Seth gerade kein Produkt, das allein an einem bestimmten Ort entsteht. Wir haben es nicht mit einer linearen Bewegung mit Ursprung und Ende zu tun, sondern mit einem dynamischen Wechselspiel: einem dauerhaften Kreislauf.
Sowohl der Bewusstseinszustand als Ganzes als auch einzelne Vorkommnisse darin haben eine bestimmte Dauer, also sowohl einen zeitlichen Beginn als auch ein zeitliches Ende. Sie haben außerdem bestimmte Orte in der Welt, da sie weder überall noch nirgends vorkommen. (Ein Zustand ist allgemein dort, wo dasjenige ist, dessen Zustand er ist.) Jene Orte sind auch ihre Ursprungsorte, d.i. diejenigen Orte, wo Bewusstseinserlebnisse entstehen (und vergehen). Seth drückt sich diesbezüglich klar und deutlich aus: "…innerhalb jedes unserer Gehirne…"
"Somehow, within [meine Hervorheb.] each of our brains, the combined activity of billions of neurons, each one a tiny biological machine, is giving rise to a conscious experience."

(Seth, Anil. Being You: A New Science of Consciousness. New York: Dutton, 2021. p. 2)
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 2. Jan 2026, 08:51
Interessanterweise zeigt genau das Zitat, das du selbst gepostet hast, sehr deutlich, worum es eigentlich geht: Gehirne existieren nie isoliert, sondern immer als Teile lebender Körper, eingebettet in eine Umwelt und in fortlaufender Wechselwirkung mit ihr – und, was ebenfalls sehr wichtig ist, zusammen mit anderen verkörperten Gehirnen. Vor diesem Hintergrund erscheint es nachgerade sinnlos, nach einem Ort zu fragen, an dem Bewusstsein „erzeugt“ wird. Bewusstsein ist eine emergente Eigenschaft, die aus dem dynamischen Zusammenspiel von Gehirn, Körper, Umwelt und Seinesgleichen hervorgeht. (Soweit ich sehe, ist das fast die gleiche Zutatenliste, die auch so unterschiedliche Denker wie Thomas Fuchs und Lisa Feldman Barrett vorlegen.)
Wie bereits gesagt, niemand bestreitet…
"…dass das Gehirn als Geistesorgan kein isoliertes Organ ist. Das "Geistgehirn" ist Teil eines Körpers (Organismus), der Teil einer Umwelt ist. Es ist ein (nichtisoliertes) Subsystem eines (nichtisolierten) Systems eines (nichtisolierten) Supersystems."

Quelle: viewtopic.php?p=97214#p97214
Aus der Tatsache der Gehirn-Körper-Umwelt-Wechselwirkungen folgt jedoch nicht, dass bestimmte außergehirnliche oder außerkörperliche Vorgänge keine äußeren Beeinflusser oder Ermöglicher, sondern innere Bestandteile des (unmittelbar) bewusstseinsbildenden Gesamtvorgangs sind.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 2. Jan 2026, 08:51
Wenn Seth von der „Beast Machine“ spricht, beschreibt er Bewusstsein entsprechend nicht als etwas Lokalisiertes oder Statisches, sondern als einen verkörperten, prozesshaften Regelkreis aus Vorhersage, Handlung und sensorischer Rückmeldung. „Sensorische Rückmeldung“ bedeutet hier nach meinem Verständnis auch, dass die Person ihre Aufmerksamkeit aktiv dorthin lenkt, wo der Vorhersagefehler lokalisiert ist – was auch die geteilte Aufmerksamkeit verschiedener Personen einschließt. Dieser dauernde Kreislauf gehört selbst – so verstehe ich es – zu den notwendigen Bedingungen des Bewusstseins.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Rede von einem „Ursprungsort“ irreführend; sie führt begrifflich/metaphorisch in die falsche Richtung: Aus einer Kreisbewegung wird eine Linie gemacht.
Alle Bewusstseinsvorgänge/-zustände haben einen Ort in Raum und Zeit, wo sie entstehen, bestehen und vergehen. (Cartesianische Substanzdualisten würden mir hier widersprechen, da sie Bewusstseinszustände für Zustände außerräumlicher Seelen halten.) Andere Vorgänge/Zustände, die Bewusstseinsvorgänge/-zustände beeinflussen oder damit wechselwirken, haben ebenfalls einen Ort in Raum und Zeit.

Was die "notwendigen Bedingungen des Bewusstseins" anbelangt, so ist zwischen kausaler Notwendigkeit und konstitutiver Notwendigkeit zu unterscheiden. Man darf Erstere nicht mit Letzterer verwechseln, und kausal notwendige Bedingungen nicht vorschnell zu konstitutiv notwendigen Bedingungen erklären.

Apropos "prozesshafte[r] Regelkreis" & "sensorische[.] Rückmeldung": Es ist beispielsweise eine neuropathologische Tatsache, dass die vollständige Unterbrechung der Verbindung zwischem dem zentralen Nervensystem und der peripheren Nervensystem nicht (notwendigerweise) zum Verlust der Bewusstseinsfähigkeit führt. Dies bedeutet, dass die Signalübertragung zwischen dem PNS und dem ZNS für die Bewusstseinsfähigkeit weder kausal noch konstitutiv notwendig ist – was sowohl gegen die schwache These als auch gegen die starke These des "eingekörperten Bewusstseins" spricht.
"Ich verwendete die Begriffe „notwendig“ und „verwurzelt in“, um die Beziehung zwischen Bewusstsein und bestimmten Hirnarealen zu beschreiben. Genauer gesagt handelt es sich um die Beziehung der Konstitution. Die Frage ist, ob bestimmte präfrontale Areale konstitutiv notwendig für das Wahrnehmungsbewusstsein sind. Die angesprochene Unterscheidung ist die zwischen konstitutiven und kontingenten kausalen Faktoren. Die Durchblutung des Gehirns ist kontingenterweise kausal notwendig für bewusstes Erleben, da sie die Energieversorgung des Gehirns darstellt; doch grundsätzlich könnte auch eine andere Energieform ihren Platz einnehmen. Es ist die neuronale Verarbeitung selbst oder ein Aspekt davon, der konstitutiv für bewusstes Erleben ist." [Google Translate + Consul Translate]

(Block, Ned. "Consciousness." In The Border Between Seeing and Thinking. New York: Oxford University Press, 2023. 417-467. p. 417)



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Jörn P Budesheim
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Fr 2. Jan 2026, 18:18

Das Beispiel mit der neuropathologischen Unterbrechung hinkt meines Erachtens. Mein Radio mag noch rauschen, auch wenn es keinen Empfang mehr hat. Wer daraus folgert, dass das Radio grundsätzlich keines Senders bedarf, liegt falsch.

Wenn wir nach dem Bewusstsein des Menschen fragen – und das ist hier doch die Fragestellung, oder? –, dann interessiert mich nicht, ob es in pathologischen Grenzfällen irgendwo noch ein „Rauschen“ gibt. Wer wirklich verstehen will, wie ein Radio funktioniert, muss vor allem eine normale Übertragung erklären können. Wer stattdessen meint, es auf der Basis beliebiger Geräusche zu erklären, die das Gerät unter Defektbedingungen gelegentlich produziert, hat nicht das Problem gelöst, sondern das Forschungsziel stillschweigend verschoben.

Und nebenbei notiert: Zunächst beziehst du dich auf Anil Seth, und dann plötzlich willst du von seiner „holistischen Sichtweise“ nichts mehr wissen... Wie kommt das nur? :)



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Consul
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Sa 3. Jan 2026, 18:10

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 2. Jan 2026, 18:18
Das Beispiel mit der neuropathologischen Unterbrechung hinkt meines Erachtens. Mein Radio mag noch rauschen, auch wenn es keinen Empfang mehr hat. Wer daraus folgert, dass das Radio grundsätzlich keines Senders bedarf, liegt falsch.
Das Bewusstsein von Menschen, die vom Hals abwärts querschnittgelähmt sind, ist mitnichten auf ein "Rauschen" reduziert. Die Betroffenen spüren zwar unterhalb der Stelle der Verbindungsunterbrechung im Rückenmark keine Körperempfindungen mehr, aber andere Empfindungen, Gefühle, Gedanken und Vorstellungen sind weiterhin Teil ihres Bewusstseins.
"Bei einer vollständigen Querschnittslähmung auf Höhe des C1-Wirbels [des obersten Wirbels der Halswirbelsäule] (Tetraplegie) ist das Bewusstsein nicht beeinträchtigt, aber die Betroffenen sind vollständig gelähmt (Arme, Beine, Rumpf) und oft auf Beatmung angewiesen, da die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Körper durchtrennt sind; die Wahrnehmung von Berührung/Schmerz bleibt aber unterhalb der Läsion aus, was zu Druckstellen führen kann, aber das Denken, Fühlen und die Persönlichkeit bleiben erhalten, da das Gehirn selbst intakt ist.
Was bei C1-Querschnittslähmung passiert:

Lähmung: Lähmung aller vier Gliedmaßen (Tetraplegie), des Rumpfes und der Atemmuskulatur.
Atmung: Meist lebenslange Abhängigkeit von einem Beatmungsgerät.
Bewusstsein & Persönlichkeit: Bleiben vollständig erhalten, da das Gehirn nicht geschädigt ist.
Empfindungen: Es gibt keine Empfindungen wie Berührung, Schmerz oder Temperatur unterhalb der Verletzung.
Informationsfluss: Die Kommunikation vom Gehirn zum Körper und umgekehrt ist an dieser Stelle unterbrochen.

Zusammenfassend: Eine C1-Lähmung ist eine extrem schwere Form der Tetraplegie, die das gesamte motorische System betrifft, aber das kognitive und emotionale Erleben bleibt unberührt."

Quelle: Google KI-Suche
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 2. Jan 2026, 18:18
Wenn wir nach dem Bewusstsein des Menschen fragen – und das ist hier doch die Fragestellung, oder? –, dann interessiert mich nicht, ob es in pathologischen Grenzfällen irgendwo noch ein „Rauschen“ gibt. Wer wirklich verstehen will, wie ein Radio funktioniert, muss vor allem eine normale Übertragung erklären können. Wer stattdessen meint, es auf der Basis beliebiger Geräusche zu erklären, die das Gerät unter Defektbedingungen gelegentlich produziert, hat nicht das Problem gelöst, sondern das Forschungsziel stillschweigend verschoben.
Mein Punkt ist, dass neuropathologische Fälle wie vollständige C1-Querschnittlähmungen beweisen, dass das PNS unterhalb der Stelle der Unterbrechung der Verbindung mit dem ZNS für die Bewusstseinsverwirklichung weder kausal noch konstitutiv notwendig ist—was, wie gesagt, gegen die These vom "embodied consciousness" spricht.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 2. Jan 2026, 18:18
Und nebenbei notiert: Zunächst beziehst du dich auf Anil Seth, und dann plötzlich willst du von seiner „holistischen Sichtweise“ nichts mehr wissen... Wie kommt das nur? :)
Was genau bedeutet denn "holistisch"? Seth berücksichtigt die Gehirn-Körper-Umwelt-Beziehungen, aber er ist zugleich der Meinung, dass Bewusstsein im Gehirn entsteht.



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Jörn P Budesheim
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So 4. Jan 2026, 08:29

Ich bin weder Biologe noch Neurowissenschaftler und kann die Details, um die es hier geht, nicht korrekt wiedergeben. Deswegen habe ich das Notebook LM mit nahezu 50 Quellen zu der Thematik „gefüttert” und poste einfach den unveränderten Bericht.

Bewusstsein im Körper: Warum Querschnittlähmung die Theorie der „Bestie Maschine“ nicht widerlegt

1. Einleitung: Die untrennbare Verbindung von Geist und Körper

In der modernen Bewusstseinsforschung vollzieht sich eine stille Revolution, die unser Verständnis des Geistes grundlegend verändert. Im Zentrum dieser Bewegung steht das Konzept des „verkörperten Bewusstseins“ (embodied consciousness) – die Idee, dass unser bewusstes Erleben untrennbar mit unserem lebendigen, fühlenden und handelnden Körper verbunden ist. Diese Perspektive bricht radikal mit der jahrhundertealten Vorstellung eines vom Körper getrennten Geistes und verankert das Bewusstsein fest in unserer biologischen Existenz.

Ein einflussreiches Modell, das diese Sichtweise prägt, ist die Arbeit des Neurowissenschaftlers Anil Seth. Seine kraftvolle Konzeption des Menschen als „Bestie Maschine“ fasst ein breiteres wissenschaftliches Framework zusammen, das in der vorhersagenden Verarbeitung (Predictive Processing), der interozeptiven Inferenz und dem biologischen Überlebensimperativ verwurzelt ist. Diese Theorie postuliert, dass Bewusstsein nicht als ein abstraktes, kognitives Phänomen entstanden ist, sondern aus dem fundamentalsten aller biologischen Antriebe: dem Überleben. Unser Erleben der Welt und unserer selbst ist demnach tief in den physiologischen Regulationsprozessen verankert, die uns am Leben erhalten.

Doch genau diese tiefgreifende Verbindung von Geist und Körper wird durch bestimmte neuropathologische Zustände scheinbar infrage gestellt. Fälle von hoher Querschnittlähmung dienen als entscheidender Prüfstein, als ein Grenzerlebnis, das die Theorie an ihre Belastungsgrenze führt. Die Logik des Gegenarguments ist auf den ersten Blick überzeugend: Wenn Bewusstsein trotz der Trennung großer Teile des peripheren Nervensystems vom Gehirn erhalten bleibt, können diese abgetrennten Körperteile nicht für das Bewusstsein wesentlich sein. Dies scheint der Kernthese der Verkörperung direkt zu widersprechen.

Dieser Bericht vertritt die These, dass solche Grenzerfahrungen das verkörperte Bewusstsein keineswegs widerlegen. Vielmehr zwingen sie uns zu einem tieferen und präziseren Verständnis davon. Sie offenbaren die wahre Natur des verkörperten Selbst, indem sie unseren Fokus von der äußeren Motorik der Gliedmaßen auf die innere, überlebenswichtige Regulation des Organismus lenken. Die Grundlage des Bewusstseins liegt nicht in unserer Fähigkeit, Arme und Beine zu bewegen, sondern in der ununterbrochenen Aufgabe des Gehirns, den lebenden Körper durch die Wahrnehmung seiner inneren Zustände zu steuern und zu erhalten.

Um diesen Punkt zu untermauern, werden wir zunächst die Grundpfeiler von Seths Theorie erläutern, bevor wir analysieren, was die Herausforderung durch die Querschnittlähmung über die wahre Natur der Verkörperung enthüllt.

2. Das Fundament des Bewusstseins: Anil Seths Theorie der „Bestie Maschine“

Um zu verstehen, warum das Bewusstsein auch bei einer durchtrennten Wirbelsäule verkörpert bleibt, müssen wir zunächst das Fundament betrachten, auf dem die Theorie aufbaut. Dieses Modell stellt die traditionelle Trennung von Geist und Körper infrage und verankert das Bewusstsein als ein zutiefst biologisches Phänomen. Es beschreibt das Gehirn nicht als passiven Empfänger von Informationen, sondern als eine aktive Vorhersagemaschine, deren oberstes Ziel die Aufrechterhaltung des Lebens ist.

2.1 Wahrnehmung als kontrollierte Halluzination

Im Kern von Seths Theorie steht das Prinzip der vorhersagenden Verarbeitung (Predictive Processing). Die beste Art, dieses Konzept zu verstehen, ist die Metapher der „kontrollierten Halluzination“. Was wir sehen, hören oder fühlen, ist keine direkte Erfahrung der Welt, sondern vielmehr die fundierte Vermutung unseres Gehirns, was diese Sinnessignale auf der Grundlage von Vorkenntnissen bedeuten.

Entgegen der intuitiven Annahme, dass unser Gehirn passiv Sinnesdaten empfängt und zu einem Bild der Welt zusammensetzt, schlägt dieses Modell einen umgekehrten Prozess vor. Das Gehirn macht ständig aktive Vorhersagen über die Ursachen seiner Sinnessignale. Diese Vorhersagen sind unsere Wahrnehmung. Eintreffende Sinnesdaten dienen nicht dazu, ein Bild von Grund auf neu zu erstellen, sondern um die bereits bestehenden Vorhersagen des Gehirns zu überprüfen. Die Diskrepanz zwischen Vorhersage und Signal wird als „Vorhersagefehler“ (prediction error) bezeichnet. Das Ziel des Gehirns ist es, diesen Fehler kontinuierlich zu minimieren, indem es seine internen Modelle anpasst. Unsere Wahrnehmung ist also eine vom Gehirn konstruierte Halluzination, die durch die Realität in Schach gehalten wird.

2.2 Interozeption – Das Gefühl, ein Lebewesen zu sein

Während die vorhersagende Verarbeitung für äußere Wahrnehmungen wie Sehen und Hören gilt, ist ihre entscheidende Rolle für das Bewusstsein an einen anderen Sinn gebunden: die Interozeption. Dies ist die Wahrnehmung des inneren Zustands des Körpers – Signale, die von den Organen ausgehen und uns über Herzschlag, Atmung, Hunger, Temperatur und andere physiologische Zustände informieren.

Nach Seth ist die Interozeption nicht nur ein weiterer Sinn, sondern die Grundlage für unser elementarstes Selbsterleben. Emotionen und Stimmungen sind demnach vorhersagende Wahrnehmungen des inneren Körperzustands im Kontext der aktuellen Situation. Das Gefühl von Angst ist beispielsweise die Interpretation des Gehirns von interozeptiven Signalen wie einem schnellen Herzschlag in einer bedrohlichen Umgebung. Noch fundamentaler ist das, was Seth als den „wahren Grundzustand des bewussten Selbst“ bezeichnet: ein formloses, grundlegendes Gefühl, einfach ein lebender Organismus zu sein. Dieses Gefühl entsteht aus den vorhersagenden Modellen des Gehirns über den physiologischen Zustand des Körpers.

2.3 Bewusstsein im Dienst des Überlebens

Führt man diese Punkte zusammen, ergibt sich ein klares Bild: Der primäre Zweck des Bewusstseins ist die physiologische Regulation und die Aufrechterhaltung der Homöostase – also das aktive Am-Leben-Bleiben. Gemäß kybernetischen Prinzipien besteht die grundlegendste Aufgabe eines Organismus darin, „überraschende“ Zustände zu vermeiden, wobei Überraschung im informationstheoretischen Sinne zu verstehen ist: Zustände, die mit der fortgesetzten Existenz unvereinbar sind, wie ein Fisch an Land. Das Gehirn muss also wesentliche Variablen (Blutdruck, Temperatur etc.) innerhalb lebensfähiger Grenzen halten. Alle unsere bewussten Erfahrungen sind die erlebte Seite dieser überlebenswichtigen Regulationsprozesse. Wir erleben die Welt und uns selbst, weil diese Art des Erlebens uns hilft, die körperlichen Zustände zu regulieren, die für unser Überleben notwendig sind.

Mit diesem Verständnis des Bewusstseins als einem tief in der Lebenserhaltung verwurzelten Phänomen können wir uns nun der spezifischen Herausforderung zuwenden, die neurologische Erkrankungen wie die Querschnittlähmung für diese Theorie darstellen.

3. Die Herausforderung: Wenn die Verbindung zum Körper gekappt wird

Theorien des verkörperten Bewusstseins finden ihren ultimativen Test in Fällen, in denen die physische Verbindung zwischen Gehirn und Körper dramatisch verändert wird. Zustände wie eine hohe Querschnittlähmung oder das Locked-in-Syndrom dienen hier als entscheidende Grenzerfahrungen, die uns zwingen, unsere Definition von „Körper“ zu schärfen. Wenn das bewusste Erleben trotz einer massiven Trennung vom Körper fortbesteht, was offenbart das über die wahre Natur der Verkörperung?

3.1 Das Argument der Trennung

Die Logik des Gegenarguments scheint zunächst zwingend. Sie beruht jedoch auf der fehlerhaften Prämisse einer vollständigen Entkörperlichung, die biologisch nicht gegeben ist. Die Argumentationskette lautet wie folgt:

1. Die Theorie des verkörperten Bewusstseins besagt, dass körperliche Prozesse ein notwendiger Bestandteil des Bewusstseins sind.
2. Bei einer hohen Querschnittlähmung wird die Kommunikation zwischen dem Gehirn und großen Teilen des peripheren Nervensystems (PNS) unterbrochen.
3. Patienten bleiben nachweislich bei vollem Bewusstsein.
4. Schlussfolgerung: Da das Bewusstsein ohne den Beitrag dieser abgetrennten Körperteile weiter existiert, können diese Teile nicht konstitutiv für das Bewusstsein sein.

Diese Argumentation ist jedoch bereits in ihrer Ausgangslage geschwächt. Selbst in extremen Fällen wie dem Locked-in-Syndrom (LIS) sind die Patienten nicht vollständig von ihrem Körper getrennt. Studien zeigen, dass nahezu jeder LIS-Patient seinen Körper in Raum und Zeit wahrnimmt und „empfindlich für Berührungen an jedem Teil seines Körpers“ bleibt. Das Argument der Trennung basiert also auf einer Vereinfachung, die die verbleibende, fundamentale Verkörperung ignoriert.

3.2 Die Fallbeispiele – Querschnittlähmung und Locked-in-Syndrom

Um die Tragweite der Debatte zu verstehen, ist ein grundlegendes Verständnis dieser Zustände hilfreich:

* Hohe (C1) Querschnittlähmung: Eine Verletzung des Rückenmarks auf Höhe des ersten Halswirbels (C1) unterbricht die Nervenbahnen, die sensorische Informationen (afferent, vom Körper zum Gehirn) und motorische Befehle (efferent, vom Gehirn zum Körper) leiten. Dies führt zu einem fast vollständigen Verlust der Empfindung und der willkürlichen motorischen Kontrolle in Armen, Rumpf und Beinen.
* Locked-in-Syndrom (LIS): Dieser Zustand wird oft durch eine Schädigung des Hirnstamms verursacht. Patienten sind bei vollem Bewusstsein und kognitiv intakt, aber fast vollständig gelähmt und können sich oft nur durch Augenbewegungen verständigen.

In beiden Fällen scheint das Bewusstsein in einem Körper „gefangen“ zu sein. Doch diese scheinbare Trennung ist, wie wir sehen werden, eine Illusion, die eine tiefere, unversehrte Verbindung zwischen Gehirn und dem lebenden Organismus verdeckt.

4. Die Auflösung: Warum das Bewusstsein verkörpert bleibt

Die Annahme, dass eine Querschnittlähmung das verkörperte Bewusstsein widerlegt, beruht auf einem Missverständnis dessen, was „Verkörperung“ im Kontext der modernen Neurowissenschaft bedeutet. Die Auflösung dieses scheinbaren Widerspruchs liegt in einem präziseren, biologisch fundierten Verständnis der Beziehung zwischen Gehirn, Rückenmark und Körper.

4.1 Ein Missverständnis von Verkörperung – Mehr als Arme und Beine

Das Gegenargument reduziert „Verkörperung“ fälschlicherweise auf die sensorische und motorische Funktion der Gliedmaßen. Doch die Essenz der Verkörperung, wie sie in der „Bestie Maschine“-Theorie verstanden wird, liegt viel tiefer. Die Kernaufgabe des Gehirns ist nicht primär das Denken oder Sehen, sondern die Regulation des lebenden Organismus als Ganzes. Diese Aufgabe ist ununterbrochen und überlebenswichtig. Die Verkörperung des Bewusstseins wurzelt in der kontinuierlichen interozeptiven Vorhersage und Steuerung der inneren Organe. Solange der Organismus lebt und das Gehirn diese Regulationsaufgabe erfüllt, bleibt die fundamentale Basis des verkörperten Bewusstseins intakt.

4.2 Die unversehrte Verbindung – Der Vagusnerv als interozeptive Autobahn

Das zentrale Beweisstück gegen das Argument der „vollständigen Trennung“ ist der Vagusnerv. Als zehnter Hirnnerv ist er eine direkte, vom Rückenmark unabhängige Datenautobahn, die das Gehirn untrennbar mit dem pulsierenden Leben der inneren Organe (Herz, Lunge, Verdauungstrakt) verbindet. Der entscheidende Punkt ist: Der Vagusnerv umgeht das Rückenmark. Er entspringt direkt im Gehirnstamm. Selbst bei einer hohen Querschnittlähmung bleibt diese lebenswichtige interozeptive Feedback-Schleife vollständig intakt. Das Gehirn empfängt weiterhin unablässig Signale über den Zustand des Körpers und nutzt diese zur Regulation. Die physiologische Grundlage für Emotionen, Stimmungen und das basale Gefühl des Lebendigseins ist weiterhin gegeben. Die Verbindung zum lebenden Körper ist nicht gekappt, sondern nur die Verbindung zu den Gliedmaßen.

4.3 Das Gehirn als Vorhersagemaschine des Körpers

Bewusstsein hängt nicht allein vom passiven Zustrom von Sinnesdaten ab, sondern von den aktiven, vorhersagenden Modellen, die das Gehirn über den Körper erstellt. Auch bei stark reduziertem sensorischen Input stellt das Gehirn seine vorhersagende Aktivität nicht ein. Es versucht weiterhin, den physiologischen Zustand des Organismus vorherzusagen und zu steuern, um das Überleben zu sichern. Das Bewusstsein ist an diese vorhersagende Aktivität gebunden. Das Gehirn generiert weiterhin eine „kontrollierte Halluzination“ des Körpers, die nun auf den verbleibenden, hauptsächlich interozeptiven Signalen basiert. Die Erfahrung des Körpers verändert sich dramatisch, aber die Grundlage des bewussten Selbsterlebens als Regulationsprozess bleibt bestehen.

4.4 Die Illusion der Trennung – Kognition im Rückenmark

Die Widerlegung wird noch fundamentaler, wenn man die Annahme einer sauberen Trennung zwischen dem „denkenden“ ZNS im Schädel und dem „nicht-denkenden“ PNS infrage stellt. Neuere Forschungen zeigen, dass das Rückenmark selbst kein passives Kabel, sondern ein aktiver Teil der kognitiven Schaltkreise ist. Faszinierende Studien belegen, dass das Rückenmark an Prozessen wie implizitem motorischem Lernen beteiligt ist. Noch beeindruckender ist der Nachweis spinaler Aktivität bei der Erzeugung von emotionalen Gesichtsausdrücken wie Ekel. Die Idee eines rein kranialen Geistes, der von einem rein peripheren Körper getrennt ist, ist biologisch unhaltbar. Das kognitive System erstreckt sich entlang der gesamten neuro-spinalen Achse.

4.5 Der Mensch denkt, nicht das Gehirn

Letztlich führt uns die Debatte zu einer fundamentalen Einsicht, die der Philosoph Thomas Fuchs prägnant formulierte: „Der Mensch denkt, nicht das Gehirn.“ Diese Aussage erinnert uns daran, dass das Gehirn kein isoliertes Organ ist. Es ist das Organ eines Lebewesens. Bewusstsein ist eine Eigenschaft dieses gesamten, integrierten Organismus. Solange dieses Lebewesen existiert und seine grundlegenden homöostatischen Prozesse aktiv sind – angetrieben durch die unaufhörliche Interaktion zwischen Gehirn, inneren Organen und sogar dem Rückenmark selbst –, bleibt die Grundlage für das Bewusstsein als erlebter Aspekt dieses Lebensprozesses bestehen.

5. Fazit: Ein tieferes Verständnis des verkörperten Selbst

Die Auseinandersetzung mit Grenzerfahrungen wie der C1-Querschnittlähmung widerlegt die Theorie des verkörperten Bewusstseins nicht. Im Gegenteil, sie zwingt uns, den Begriff der Verkörperung zu präzisieren und zu vertiefen. Diese Fälle offenbaren, dass Verkörperung nicht primär von der Motorik oder der äußeren Sensorik abhängt, sondern von der fundamentalen, interozeptiven Regulation, die das Leben selbst ausmacht.

Das Argument der Trennung scheitert, weil es die entscheidende, vom Rückenmark unabhängige Verbindung über den Vagusnerv ignoriert, die kognitive Rolle des Rückenmarks selbst verkennt und die Natur des Gehirns als vorhersagende Maschine des lebenden Körpers unterschätzt.

Das Bewusstsein bleibt selbst unter den extremsten physischen Einschränkungen bestehen, weil es untrennbar mit unserer Natur als biologische „Bestie Maschine“ verbunden ist. Sein tiefster Zweck ist nicht das Denken, sondern das Überleben. Solange der Organismus lebt und sein inneres Gleichgewicht reguliert, bleibt auch das bewusste Erleben als die innere Perspektive auf diesen unaufhörlichen Kampf um die Existenz erhalten.



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Consul
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So 4. Jan 2026, 20:53

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 4. Jan 2026, 08:29
Ich bin weder Biologe noch Neurowissenschaftler und kann die Details, um die es hier geht, nicht korrekt wiedergeben. Deswegen habe ich das Notebook LM mit nahezu 50 Quellen zu der Thematik „gefüttert” und poste einfach den unveränderten Bericht.

3.1 Das Argument der Trennung

Die Logik des Gegenarguments scheint zunächst zwingend. Sie beruht jedoch auf der fehlerhaften Prämisse einer vollständigen Entkörperlichung, die biologisch nicht gegeben ist. Die Argumentationskette lautet wie folgt:

1. Die Theorie des verkörperten Bewusstseins besagt, dass körperliche Prozesse ein notwendiger Bestandteil des Bewusstseins sind.
2. Bei einer hohen Querschnittlähmung wird die Kommunikation zwischen dem Gehirn und großen Teilen des peripheren Nervensystems (PNS) unterbrochen.
3. Patienten bleiben nachweislich bei vollem Bewusstsein.
4. Schlussfolgerung: Da das Bewusstsein ohne den Beitrag dieser abgetrennten Körperteile weiter existiert, können diese Teile nicht konstitutiv für das Bewusstsein sein.

Das Argument der Trennung scheitert, weil es die entscheidende, vom Rückenmark unabhängige Verbindung über den Vagusnerv ignoriert, die kognitive Rolle des Rückenmarks selbst verkennt und die Natur des Gehirns als vorhersagende Maschine des lebenden Körpers unterschätzt.
I. Das Rückenmark ist zwar nicht Teil des Gehirns, aber des zentralen Nervensystems, wohingegen der Vagusnerv Teil des peripheren Nervensystems ist.

II. Es ist allgemein zu unterscheiden zwischen dem Bewusstseinszustand überhaupt (ingesamt betrachtet) und einzelnen Inhalten desselben. Entsprechend ist der Verlust der Fähigkeit, bestimmte Bewusstseinsinhalte (wie Körperempfindungen bei Querschnittlähmungen) zu erleben, vom Verlust des gesamten Bewusstseinszustandes zu unterscheiden. Wenn die nervliche Signalübertragung von einem Sinnesorgan zum Gehirn unterbrochen wird, dann können bestimmte Empfindungen als Bewusstseinsinhalte nicht mehr erlebt werden, ohne dass dies zwangsläufig das Ende des gesamten Bewusstseinszustandes bedeutet.

III. Das ZNS (Gehirn + Rückenmark) ist über das PNS und (für die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung zuständige) Blutgefäße (Arterien) mit dem ZNS-Komplement (= Körper/Organismus – ZNS) verbunden.

IV. Dass die Gehirnfunktionen wie die Bewusstseinsfunktion von der Sauerstoff- und Nährstoffversorgung über die Blutzufuhr physiologisch abhängig sind, bestreitet niemand. Hier besteht eine kausale Abhängigkeit.

V. Fälle von Querschnittlähmung (insbesondere vom Hals abwärts) beweisen, dass die neuronale Kommunikation zwischen dem Rückenmarksteil des ZNS und dem damit verbundenen Teil des PNS für den Bewusstseinszustand unnotwendig ist, obgleich eine vollständige Unterbrechung der Signalübertragung zum Verlust bestimmter Bewusstseinsinhalte, nämlich von Körperempfindungen führt—aber nicht zum Verlust aller Bewusstseinsinhalte und damit nicht zum gesamten Bewusstseinsverlust.
Schlussfolgerung: Nervenvorgänge in dem mit dem Rückenmarksteil des ZNS verbundenen PNS sind keine Bestandteile (Komponenten/Konstituenten) der konstitutiven Neuromechanismen des Bewusstseins.

VI. An den Vagusnerv hatte ich nicht gedacht. Was geschieht, wenn er vollständig durchtrennt wird? Es geschieht einiges und Schwerwiegendes; aber der Verlust der Bewusstseinsfähigkeit scheint keine Folge zu sein, sodass Vagusnervvorgänge ebenfalls keine Bestandteile (Komponenten/Konstituenten) der konstitutiven Neuromechanismen des Bewusstseins sind.
"Die Durchtrennung des Nervus Vagus kann aus verschiedenen Gründen auftreten. Unfälle, chirurgische Eingriffe oder traumatische Verletzungen können zu einer Unterbrechung oder Beschädigung des Nervs führen. Die Symptome einer durchtrennten Nervus Vagus können je nach Schwere der Verletzung variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
• Schwierigkeiten beim Schlucken und Sprechen
• Atembeschwerden
• Herzrhythmusstörungen
• Verdauungsstörungen
• Verminderte Stimmkontrolle"

Quelle: https://vagus.net/nervus-vagus-durchtre ... ichkeiten/
VII.
"Die Aussage „Das periphere Nervensystem (PNS) ist nicht notwendig für das Bewusstsein“ ist allgemein anerkannt, da das Kernbewusstsein im Gehirn (Zentralnervensystem) entsteht. Das PNS liefert jedoch entscheidende sensorische Informationen (Schmerz, Temperatur, Körperzustand) und steuert lebenswichtige unwillkürliche Funktionen (Herzschlag, Atmung), die unser bewusstes Erleben prägen und die Bereitschaft des Körpers für das Gehirn aufrechterhalten. Einige Theorien legen sogar nahe, dass das PNS bestimmte Aspekte des Geistes mitkonstituiert. Obwohl das grundlegende Bewusstsein zentral entsteht, liefert das PNS die Informationen über unsere innere und äußere Welt, die das Gehirn interpretiert. Dadurch ist es essenziell für ein reichhaltiges, fundiertes Bewusstsein, selbst wenn Reflexe und autonome Funktionen ohne bewusstes Denken ablaufen können.

Rolle des PNS im Bewusstsein:
• Sensorische Informationen (afferente Bahnen): Sensorische Neuronen des PNS leiten kontinuierlich Informationen über Organzustände (Füllung, Temperatur, chemische Konzentrationen) und die äußere Umgebung (Berührung, Schmerz) an das Gehirn weiter und bilden so die Rohdaten für die bewusste Wahrnehmung.
• Autonome Funktionen (ANS): Das autonome Nervensystem (PNS) reguliert unwillkürliche Körperfunktionen (Herzfrequenz, Verdauung, Blutdruck), die zwar nicht direkt bewusst sind, aber unseren mentalen Zustand und unsere Wachheit maßgeblich beeinflussen.
• Verbindung zwischen Körper und Geist: Das PNS stellt den lebenswichtigen Rückkopplungsmechanismus für die Homöostase (inneres Gleichgewicht) bereit, auf den das Gehirn angewiesen ist. Dadurch beeinflusst es Gefühle des Wohlbefindens oder des Leidens, die integraler Bestandteil des Bewusstseins sind.

Zentrale Rolle des Gehirns (ZNS):
•Ursprung subjektiver Erfahrung: Die zentralen Verarbeitungseinheiten des Gehirns (wie der Kortex) gelten als primärer Sitz subjektiver Erfahrung und des Bewusstseins.
• Bewusste vs. unbewusste Verarbeitung: Das PNS steuert einen Großteil der automatischen Körperfunktionen (Reflexe, autonome Regulation), die unterhalb der Bewusstseinsschwelle ablaufen (BC Open Textbooks).
Neue Perspektiven:
• Verkörperte Kognition: Einige Theorien, wie das Konzept des peripheren Geistes, gehen davon aus, dass das periphere Nervensystem (PNS) nicht nur als Bote fungiert, sondern konstitutiv für das Bewusstsein ist. Dies bedeutet, dass manche bewussten Erfahrungen (wie Schmerz) durch die Aktivität sowohl des Gehirns als auch der peripheren Nerven entstehen (ResearchGate und The Brains Blog).
• Im Wesentlichen erzeugt das Gehirn zwar das Bewusstsein, doch das PNS liefert den essenziellen sensorischen Kontext und die körperliche Regulation, die bewusste Erfahrungen sinnvoll und möglich machen. Es ist somit ein unverzichtbarer Partner und kein bloßer Beobachter."

Quelle: Google KI-Suche + Google Translate
* Dass die neuronale Kommunikationsverbindung zwischen dem PNS und dem ZNS eine kausal notwendige Bedingung etlicher Bewusstseinsinhalte (Empfindungsarten) ist, steht zweifelsfrei fest.

* Was keineswegs zweifelsfrei festeht, sondern höchst umstritten ist, ist, dass bestimmte PNS-Prozesse bei "impressiven" Prozessen (bewussten Prozessen) oder kognitiven Prozessen (als bewussten oder großteils unbewussten Prozessen) keine bloß extern-kausale, sondern eine intern-konstitutive Rolle spielen. Falls dies zutrifft, dann ist die Gleichsetzung (bewusster) Geist = (Vorgänge im) Gehirn/ZNS falsch.

* Der "impressive" Geist (das phänomenale Bewusstsein) und der kognitive Geist sind übrigens nicht dasselbe. Entsprechend besteht ein Unterschied zwischen der Frage nach dem embodied impressive/conscious mind und dem embodied cognitive mind.

Zur Erinnerung:
Consul hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 20:09
"[W]ir [können] vier verschiedene Aussagen über eingekörperte/verkörperte Kognition unterscheiden:

a. Ein kognitiver Prozess ist stark verkörpert durch (inner)körperliche Prozesse, wenn er teilweise durch Prozesse im Körper konstituiert ist (wesentlich darauf basiert), die nicht im Gehirn stattfinden.

b. Ein kognitiver Prozess ist stark verkörpert durch außerkörperliche Prozesse, wenn er teilweise durch außerkörperliche Prozesse konstituiert ist.

c. Ein kognitiver Prozess ist schwach verkörpert durch (inner)körperliche Prozesse, wenn er nicht teilweise durch extrakranielle Prozesse (körperliche Prozesse außerhalb des Gehirns) konstituiert, sondern nur teilweise von ihnen abhängig ist.

d. Ein kognitiver Prozess ist schwach verkörpert durch außerkörperliche Prozesse, wenn er nicht teilweise durch außerkörperliche Prozesse konstituiert, sondern nur teilweise von ihnen abhängig ist. [Google Translate mit Verbesserungen meinerseits]

(Newen, Albert, Leon de Bruin, & Shaun Gallagher. "4E Cognition: Historical Roots, Key Concepts, and Central Issues." In The Oxford Handbook of 4E Cognition, ed. by Albert Newen, Leon de Bruin, & Shaun Gallagher, 3-15. Oxford: Oxford University Press, 2018. p. 6)
Bezüglich der starken Thesen a & b des eingekörperten kognitiven/impressiven Geistes bin und bleibe ich sehr skeptisch, gelinde gesagt.

VIII. Ein gewisser István Aranyosi hat ein Buch mit dem Titel "The Peripheral Mind: Philosophy of Mind and the Peripheral Nervous System" geschrieben, das ich erst heute entdeckt und bisher nur überflogen habe. (Eine Besprechung habe ich bereits gelesen.)
"The main claim of this book is that we could think of the mind as constitutively incorporating not only the brain processes but also the ones that take place at the level of the PNS."
———
"Die Hauptaussage dieses Buches ist, dass wir uns den Geist als etwas vorstellen können, das nicht nur die Gehirnprozesse, sondern auch die Prozesse auf der Ebene des PNS konstitutiv umfasst." [Google Translate]

(Aranyosi, István. The Peripheral Mind: Philosophy of Mind and the Peripheral Nervous System. Oxford: Oxford University Press, 2013. p. 20)

"[T]he claim is that the peripheral components that are involved in sensory experiences are not merely causally involved in the generation of experience, but constitutively so. Everyone agrees that the PNS is a causal component in the nervous process that is correlated with sensory experience."
———
"Die Behauptung lautet, dass die peripheren Komponenten, die an Sinneserfahrungen beteiligt sind, nicht nur kausal, sondern konstitutiv an der Entstehung von Erfahrung beteiligt sind. Es besteht Einigkeit darüber, dass das PNS eine kausale Komponente im Nervenprozess ist, der mit Sinneserfahrungen korreliert." [Google Translate]

(Aranyosi, István. The Peripheral Mind: Philosophy of Mind and the Peripheral Nervous System. Oxford: Oxford University Press, 2013. p. 21)

"[L]et me reformulate my main claim so as to reflect what has been said so far:

(PMH [Peripheral-Mind Hypothesis]) Conscious mental states typically involved in sensory processes are partly constituted by subprocesses occurring at the level of the PNS.

What the hypothesis says is that typical sensory conscious states have the PNS activity as their constitutive parts."
———
"Ich möchte meine Hauptaussage umformulieren, um das bisher Gesagte widerzuspiegeln:

(PMH [Peripherer-Geist-Hypothese]) Bewusste mentale Zustände, die typischerweise mit sensorischen Prozessen einhergehen, werden teilweise durch Subprozesse konstituiert, die auf der Ebene des peripheren Nervensystems (PNS) stattfinden.

Die Hypothese besagt, dass typische sensorische Bewusstseinszustände die Aktivität(en) des PNS als konstitutive Teile aufweisen." [Google Translate]

(Aranyosi, István. The Peripheral Mind: Philosophy of Mind and the Peripheral Nervous System. Oxford: Oxford University Press, 2013. p. 22)
Wichtig ist dabei Folgendes, wie ein Buchbesprecher (siehe obiger Link!) anmerkt, denn Aranyosis These erstreckt sich nicht auf alle Arten von Bewusstseinsinhalten:

"Die Einschränkung „typischerweise“ ist entscheidend, und Aranyosis Ausführungen zur PMH zeigen, dass sie für ihn eine doppelte Funktion erfüllt. Erstens beschränkt sie den Anwendungsbereich der PMH auf gewöhnliche, alltägliche Erfahrungen. Zweitens schließt sie bestimmte Arten von gewöhnlichen Erfahrungen aus, die nicht notwendigerweise mit Aktivität im PNS einhergehen. Gedächtnis, Denken, Vorstellungskraft und Traumerlebnisse beispielsweise fallen nicht unter die PMH." [Google Translate]



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Jörn P Budesheim
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Mo 5. Jan 2026, 09:06

Consul hat geschrieben :
So 4. Jan 2026, 20:53
An den Vagusnerv hatte ich nicht gedacht.
Ich bin kein Bio- oder Neurologe; die Diskussion entwickelt sich jedoch in diese Richtung, und hier fehlt mir das entsprechende Know-how vollständig. Von den meisten Dingen im Folgenden habe ich nie gehört. Selbst wenn diese improvisierte Zusammenfassung nicht in allen Details korrekt sein sollte - wovon ich ausgehe - zeigt sich meines Erachtens deutlich, wie eng Gehirn und Leib verbunden sind und kommunizieren.

Es gibt zahlreiche „Kommunikationswege“ zwischen dem Gehirn und dem übrigen Körper. Neben dem Vagusnerv und dem Rückenmark existieren weitere Nerven, etwa der sogenannte Nervus glossopharyngeus (IX. Hirnnerv), die für diese Kommunikation bedeutsam sind. Auch die Blutbahnen spielen für den ständigen Informationsaustausch eine zentrale Rolle – und nicht nur für die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung, sondern auch über hormonelle Signale wie die der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse). Das Immunsystem kommuniziert über molekulare Botenstoffe (z. B. Zytokine) im Blutkreislauf bidirektional mit dem Gehirn. (Soweit ich sehe, ist das nur ein Ausschnitt.)

Zum Gesamtbild gehört auch das enterische Nervensystem, das sogenannte „Darmhirn“, das selbst über Millionen von Neuronen verfügt und über eine vielfältige Darm-Hirn-Achse in ständigem, komplexem Austausch mit dem Gehirn steht – ergänzt durch das sympathische und parasympathische autonome Nervensystem. Ebenso wichtig sind unsere Sinne: Die Augen übertragen ja ebenfalls permanent Informationen über den eigenen Körper, ebenso wie somatosensorische Bahnen aus Haut, Muskeln und Organen (Interozeption).

Kurz: Körper und Gehirn sind auf allen möglichen Wegen eng miteinander verdrahtet.



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Jörn P Budesheim
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Mo 5. Jan 2026, 10:17

Wie funktioniert Bewusstsein aus Ihrer wissenschaftlichen Sicht?

Seth: Ich weiß nicht, wie Bewusstsein funktioniert. Ich glaube, jeder, der behauptet, das zu wissen, ist vermessen. Es gibt aber einige nützliche und produktive Denkansätze, die ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Wir stehen wirklich erst am Anfang dieser Reise, doch in Ihrer Fragestellung steckt etwas, das ich sehr ansprechend finde und das nicht von allen meinen Kollegen geteilt wird: nämlich die Verbindung zum Lebendigen. Ich glaube, es gibt eine tiefe und kontinuierliche Beziehung zwischen Leben und Bewusstsein. Ich glaube, dass Bewusstsein in gewisser Weise eine exklusive Eigenschaft lebender Systeme ist ...


Seth ist hie, wie in dem Video sehr vorsichtig bei der Frage nach dem Bewusstsein.



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Mo 5. Jan 2026, 22:24

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 5. Jan 2026, 09:06
Kurz: Körper und Gehirn sind auf allen möglichen Wegen eng miteinander verdrahtet.
Das steht außer Frage. Was in Frage steht, ist, wo sich der bewusste oder unbewusste Geist eines begeisteten Organismus befindet. Die Verteidiger der These des erweiterten Geistes verorten ihn teilweise außerhalb des Gehirns und manche von ihnen sogar teilweise außerhalb des Organismus.



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Mo 5. Jan 2026, 22:31

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 5. Jan 2026, 10:17
Wie funktioniert Bewusstsein aus Ihrer wissenschaftlichen Sicht?

Seth: Ich weiß nicht, wie Bewusstsein funktioniert. Ich glaube, jeder, der behauptet, das zu wissen, ist vermessen. Es gibt aber einige nützliche und produktive Denkansätze, die ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Wir stehen wirklich erst am Anfang dieser Reise, doch in Ihrer Fragestellung steckt etwas, das ich sehr ansprechend finde und das nicht von allen meinen Kollegen geteilt wird: nämlich die Verbindung zum Lebendigen. Ich glaube, es gibt eine tiefe und kontinuierliche Beziehung zwischen Leben und Bewusstsein. Ich glaube, dass Bewusstsein in gewisser Weise eine exklusive Eigenschaft lebender Systeme ist ...


Seth ist hie, wie in dem Video sehr vorsichtig bei der Frage nach dem Bewusstsein.
Wie gesagt, ich teile Seths biozentrische Ansicht, dass alle bewussten Wesen Lebewesen sind. (Was ich nicht glaube, ist, dass alle Lebewesen bewusste Wesen sind.)



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Mo 5. Jan 2026, 22:40

Consul hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 14:53
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 07:40
(Was Okkurrenzen sind, weiß ich bis heute nicht.)
Ich habe im Mai 24 erstmalig erklärt, was ich darunter verstehe:
(1: Ich verwende den Terminus "Okkurrenz" [Engl. "occurrence"] als Oberbegriff für Zustände, Ereignisse, Vorgänge und Sachverhalte als nichtsubstanziellen Entitäten. Diese können zwar eine Substanz als Substrat enthalten, was sie selbst aber nicht zu Substanzen macht.)

Quelle: viewtopic.php?p=77412#p77412
Als deutsche Wörter für die Substantive "Okkurrenz"/"Okkurrent" bieten sich "Vorkommnis", "Vorkunft" und "Vorfall" an. Als deutscher Oberbegriff für Zustände, Ereignisse, Vorgänge und Sachverhalte erscheint mir "Vorfall" am geeignetsten.
"to occur von Begebenheiten vorfallen, vorkommen…

occurrence Vorfall…"

(Dreser, Wilhelm. Englische Synonymik. Wolfenbüttel: J. Zwißler, 1881. S. 113)



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Di 6. Jan 2026, 00:13

Consul hat geschrieben :
Mo 5. Jan 2026, 22:31
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 5. Jan 2026, 10:17
Wie funktioniert Bewusstsein aus Ihrer wissenschaftlichen Sicht?

Seth: Ich weiß nicht, wie Bewusstsein funktioniert. Ich glaube, jeder, der behauptet, das zu wissen, ist vermessen. Es gibt aber einige nützliche und produktive Denkansätze, die ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Wir stehen wirklich erst am Anfang dieser Reise, doch in Ihrer Fragestellung steckt etwas, das ich sehr ansprechend finde und das nicht von allen meinen Kollegen geteilt wird: nämlich die Verbindung zum Lebendigen. Ich glaube, es gibt eine tiefe und kontinuierliche Beziehung zwischen Leben und Bewusstsein. Ich glaube, dass Bewusstsein in gewisser Weise eine exklusive Eigenschaft lebender Systeme ist ...


Seth ist hie, wie in dem Video sehr vorsichtig bei der Frage nach dem Bewusstsein.
Wie gesagt, ich teile Seths biozentrische Ansicht, dass alle bewussten Wesen Lebewesen sind. (Was ich nicht glaube, ist, dass alle Lebewesen bewusste Wesen sind.)
Gibt es für dich irgendeinen greifbaren Aspekt, der Bewusstein an Lebendiges koppelt?
Oder so: Was soll KI nicht haben können bzgl. Bewusstsein, außer lebendig zu sein?
Krass gesagt: Ist es nicht nur ein Glaube an (oder Definition von) Bewusstsein, dass es nur lebendig geht?



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Di 6. Jan 2026, 01:32

Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 00:13
Consul hat geschrieben :
Mo 5. Jan 2026, 22:31
Wie gesagt, ich teile Seths biozentrische Ansicht, dass alle bewussten Wesen Lebewesen sind. (Was ich nicht glaube, ist, dass alle Lebewesen bewusste Wesen sind.)
Gibt es für dich irgendeinen greifbaren Aspekt, der Bewusstein an Lebendiges koppelt?
Oder so: Was soll KI nicht haben können bzgl. Bewusstsein, außer lebendig zu sein?
Krass gesagt: Ist es nicht nur ein Glaube an (oder Definition von) Bewusstsein, dass es nur lebendig geht?
Mit "Wesen" sind in meiner obigen Aussage natürliche Wesen gemeint: Alle bewussten Naturwesen sind Lebewesen.
Es spricht für mich aus naturwissenschaftlicher Sicht alles dafür, dass die Entwicklungsgeschichte bewusster Wesen nicht vor der Entwicklungsgeschichte behirnter Lebewesen begann. Die Gehirnabhängigkeit des Bewusstseins ist für mich ein "greifbare[r] Aspekt, der Bewusstsein an Lebendiges koppelt", da Nichtlebewesen kein Gehirn (Zentralnervensystem) haben, und Gehirne als Bewusstseinsorgane innerhalb von Lebewesen (Tieren) entstanden sind.
Bezüglich der Frage nach der Möglichkeit bewusster Kunstwesen (Roboter) bin ich skeptisch, weil ich bezweifle, dass die Art des materiellen Substrats für die Bewusstseinsverwirklichung irrelevant ist (organische Wetware vs. anorganische Hardware).
"Der Funktionalismus besagt, dass Bewusstsein nicht davon abhängt, woraus ein System besteht, ob aus Wetware oder Hardware, ob aus Neuronen oder Silizium-Logikgattern – oder Lehm aus der Moldau. Laut Funktionalismus ist für Bewusstsein entscheidend, was ein System tut. Wenn ein System Eingaben [input] auf die richtige Weise in Ausgaben [output] umwandelt, entsteht Bewusstsein. …[Es] handelt…sich hierbei um zwei separate Aussagen. Die erste betrifft die Unabhängigkeit von einem bestimmten Substrat oder Material, die zweite die Hinreichendheit der Input-Output-Beziehungen. Meistens gehen diese Aussagen Hand in Hand, aber sie können mitunter auch getrennt vorkommen." [Google Translate]

(Seth, Anil. Being You: A New Science of Consciousness. New York: Dutton, 2021. pp. 256-8)
Michael Gazzaniga, einer der Väter der kognitiven Neurowissenschaft, schreibt:
"Die überraschendste Entdeckung für mich ist, dass wir Menschen meiner Meinung nach niemals eine Maschine bauen werden, die unser persönliches Bewusstsein nachahmt. Unbelebte, auf Silizium basierende Maschinen funktionieren auf die eine Weise, lebende, auf Kohlenstoff basierende Systeme auf die andere. Die einen arbeiten mit einem deterministischen Satz von Anweisungen, die anderen mit Symbolen, die naturgemäß eine gewisse Unsicherheit bergen. Diese Perspektive führt zu der Ansicht, dass der menschliche Versuch, Intelligenz und Bewusstsein in Maschinen nachzuahmen – ein fortwährendes Ziel der KI-Forschung –, zum Scheitern verurteilt ist." [Google Translate]

(Gazzaniga, Michael S. The Consciousness Instinct: Unraveling the Mystery of How the Brain Makes the Mind. New York: Farrar, Straus, & Giroux, 2018. p. 236)



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Di 6. Jan 2026, 07:41

Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 00:13
Gibt es für dich irgendeinen greifbaren Aspekt, der Bewusstein an Lebendiges koppelt?
Was genau ist daran so überraschend, dass manche Dinge Eigenschaften haben, die andere nicht haben – und oft auch nicht haben können? Hochhäuser sind nicht aus Kochkäse. Mit anderen Worten: Warum sollte das Material, in dem etwas realisiert wird, ausgerechnet beim Erleben keine Rolle spielen? „Überraschend“ ist das nur dann, wenn man stillschweigend – also: unbegründet – eine sehr starke These voraussetzt: eben die der prinzipiellen Substratunabhängigkeit.

In nahezu allen Bereichen akzeptieren wir ohne Weiteres, dass bestimmte Eigenschaften an bestimmte Materialien gebunden sind. Hochhäuser aus Kochkäse scheitern nicht an fehlender Ingenieurskunst oder daran, dass wir glauben, das Zentrum des Universums zu sein, sondern schlicht an den Eigenschaften des Materials. Daran ist nichts metaphysisch Rätselhaftes.

Warum sollte ausgerechnet beim Erleben eine Ausnahme gelten? Die Annahme, Erleben sei prinzipiell „materialegal“, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine starke metaphysische Behauptung. Entsprechend stark müssten deine Argumente sein. Der bloße Hinweis darauf, dass es „doch möglich sein könnte“ oder „warum denn nicht?“, reicht dafür nicht aus.



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