Was ist Bewusstsein?

Was ist Bewusstsein? Eine Frage, die nach wie vor ungeklärt ist.
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Mi 10. Dez 2025, 19:18

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 9. Dez 2025, 19:42
Auf die Frage "Können wir das Bewusstsein im Gehirn sehen?" antwortete Anil Seth, dass wir die "Fingerabdrücke, die Fußspuren, wenn man so will, des Bewusstseins im Gehirn sehen" können. Aber ihr macht auch klar deutlich, dass nichts von dem, was man dort sehen kann, das Bewusstsein selbst ist. Die Antwort lautet also schlicht: Nein.
Damit sind wir beim ontologischen Dualismus.
"My preferred philosophical position, and the default assumption of many neuroscientists, is physicalism. This is the idea that the universe is made of physical stuff, and that conscious states are either identical to, or somehow emerge from, particular arrangements of this physical stuff. Some philosophers use the term materialism instead of physicalism, but for our purposes they can be treated synonymously."

(Seth, Anil. Being You: A New Science of Consciousness. New York: Dutton, 2021. pp. 18-9)
Seth zählt sich also zu den Physikalisten/Materialisten, wobei mit der Aussage, "conscious states are either identical to, or somehow emerge from, particular arrangements of this physical stuff," zwei verschiedene Positionen erwähnt werden; denn Identität und (ontische) Emergenz schließen einander aus. Der eigenschaftsmonistische reduktive Materialismus ist nicht dasselbe wie der eigenschaftsdualistische emergentive Materialismus.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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Mi 10. Dez 2025, 19:26

Burkart hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 11:52
Tja, ihr klammert euch bei "Bewusstsein" und "Intelligenz" halt sehr an Leben bzw. Substrat. Ich betrachte es funktional: Wenn ein System die reale Welt wahrnehmen und für sich die Daten verarbeiten kann, hat es Bewusstsein, gerne mal mehr, mal weniger.
Phänomenales Bewusstsein (= subjektives Erleben) besteht in mehr als perzeptiv-kognitiven Funktionen. Es gibt phänomenal unbewusste Wahrnehmung.



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Burkart
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Mi 10. Dez 2025, 20:42

Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 19:26
Burkart hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 11:52
Tja, ihr klammert euch bei "Bewusstsein" und "Intelligenz" halt sehr an Leben bzw. Substrat. Ich betrachte es funktional: Wenn ein System die reale Welt wahrnehmen und für sich die Daten verarbeiten kann, hat es Bewusstsein, gerne mal mehr, mal weniger.
Phänomenales Bewusstsein (= subjektives Erleben) besteht in mehr als perzeptiv-kognitiven Funktionen. Es gibt phänomenal unbewusste Wahrnehmung.
Ja, un(ter)bewusste Wahrnehmung bzw. insgesamt Un(ter)bewusstsein rundet unser Bewusstsein sozusagen ab. Alles im Bewusstsein zu haben dürfte einfach zu viel sein bzw. nicht gehen, platt gesagt.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Jörn P Budesheim
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Do 11. Dez 2025, 07:19

Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 18:32
Die verträumten Panpsychisten ...
Ich habe viel Arbeit und Zeit in meinen Beitrag investiert und war auf deine Antworten sehr gespannt. Nach diesem Einstieg habe ich allerdings die Lektüre gleich wieder beendet und vertage sie.



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Do 11. Dez 2025, 09:16

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 11. Dez 2025, 07:19
Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 18:32
Die verträumten Panpsychisten ...
Ich habe viel Arbeit und Zeit in meinen Beitrag investiert und war auf deine Antworten sehr gespannt. Nach diesem Einstieg habe ich allerdings die Lektüre gleich wieder beendet und vertage sie.
Wie du willst. Zu deiner Information: Auch ich habe Arbeit und Zeit in meine Antworten auf deine Beiträge in den diversen Themensträngen investiert!

Wenn du von mir erwartest, dass ich den Panpsychismus ernst nehme, dann werde ich dich allerdings enttäuschen. Er gehört zu denjenigen Ismen, die ich nach eingehender Beschäftigung damit ad acta gelegt habe, weil ich sie für hoffnungslos unglaubwürdig halte.



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Do 11. Dez 2025, 11:02

@Jörn:
Wenn es um deine starke Abneigung gegen den reduktiven Materialismus geht, dann nimmst du ja auch kein Blatt vor den Mund.



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Jörn P Budesheim
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Do 11. Dez 2025, 11:12

Consul hat geschrieben :
Do 11. Dez 2025, 09:16
Wenn du von mir erwartest, dass ich den Panpsychismus ernst nehme, dann werde ich dich allerdings enttäuschen.
(1) Du sprichst nicht den Panpsychismus an, sondern die Panpsychisten – und nennst sie "verträumt". Das ist ein ad hominem. Panpsychisten unterschiedlichster Couleur wie Galen Strawson, Philip Goff oder David Chalmers liefern nach dem, was ich mir angeschaut habe, präzise, nachvollziehbare Argumente und scheuen sich nicht, Probleme ihrer eigenen Position offen zu benennen. Man kann ihre Position ablehnen, aber sie als verträumt abzutun, wird ihnen nicht gerecht.

(2) Aber warum genau erwähnst du sie überhaupt? Mein Beitrag zur Schmerzlokalisation bezieht sich an keiner einzigen Stelle auf den Panpsychismus.
Consul hat geschrieben :
Do 11. Dez 2025, 09:16
Auch ich habe Arbeit und Zeit in meine Antworten auf deine Beiträge in den diversen Themensträngen investiert!
Daran zweifle ich nicht und das schätze ich auch sehr. Es schmälert aber nicht meinen eigenen Aufwand.



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Do 11. Dez 2025, 15:06

Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 19:18
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 9. Dez 2025, 19:42
Auf die Frage "Können wir das Bewusstsein im Gehirn sehen?" antwortete Anil Seth, dass wir die "Fingerabdrücke, die Fußspuren, wenn man so will, des Bewusstseins im Gehirn sehen" können. Aber ihr macht auch klar deutlich, dass nichts von dem, was man dort sehen kann, das Bewusstsein selbst ist. Die Antwort lautet also schlicht: Nein.
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Nicht wirklich, welche Metaphysik auch immer jemand vertritt, wer ins Gehirn schaut, sieht kein Bewusstsein.



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Jörn P Budesheim
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Do 11. Dez 2025, 16:37

Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 18:32
Mit "Schmerz" meine ich einzig und allein eine Schmerzempfindung, einen Schmerzeindruck als eine subjektive Erfahrung.
Das ergibt für mich keinen Sinn. Wir betrachten hier ein Ganzes, was jedes Teil daraus ist, verdankt es diesem Ganzen in seiner Mit- und Umwelt. Daraus kannst du nicht sinnvollerweise etwas herauslösen, ohne es in seinem Sein zu ändern. Das ist so ähnlich wie beim Schachspiel: Der Springer ist zwar der Springer und er steht gerade auf f7. Aber all das ist nur verständlich im Gesamtzusammenhang des Spiels. Weil es eben auch die 63 anderen Felder gibt und die anderen Figuren, sowie die Regeln, die Strategie und so weiter und so fort.

Eine Schmerzempfindung setzt bereits ein Subjekt der Schmerzempfindung voraus, für welches der Schmerz eine unangenehme Beeinträchtigung bedeutet. Schmerz hat intrinsisch eine intentionale Struktur, etwas ist für jemanden eine Beeinträchtigung, eine Verletzung; ohne diese erlebte Struktur eines verkörperten Subjekts, dem es in seinem Dasein um etwas geht, liegt gar kein Schmerz vor.

Ohne diese Perspektive haben wir nur anonyme chemische Prozesse. Was du da in den Blick nehmen willst, ist weit davon entfernt, überhaupt eine Schmerzempfindung zu sein. Du kannst nicht von Schmerzen sprechen und alle Voraussetzungen, die dieser Begriff mit sich bringt, ignorieren.

Aliens, die selbst keinen Schmerz kennen, weil sie keine körperlichen Beeinträchtigung kennen, wüssten gar nicht, was sie betrachten, so perfekt und detailliert ihre Scanner, die sie auf uns richten, auch wären. Mit dem berühmten Blick von nirgendwo bekommen wir uns selbst nicht in den Blick.



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Jörn P Budesheim
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Fr 12. Dez 2025, 10:08

Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 18:32
"Ihr Gehirn konstruiert aktiv Ihre Erfahrungen. …Sie empfinden sie mit Ihrem Gehirn." (Lisa Feldman Barrett)
Ja, das Buch wimmelt nur so vor philosophisch Fragwürdigem; ich habe es trotzdem mit Gewinn gelesen, die diversen seltsamen Formulierungen habe ich alle rausgerechnet, soweit es ging.

Sie schreibt zum Beispiel: "Kleine Gehirne benötigen ein soziales Umfeld, um sich normal zu entwickeln. Wie wir bereits gesehen haben, brauchen Babys bestimmten Input von außen, zum Beispiel Lichtphotonen auf ihrer Netzhaut, um eine normale Sehfähigkeit zu entwickeln. Sie brauchen auch den sozialen Input von anderen Menschen, die ihre Aufmerksamkeit lenken, mit ihnen reden, ihnen vorsingen und sie in bestimmten Augenblicken in den Arm nehmen. Andernfalls geht etwas ganz furchtbar schief."

Hier merkt sie mitten im Absatz selbst, dass nicht die Gehirne angesprochen, besungen oder auf den Arm genommen werden, sondern Babys. Genau deshalb kann es auch nicht ohne Weiteres stimmen, dass „das Gehirn die Erfahrungen konstruiert", wie im ersten Zitat behauptet wird. Das Gehirn ist ja seinerseits sozial hervorgebracht worden. Ohne Liebe kein gesundes Gehirn. Worauf ein Baby (und nicht etwa sein Gehirn) seine Aufmerksamkeit richtet, lernt es – wie vieles andere – im sozialen Umfeld; selbstverständlich spiegelt sich das auch im Gehirn wider. Doch an anderer Stelle kann man diesen sozialen Mit-Ursprung dann nicht einfach ausblenden – zumal Feldman Barrett an verschiedenen Stellen ausdrücklich auf unsere grundlegende Sozialität hinweist.
Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 18:32
Das scheint völlig im Einklang mit meinem "Zerebralismus" in Bezug auf das phänomenale Bewusstsein zu stehen.
Nein, der Absatz, den du zitierst, steht damit keineswegs im Einklang. Sie schreibt: "...Ihre Schmerzen, Ihre Ängste und andere innere Empfindungen sind eine Kombination dessen, was in Ihrem Gehirn vorgeht, und dessen, was tatsächlich in Ihren Lungen, Ihrem Herzen, Ihren Eingeweiden, Ihren Muskeln etc. passiert. Ihr Gehirn stellt Informationen aus früheren Erfahrungen zur Verfügung, die Ihnen erlauben, diesen Empfindungen einen Sinn zu geben."

Aber das ist kein "Zerebralismus", es ist meiner Ansicht nach das ganze Gegenteil, wie dir anscheinend selbst aufgefallen ist ("Verständnisproblem") denn der ganze Körper ist gemäß Feldman Barrett involviert:"Ihre Schmerzen sind eine Kombination dessen, was in Ihrem Gehirn vorgeht, und dessen, was tatsächlich in Ihren Lungen, Ihrem Herzen, Ihren Eingeweiden, Ihren Muskeln etc. passiert." Und frühere Erfahrungen gehören ebenfalls dazu, wie sie schreibt. Der ganze Mensch als soziales Wesen ist involviert. Und natürlich: "Das Verhalten eines komplexen Systems ist mehr als die Summe seiner Bestandteile."



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Fr 12. Dez 2025, 14:47

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 11. Dez 2025, 11:12
Consul hat geschrieben :
Do 11. Dez 2025, 09:16
Wenn du von mir erwartest, dass ich den Panpsychismus ernst nehme, dann werde ich dich allerdings enttäuschen.
(1) Du sprichst nicht den Panpsychismus an, sondern die Panpsychisten – und nennst sie "verträumt". Das ist ein ad hominem. Panpsychisten unterschiedlichster Couleur wie Galen Strawson, Philip Goff oder David Chalmers liefern nach dem, was ich mir angeschaut habe, präzise, nachvollziehbare Argumente und scheuen sich nicht, Probleme ihrer eigenen Position offen zu benennen. Man kann ihre Position ablehnen, aber sie als verträumt abzutun, wird ihnen nicht gerecht.
"Der Panpsychismus ist gewiss eine der schönsten und verlockendsten Weltanschauungen, die je erdacht wurden; und er hat durchaus seine nachvollziehbaren Beweggründe. Es gibt gute Argumente dafür, und es wäre wunderbar, wenn er wahr wäre – theoretisch, ästhetisch, menschlich. Jeder nachdenkliche Mensch spürt hin und wieder die Anziehungskraft des Panpsychismus. Er ist fast so gut wie der Pantheismus! Das Problem ist nur, dass er ein reiner Mythos ist, ein tröstlicher, aber völliger Unsinn. Tut mir leid, Galen, aber ich kann damit einfach nichts anfangen (und hat diese Lehre nicht etwas leicht Hippiehaftes, also irgendwie Abgedrehtes an sich?)." [Google Translate]

(McGinn, Colin. "Hard Questions: Comments on Galen Strawson." Journal of Consciousness Studies 13, no. 10/11 (2006): 90–99. p. 93)
Fußnote:
Ich bin weiterhin ein nachdenklicher Mensch, aber die "Anziehungskraft" des Panpsychismus spüre ich schon lange nicht mehr.



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Fr 12. Dez 2025, 14:58

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 11. Dez 2025, 15:06
Nicht wirklich, welche Metaphysik auch immer jemand vertritt, wer ins Gehirn schaut, sieht kein Bewusstsein.
Der Zentralzustands-Materialismus (Central-State Materialism) ist "die Ansicht, die mentale Zustände mit rein physischen Zuständen des zentralen Nervensystems gleichsetzt." [meine Übers.]

(Armstrong, D. M. A Materialist Theory of the Mind. London: Routledge & Kegan Paul, 1968. p. 73)
Wenn der Zentralzustands-Materialismus (äquative/reduktive Materialismus) wahr ist, dann sind Bewusstseinsphänomene als eine besondere Art neurologischer Phänomene grundsätzlich (mit technischer Hilfe) visualisierbar.
"Neuroimaging (Neurobildgebung) ist ein Oberbegriff für bildgebende Verfahren, die die Struktur und Funktion des Gehirns und Nervensystems visualisieren, um Krankheiten zu diagnostizieren und die Gehirngesundheit zu untersuchen; es umfasst strukturelle Methoden wie MRT und CT (zeigt Anatomie) sowie funktionelle Techniken wie fMRI, EEG, PET und MEG, die Gehirnaktivität, Durchblutung und Stoffwechsel abbilden, um kognitive Prozesse und neurologische Erkrankungen zu verstehen."
—Google KI-Suche



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Jörn P Budesheim
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Siehste, du siehst nichts, zumindest kein Bewusstsein.



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Fr 12. Dez 2025, 15:30

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 11. Dez 2025, 16:37
Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 18:32
Mit "Schmerz" meine ich einzig und allein eine Schmerzempfindung, einen Schmerzeindruck als eine subjektive Erfahrung.
Das ergibt für mich keinen Sinn. Wir betrachten hier ein Ganzes, was jedes Teil daraus ist, verdankt es diesem Ganzen in seiner Mit- und Umwelt. Daraus kannst du nicht sinnvollerweise etwas herauslösen, ohne es in seinem Sein zu ändern.…
Schmerzen haben zwar auch einen intentionalen/repräsentationalen Aspekt und einen motivationalen Aspekt, aber ich spreche von Schmerzen an und für sich als einer Art subjektiver Erfahrungen. Schmerzen ("Schmerzqualia") sind Teil eines neurophysiologischen "Schmerzkomplexes", der auch unbewusste Schmerzreize (nozizeptive Stimuli) und unbewusste nozizeptive Prozesse umfasst; aber—wie gesagt—ein Schmerz als solcher besteht in nichts weiter als einer bewussten Schmerzempfindung (Schmerzgefühl). Alles andere "drum herum" ist nicht der Schmerz selbst.

Hier ist die in Fachkreisen verwendete Definition von "Schmerz" der International Association for the Study of Pain:
"Pain = An unpleasant sensory and emotional experience associated with, or resembling that associated with, actual or potential tissue damage."

Quelle: https://www.iasp-pain.org/resources/terminology/
"Nach der Begriffserklärung der Weltschmerzorganisation (IASP = International Association for the Study of Pain) ist Schmerz ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer tatsächlichen oder drohenden Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird. Diese Begriffserklärung ist seit vielen Jahren gültig und beschreibt verschiedene Anteile dessen, was im Erleben von Schmerz Bedeutung hat."

Quelle: https://www.schmerzgesellschaft.de/pati ... st-schmerz."



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Jörn P Budesheim
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Fr 12. Dez 2025, 16:05

Consul hat geschrieben :
Fr 12. Dez 2025, 15:30
Schmerzen haben zwar auch einen intentionalen/repräsentationalen Aspekt und einen motivationalen Aspekt, aber ich spreche von Schmerzen an und für sich als einer Art subjektiver Erfahrungen.
So etwas gibt es gar nicht. Und die Definition, die Du anführst, beschreibt das ja auch nicht. Es gibt keinen Schmerz an und für sich. Schmerz ist immer der Schmerz eines Lebewesens, der für dieses unangenehm ist und auf ein tatsächlich oder vermeintliches Problem oder eine Schädigung hinweist. Diese intentionalen Strukturen sind Teil des erlebten Schmerzes selbst, der immer Teil eines Lebens in einer Umwelt und einer Geschichte ist.



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Fr 12. Dez 2025, 17:27

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 12. Dez 2025, 10:08
Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 18:32
"Ihr Gehirn konstruiert aktiv Ihre Erfahrungen. …Sie empfinden sie mit Ihrem Gehirn." (Lisa Feldman Barrett)
Ja, das Buch wimmelt nur so vor philosophisch Fragwürdigem; ich habe es trotzdem mit Gewinn gelesen, die diversen seltsamen Formulierungen habe ich alle rausgerechnet, soweit es ging.
Die beiden oben zitierten Aussagen sind für mich nicht fragwürdig; denn sie unterstreichen meine Behauptung, dass das Gehirn (und nur das Gehirn) das Organ (die "Fabrik") des Geistes und des Bewusstseins ist.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 12. Dez 2025, 10:08
…Hier merkt sie mitten im Absatz selbst, dass nicht die Gehirne angesprochen, besungen oder auf den Arm genommen werden, sondern Babys. Genau deshalb kann es auch nicht ohne Weiteres stimmen, dass „das Gehirn die Erfahrungen konstruiert", wie im ersten Zitat behauptet wird. Das Gehirn ist ja seinerseits sozial hervorgebracht worden. Ohne Liebe kein gesundes Gehirn. Worauf ein Baby (und nicht etwa sein Gehirn) seine Aufmerksamkeit richtet, lernt es – wie vieles andere – im sozialen Umfeld; selbstverständlich spiegelt sich das auch im Gehirn wider. Doch an anderer Stelle kann man diesen sozialen Mit-Ursprung dann nicht einfach ausblenden – zumal Feldman Barrett an verschiedenen Stellen ausdrücklich auf unsere grundlegende Sozialität hinweist.
Ich glaube, Barrett ist sich dessen voll bewusst, dass Babys keine körperlosen Gehirne sind, und dass Gehirne mit ihren Körpern und diese mit ihren Umwelten interagieren. Nichtsdestoweniger ist und bleibt das Gehirn das Organ—die unmittelbare Quelle und der vollständige Sitz—des Geistes und des Bewusstseins.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 12. Dez 2025, 10:08
Consul hat geschrieben :
Mi 10. Dez 2025, 18:32
Das scheint völlig im Einklang mit meinem "Zerebralismus" in Bezug auf das phänomenale Bewusstsein zu stehen.
Nein, der Absatz, den du zitierst, steht damit keineswegs im Einklang. Sie schreibt: "...Ihre Schmerzen, Ihre Ängste und andere innere Empfindungen sind eine Kombination dessen, was in Ihrem Gehirn vorgeht, und dessen, was tatsächlich in Ihren Lungen, Ihrem Herzen, Ihren Eingeweiden, Ihren Muskeln etc. passiert. Ihr Gehirn stellt Informationen aus früheren Erfahrungen zur Verfügung, die Ihnen erlauben, diesen Empfindungen einen Sinn zu geben."

Aber das ist kein "Zerebralismus", es ist meiner Ansicht nach das ganze Gegenteil, wie dir anscheinend selbst aufgefallen ist ("Verständnisproblem") denn der ganze Körper ist gemäß Feldman Barrett involviert:"Ihre Schmerzen sind eine Kombination dessen, was in Ihrem Gehirn vorgeht, und dessen, was tatsächlich in Ihren Lungen, Ihrem Herzen, Ihren Eingeweiden, Ihren Muskeln etc. passiert." Und frühere Erfahrungen gehören ebenfalls dazu, wie sie schreibt. Der ganze Mensch als soziales Wesen ist involviert. Und natürlich: "Das Verhalten eines komplexen Systems ist mehr als die Summe seiner Bestandteile."
Dass das Gehirn von exogenen Signalen oder Informationen beeinflusst wird, steht nicht infrage; aber das "Involviertsein" des ganzen Körpers besteht sicher nicht darin, dass die direkten, unmittelbaren kausalen/konstitutiven Mechanismen von Schmerzen oder sonstiger Bewusstseinsinhalte über den ganzen Körper verteilt sind.
Ich bezweifle, dass Barrett mit ihrer Rede von einer "Kombination" meint, dass sich jene spezifischen Mechanismen teilweise innerhalb des Gehirns und teilweise außerhalb davon befinden.

Fußnote:
Die direkten, unmittelbaren Bewusstseinsmechanismen entsprechen den "neuronalen Korrelaten des Bewusstseins".
"The neuronal correlates of consciousness (NCC) are the minimum neuronal mechanisms jointly sufficient for any one specific conscious experience.
It is important to distinguish full NCC (the neural substrate supporting experience in general, irrespective of its specific content), content-specific NCC (the neural substrate supporting a particular content of experience – for example, faces, whether seen, dreamt or imagined) and background conditions (factors that enable consciousness, but do not contribute directly to the content of experience – for example, arousal systems that ensure adequate excitability of the NCC)."
———
"Die neuronalen Korrelate des Bewusstseins (NKB) sind die minimalen neuronalen Mechanismen, die gemeinsam für eine bestimmte bewusste Erfahrung ausreichen.
Es ist wichtig, zwischen vollständigen NKB (dem neuronalen Substrat, das Erfahrungen im Allgemeinen unabhängig von ihrem spezifischen Inhalt ermöglicht), inhaltsspezifischen NKB (dem neuronalen Substrat, das einen bestimmten Erfahrungsinhalt unterstützt – beispielsweise Gesichter, ob gesehen, geträumt oder vorgestellt) und Hintergrundbedingungen (Faktoren, die Bewusstsein ermöglichen, aber nicht direkt zum Erfahrungsinhalt beitragen – beispielsweise Erregungssysteme, die eine ausreichende Erregbarkeit der NKB gewährleisten) zu unterscheiden." [Google Translate]

Quelle: https://www.nature.com/articles/nrn.2016.22



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Fr 12. Dez 2025, 18:01

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 12. Dez 2025, 15:07
Siehste, du siehst nichts, zumindest kein Bewusstsein.
Das obige Video zeigt eine noch sehr primitive Visualisierung von Gehirnaktivität. Es geht aber ums Prinzip, d.h. darum, ob subjektiv erlebte Bewusstseinsvorgänge grundsätzlich visualisierbar sind – was der Fall ist, wenn Bewusstseinsvorgänge an sich Nervenvorgänge (ohne irreduzible Qualia) im Sinn des äquativen/reduktiven Materialismus sind.
Das äußere Sehen eines bewussten Nervenvorgangs und das innere Erleben desselben sind natürlich nicht ein und dasselbe. Daraus lässt sich jedoch kein ontologischer Dualismus zwischen Nervenvorgängen und Bewusstseinsvorgängen ableiten.



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Jörn P Budesheim
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Sa 13. Dez 2025, 07:36

Consul hat geschrieben :
Fr 12. Dez 2025, 17:27
Ich bezweifle, dass Barrett mit ihrer Rede von einer "Kombination" meint, dass sich jene spezifischen Mechanismen teilweise innerhalb des Gehirns und teilweise außerhalb davon befinden.
Und genau davon gehe ich aus. Meiner Meinung nach ist das ziemlich offensichtlich wahr. Wobei ich mich allerdings deiner Formulierung von "innerhalb/außerhalb", die ich etwas erstaunlich finde, vorsichtig ausgedrückt, natürlich nicht anschließe. Wie ich das der Sache nach verstehe, habe ich wiederholt zu erklären versucht: Lebewesen sind Organismen, die man nur als Ganze in einer Mit- und Umwelt verstehen kann.

Bei meiner Recherche habe ich mir auch Fachtexte angesehen, die beschreiben, was bei etwas stärkeren Unfällen – etwa einem Sturz vom Fahrrad – im Körper geschieht. Das war für mich allerdings ziemlich schwer zugänglich: zu viele mir unbekannte Fachbegriffe, insgesamt eine Darstellung, die sich mir kaum erschlossen hat. Wie dem auch sei: Schon bei einer eher oberflächlichen Lektüre wurde deutlich, dass jeweils der gesamte Körper in Aufruhr ist. Ich habe übrigens mal eine vergleichbare Erfahrung gemacht und weiß daher aus eigener Anschauung, dass es sich genauso verhält.

(Wir könnten über diesen Zusammenhang auch mal anhand psychosomatischer Phänomene sprechen.)

Ich vermute, dass wir an dieser Stelle einfach nicht weiterkommen. Das hängt vermutlich auch mit deinem Substanzbegriff zusammen und vor allem mit der Tatsache, dass du offenbar nicht anerkennst, dass der menschliche Körper eine Ganzheit in einer Umwelt ist. Das scheint mir sowohl philosophisch als auch biologisch von größter Bedeutung zu sein.



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Jörn P Budesheim
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Sa 13. Dez 2025, 10:11

2. Können wir Bewusstsein im Gehirn sehen?

Was genau ist damit gemeint und was wird stillschweigend vorausgesetzt, damit die Frage überhaupt Sinn ergibt? Wie sollte Bewusstsein etwas sein können, das man sehen kann? Ist es ein raumzeitlich lokalisiertes Ding, das Licht reflektiert, welches in unsere Augen fallen kann? Wie sollte der Gedanke, dass heute ein trüber Tag ist, Licht reflektieren können?

Welche Eigenschaften muss etwas mitbringen, damit man es im konkreten (nicht übertragenen) Sinn von „sehen" sehen kann? Die Zahl π kann beispielsweise niemand sehen, weil sie kein physischer Gegenstand ist.

Kann es sein, dass darin auch eine gewisse Zirkularität steckt, denn Sehen ist ja bekanntlich ein Bewusstseinszustand? Liegt diese Zirkularität darin, dass wir mit einem bewussten Akt (dem Sehen) etwas erfassen wollen, das selbst die Bedingung der Möglichkeit dieses Aktes ist? Wir können zwar unser Bewusstsein auf unser Bewusstsein richten, aber das ist nicht dasselbe wie der Versuch, es zu sehen.

Müsste ich nicht, um das Bewusstsein einer anderen Person zu "sehen" einfach ihre Bewusstseinszustände haben?



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Burkart
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Sa 13. Dez 2025, 10:50

Kann man Politik sehen? Kann man unsere Gesellschaft sehen? Irgendwie erinnert mich die Frage nach dem Bewusstsein daran...



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