Was ist Bewusstsein?

Was ist Bewusstsein? Eine Frage, die nach wie vor ungeklärt ist.
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Consul
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Mo 29. Dez 2025, 17:52

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 19:01
Consul hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 14:53
(1: Ich verwende den Terminus "Okkurrenz" [Engl. "occurrence"] als Oberbegriff für Zustände, Ereignisse, Vorgänge und Sachverhalte als nichtsubstanziellen Entitäten. Diese können zwar eine Substanz als Substrat enthalten, was sie selbst aber nicht zu Substanzen macht.)

Quelle: viewtopic.php?p=77412#p77412
Auch diese Erläuterung von Okurrenz hilft mir nicht weiter. Ich kann mir darunter einfach nichts vorstellen, sorry.
Der generelle ontologische Kontrast zwischen Substanzen (Objekten, Einzelwesen, Sachen, Dingen, Stoffen/Stoffmassen) und Okkurrenzen (Zuständen, Ereignissen, Geschehnissen, Vorgängen, Sachverhalten) ist doch intuitiv verständlich, oder nicht?



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Jörn P Budesheim
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Mo 29. Dez 2025, 19:34

Der Unterschied zwischen einem Ding und einem Ereignis leuchtet mir durchaus ein. Dass ich mir den Begriff Okkurrenz merken kann, kann ich aber nicht versprechen :) ich hoffe, daran müssen wir uns nicht aufhängen.



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Consul
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Mo 29. Dez 2025, 20:09

"Indem sie behaupten, dass Kognition extrakranielle Körperprozesse umfasst, weichen die 4E-Ansätze deutlich von der RCK-Ansicht ab [RCK = Repräsentational-Computationales Kognitionsmodell], dass das Gehirn die alleinige Grundlage kognitiver Prozesse ist. Doch was genau bedeutet es, dass Kognition extrakranielle Prozesse umfasst? Zunächst einmal kann die Beteiligung extrakranieller Prozesse in einem starken und einem schwachen Sinn verstanden werden. Nach der starken Lesart sind kognitive Prozesse teilweise durch extrakranielle Prozesse konstituiert, d. h., sie basieren wesentlich auf ihnen. Im Gegensatz dazu sind sie nach der schwachen Lesart nicht konstitutiv mit extrakraniellen Prozessen verbunden, d. h., sie sind nur kausal abhängig von ihnen . Darüber hinaus können kognitive Prozesse in zweierlei Hinsicht als extrakraniell gelten. Extrakranielle Prozesse können (inner)körperlich sein (eine Gehirn-Körper-Einheit betreffend) oder außerkörperlich sein (eine Gehirn-Körper-Umwelt-Einheit betreffend).

Dieser Argumentation folgend, können wir vier verschiedene Aussagen über eingekörperte/verkörperte Kognition unterscheiden:

a. Ein kognitiver Prozess ist stark verkörpert durch (inner)körperliche Prozesse, wenn er teilweise durch Prozesse im Körper konstituiert ist (wesentlich darauf basiert), die nicht im Gehirn stattfinden.

b. Ein kognitiver Prozess ist stark verkörpert durch außerkörperliche Prozesse, wenn er teilweise durch außerkörperliche Prozesse konstituiert ist.

c. Ein kognitiver Prozess ist schwach verkörpert durch (inner)körperliche Prozesse, wenn er nicht teilweise durch extrakranielle Prozesse (körperliche Prozesse außerhalb des Gehirns) konstituiert, sondern nur teilweise von ihnen abhängig ist.

d. Ein kognitiver Prozess ist schwach verkörpert durch außerkörperliche Prozesse, wenn er nicht teilweise durch außerkörperliche Prozesse konstituiert, sondern nur teilweise von ihnen abhängig ist.

Die letzte Version der Aussage (d) ist identisch mit der Eigenschaft, eingebettet zu sein, d. h. von außerkörperlichen Prozessen in der Umgebung des körperlichen Systems kausal abhängig zu sein. Darüber hinaus ist Erweitertsein eine Eigenschaft eines kognitiven Prozesses, wenn er zumindest teilweise durch außerkörperliche Prozesse (b) konstituiert ist, d. h., wenn er sich auf wesentlich beteiligte außerkörperliche Komponenten oder Werkzeuge erstreckt.

Viele Vertreter der 4E-Kognition vertreten nicht nur die Auffassung, dass Kognition extrakranielle Prozesse umfasst, sondern auch, dass sie insofern "enagiert" [enacted] ist, als sie eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt eines Akteurs beinhaltet.
Man kann zwei Versionen dieser Aussage unterscheiden:

e. Ein kognitiver Prozess ist stark "enagiert" [enacted], wenn er teilweise durch die Fähigkeit oder Disposition zum Handeln konstituiert ist;

f. Ein kognitiver Prozess ist schwach "enagiert" [enacted], wenn er nur teilweise von der Fähigkeit oder Disposition zum Handeln abhängt.

Es ist hervorzuheben, dass sich die Vertreter der 4E-Kognition hinsichtlich ihrer Festlegungen auf diese Aussagen und folglich auch in ihrer Auslegung dessen, was es bedeutet, dass Kognition verkörpert, eingebettet, erweitert und enaktiv [embodied, embedded, extended, and enactive] ist, stark unterscheiden." [Google Translate mit Verbesserungen meinerseits]

(Newen, Albert, Leon de Bruin, & Shaun Gallagher. "4E Cognition: Historical Roots, Key Concepts, and Central Issues." In The Oxford Handbook of 4E Cognition, ed. by Albert Newen, Leon de Bruin, & Shaun Gallagher, 3-15. Oxford: Oxford University Press, 2018. p. 6)



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Consul
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Mo 29. Dez 2025, 20:16

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 08:07
Consul hat geschrieben : Ja, und hier ist Revonsuos Erwiderung in seinem Buch Inner Presence: [...]
Consul, Revonsuo kann unmöglich bereits 2006 eine Erwiderung auf das geschrieben haben, was die Forschung erst nach 2006 zutage gefördert hat. In der Philosophie des Geistes und den Neurowissenschaften sind zwei Jahrzehnte eine Ewigkeit. Was er dort kritisiert, ist der frühe Stand einer Theorie, die sich seither massiv weiterentwickelt und empirisch unterfüttert hat (wie z.B. bei Feldman Barrett). Ihn heute als „letztes Wort“ gegen die 4E-Kognition anzuführen, blendet fast 20 Jahre wissenschaftlicher Entwicklung aus.
Ich habe nicht gesagt, dass Revonsuos Kritik das letzte Wort in dieser Sache ist. Sie ist aber immer noch relevant.

Hinter dem Ausdruck "4E-Kognition" verbergen sich vier unterschiedliche (wenngleich ähnliche) theoretische Ansätze:
"Es lohnt sich, die eingekörperte Kognition mit einigen eng verwandten Forschungsbereichen zu vergleichen. Manchmal wird eingekörperte Kognition von eingebetteter, erweiterter und enaktiver Kognition unterschieden. Trotz der Unterscheidung zwischen den vier „E“ – eingekörpert, eingebettet, enaktiv und erweitert [embodied, embedded, enactive, and extended] – ist es jedoch nicht unüblich, den Begriff „eingekörpert“ für alle diese „E“ zu verwenden. Die Forschungsfelder teilen schließlich die Ansicht, dass der Gehirnzentrismus der traditionellen Kognitionswissenschaft sowie ihre Abhängigkeit vom Computer als Inspirationsquelle einem korrekten Verständnis von Kognition im Wege stehen." [Google Translate mit Änderungen meinerseits]

Quelle: Siehe unterer Link!
Ich weiß gar nicht, ob Barrett eine dieser E-Kognitionstheorien befürwortet, und falls ja, welche.

Hier ist ein guter Einführungstext:
SEP: Embodied Cognition
SEP: Verkörperte Kognition [Google Translate]
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 08:07
Revonsuo hat geschrieben : Dieser Ansatz der „radikalen Verkörperung“ lässt die Frage, wo genau das Explanandum der Bewusstseinsforschung zu verorten ist, unangenehm unklar.
Ich für meinen Teil ziehe im Übrigen eine unklare, offene Antwort, die wahrscheinlich die richtige Richtung hat, einer klaren, die ziemlich sicher falsch ist, vor.
Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass Kognition und (phänomenales) Bewusstsein nicht dasselbe sind. Revonsuos Hauptthema ist das (phänomenale) Bewusstsein.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 08:07
.
…In einer Welt, in der es – wie wir aus der Physik wissen – so etwas wie „geisterhafte Fernwirkung“ gibt, sollte man sein Paradigma vielleicht nicht vorschnell an einer Ontologie orientieren, die von leblosen Bausteinen ausgeht. Manche nennen eine solche Sichtweise scherzhaft „Lego-Zentrismus“. So viel Polemik darf sein …
Das rätselhafte physikalische Phänomen der Quantenverschränkung macht den Panpsychismus keinen Deut glaubwürdiger.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 08:07
Ich erinnere dazu noch mal an Steve Fleming: Bewusstsein ist kein „Ding“, das man im Gehirn finden kann, sondern ein Prozess – etwas, das das System tut.
Natürlich ist Bewusstsein kein Ding im Sinn einer Substanz, sondern ein Attribut (Eigenschaft) einer oder eine Okkurrenz (Zustand, Ereignis, Vorgang) in einer Substanz. Eine Okkurrenz (ein Okkurrent) besteht nach meiner ontologischen Auffassung aus einem substanziellen Substrat (unterschiedlicher Komplexität) und einem Attribut (unterschiedlicher Komplexität).

Ein Vorgang wie ein Bewusstseinsvorgang hat sowohl eine Raumspanne (räumliche Ausdehnung) als auch eine Zeitspanne (zeitliche Ausdehnung). Seine Raumspanne und damit sein Ort im Raum entspricht dem Raumbereich, den diejenigen ((inter-)aktiven) Objekte oder Substanzen zusammen einnehmen, welche das Vorgangssubstrat bilden.
Dem Zentralzustands-Materialismus zufolge finden alle Bewusstseinsvorgänge in Raumbereichen statt, die von Zentralnervensystemen besetzt sind.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 08:07
Nachtrag: Es hat eigentlich etwas "Komisches", dass uns unsere Intuitionen vielleicht ausgerechnet bei dem im Stich lassen, was uns am nächsten ist: dem Bewusstsein. "Wir" versuchen es wie einen Stein von außen zu betrachten, während wir es selbst im Vollzug eines lebendigen, verkörperten Prozesses sind. Du suchst den Geist als Ding in der Welt. Ich versuche, die vielfältige Wirklichkeit zu ertasten, in der so etwas wie ein Geist nach sich selbst fragt und sich selbst spürt.
Ich schätze, dieser Unterschied ist unüberbrückbar.
Wenn ich "den Geist als Ding in der Welt" suchte, dann suchte ich nach geistigen Substanzen—was ich aber nicht tue, weil ich nicht an die Existenz solcher Substanzen glaube. Was hier diskutiert wird, sind geistige Okkurrenzen oder geistige "Adhärenzen" (Attribute). Diese sind insofern "eingekörpert"/"verkörpert", als ihre Substrate oder Subjekte körperlich-stoffliche (materielle) Objekte sind.



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Mo 29. Dez 2025, 20:19

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 08:51
Consul hat geschrieben : „...sie können die phänomenale Ebene nicht auf magische Weise aus dem Gehirn hinausbefördern.“ (Revonsuo)
„Hinausbefördern“? Damit setzt Revonsuo seine eigene Position bereits als wahr voraus. Ich glaube kaum, dass es der Idee des verkörperten Bewusstseins entspricht, dass das Bewusstsein ursprünglich – wie Revonsuo glaubt – im Gehirn „ist“ und dann erst mühsam oder magisch, wie er anderer Stelle schreibt, „herausbefördert“ werden müsste.
Revonsuo setzt nicht a priori voraus, dass die physischen Bewusstseinsmechanismen ausschließlich Gehirnmechanismen sind, sondern er argumentiert (abduktiv) für diese These auf der Grundlage empirischer Daten (u.a. aus dem Bereich der Traumforschung). Es mag sein, dass diese mit der Möglichkeit vereinbar sind, dass die physischen Bewusstseinsmechanismen nicht ausschließlich Gehirnmechanismen sind.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 08:51
Consul hat geschrieben : „Unter bestimmten Bedingungen (wie etwa im REM-Schlaf) können diese Wechselwirkungen vollständig unterbrochen werden, während die gesamte subjektive Erfahrungswelt weiterhin im Gehirn verbleibt.“ (Revonsuo)
Schlafbewusstsein und Wachbewusstsein einfach kurzzuschließen, ist keine gute methodische Entscheidung. Damit das Argument in irgendeiner Form triftig würde, müsste man Probanden untersuchen, die ihr ganzes Leben lang nichts anderes getan haben als zu träumen und niemals wach waren. Denn es ist schließlich offensichtlich, dass der Traum gegenüber dem Wachzustand parasitär ist. Wer den Traum zum Beweis dafür nimmt, dass der Wachzustand ebenfalls nur ein internes Programm ist, begeht einen ziemlich offensichtlichen Kategorienfehler.
Wenn es sich dabei um einen Fehler handelt, dann jedenfalls nicht um einen Kategorienfehler; denn es geht in beiden Fällen um die gemeinsame Kategorie des Bewusstseinszustandes.
Man könnte allerdings argumentieren, dass sich nur die Mechanismen des Schlaf-/Traumbewusstseins vollständig innerhalb des Gehirns befinden; aber dann müssten die Antizerebralisten bezüglich der Bewusstseinsmechanismen ihre These auf das Wachbewusstsein beschränken und die angebliche Nichtanalogie und strukturell-funktionelle Differenz zwischen den Mechanismen des Wachbewusstseins und denjenigen des Schlaf-/Traumbewusstseins erklären: Wieso sind für Letzteres Gehirnvorgänge ausreichend und für Ersteres nicht?



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Mo 29. Dez 2025, 20:24

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 16:29
Consul hat geschrieben : Nein, das gesehene Auto ist nicht Teil des Sehens eines Autos. Wenn es so wäre, dann hätte ich ein Auto im Kopf, wenn ich eines sehe.
Ich spreche in dem Beispiel bewusst von der Wahrnehmung eines vorbeifahrenden Autos. Dass das Auto an mir vorbeifährt, war keine Girlande, sondern Absicht. Wir nehmen zwar in einer gewissen Hinsicht Gegenstände wahr, aber de facto sehen wir Gegenstände in Tatsachen eingebettet. Wir sehen also, dass das Auto an uns vorbeifährt.

Vorbeifahrende Autos können natürlich nicht bei mir im Kopf sein (bzw. der Preis dafür wäre wohl ziemlich hoch) – da hast du wohl recht. Aber das Sehen (was anders, als es der Begriff suggeriert, natürlich kein Gegenstand ist, z. B. keine „Sehung“) ist eben auch nicht bei mir im Kopf. Wenn das Auto draußen wäre und das Sehen drinnen, dann kämen die beiden nie zusammen. Wenn man sich das Sehen kartesisch ausmalt, dann sind und bleiben wir blind.

Ich sehe es so: Ich bin in direktem Kontakt mit dieser Tatsache. Das Auto fährt ja an mir vorbei. Also bin ich eigentlich nicht nur in Kontakt mit dieser Tatsache, sondern ein Teil von ihr.

Wenn ich Teil der wahrgenommenen Tatsache bin, dann ist die Unterscheidung zwischen „intentionalem Gegenstand“ (draußen) und „experientialem Inhalt“ (drinnen) nicht nur problematisch – sie verfehlt die Struktur der Wahrnehmung. Es gibt kein reines „Drinnen“, von dem aus ich ein „Draußen“ repräsentiere. Ich (und nicht etwa das Gehirn unter der Kalotte) bin immer schon „draußen“, also da, wo die Musik spielt.
Das "Drinnen" einer bewussten Sinneswahrnehmung ist ihr Inhalt, d.i. eine bestimmte Empfindung, die im Sinn einer intentionalen Vergegenständlichung als Erscheinung eines "Draußen" aufgefasst wird. Der Inhalt der Sinneswahrnehmung ist das innere phänomenale Medium, durch das ihr äußerer Gegenstand (ver)gegenwärtigt ((re)präsentiert) wird.
Während des Sehens eines Autos sind als Autoerscheinung aufgefasste visuelle Empfindungen oder Eindrücke "hier drinnen", und "da draußen" ist ein gesehenes Auto.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 16:29
Doch, auch im Fall der Halluzination nimmt man etwas wahr. Aber in diesem Fall könnte es der Fall sein, das müsste man sich im Einzelfall genauer anschauen, dass sich der Gegenstand der Wahrnehmung tatsächlich bloß im Kopf befindet, während wir nur meinen, er befände sich da hinten.
Nein, denn es ist Teil des Wesens einer Halluzination, dass ihr intentionaler Gegenstand nicht und damit nirgendwo (weder außerhalb noch innerhalb des Kopfes) existiert. Eine Halluzination hat einen wirklichen sinnlichen Inhalt, aber keinen wirklichen Gegenstand.



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Jörn P Budesheim
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Mo 29. Dez 2025, 20:33

Consul hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 20:16
Das rätselhafte physikalische Phänomen der Quantenverschränkung macht den Panpsychismus keinen Deut glaubwürdiger.
Hä?????



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Consul
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Mo 29. Dez 2025, 20:49

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 08:49
Hi Consul, jetzt will ich in aller gebotenen Kürze auch noch auf das Zitat von Marie Kaiser antworten. Da ich bei dir bisher keine ausgesprochenen Neigungen zum Antirealismus feststellen konnte, gehe ich davon aus, dass wir beide Realisten sind.
Jawohl, wobei es hier hauptsächlich um den wissenschaftlichen/wissenschaftstheoretischen Realismus (scientific realism) geht.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 08:49
In dem Text heißt es über einen gewissen Wimsatt: „[Er verteidigt] jedoch ausdrücklich den Realismus – wobei er aber betont, dass sein Realismus ein Realismus für eine ‚unordentliche Welt‘ sowie ‚fragmentarisch und in der Regel mit einer lokalen statt einer globalen Ordnung zufrieden‘ sei.“
Das Adjektiv "unordentlich" ist eine Übersetzung von "messy", und das Adjektiv "fragmentarisch" ist (m)eine Übersetzung von "piecemeal", dessen wörtlichste Übersetzung "stückweise", "Stück für Stück" ist.
Ich bin mir gar nicht sicher, was die treffendste Übersetzung von Wimsatts Rede von einer "messy world" ist. Er will eigentlich nicht sagen, dass die Welt unordentlich, ohne Ordnung, chaotisch ist. Wenn er von "messy systems" spricht, dann meint er wohl vielmehr den Umstand, dass in der Welt insofern ein "Durcheinander" herrscht, als die Systeme darin in unübersichtlicher Weise verwickelt und miteinander verzahnt oder verkoppelt sind, was exakte, präzise wissenschafliche Grenzziehungen erheblich erschwert. Das ist meine zaghafte und fehlbare Deutung, da ich mich mit Wimsatts Wissenschaftstheorie nicht eingehend befasst habe.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 08:49
Dass Wimsatt sich keiner globalen Ordnung verpflichtet fühlt und von einer „unordentlichen Welt“ ausgeht, hat eine gewisse Nähe zu meiner Ontologie des Pluralismus. Während du dich wohl ziemlich klar der globalen Ordnung verpflichtet fühlst, von der dort die Rede ist, und damit – in meiner Terminologie gesagt – einen metaphysischen Realismus vertrittst. Das ist natürlich eine weitere, kaum zu überbrückende, grundlegende Verschiedenheit zwischen unseren Positionen.
Es ist lange her, dass ich Wimsatts Buch mehr überflogen als gelesen habe, sodass ich zu seiner ontologischen Sichtweise nicht viel sagen kann; aber ein gabrielesker ontologischer Pluralist, "Fragmentarist" oder "Antiglobalist" scheint er nicht zu sein.
"Realismus für begrenzte Wesen in einer reichhaltigen, unübersichtlichen Welt [Messy World]

Ich suche nach methodologischen Werkzeugen, die für gut angepasste, aber begrenzte und fehleranfällige Wesen angemessen sind. Wir brauchen eine Wissenschaftsphilosophie, die von realen Menschen in realen Situationen in realer Zeit mit den uns tatsächlich zur Verfügung stehenden Werkzeugen – heute oder in einer realistisch möglichen Zukunft – betrieben werden kann. Dies muss eine zentrale Voraussetzung für jede naturalistische Betrachtungsweise sein. Daher wende ich mich nicht nur gegen verschiedene Formen des Eliminativismus, sondern auch gegen übermäßig idealisierte intentionalistische oder rationalistische Ansätze. In diesen Kapiteln plädiere ich für einen Ansatz, der sowohl bessere Beschreibungen unserer Aktivitäten als auch normative Leitlinien auf der Grundlage realistischer Maßstäbe unserer Stärken und Grenzen ermöglicht. Keine gegenwärtige Wissenschaftsphilosophie leistet dies vollständig, obwohl immer mehr Ansätze in diese Richtung gehen. Eine Wissenschaftsphilosophie für echte Menschen bedeutet echte Wissenschaftler, echte Ingenieure, Historiker oder Soziologen der realen Wissenschaft und Technik sowie echte Philosophen, die daran interessiert sind, wie die genannten Personen arbeiten, über ihre Praxis nachdenken, über die natürliche Welt nachdenken, die wir alle bewohnen, und darüber nachdenken, was reflektiv und selbstreflexiv aus diesen Tatsachen folgt.

Diese Sichtweise beinhaltet eine Art Realismus, wenn auch nicht im üblichen Sinne. Sie passt zur aktuellen wissenschaftlichen Praxis und erhellt historische Fälle besser als andere Ansätze. Zudem hat sie Auswirkungen auf die Philosophie. Sie besitzt weder die radikale Einfachheit aktueller fundamentalistischer Theorien noch strebt sie danach. Diese Philosophie muss von der Spitze bis zum Boden auf heuristischen Prinzipien des Denkens und Handelns basieren, strebt aber auch eine umfassende Beschreibung und Erklärung anderer Dinge in unserem vielfältig bevölkerten Universum an – einschließlich der formalen Ansätze, die wir in der Vergangenheit verfolgt haben.

Dieses Projekt ist eine Philosophie für unübersichtliche Systeme [messy systems], für die reale Welt, für das Dazwischen und für vielfältige Realitätsökologien, die unsere Wissenschaft und Technologie stützen und sich ihnen zunehmend anpassen. Anders als Quine argumentiert, handelt es sich hier um eine Ontologie für den tropischen Regenwald. Die im Buchtitel angesprochenen „stückweisen Annäherungen“ sind unvermeidlich: Wir sind, müssen und können Realisten in unserer Wissenschaft und einem Großteil unserer Praxis sein. Doch unser Realismus, wie unsere Praxis und selbst unsere Schlussfolgerungskonsistenz, muss stückweise sein und sich in der Regel mit einer lokalen statt einer globalen Ordnung zufriedengeben. Wir sind nicht Gott und haben keine gottgleiche, allwissende Sicht auf die Welt." [Google Translate mit Verbesserungen meinerseits]

(Wimsatt, William C. Re-Engineering Philosophy for Limited Beings: Piecewise Approximations to Reality. Cambridge, MA: Harvard University Press, 2007. pp. 5-6)
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 08:49
Hier eine Miniskizze dazu: Wenn ich beispielsweise von (an mir) vorbeifahrenden Autos spreche, dann sind in diesem Fall (neben vielen anderen) irreduzible soziale Tatsachen im Spiel (Straßen, Verkehrsregeln, Kapitalismus und so weiter). Man könnte natürlich auch versuchen, dasselbe Ereignis rein physikalisch zu untersuchen. Falls das möglich sein sollte, würden allerdings die sozialen Tatsachen nicht mehr in den Blick kommen. Das könnte man mit etwas Wohlwollen eine „unordentliche Welt“ nennen: Es gibt viele verschiedene, reale Felder, die sich nicht einfach ineinander auflösen lassen. In deiner Sicht hingegen gibt es genau genommen wohl nur eine einzige „wirklich wahre“ Beschreibung der Situation – nämlich die, welche die Physik (im „goldenen Zeitalter“) erstellen könnte.

In meiner pluralistischen Ontologie sind die im Zitat von Kaiser verhandelten Grenzen nicht etwa perspektivische Setzungen der Forschung, sondern sachlich durch den jeweiligen Gegenstandsbereich bestimmt. Wobei die generalisierte Rede von „Mechanismen“ meine Position natürlich deutlich verfehlt, da soziale Tatsachen nicht einfach Mechanismen sind. Hier spielen echte Menschen, koordinierte Handlungen, ein bunter Strauß von Normen und vieles andere die entscheidenden Rollen.
Ich bin insofern Realist in Bezug auf Phänomenmechanismen, als ich nicht glaube, dass alle Grenzen zwischen Mechanismen von den Wissenschaftlern in die Realität willkürlich hineinprojiziert werden.

Ich bin als ontologischer Materialist/Physikalist keineswegs der Meinung, dass es keine (wirklich) wahren nichtphysikalischen Beschreibungen einer Situation gibt, die auch (zumindest prinzipiell) physikalisch beschrieben werden kann. Denn ich bestreite nicht, dass es höhere, transphysikalische Begriffs-, Beschreibungs- und Erklärungsebenen gibt, sondern nur, dass es höhere, transphysische Seinsebenen mit physiko-ontologisch irreduziblen Entitäten gibt.
Der Wissenschaftspluralismus ist mit meinem physiko-ontologischen Monismus durchaus vereinbar.

Einige Selbstzitate:
Consul hat geschrieben :
Mo 8. Sep 2025, 02:08
Ich habe bereits im Mai 24 in meinem Eröffnungsbeitrag in diesem Diskussionsstrang klar und deutlich auf den Unterschied zwischen dem repräsentationalen/semiotischen Reduktionismus und dem existenziellen/ontologischen Reduktionismus sowie darauf hingewiesen, dass der reduktive Materialismus Letzteren einschließt, aber nicht notwendigerweise Ersteren. Siehe insbesondere die Smart-Zitate im oben verlinkten Beitrag!
Consul hat geschrieben :
Fr 22. Aug 2025, 07:35
Ein wichtiger Punkt ist, dass der reduktive Materialismus in Smarts und meinem Sinn (in erster Linie) ontologisch reduktionistisch ist, indem er alle nichtphysikalischen konkreten Systeme wie biologische Organismen ontologisch mit physischen MERZ-Systemen gleichsetzt. ("MERZ" = "Materie-Energie-Raum-Zeit")
Die Frage seiner Plausibilität betrifft also (primär) diese ontologische These, welche nicht notwendigerweise die Behauptung einschließt, dass sich alle Fachbegriffe, Texte und Theorien, alle Beschreibungen und Erklärungen aller anderen, von der Physik verschiedenen Wissenschaften (in der Praxis) in diejenigen der Physik übersetzen und durch jene der Physik ersetzen lassen.
Das heißt, der existenziale (ontologische) Reduktionismus und der repräsentationale (terminologische, semantische, theoretische) Reduktionismus sind zwei unterschiedliche Sachen. Der ontologische Monismus des reduktiven Materialismus ist mit einem irreduziblen Wissenschaftspluralismus und einem entsprechenden Diskurspluralismus vereinbar, weil der repräsentationale Antireduktionismus den existenzialen Reduktionismus nicht ausschließt.
"Der Physikalismus kann als reduktionistische These charakterisiert werden. Er ist jedoch in einem ontologischen Sinn reduktionistisch, nicht als eine These, dass alle Aussagen in Aussagen über physikalische Teilchen usw. übersetzt werden können." [meine Übers.]

(Smart, J. J. C. Our Place in the Universe: A Metaphysical Discussion. Oxford: Blackwell, 1989. p. 81)
Consul hat geschrieben :
So 31. Aug 2025, 03:10
Der ontologisch reduktionistische, kompositorische Materialismus (mereologische Physikalismus), den ich vertrete, schließt keinen totalitären semantisch-theoretischen Reduktionismus ein; denn…
"Es mag sein, dass wir Prädikate, Gesetze, Erklärungen und Theorien höherer Ebene haben, die für die Formulierung von Wahrheiten über den Fall unverzichtbar sind; und/oder Prädikate, Gesetze, Erklärungen und Theorien höherer Ebene, die aus Gesetzen, Erklärungen und Theorien, die Komponenten betreffen, unberechenbar/unableitbar/unvorhersagbar sind; und/oder der Fall beinhaltet nichtlineare Dynamik; und/oder der Fall erfordert eine Erklärung durch Simulation; und/oder wir haben Beziehungen multipler Zusammensetzung in den Beispielen; und/oder der Fall beinhaltet Rückkopplungsschleifen; neben anderen Merkmalen." [Google Translate mit Änderungen meinerseits]

(Gillett, Carl. Reduction and Emergence in Science and Philosophy. Cambridge: Cambridge University Press, 2017. p. 304)
Allgemeines zu reduktiven Erklärungen in Gestalt kompositorischer Erklärungen:
"Die raffgierige Annahme des semantischen Reduktionismus besteht darin, dass höhere Wissenschaften letztlich durch niedere Wissenschaften ersetzt werden können, die implizit als allmächtig in ihrer Erklärungskraft gelten. Solche Behauptungen über die höheren oder niederen Wissenschaften sind jedoch zutiefst unglaubwürdig, wenn wir die tatsächliche wissenschaftliche Praxis betrachten, einschließlich der Tatsache, dass wir in allen Wissenschaften kompositorische Erklärungen finden, und dass die höheren Wissenschaften nicht verschwunden sind, sondern weiterhin florieren und sich vermehren. Es ist daher nicht überraschend, dass viele Philosophen den „Reduktionismus“ als eine tote Position betrachten.

Solche philosophischen Urteile stoßen offensichtlich auf Widersprüche bei Wissenschaftlern wie [Steven] Weinberg, die kaum einen Zusammenhang zwischen einer solchen semantischen Reduktion und ihren eigenen Ansichten sehen. Und sowohl Weinberg als auch Philosophen wie [Jaegwon] Kim finden unabhängig voneinander eine Schwäche in der philosophischen Kritik, da Weinberg und Kim die praktikablen Formen des wissenschaftlichen Reduktionismus als ontologisch und nicht als semantisch betrachten." [Google Translate]

(Gillett, Carl. Reduction and Emergence in Science and Philosophy. Cambridge: Cambridge University Press, 2017. p. 140)
Consul hat geschrieben :
Do 4. Sep 2025, 00:26
Der klassische metaphysische/ontologische Materialismus ist nicht mit einem wissenschaftstheoretischen Physikalismus ("Physikismus") gleichzusetzen, der – wie die positivistisch und antimetaphysisch eingestellten Physikalisten des Wiener Kreises (Otto Neurath, Rudolf Carnap u.a.) es taten – eine physikalische Einheitswissenschaft anstrebt und die physikalische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft betrachtet.

Ein metaphysischer/ontologischer Materialist/Physikalist ist nicht gezwungen, Thesen wie die folgenden zu unterschreiben, worin ein semantisch-theoretischer Reduktionismus und wissenschaftlicher Antipluralismus zum Ausdruck kommt:
* Alles lässt sich mit physikalischen Begriffen ausdrücken und beschreiben.
* Alle nichtphysikalischen Wahrheiten (wahren Aussagen) lassen sich in physikalische Wahrheiten übersetzen.
* Alle nichtphysikalische Wahrheiten lassen sich aus physikalische Wahrheiten herleiten.
* Alle nichtphysikalischen Wahrheiten lassen sich durch physikalische Wahrheiten erklären.
* Alle Wissenschaften außer der Physik bzw. alle nichtphysikalischen Wissenschaften sind im Grunde überflüssig und lassen sich durch die Physik bzw. die physikalischen Wissenschaften ersetzen.



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Jörn P Budesheim
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Di 30. Dez 2025, 07:33

Consul hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 20:19
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 08:51
Consul hat geschrieben : „...sie können die phänomenale Ebene nicht auf magische Weise aus dem Gehirn hinausbefördern.“ (Revonsuo)
„Hinausbefördern“? Damit setzt Revonsuo seine eigene Position bereits als wahr voraus. Ich glaube kaum, dass es der Idee des verkörperten Bewusstseins entspricht, dass das Bewusstsein ursprünglich – wie Revonsuo glaubt – im Gehirn „ist“ und dann erst mühsam oder magisch, wie er anderer Stelle schreibt, „herausbefördert“ werden müsste.
Revonsuo setzt nicht a priori voraus, dass die physischen Bewusstseinsmechanismen ausschließlich Gehirnmechanismen sind ...
Aber das Argument („Hinausbefördern“) setzt das voraus. Das war mein Punkt.



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Di 30. Dez 2025, 07:44

Consul hat geschrieben :
Fr 26. Dez 2025, 21:09
Die konstitutiven Mechanismen von Peters subjektiven Erlebungen beim Spazierengehen ...
So etwas gibt es gar nicht. Peter ist doch keine Maschine. Einige seiner geistigen Zustände sind zum Beispiel propositional, da passt der Ausdruck "Mechanismus" nicht im geringsten ...



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Consul hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 20:16
Ein Vorgang wie ein Bewusstseinsvorgang hat sowohl eine Raumspanne (räumliche Ausdehnung) als auch eine Zeitspanne (zeitliche Ausdehnung).
Welche räumliche Ausdehnung soll der Gedanke "Es ist noch dunkel" haben?



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Jörn P Budesheim
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Di 30. Dez 2025, 09:40

Wir haben bisher noch nicht über die achte Frage gesprochen:

8. Wo ordnen sich Wahrnehmung, Halluzinationen und Wahnvorstellungen ein?

Wahrnehmung ist ein Erfolgsbegriff: Wenn ich Hans wahrgenommen habe, dann meine ich nicht bloß, ihn wahrgenommen zu haben, sondern es war tatsächlich Hans. Die allgemeine Struktur ist dreigliedrig: jemand nimmt etwas wahr. Auch bei Halluzinationen und Wahnvorstellungen ist die Struktur jeweils dreigliedrig. Zwei einfache Beispiele:

– Ich höre Stimmen!
(Das ist auch das Beispiel aus dem Video: Jemand hört Stimmen, obwohl keine Stimmen zu hören sind.)

– Mein Nachbar kontrolliert mich!
(Wenn ich mich nicht täusche, gab es in dem Video kein explizites Beispiel für eine Wahnvorstellung. In diesem Beispiel bezieht sich die Wahnvorstellung nicht auf eine einzelne Wahrnehmung, sondern auf eine komplexere Deutung, eine „Geschichte“ oder Überzeugung. Charakteristisch ist dabei nicht nur, dass die Überzeugung abwegig ist, sondern dass sie in der Regel auch resistent gegenüber Korrekturen bleibt.)



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Consul
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Di 30. Dez 2025, 15:58

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Dez 2025, 07:44
Consul hat geschrieben :
Fr 26. Dez 2025, 21:09
Die konstitutiven Mechanismen von Peters subjektiven Erlebungen beim Spazierengehen ...
So etwas gibt es gar nicht. Peter ist doch keine Maschine. Einige seiner geistigen Zustände sind zum Beispiel propositional, da passt der Ausdruck "Mechanismus" nicht im geringsten ...
Es gibt nicht nur technologische Mechanismen (in künstlichen Maschinen), sondern auch natürliche physikalische, chemische, biologische, psychologische und soziologische Mechanismen (z.B. von sozialen Organisationen). Mechanismen sind dynamische Systeme (inter)aktiver Elemente, die etwas Bestimmtes konstituieren oder produzieren.
"Ein Mechanismus ist eine Struktur, die vermöge ihrer Komponenten, ihrer Komponentenoperationen und deren Organisation eine Funktion erfüllt. Das orchestrierte Funktionieren des Mechanismus ist für ein oder mehrere Phänomene verantwortlich." [Google Translate + Consul Translate]

(Bechtel, Wilhelm, & Adele Abrahamsen. "Explanation: A Mechanist Alternative." Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 36 (2005): 421–441. p. 423)
"Ein Mechanismus für ein Phänomen besteht aus Entitäten (oder Teilen), deren Aktivitäten und Interaktionen so organisiert sind, dass sie für das Phänomen verantwortlich sind." [Google Translate + Consul Translate]

(Glennan, Stuart, & Phyllis Illari. "Introduction: Mechanisms and Mechanical Philosophies." In The Routledge Handbook of Mechanisms and Mechanical Philosophy, ed. by Stuart Glennan and Phyllis Illari, 1-19. London: Routledge, 2018. p. 2)



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Consul
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Di 30. Dez 2025, 16:08

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Dez 2025, 07:52
Consul hat geschrieben :
Mo 29. Dez 2025, 20:16
Ein Vorgang wie ein Bewusstseinsvorgang hat sowohl eine Raumspanne (räumliche Ausdehnung) als auch eine Zeitspanne (zeitliche Ausdehnung).
Welche räumliche Ausdehnung soll der Gedanke "Es ist noch dunkel" haben?
Wenn das Denken bzw. innere Aussprechen des Satzes "Es ist noch dunkel" ein Nervenvorgang ist, dann ist sein Substrat auf der mikrophysikalischen Ebene eine bestimmte Menge von Elementarteilchen, die sich in einem bestimmten Raumteil des ZNS befinden und bewegen. Dieser Raumteil ist die Raumspanne der betreffenden Denkung.



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Jörn P Budesheim
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Di 30. Dez 2025, 16:12

Warum sollte man den Gedanken von Peter, dass der Tag wunderschön ist, einen Mechanismus nennen, das finde ich abwegig.

Und zu sagen, dass Gedanken eine Ausdehnung haben, ist einfach ein Kategorienfehler.



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Di 30. Dez 2025, 16:26

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Dez 2025, 16:12
Warum sollte man den Gedanken von Peter, dass der Tag wunderschön ist, einen Mechanismus nennen, das finde ich abwegig.
Die Rede ist von den Neuromechanismen von Denkungen, d.h. von denjenigen zerebralen Prozessstrukturen, die sich subjektiv als (sprachliche) Denkungen manifestieren.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Dez 2025, 16:12
Und zu sagen, dass Gedanken eine Ausdehnung haben, ist einfach ein Kategorienfehler.
Ja, falls es sich um fregesche Gedanken als abstrakte Propositionen handelt.
Nein, falls es sich um Gedanken als konkrete Denkvorgänge in Gehirnen handelt.
Siehe dazu diesen älteren Beitrag von mir!



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Do 1. Jan 2026, 17:04

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 30. Dez 2025, 09:40
Wir haben bisher noch nicht über die achte Frage gesprochen:
8. Wo ordnen sich Wahrnehmung, Halluzinationen und Wahnvorstellungen ein?

Wahrnehmung ist ein Erfolgsbegriff: Wenn ich Hans wahrgenommen habe, dann meine ich nicht bloß, ihn wahrgenommen zu haben, sondern es war tatsächlich Hans. Die allgemeine Struktur ist dreigliedrig: jemand nimmt etwas wahr. Auch bei Halluzinationen und Wahnvorstellungen ist die Struktur jeweils dreigliedrig. Zwei einfache Beispiele:

– Ich höre Stimmen!
(Das ist auch das Beispiel aus dem Video: Jemand hört Stimmen, obwohl keine Stimmen zu hören sind.)

– Mein Nachbar kontrolliert mich!
(Wenn ich mich nicht täusche, gab es in dem Video kein explizites Beispiel für eine Wahnvorstellung. In diesem Beispiel bezieht sich die Wahnvorstellung nicht auf eine einzelne Wahrnehmung, sondern auf eine komplexere Deutung, eine „Geschichte“ oder Überzeugung. Charakteristisch ist dabei nicht nur, dass die Überzeugung abwegig ist, sondern dass sie in der Regel auch resistent gegenüber Korrekturen bleibt.)
* Ja, eine unwirkliche Sache oder einen unwirklichen Sachverhalt kann man nicht wahrnehmen: Man kann x nicht wahrnehmen, ohne dass x existiert. Man kann nicht wahrnehmen, dass p, ohne dass p wahr/der Fall ist. Man kann aber x als Y wahrnehmen, ohne dass x Y ist.

* Etwas wahrnehmen und etwas empfinden sind nicht dasselbe, wenngleich bewusste Wahrnehmungen und Scheinwahrnehmungen (Halluzinationen) Empfindungen beinhalten. Wer unter Tinnitus leidet, hat Hörempfindungen, ohne durch diese etwas wahrzunehmen. Wer unter akustischen Halluzinationen leidet und diese als Hören von Stimmen auffasst, hat Hörempfindungen, ohne durch diese etwas wahrzunehmen. Das Gleiche gilt für visuelle Halluzinationen, die ebenfalls keine echten Wahrnehmungen von etwas sind.

* Eine Wahnvorstellung als Wahnüberzeugung oder Wahnglaube ist selbst keine Wahrnehmung, aber sie kann auf fehlgedeuteten Wahrnehmungen, auf falschen Schlussfolgerungen aus Wahrnehmungen beruhen.



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Jörn P Budesheim
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Do 1. Jan 2026, 17:22

Consul hat geschrieben :
Do 1. Jan 2026, 17:04
Man kann aber x als Y wahrnehmen, ohne dass x Y ist.
Kannst du das an einem Beispiel erläutern?



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Do 1. Jan 2026, 17:33

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 1. Jan 2026, 17:22
Consul hat geschrieben :
Do 1. Jan 2026, 17:04
Man kann aber x als Y wahrnehmen, ohne dass x Y ist.
Kannst du das an einem Beispiel erläutern?
Ich kann einen männlichen Transvestiten irrtümlicherweise als Frau wahrnehmen.
Ich kann eine Blindschleiche irrtümlicherweise als Schlange wahrnehmen. (Blindschleichen sind beinlose Eidechsen.)



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Nein, das geht meines Erachtens keineswegs. Es ergibt keinen Sinn zu sagen, ich habe eine Schlange gesehen, aber es war eine Blindschleiche. Ich kann natürlich glauben, eine Schlange gesehen zu haben; wenn es jedoch eine Blindschleiche war, dann habe ich eine Blindschleiche gesehen und meine lediglich, eine Schlange gesehen zu haben.



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