Was ist Bewusstsein?

Was ist Bewusstsein? Eine Frage, die nach wie vor ungeklärt ist.
Burkart
Beiträge: 3927
Registriert: Sa 11. Jul 2020, 09:59

Di 6. Jan 2026, 20:34

Das Problem aus meiner Sicht ist, dass Bewusstsein nicht hinreichend klar greifbar ist.
Ok, dann einigen wir uns hier eben darauf, dass Bewusstsein im üblichen Sinne an Leben gebunden ist.
Ich sehe dann meine Definition von Bewusstsein vor allem auf KI bezogen, damit sie Geltung bekommen kann; eine KI kann somit die reale Welt über Sinne/Sensoren erkunden und so KI-bewusst wahrnehmen, analysieren usw.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1999
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 6. Jan 2026, 20:49

Das Problem dabei ist, dass du das nur behauptest, aber nicht begründest. Warum sollte ich glauben, dass eine KI etwas wahrnimmt? Wir haben keine guten Gründe anzunehmen, dass KI über Intentionalität verfügt. Unbegründete Behauptungen reichen dafür nicht aus.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Burkart
Beiträge: 3927
Registriert: Sa 11. Jul 2020, 09:59

Di 6. Jan 2026, 22:30

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:49
Das Problem dabei ist, dass du das nur behauptest, aber nicht begründest. Warum sollte ich glauben, dass eine KI etwas wahrnimmt? Wir haben keine guten Gründe anzunehmen, dass KI über Intentionalität verfügt. Unbegründete Behauptungen reichen dafür nicht aus.
Über Sinne wahrnehmen heißt, Daten aufzunehmen und letztlich daraus Konsequenzen zu ziehen. Wenn ein RoboCup-Fußballer den Fußball sieht, kann der Roboter (versuchen) auf das Tor (zu) schießen, eben seine Intention.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2207
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 7. Jan 2026, 00:49

Es gibt einen (kostenlos runterladbaren) neuen, sehr interessanten Aufsatz des bekannten, hauptsächlich im Bereich der Philosophie des Geistes und der Kognitionswissenschaft arbeitenden Philosophen Ned Block:

"Can only meat machines be conscious?" ("Können nur Fleischmaschinen Bewusstsein haben?")

[Es besteht die Möglichkeit, die ganze englischsprachige PDF-Datei nach dem Runterladen von Google Translate ins Deutsche übersetzen lassen.]
"Zusammenfassung: Der computationale Funktionalismus behauptet, dass die Ausführung bestimmter Berechnungen [computations] für Bewusstsein ausreicht, unabhängig von den physikalischen Mechanismen, die diese Berechnungen implementieren. Diese Sichtweise vernachlässigt eine überzeugende Alternative: dass subcomputationale biologische Mechanismen, die computationale Prozesse realisieren, für Bewusstsein notwendig sind. Durch den Vergleich computationaler Rollen mit ihren subcomputationalen biologischen Realisatoren zeige ich, dass eine systematische Spannung in unseren Kriterien für Bewusstsein besteht: Die Priorisierung computationaler Rollen begünstigt Bewusstsein in KI, während die Priorisierung subcomputationaler biologischer Realisatoren Bewusstsein in einfacheren Tieren begünstigt. Aktuelle Bewusstseinstheorien sind „fleischneutral“, aber wenn spezifische physische Substrate notwendig sind, wird KI möglicherweise nie Bewusstsein erlangen. Zu verstehen, ob Bewusstsein von computationalen Rollen, biologischen Realisatoren oder beidem abhängt, ist entscheidend für die Beurteilung der Aussichten auf Bewusstsein in KI und weniger komplexen Tieren." [Google Translate + Consul Translate]
Hier diskutiert Block sein Aufsatzthema mit dem Physiker Sean Carroll:



Das Transkript des Gesprächs kann man auch hier unter Click to Show Episode Transcript lesen.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1999
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Mi 7. Jan 2026, 08:04

Dafür fehlen mir die Englischkenntnisse. Hier meine Interpretation, die ich mir aus mehreren verschiedenen maschinellen Zusammenfassungen zusammengeschustert habe. Ich konzentriere mich auf den Aspekt der Substratabhängigkeit, den wir hier im Diskussionsfaden gerade diskutieren. @Consul, ist das eine stimmige Zusammenfassung des Aspekts?

Ned Block geht es im Kern darum, dass wir Bewusstsein nicht als eine bloße Rechenaufgabe verstehen dürfen, die auf beliebigem Material realisiert werden kann, wie es der Funktionalismus nahelegt. Es kommt nicht nur auf die Organisation der Prozesse an – also darauf, wie Input in Output überführt wird.

Block argumentiert vielmehr, dass bei uns die biologische Realisierung, also unsere spezifische neurobiologische Beschaffenheit, kein nebensächliches Detail ist. Er vermutet, dass die chemischen und elektrischen Prozesse in unseren Zellen nicht lediglich eine kontingente, austauschbare Trägersubstanz für ein „Programm" darstellen, sondern eine notwendige Bedingung für das Entstehen unserer Empfindungen sein könnten. Ein Siliziumchip mag zwar die funktionale Logik eines Neurons imitieren können, doch reicht das aus, um phänomenale Qualität hervorzubringen?

Meine (vereinfachende) Analogie: So wie die Photosynthese eine spezifische chemische Fähigkeit von Chlorophyll ist, so könnte Bewusstsein an spezifische physikalische Eigenschaften von Nervengewebe gebunden sein. Ein Computer kann Photosynthese zwar perfekt simulieren, aber er wird niemals echten Sauerstoff produzieren. Ihm fehlen schlicht die entscheidenden kausalen Kräfte des Materials. Aus Kochkäse können wir kein Hochhaus bauen. (Die Photosynthese-Analogie hat aber ihre Grenzen, denn das Nervengewebe produziert – wenn es das denn tut – kein Bewusstsein, es ist bewusst.)

Während Anil Seth betont, dass Bewusstsein an Biologie gebunden sein könnte, ist Block offener für andere Materialien, solange sie die „richtige“ Art von Prozessen/Physiologie realisieren. Gemeinsam ist beiden, dass sie Bewusstsein als substratabhängig begreifen.

Wie dem auch sei: Ohne die richtigen physikalischen Eigenschaften – ob nun neurobiologisch oder in anderer Form realisiert, das lässt Block offen – bleibt KI wahrscheinlich eine bloße Simulation: Sie verarbeitet Daten, erreicht aber vermutlich niemals die phänomenale Tiefe einer wahrnehmenden, lebendigen Existenz.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1999
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Mi 7. Jan 2026, 08:17

Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:34
Das Problem aus meiner Sicht ist, dass Bewusstsein nicht hinreichend klar greifbar ist.
Was könnte klarer „greifbarer“ sein als Bewusstsein? Du erlebst es tagein, tagaus selbst. Was sollte für uns greifbarer sein als der Umstand, dass wir alles Mögliche – Freude, Schmerz, Farben, Musik ... – erleben?



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1999
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Mi 7. Jan 2026, 09:20

Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 22:30
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:49
Das Problem dabei ist, dass du das nur behauptest, aber nicht begründest. Warum sollte ich glauben, dass eine KI etwas wahrnimmt? Wir haben keine guten Gründe anzunehmen, dass KI über Intentionalität verfügt. Unbegründete Behauptungen reichen dafür nicht aus.
Über Sinne wahrnehmen heißt, Daten aufzunehmen und letztlich daraus Konsequenzen zu ziehen. Wenn ein RoboCup-Fußballer den Fußball sieht, kann der Roboter (versuchen) auf das Tor (zu) schießen, eben seine Intention.
Wo ist hier die Begründung? Du wiederholst doch lediglich deine Behauptung in anderen Worten. Du setzt einfach voraus, ohne dies in irgendeiner Weise plausibel zu machen, dass der RoboCup-Fußballer etwas „versucht“, „auf das Tor schießt“, „einen Fußball sieht“ oder gar „Absichten“ hat. Ich glaube keine Sekunde, dass das alles stimmt.

Wichtig: Intentionalität ist nicht synonym mit dem Haben von Absichten. Zwar sind alle Absichten intentional, aber nicht alles, was intentional ist, ist eine Absicht. Intentionalität bezeichnet – einfach gesagt – die Gerichtetheit unseres Geistes auf die Wirklichkeit, also ein Auf-etwas-gerichtet-Sein. Das ist deutlich mehr als bloß „Daten aufzunehmen“. Würden wir einfach nur Daten aufnehmen, wären wir blind, taub und gefühllos; uns fehlte jede Vorstellung, uns in einer Wirklichkeit zu befinden, die uns umfasst, ebenso wie jede Erfahrung einer bedeutungsvoll erschlossenen Welt. Intentionalität ist das „Worüber“ und den Gehalt unseres Denkens – die Tatsache, dass unsere Gedanken, Wünsche und Überzeugungen einen Inhalt haben: der Gedanke an Berlin, der Wunsch nach einem Kaffee, die Überzeugung, dass es regnet, oder das Sehen, dass man die Tram verpasst hat.

Für uns ist das so alltäglich und selbstverständlich, dass wir vielleicht erst wieder lernen müssen, darüber zu staunen.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2207
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 7. Jan 2026, 20:44

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:49
Das Problem dabei ist, dass du das nur behauptest, aber nicht begründest. Warum sollte ich glauben, dass eine KI etwas wahrnimmt?
Was ist (Sinnes-)Wahrnehmung?
"Wahrnehmung…. Vorgang und Ergebnis der Reizverarbeitung. Das Ergebnis ist ein Abbild objektiv-realer Umwelt und der eigenen Person (Innenwelt). Wahrnehmung ist der aktuelle und anschauliche Teil des Erkenntnisprozesses und der Erkenntnis (Erkenntnistheorie) und schließt in diesem erweiterten Sinne auch Vorstellungen, Vergegenwärtigtes und Nachbilder ein. Prozesse und Ergebnisse sowie Modelle und Theorien der Wahrnehmung sind Gegenstände der Wahrnehmungspsychologie. Der Begriff Wahrnehmung ist unscharf definiert. Traditionell wird Wahrnehmung gegen Empfindung abgegrenzt, wobei Empfindungen als «Elemente» der Wahrnehmung verstanden wurden; diese Unterscheidung wird heute allenfalls noch i. S. von «einfacher» und «komplexer» Wahrnehmung verwendet. I. d. R. ist Wahrnehmung bewusst (Bewusstsein) und an Erleben gebunden; der Begriff wird allerdings auch i. w. S. verwendet, sodass unbewusste Wahrnehmung möglich ist. Eine dritte Unschärfe schließlich besteht in der Abgrenzung gegen Denken und Einflüsse von Gedächtnisinhalten und Persönlichkeitsmerkmalen, etwa in der sozialen Wahrnehmung; die Verarbeitung eines Reizes kann sich weit von diesem entfernen - es kommen z. B. Interpretationen und Bewertungen hinzu, und die «Grenze der Wahrnehmung» auf diesem Kontinuum wird unterschiedlich gelegt." – Dorsch Lexikon der Psychologie
"perceive vb. To become aware or gain knowledge of something through the senses, or to comprehend or grasp a stimulus."
———
"wahrnehmen vb. Einer Sache durch die Sinne gewahr werden oder Kenntnis/Wissen davon erlangen, oder einen Reiz aufnehmen oder erfassen." [Google + Consul Translate] – Oxford Dictionary of Psychology
"perception n. The process, product, or act of creating coherence from the patterns of energy impinging on sensory organs, which allows either consciousness of objects or states of the external world or the capacity to react differentially to them."
———
"Wahrnehmung n. Der Prozess, das Produkt oder der Akt der Kohärenzbildung aus den auf die Sinnesorgane einwirkenden Energiemustern, wodurch entweder das Bewusstsein von Objekten oder Zuständen der Außenwelt oder die Fähigkeit ermöglicht wird, differenziert auf diese zu reagieren." [Google + Consul Translate] – Cambridge Dictionary of Psychology
"perception n. the process or result of becoming aware of objects, relationships, and events by means of the senses, which includes such activities as recognizing, observing, and discriminating. These activities enable organisms to organize and interpret the stimuli received into meaningful knowledge and to act in a coordinated manner."
———
"Wahrnehmung in. Der Prozess oder das Ergebnis des Gewahrwerdens von Objekten, Verhältnissen und Ereignissen mithilfe der Sinne, einschließlich Aktivitäten wie (Wieder-)Erkennen, Beobachten und Unterscheiden. Diese Aktivitäten ermöglichen es Organismen, die empfangenen Reize zu organisieren und zu interpretieren, um sinnvolles Wissen zu erlangen und koordiniert zu handeln." [Google + Consul Translate] – APA Dictionary of Psychology
"It is clear that the biological function of perception is to give the organism information about the current state of its body and its physical environment, information that will assist the organism in the conduct of life. This is a most important clue to the nature of perception. It leads us to the view that perception is nothing but the acquiring of true or false beliefs concerning the current state of the organism's body and environment. 'True belief', here, is meant to cover both knowledge and mere true belief. …Veridical perception is the acquiring of true beliefs, sensory illusion the acquiring of false beliefs."

"One useful alternative to the word 'belief' is the word 'information. …If perception is the acquiring of beliefs or information…"
———
"Es ist klar, dass die biologische Funktion der Wahrnehmung darin besteht, dem Organismus Informationen über den aktuellen Zustand seines Körpers und seiner physischen Umgebung zu liefern – Informationen, die den Organismus bei der Lebensführung unterstützen. Dies ist ein entscheidender Hinweis auf das Wesen der Wahrnehmung. Er führt uns zu der Ansicht, dass Wahrnehmung nichts anderes ist als der Erwerb wahrer oder falscher Glaubungen über den aktuellen Zustand des Körpers und der Umwelt des Organismus. „Wahre Glaubung“ umfasst hier sowohl Wissen als auch bloße wahre Glaubung. …Wirklichkeitsgetreue Wahrnehmung ist der Erwerb wahrer Glaubungen, Sinnestäuschung der Erwerb falscher Glaubungen."

"Eine nützliche Alternative zum Wort ‚Glaubung/Glaube‘ ist das Wort ‚Information‘. …Wenn Wahrnehmung der Erwerb von Glaubungen oder Informationen ist…" [Google + Consul Translate]

(Armstrong, D. M. A Materialist Theory of the Mind. London: Routledge & Kegan Paul, 1968. pp. 209+210)

"…perception…as an acquiring of information and misinformation (knowledge and belief) about the current state of the environment and our body…"
———
"…Wahrnehmung…als Erwerb von Informationen und Fehlinformationen (Wissen und Glaube) über den aktuellen Zustand der Umwelt und unseres Körpers…" [Google + Consul Translate]

(Armstrong, D. M. Preface to the New Edition of A Materialist Theory of the Mind. 1968. Reprint, Abingdon: Routledge, 2023. p. xxvi)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2207
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 7. Jan 2026, 20:51

Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:34
Das Problem aus meiner Sicht ist, dass Bewusstsein nicht hinreichend klar greifbar ist.
Ok, dann einigen wir uns hier eben darauf, dass Bewusstsein im üblichen Sinne an Leben gebunden ist.
Ich sehe dann meine Definition von Bewusstsein vor allem auf KI bezogen, damit sie Geltung bekommen kann; eine KI kann somit die reale Welt über Sinne/Sensoren erkunden und so KI-bewusst wahrnehmen, analysieren usw.
Der Unterschied zwischen bewusster Wahrnehmung und unbewusster Wahrnehmung besteht darin, dass erstere empfindungshaltig ist und somit subjektiv erlebt wird, während letztere nicht empfindungshaltig ist und somit nicht subjektiv erlebt wird.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2207
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 7. Jan 2026, 21:15

Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 22:30
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:49
Das Problem dabei ist, dass du das nur behauptest, aber nicht begründest. Warum sollte ich glauben, dass eine KI etwas wahrnimmt? Wir haben keine guten Gründe anzunehmen, dass KI über Intentionalität verfügt. Unbegründete Behauptungen reichen dafür nicht aus.
Über Sinne wahrnehmen heißt, Daten aufzunehmen und letztlich daraus Konsequenzen zu ziehen. Wenn ein RoboCup-Fußballer den Fußball sieht, kann der Roboter (versuchen) auf das Tor (zu) schießen, eben seine Intention.
* Die Wörter "Intentionalität" ("Gegenstandsbezogenheit", "Gegenstandsgerichtetheit", "Gegenstandsausrichtung") und "Intention" ("Absicht") haben (trotz ihrer etymologischen Verwandtschaft) verschiedene Bedeutungen.

* Wenn Wahrnehmung in der sensorenbasierten Aufnahme, Verarbeitung und verhaltensbezogenen Nutzung von Daten besteht, welche Art von Information ist dafür ausreichend?
"Wir können zwischen unterschiedlichen Arten von Information unterscheiden:
1. asemantische Information (Reizinformation ohne semantische Eigenschaften: Bedeutung, Bezug)
2. semantische Information (Zeicheninformation mit semantischen Eigenschaften = Repräsentation)
2.1 nichtphänomenale semantische Information/Repräsentation
2.2 phänomenale semantische Information/Repräsentation (bewusste Erfahrungen/Empfindungen/Eindrücke als natürliche Zeichen)"

Consul: viewtopic.php?p=88272#p88272
Siehe dazu auch diesen Beitrag von mir: viewtopic.php?p=85006#p85006



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2207
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 7. Jan 2026, 21:25

Consul hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 21:15
"Intention" ("Absicht")…
Apropos, folgende Unterscheidungen sind wichtig:

1. Absicht zum Handeln: die Absicht zu handeln (vorm Handeln).
2. Absicht im Handeln – absichtliches, beabsichtigtes Handeln: Man tut x und hat/hatte die Absicht, x zu tun.
3. Absicht des Handelns – beabsichtigendes Handeln: Man tut x, um y zu bewirken.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Burkart
Beiträge: 3927
Registriert: Sa 11. Jul 2020, 09:59

Mi 7. Jan 2026, 21:27

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 08:17
Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:34
Das Problem aus meiner Sicht ist, dass Bewusstsein nicht hinreichend klar greifbar ist.
Was könnte klarer „greifbarer“ sein als Bewusstsein? Du erlebst es tagein, tagaus selbst. Was sollte für uns greifbarer sein als der Umstand, dass wir alles Mögliche – Freude, Schmerz, Farben, Musik ... – erleben?
Ich meinte die Klarheit es Begriffes "Bewusstsein". Musik kann ich mit Ohren hören, Farben mit Augen sehen usw., aber Bewusstsein? Ich kann es nicht "anfassen".
Ich kann zwar auch fühlen, aber ist das gerade das Bewusstsein?

Ein gottesgläubiger Mensch könnte ähnlich sagen: Was ist greifbarer als Gott, der immer in und um uns ist?

Auf KI bezogen: Sie kann (entsprechend als Roboter programmiert) auch Farben sehen und interpretieren (z.B. RoboCup-Fußballer), Geräusche erfahren und verarbeiten, Erfahrungen als gut und schlecht interpretieren (z.B. ein Roboter bei Durchschreiten eines Labyrinths). Klar, biologisch empfinden kann sie nicht, deshalb mein KI-Bewusstsein-Ersatz.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Burkart
Beiträge: 3927
Registriert: Sa 11. Jul 2020, 09:59

Mi 7. Jan 2026, 21:41

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 09:20
Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 22:30
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:49
Das Problem dabei ist, dass du das nur behauptest, aber nicht begründest. Warum sollte ich glauben, dass eine KI etwas wahrnimmt? Wir haben keine guten Gründe anzunehmen, dass KI über Intentionalität verfügt. Unbegründete Behauptungen reichen dafür nicht aus.
Über Sinne wahrnehmen heißt, Daten aufzunehmen und letztlich daraus Konsequenzen zu ziehen. Wenn ein RoboCup-Fußballer den Fußball sieht, kann der Roboter (versuchen) auf das Tor (zu) schießen, eben seine Intention.
Wo ist hier die Begründung? Du wiederholst doch lediglich deine Behauptung in anderen Worten. Du setzt einfach voraus, ohne dies in irgendeiner Weise plausibel zu machen, dass der RoboCup-Fußballer etwas „versucht“, „auf das Tor schießt“, „einen Fußball sieht“ oder gar „Absichten“ hat. Ich glaube keine Sekunde, dass das alles stimmt.
Schau dir einfach mal ein RoboCup-Fußball-Spiel mit echten Robotern an, dann weißt du, was ich meine.
Ich muss nicht extra begründen, dass die Roboter den Fußball erkennen können; anders könnten sie gar nicht spielen.
Und dass sie (zumindest die Angreifer) versuchen (mal) auf's Tor zu schließen, ist auch selbstverständlich, sonst wären sie schlecht programmiert bzw. das ganze Spiel sinnlos.
Wichtig: Intentionalität ist nicht synonym mit dem Haben von Absichten. Zwar sind alle Absichten intentional, aber nicht alles, was intentional ist, ist eine Absicht. Intentionalität bezeichnet – einfach gesagt – die Gerichtetheit unseres Geistes auf die Wirklichkeit, also ein Auf-etwas-gerichtet-Sein. Das ist deutlich mehr als bloß „Daten aufzunehmen“. Würden wir einfach nur Daten aufnehmen, wären wir blind, taub und gefühllos; uns fehlte jede Vorstellung, uns in einer Wirklichkeit zu befinden, die uns umfasst, ebenso wie jede Erfahrung einer bedeutungsvoll erschlossenen Welt. Intentionalität ist das „Worüber“ und den Gehalt unseres Denkens – die Tatsache, dass unsere Gedanken, Wünsche und Überzeugungen einen Inhalt haben: der Gedanke an Berlin, der Wunsch nach einem Kaffee, die Überzeugung, dass es regnet, oder das Sehen, dass man die Tram verpasst hat.

Für uns ist das so alltäglich und selbstverständlich, dass wir vielleicht erst wieder lernen müssen, darüber zu staunen.
"„Intention“ bedeutet vor allem Absicht, also das, was jemand mit einer Handlung, Äußerung oder einem Werk erreichen will."
Soweit eben kurz Perplexity und passt genau auf die RoboCup-Fußballer: Sie wollen (aus ihrem Programm heraus) Tore schießen.

Soweit kurz und bündig. Deine Interpretion, dass nur die Programmier Intention haben können, bezieht sich wieder "nur" auf die Ursache, aber nicht auf die Tatsache des gerade real existierenden (KI-)Subjektes.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Burkart
Beiträge: 3927
Registriert: Sa 11. Jul 2020, 09:59

Mi 7. Jan 2026, 21:47

Consul hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 20:51
Burkart hat geschrieben :
Di 6. Jan 2026, 20:34
Das Problem aus meiner Sicht ist, dass Bewusstsein nicht hinreichend klar greifbar ist.
Ok, dann einigen wir uns hier eben darauf, dass Bewusstsein im üblichen Sinne an Leben gebunden ist.
Ich sehe dann meine Definition von Bewusstsein vor allem auf KI bezogen, damit sie Geltung bekommen kann; eine KI kann somit die reale Welt über Sinne/Sensoren erkunden und so KI-bewusst wahrnehmen, analysieren usw.
Der Unterschied zwischen bewusster Wahrnehmung und unbewusster Wahrnehmung besteht darin, dass erstere empfindungshaltig ist und somit subjektiv erlebt wird, während letztere nicht empfindungshaltig ist und somit nicht subjektiv erlebt wird.
Unter bewusste Wahrnehmung verstehe ich etwas bewusst (im aktuellen Danken) wahrzunehmen und zu verarbeiten, unbewusste Wahrnehmung, dass etwas nur am Rande wahrgenommen wird und vielleicht ins Bewusstsein "reinsickert".

Oder wie Perplexity es beschreibt:
"Bewusste Wahrnehmung umfasst Prozesse, bei denen Reize aktiv ins Bewusstsein gelangen, wie das bewusste Betrachten eines Objekts oder Lesen eines Textes, gesteuert durch Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis. Sie erfordert begrenzte Kapazitäten und ermöglicht willkürliche Kontrolle sowie Metakognition.
​Unbewusste Wahrnehmung verarbeitet Reize automatisch und außerhalb des Bewusstseins, etwa subliminale Signale oder intuitive Abgleiche mit gespeicherten Erfahrungen, die Verhalten beeinflussen, ohne dass man sie explizit bemerkt."



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2207
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 7. Jan 2026, 22:23

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 08:04
Dafür fehlen mir die Englischkenntnisse. Hier meine Interpretation, die ich mir aus mehreren verschiedenen maschinellen Zusammenfassungen zusammengeschustert habe. Ich konzentriere mich auf den Aspekt der Substratabhängigkeit, den wir hier im Diskussionsfaden gerade diskutieren. @Consul, ist das eine stimmige Zusammenfassung des Aspekts?
Ja, scheint so. Block stellt die computerfunktionalistische Annahme infrage, dass "die Implementierung von Komputationen einer bestimmten Art für Bewusstsein notwendig und hineichend ist" (zitiert in Blocks Aufsatz), sodass die Art des Materials der physischen Mechanismen oder Systeme, die jene Bewusstseinsberechnungen ausführen, völlig unerheblich ist.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 08:04
…Während Anil Seth betont, dass Bewusstsein an Biologie gebunden sein könnte, ist Block offener für andere Materialien, solange sie die „richtige“ Art von Prozessen/Physiologie realisieren. Gemeinsam ist beiden, dass sie Bewusstsein als substratabhängig begreifen.
Was diesen Punkt anbelangt, so ist mir (noch) nicht ganz klar, was genau Block meint:
"0:41:43.4 NB: My fellow traveler, Anil Seth, thinks the substrate, the material, the stuff is what's important. I focus on the mechanisms.

0:41:54.3 SC: Right.

0:41:55.7 NB: So for example, you know, the... Our neural firing, our neurons involve certain ions, calcium, potassium, chloride, et cetera. And maybe neurons could be made out of a different substrate with different ions. Maybe there's some silicon way of doing it. I don't know. I'm not an... I'm not a chemist. So I don't know what could be put together using a different substrate. But the mechanisms, I mean, from my ignorant point of view, maybe there could be something with similar mechanisms but a different substrate. And I think it's the mechanisms that count.

0:42:40.4 SC: Good.

0:42:40.7 NB: Not the substrate."

Quelle: Transkript des Block-Carroll-Gesprächs
Was ist ein Mechanismus?
Nach meinem ontologischen Verständnis bilden (inter-aktive) Objekte/Substanzen die Substrate von Mechanismen. So sind beispielsweise Nervenzellen die materiellen Substrate von Mechanismen des Nervensystems. Block scheint zu meinen, dass es physische Mechanismen geben könnte, die zu Neuromechanismen funktionell-strukturell äquivalent sind, aber andersartige materielle Substrate haben.

Nun ist aber zu unterscheiden zwischen der Möglichkeit alternativer biologischer Substrate und der Möglichkeit nichtbiologischer Substrate von Bewusstseinsmechanismen. Alle uns bekannten Lebensformen sind kohlenstoffbasiert; aber es gibt Spekulationen über die Möglichkeit nicht-kohlenstoffbasierten, sondern z.B. siliziumbasierten Lebens. ("Maybe there's some silicon way of doing it…" – Block)

Wir haben es hier jedenfalls mit zwei unterschiedlichen Behauptungen zu tun:
1. "Bewusstseinsberechnungen" können auch von (natürlichen) alternativbiologischen Mechanismen ausgeführt werden.
2. "Bewusstseinsberechnungen" können auch von (natürlichen oder künstlichen) nichtbiologischen Mechanismen ausgeführt werden.
"Ein Mechanismus ist eine Struktur, die vermöge ihrer Komponenten, ihrer Komponentenoperationen und deren Organisation eine Funktion erfüllt. Das orchestrierte Funktionieren des Mechanismus ist für ein oder mehrere Phänomene verantwortlich." [Google Translate + Consul Translate]

(Bechtel, Wilhelm, & Adele Abrahamsen. "Explanation: A Mechanist Alternative." Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences 36 (2005): 421–441. p. 423)
"Ein Mechanismus für ein Phänomen besteht aus Entitäten (oder Teilen), deren Aktivitäten und Interaktionen so organisiert sind, dass sie für das Phänomen verantwortlich sind." [Google Translate + Consul Translate]

(Glennan, Stuart, & Phyllis Illari. "Introduction: Mechanisms and Mechanical Philosophies." In The Routledge Handbook of Mechanisms and Mechanical Philosophy, ed. by Stuart Glennan and Phyllis Illari, 1-19. London: Routledge, 2018. p. 2)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2207
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 7. Jan 2026, 23:12

Consul hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 20:44
Was ist (Sinnes-)Wahrnehmung?
"Wahrnehmung….Der Begriff Wahrnehmung ist unscharf definiert.…." – Dorsch Lexikon der Psychologie
Es scheint, dass viele psychologische Hauptbegriffe unscharf oder uneindeutig definiert sind, darunter Kognition und Intelligenz.
"Mangelhafte Definitionen kognitiver Konstrukte

Um in der Wissenschaft ein hohes Maß an theoretischer Präzision zu erreichen, ist es unerlässlich, dass die Dimensionen und Eigenschaften ihrer Variablen präzise definiert werden. Dennoch wimmelt es in der Psychologie von ungenau definierten Begriffen wie Aufmerksamkeit, Denken, Emotion und Bewusstsein, die auf einem hohen Abstraktionsniveau liegen, und von Wörtern wie Lernen, Erkennen, Detektion, Abruf und Konditionierung, die eher operational definiert sind. Viele kognitive Begriffe haben mehrere Bedeutungen, die je nach Forschungsziel variieren. So listete Vimal (2009) beispielsweise 40 verschiedene Bedeutungen des Wortes „Bewusstsein“ auf. Uttal (2011) führte als weiteres Beispiel 41 verschiedene Bedeutungen des Wortes „Lernen“ auf. Ein weiteres Problem besteht jedoch darin, dass keiner dieser fluktuierenden kognitiven Begriffe notwendigerweise direkt neuronalen Mechanismen zugeordnet werden kann. Das heißt, was für einen Psychologen ein fundamentaler elementarer Prozess oder eine Fähigkeit ist, kann für das Gehirn etwas ganz anderes bedeuten. Kurz gesagt, unsere Verhaltensklassifikationen und die des Gehirns sprechen möglicherweise nicht dieselbe Sprache.

Oosterwijk et al. (2012) haben einen neuen Ansatz entwickelt, um zu verdeutlichen, wie sich dieser Mangel an Isomorphie zwischen kognitiven und neuronalen Vokaubularen auf unser Denken auswirkt. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Suche nach der Zuordnung spezifischer kognitiver Konstrukte zu bestimmten Hirnregionen im Allgemeinen erfolglos geblieben ist. Daher schlossen sie sich denjenigen an, die die Ideen einer alternativen Hypothese unterstützen – nämlich, dass psychologische Konstrukte durch ein verteiltes Reaktionsmuster kodiert werden, das von allgemeinen neuronalen Mechanismen ausgeführt wird. Eine Konsequenz einer solchen Schlussfolgerung ist, dass, so sehr wir auch versuchen mögen, unsere psychologischen Taxonomien zu modularisieren (eine Tradition, die auf Aristoteles’ Fakultätspsychologie [Vermögenspsychologie] zurückgeht), kein Grund besteht anzunehmen, dass die mentalen Komponenten vom Nervensystem auf dieselbe Weise zergliedert werden. In den Worten von Oosterwijk et al.: „Das Gehirn respektiert keine Kategorien der Fakultätspsychologie.“

Diese Aussage lässt sich auf zwei für die Diskussion relevante Weisen interpretieren. Erstens sind psychologische Prozesse nicht ausreichend definiert, um sie mit den detaillierten Reaktionen der zugrundeliegenden neuronalen Maschinerie zu verknüpfen. Zweitens ist das Gehirn, wie bereits erwähnt, nicht notwendigerweise in derselben Weise modularisiert wie kognitive Prozesse. Beide Implikationen deuten auf eine grundlegende Diskrepanz zwischen unseren psychologischen und neurophysiologischen Sprachen und Begriffen hin. Die Suche nach lokalisierten psychologischen Konstrukten im anatomischen Gehirn gleicht daher möglicherweise der Suche nach einer Chimäre.

Wer also verlässliche Äquivalenzen oder Korrelationen, geschweige denn Kausalzusammenhänge, zwischen kognitiven Phänomenen und neuronalen Reaktionen finden möchte, benötigt eine höhere Präzision bei der Definition der zentralen Stimulusvariablen eines Experiments. Leider verwenden verschiedene Forscher oft unterschiedliche Terminologien, um ein und denselben kognitiven Prozess zu beschreiben. Die Suche eines Forschers nach Daten, die eine Theorie der Entscheidungsfindung stützen, kann beispielsweise operational nicht von den Bemühungen eines anderen Forschers zur Untersuchung der Aufmerksamkeit zu unterscheiden sein. Dies ist das Gegenteil des zusätzlichen Problems, bei dem dieselben Begriffe verwendet werden können, um etwas zu definieren, das operational sehr unterschiedliche kognitive Prozesse sein kann.

Daher müssen wir davon ausgehen, dass die kognitive Neurowissenschaft ebenso stark von der Unschärfe der psychologischen Sprache beeinflusst wird wie von der Verfügbarkeit ihrer Instrumente. Die Klärung psychologischer Definitionen und Konstrukte sollte daher eine Priorität sein, insbesondere für diese Wissenschaft. Dennoch wird diese wichtige Aufgabe von fast allen Psychologen und kognitiven Neurowissenschaftlern vernachlässigt. Derzeit werden psychologische Begriffe größtenteils durch die Operationen definiert, die bei der Durchführung eines Experiments erforderlich sind. Dies kann zu gravierenden Verwirrungen in der Definition führen, indem sowohl hypothetische Konstrukte geschaffen als auch reale Konstrukte ignoriert werden." [Google + Consul Translate]

(Uttal, William R. The Neuron and the Mind: Microneuronal Theory and Practice in Cognitive Neuroscience. New York: Routledge, 2017. pp. 12-3)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1999
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Do 8. Jan 2026, 07:57

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 09:20
Wichtig: Intentionalität ist nicht synonym mit dem Haben von Absichten. ...
Burkart hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 21:41
"„Intention“ bedeutet vor allem Absicht, also das, was jemand mit einer Handlung, Äußerung oder einem Werk erreichen will."
Soweit eben kurz Perplexity ....
Mal sehen, was perplexity bei mir ausgibt:
perplexity hat geschrieben : Intentionalität bezeichnet in der Philosophie die Eigenschaft von Bewusstsein und sprachlichen Ausdrücken, sich auf etwas zu richten – auf Gegenstände, Sachverhalte, Ereignisse oder Bedeutungen. Gemeint ist also nicht „Absicht“ im alltagssprachlichen Sinn, sondern die strukturelle Gerichtetheit mentaler oder sprachlicher Akte auf ein Objekt oder einen Gehalt.

Grundidee

- Bewusste Zustände sind immer „von etwas“ oder „über etwas“: Man glaubt, dass es regnet, hofft auf Urlaub, fürchtet sich vor einer Prüfung, denkt an einen Freund. In all diesen Fällen ist der mentale Zustand auf etwas gerichtet, das sein sogenanntes intentionales Objekt bildet.
- Diese **Gerichtetheit** unterscheidet mentale Phänomene von rein physischen Vorgängen wie etwa einem Stein, der zu Boden fällt, der sich auf nichts „bezieht“.

Historischer Kern (Brentano, Husserl)

- Franz Brentano hat den Begriff im 19. Jahrhundert wieder eingeführt und behauptet, Intentionalität sei das „Merkmal des Mentalen“: Jedes psychische Phänomen ist Beziehung auf einen Inhalt oder Richtung auf ein Objekt. Ein Urteil, eine Vorstellung oder ein Wunsch sind demnach immer auf etwas gerichtet, auch wenn dieses etwas nur vorgestellt ist.
- Edmund Husserl macht Intentionalität zum Grundbegriff der Phänomenologie: Bewusstsein ist immer Bewusstsein *von* etwas; durch die Vielfalt intentionaler Akte (Wahrnehmen, Erinnern, Urteilen usw.) konstituiert sich für uns die Welt der Gegenstände.

Abgrenzung zur „Absicht“

- Im Alltagsdeutsch klingt im Wort Intentionalität „Intention“ = Absicht mit, weshalb es leicht mit planvollem Handeln verwechselt wird. Philosophisch meint der Ausdruck aber weiter: Auch unfreiwillige Gefühle, spontane Gedanken oder bloße Vorstellungen sind intentional, sofern sie sich auf etwas beziehen.
- Absicht ist daher nur ein Spezialfall von Intentionalität: Wer etwas absichtlich tut, handelt auf ein Ziel hin; aber auch jemand, der sich unbeabsichtigt an etwas erinnert, hat einen intentionalen Bewusstseinsakt (Erinnern an X), ohne dass er diesen Akt geplant hätte.

Beispiele

- Wahrnehmung: „Ich sehe einen Baum“ – der Wahrnehmungsakt ist auf den Baum gerichtet, selbst wenn die Wahrnehmung sich irrt (z.B. bei schlechter Sicht).
- Glaube/Überzeugung: „Ich glaube, dass noch Milch im Kühlschrank ist“ – der Gedanke bezieht sich auf Kühlschrank, Milch und den Sachverhalt, dass noch Milch vorhanden ist und kann deswegen wahr oder falsch sein.
- Sprache: Sätze wie „Es regnet“ oder „Die Erde ist rund“ haben einen propositionalen Gehalt, auf den sich Glaube, Zweifel, Hoffnung usw. richten können; auch hier spricht man von intentionalen Zuständen.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1999
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Do 8. Jan 2026, 09:00

Consul hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 20:51
Der Unterschied zwischen bewusster Wahrnehmung und unbewusster Wahrnehmung besteht darin, dass erstere empfindungshaltig ist und somit subjektiv erlebt wird, während letztere nicht empfindungshaltig ist und somit nicht subjektiv erlebt wird.
Hier sollte man meines Erachtens noch deutlich machen, dass es unbewusste Wahrnehmung nur dort gibt, wo es auch bewusste Wahrnehmung gibt. Auch ein Stein kann kausal beeinflusst werden, etwa wenn steter Tropfen ihn höhlt, doch es wäre abwegig, dies als eine unbewusste Wahrnehmung zu klassifizieren. Bewusstes und Unbewusstes sind unterschiedliche Modi eines Geistes. Das Unbewusste ist logisch und ontologisch an das Bewusste gebunden. John Searle macht dies beispielsweise in „Die Wiederentdeckung des Geistes“ deutlich, indem er darauf hinweist, dass das Unbewusste nur als ein Zustand verstanden werden kann, der prinzipiell dem Bewusstsein zugänglich ist oder zu einem Wesen gehört, das zur Bewusstheit fähig ist. Ein unbewusster mentaler Zustand ist immer noch ein mentaler Zustand.

Dieser Zusammenhang ist wichtig, weil immer wieder argumentiert wird, dass wir selbst auch unbewusste Wahrnehmungen haben. Daraus wird dann fälschlicherweise geschlossen, Bewusstsein sei für Wahrnehmung gar nicht notwendig. In einem weiteren Schritt wird gefolgert, auch Roboter nähmen daher wahr, auch wenn es unbewusst geschieht. Das ist ein klarer Fehlschluss. Roboter „verarbeiten“ Informationen und reagieren mechanisch auf „Umwelteindrücke“, doch das ist weit davon entfernt, wirkliche Wahrnehmung zu sein. Wahrnehmung ist eine Form von Intentionalität. Würden wir beim Stein oder beim Roboter von „unbewusster Wahrnehmung“ sprechen, dehnten wir den Begriff der Wahrnehmung so weit, dass er jede kausale Interaktion umfasste. Dann würde auch die Erdscholle, die unter dem Druck der Tektonik nachgibt, die Verschiebung „wahrnehmen“. Damit verlöre der Begriff jedoch vollständig seinen Sinn.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1999
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Do 8. Jan 2026, 09:08

Burkart hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 21:41
Schau dir einfach mal ein RoboCup-Fußball-Spiel mit echten Robotern an, dann weißt du, was ich meine.
Ich muss nicht extra begründen, dass die Roboter den Fußball erkennen können; anders könnten sie gar nicht spielen.
Und dass sie (zumindest die Angreifer) versuchen (mal) auf's Tor zu schließen, ist auch selbstverständlich, sonst wären sie schlecht programmiert bzw. das ganze Spiel sinnlos.
Na doch, es geht auch anders – nämlich so, wie es sich heute tatsächlich vollzieht: ohne jede Form von Intentionalität. Bei den Robotern ist niemand „zu Hause“; sie versuchen nichts, sie spielen nicht, sie erkennen nichts. Es handelt sich um vollständig anonyme Prozesse. Die Maschinen bewegen sich so durch den Raum, als ob sie spielten; das mag so erscheinen. Rein funktionales Verhalten (wie das „Schießen aufs Tor“) impliziert jedoch noch keine genuine Intentionalität, sondern lediglich eine programmierte Abfolge von Zuständen, ohne jeden Gehalt.

Das Spiel ist durchaus sinnvoll, jedoch nicht für die Maschinen selbst, sondern ausschließlich für diejenigen, die sie bauen und programmieren. Den Maschinen ist alles egal; sie haben für Sinn keinen Sinn.

Diese Unterscheidung zwischen „Funktionalität“ und „Intentionalität“ ist keine bloße Begriffsklauberei, sondern in der Sache zentral. Darauf verweist auch der Bericht des Deutschen Ethikrats, über den wir in einem anderen Faden diskutieren. Dort heißt es:
  • KI-Algorithmen bzw. verteilte Mensch-KI-Systeme können demnach für ihre „Handlungen“ zwar accountable, aber nicht responsible sein, da ihnen die Intentionalität fehle. [Bitte die Anführungszeichen nicht überlesen!]
Die Begriffe accountable und responsible sind allerdings nur schwer ins Deutsche zu übertragen, ohne falsche Signale zu senden. Accountable meint hier nicht Verantwortung in dem Sinn, dass Messi das Tor dank einer raffinierten Körpertäuschung geschossen hat, sondern in meiner Interpretation etwa: Die Maschine X (und nicht etwa Y) hat das „Tor“ gemäß ihrer Programmierung verursacht. Responsible bezeichnet demgegenüber Verantwortung im eigentlichen Sinn, also eine Handlungszuschreibung („Messi war’s“), die Intentionalität voraussetzt. Genau diese fehlt Maschinen.

--------------------

Man könnte fast sagen: Es ist eine Aufgabe der Philosophie, für ganz unterschiedliche Sachverhalte – die oberflächlich ähnlich wirken – die passenden Begriffe zu finden, gerade weil Begriffsverwischungen moralisch problematische Folgen haben können. Genau aus diesem Grund ist eine solche Analyse auch eine Aufgabe des Ethikrats.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1999
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Do 8. Jan 2026, 13:52

Consul hat geschrieben :
Mi 7. Jan 2026, 22:23
Mechanismus
Mechanismus ist meines Erachtens so ungefähr das Gegenteil von allem Lebendigen, Vernünftigen, Emotionalen, Intentionalen, ... Wenn ich besipielsweise ein Gedicht lese, erlebe, darüber staune, was sicher "Bewusstseinsakte" sind, dann haben diese "Bewusstseinsakte" nichts Mechanisches und keinen Mechanismus. Einen Mechanismus zu unterstellen, heißt hier, den Gegenstand zu verfehlen.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Antworten