Mathematische Punkte sind (im Gegensatz zu mathematischen Linien) nicht 1-dimensional, sondern 0-dimensional. Sie haben weder ein Volumen (>0 m^3) noch eine Oberfläche (>0 m^2), sodass sie nicht anschaulich vorstellbar, sondern nur unanschaulich denkbar sind.Philoxander hat geschrieben : ↑So 8. Feb 2026, 16:01Die Geometrie bietet hierfür eine schöne Metapher. Anschaulich stellt man sich unter einem Punkt ein Objekt mit Elementarvolumen vor.
Unendlicher Raum als 3. Dimension "schreitet zurück" auf die Fläche als 2. Dimension.
Die Fläche als 2. Dimension "schreitet zurück" auf den Punkt als 1. Dimension.
Beim Punkt ist diese Reihe an ihrem Ende angekommen. Das Weiterschreiten (Rückschreiten) ins Unendliche ist nicht möglich.
Was ist Bewusstsein?
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
[Das Folgende knüpft an eine Diskussion im Strang Wer oder was ist "Ich"? an. Ich habe es hier eingefügt, weil es vom dortigen Strangthema zu weit abweicht.]
* Wenn ich nicht bemerke, dass es regnet, dann bin ich mir dessen auch nicht bewusst – und umgekehrt.
* Wenn ich etwas bewusst tue, dann bin ich mir meines Tuns bewusst, da ich es sonst unbewusst täte.
* Ja, ich kann nicht über etwas nachdenken und gleichzeitig über mein Nachdenken nachdenken.
* Ich muss abermals die wichtige Unterscheidung von Reflexion als Introspektion (innere Wahrnehmung, Beobachtung, Beachtung, Bemerkung) und Reflexion als Kogitation (Nachdenkung, Überlegung) erwähnen.
* Locke gehört zu den Vorläufern derjenigen zeitgenössischen Philosophen, die eine Bewusstseinstheorie höherer Ordnung (Higher-Order Theory of Consciousness) vertreten, wobei es unterschiedliche Versionen davon gibt.
* Sich einer Sache bewusst zu sein, und sich ihrer Ursache bewusst zu sein, sind freilich nicht dasselbe.Dynamis hat geschrieben : ↑So 19. Apr 2026, 11:04Nein, da verwechselst du unbemerkt und unbewusst. Die Operationen unseres Geistes werden bewusst ausgeführt, aber das heißt nicht, dass sie uns als solche bewusst sind. Ein Beispiel dafür ist Beethoven, wenn er sich in einen seiner Wutanfälle reinsteigert. Dann ist sein Wutanfall etwas, was ihm bewusst ist. Aber er bemerkt nicht, dass er selbst einen Anteil daran hat, indem er sich über eine Sache aufregt. Er denkt fälschlicherweise, dass dieser Wutanfall ganz von alleine passiert, ohne dass er etwas dafür kann.
* Wenn ich nicht bemerke, dass es regnet, dann bin ich mir dessen auch nicht bewusst – und umgekehrt.
* Wenn ich etwas bewusst tue, dann bin ich mir meines Tuns bewusst, da ich es sonst unbewusst täte.
* Wenn ich beispielsweise etwas "da draußen" sehe, aber mein Sehen "hier drinnen" nicht (im Geringsten) bemerke, beachte oder wahrnehme—d.h. keinerlei Notiz davon nehme—, dann ist es ein Fall von unbewusstem, d.h. subjektiv unerlebtem, empfindungslosem Sehen.Dynamis hat geschrieben : ↑So 19. Apr 2026, 11:04Dass die Operationen unseres Geistes unbemerkt bleiben, hat nicht das Geringste mit dem Unbewussten zu tun. Das ist der ganz alltägliche Normalfall, der eintritt, sobald wir mit den Dingen der Welt da draußen beschäftigt sind. Wenn ich über die Dinge da draußen nachdenke, denke ich nicht gleichzeitig über die Operationen in meinem Geist nach. Ich tue etwas, während ich über die Welt da draußen nachdenke, und das ganz und gar bewusst. Aber was genau ich tue, bleibt dabei zunächst einmal unbemerkt.
Deswegen spricht Locke auch explizit davon, dass Kinder nur wenig Reflexion betreiben. Sie erleben die Welt um sich herum bewusst, aber nicht reflektiert!
Reflexion bedeutet für Locke, dass wir uns der Handlungen bewusst werden, die wir mit unserem Geist durchführen.
* Ja, ich kann nicht über etwas nachdenken und gleichzeitig über mein Nachdenken nachdenken.
* Ich muss abermals die wichtige Unterscheidung von Reflexion als Introspektion (innere Wahrnehmung, Beobachtung, Beachtung, Bemerkung) und Reflexion als Kogitation (Nachdenkung, Überlegung) erwähnen.
* Locke gehört zu den Vorläufern derjenigen zeitgenössischen Philosophen, die eine Bewusstseinstheorie höherer Ordnung (Higher-Order Theory of Consciousness) vertreten, wobei es unterschiedliche Versionen davon gibt.
Übrigens, Leibniz verwendet den Begriff Apperzeption anstelle von Lockes Reflexion. Ohne Apperzeption der Perzeption gibt es nur unbewusste "kleine Wahrnehmungen" ("petites perceptions")."Unmöglich kann jemand wahrnehmen, ohne wahrzunehmen, daß er es tut. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, überlegen oder wollen, so wissen wir, daß wir das tun."
(Locke, John. Versuch über den menschlichen Verstand. [1690.] Band I: Buch I & II. Übers. v. Carl Winckler. Hamburg: Meiner, 1988. S. 420 [B. II, K. XXVII, §9])
"So ist es gut zu unterscheiden zwischen der Perzeption, die der innere Zustand der die äußeren Dinge vorstellenden Monade ist, und der Apperzeption, welche das Bewußtsein oder die reflexive Erkenntnis dieses inneren Zustands ist, was nicht allen Seelen gegeben ist, noch auch immer derselben Seele."
(Leibniz, Gottfried Wilhelm. Principes de la nature et de la grâce fondés en raison / Auf Vernunft gegründete Prinzipien der Natur und der Gnade. [1714.] In Monadologie und andere metaphysische Schriften, hrsg. u. übers. v. Ulrich Johannes Schneider, 152-173. Hamburg: Meiner, 2002. S. 157)
"Wahrnehmungstheorie höherer Ordnung:
Dieser Ansicht zufolge besitzen Menschen nicht nur nichtbegriffliche und/oder analoge Wahrnehmungen erster Ordnung von Zuständen ihrer Umwelt und ihres Körpers, sondern auch Wahrnehmungen zweiter Ordnung, die auf diesen Wahrnehmungen erster Ordnung beruhen. Die gängigste Version der Wahrnehmungstheorie höherer Ordnung (HOP) geht darüber hinaus davon aus, dass Menschen (und möglicherweise auch andere Tiere) nicht nur Sinnesorgane besitzen, die die Umwelt/den Körper abtasten, um detaillierte Repräsentationen zu erzeugen, sondern auch innere Sinne, die die Sinne erster Ordnung (d. h. Wahrnehmungserfahrungen) abtasten, um ebenso detaillierte, aber höhere Repräsentationen dieser Ergebnisse zu erzeugen. Eine Version dieser Ansicht wurde erstmals von dem britischen Empiristen John Locke (1690) formuliert." [übersetzt von Google]
SEP: Higher-Order Theories of Consciousness
"Die Kernfrage lautet erneut: Was macht einen mentalen Zustand zu einem bewussten mentalen Zustand? Es gibt zudem eine lange Tradition, die versucht hat, Bewusstsein als eine Art höheres Bewusstsein/Gewahrsein zu verstehen (Locke 1689/1975). Diese Ansicht wurde von mehreren zeitgenössischen Philosophen wieder aufgegriffen (Armstrong 1981, Rosenthal 1986, 1997, 2005, Lycan 1996, 2001, Gennaro 1996, 2012).
Die Grundidee ist, dass ein mentaler Zustand dadurch bewusst wird, dass er Gegenstand einer übergeordneten Repräsentation (HOR) ist. Ein mentaler Zustand M wird bewusst, wenn eine HOR von M existiert. Eine HOR ist ein „metapsychologischer“ oder „metakognitiver“ Zustand, also ein mentaler Zustand, der auf einen anderen mentalen Zustand gerichtet ist." [übersetzt von Google]
IEP: Higher-Order Theories of Consciousness
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Einverstanden, wobei ich unter Denken (im engeren Sinn) inneres Sprechen verstehe.Dynamis hat geschrieben : ↑So 19. Apr 2026, 17:52Denken ist nicht dasselbe wie "gedanklich-sprachliche Befehle" zu formulieren. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der aktiven Lenkung der Aufmerksamkeit und der Sprache, aber dieser ist subtiler als es von dir mit der Befehlsform dargestellt wird. Sprache erweitert die Grenzen meines Bewusstseins.
…
Es spricht also nichts dagegen, dass auch die Lenkung der Aufmerksamkeit mit sprachlichen Kategorien verfeinert werden kann. Sobald man das Bewusstsein analysiert und die verschiedenen Sachen beschreibt, die da so los sind, hat man auch mehr Klarheit darüber, auf welche Sachen man seine Aufmerksamkeit lenken kann.
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
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Das hätte allerdings seltsame Konsequenzen. Katzen sprechen nicht in der Weise, wie wir sprechen, aber sie denken.
Außerdem gibt es auch bei uns Fälle von "unsymbolized thinking". Wenn ich plötzlich weiß, dass ich für morgen noch Milch kaufen muss, ohne dass das von "inneren Bildern" oder "innerem Sprechen" begleitet/realisiert ist, dann habe ich es mit einem Fall von "unsymbolized thinking" zu tun.
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
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Du hast es zwar schon mal erklärt, aber ich kann es mir nicht merken. Was soll das sein? Denkung, Wissung, Glaubung, Begehrung?
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
Ich sehe da keine Abweichung. Die Frage "Was ist das Ich?" lässt sich auch so beantworten: Das Ich ist eine reflexive selbstbezügliche Struktur. Hegel spricht in seinen "Grundlinien der Philosophie des Rechts" von einer "reinen Reflexion des Ich in sich", welche den Willen bestimmt. Diese reflexive Struktur thematisieren wir hier gerade.Consul hat geschrieben : ↑Di 21. Apr 2026, 05:08[Das Folgende knüpft an eine Diskussion im Strang Wer oder was ist "Ich"? an. Ich habe es hier eingefügt, weil es vom dortigen Strangthema zu weit abweicht.]
Was die restlichen Anmerkungen angeht, so verfehlst du das Thema. Nochmal zur Erinnerung: Reflexion ist bei Locke so definiert, dass es um die "own operations within itself" geht (An Essay Concerning Humane Understanding). Die Reflexion thematisiert also die Operationen des Geistes!
Ja, bereits hier zeigt sich deine Themenverfehlung. Sich einer Sache bewusst zu sein, sich ihrer Ursache und sich der eigenen Bezugnahme auf diese Sache bewusst zu sein ist nicht ein und dasselbe. Wenn man über die Operationen des Geistes reflektiert, geht es nicht darum, dass man ein Bewusstsein von der Sache oder ihrer Ursache erlangt, sondern darum, dass man ein Bewusstsein von der eigenen Bezugnahme auf diese Sache erlangt.Consul hat geschrieben :* Sich einer Sache bewusst zu sein, und sich ihrer Ursache bewusst zu sein, sind freilich nicht dasselbe.Dynamis hat geschrieben : ↑So 19. Apr 2026, 11:04Nein, da verwechselst du unbemerkt und unbewusst. Die Operationen unseres Geistes werden bewusst ausgeführt, aber das heißt nicht, dass sie uns als solche bewusst sind. Ein Beispiel dafür ist Beethoven, wenn er sich in einen seiner Wutanfälle reinsteigert. Dann ist sein Wutanfall etwas, was ihm bewusst ist. Aber er bemerkt nicht, dass er selbst einen Anteil daran hat, indem er sich über eine Sache aufregt. Er denkt fälschlicherweise, dass dieser Wutanfall ganz von alleine passiert, ohne dass er etwas dafür kann.
Nur ist das eine irrelevante Bemerkung, weil es nicht darum geht, dass man den Regen bemerkt. Es geht darum, dass man über die Bezugnahme auf diesen Regen reflektiert. Wenn ich aus dem Fenster sehe und draußen Tropfen sehe, dann interpretiere ich dieses Phänomen als Wetterereignis (und nicht etwa so, dass gerade die Feuerwehr angerückt ist und mein Haus abspritzt). Diese (in der Regel gut begründete) Interpretation ist eine Operation des Geistes, um die geht es bei der Reflexion und nicht um den Regen.Consul hat geschrieben : * Wenn ich nicht bemerke, dass es regnet, dann bin ich mir dessen auch nicht bewusst – und umgekehrt.
Nochmals, es geht um die Operationen des Geistes. Wenn man sich seines Tuns bewusst ist, ist man sich nicht automatisch der Operationen seines Geistes bewusst. Man kann auch etwas auf unreflektierte Weise tun. Locke erwähnt extra das Tun der Kinder als Beispiel, um diesen Punkt zu veranschaulichen.Consul hat geschrieben : * Wenn ich etwas bewusst tue, dann bin ich mir meines Tuns bewusst, da ich es sonst unbewusst täte.
Consul hat geschrieben : * Wenn ich beispielsweise etwas "da draußen" sehe, aber mein Sehen "hier drinnen" nicht (im Geringsten) bemerke, beachte oder wahrnehme—d.h. keinerlei Notiz davon nehme—, dann ist es ein Fall von unbewusstem, d.h. subjektiv unerlebtem, empfindungslosem Sehen.
Auch für das Sehen gilt, dass es einer besonderen Aufmerksamkeit erfordert, damit man die Details wahrnimmt. Locke bringt die Landschaft und die Uhr als Beispiele: Wenn du jeden Tag an der Landschaft vorbeirauschst ohne bewusst die Aufmerksamkeit auf die Details zu lenken, dann gewinnst du eine grobe Idee von der Landschaft, übersiehst aber die Details. Diese Details bleiben unbemerkt. Genauso ist es mit dem Denken auch. Du nimmst immer irgendwie wahr, dass du denkst oder siehst, aber die Operationen des Geistes bleiben unbemerkt. Locke verwendet die Uhr und die Landschaft als Analogie, um die Unterscheidung zwischen unbemerkt und unbewusst zu verdeutlichen.
Doch, das geht. Wenn man ganz allgemein die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens thematisiert, dann denkt man dabei zugleich auch über das eigene Nachdenken nach.Consul hat geschrieben : * Ja, ich kann nicht über etwas nachdenken und gleichzeitig über mein Nachdenken nachdenken.
Consul hat geschrieben : * Ich muss abermals die wichtige Unterscheidung von Reflexion als Introspektion (innere Wahrnehmung, Beobachtung, Beachtung, Bemerkung) und Reflexion als Kogitation (Nachdenkung, Überlegung) erwähnen.
Diese Unterscheidung ist irrelevant, wenn es um die Operationen des Geistes geht. Man kann geistige Operationalität sowohl bemerken als auch durch Nachdenken erfassen.
Bei diesem Zitat geht es allerdings nicht um Reflexion, sondern um Wahrnehmung! Wahrnehmung ist immer vorhanden, wenn man etwas tut, Reflexion nicht. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen usw. dann wissen wir, dass wir das tun. Aber der operativen Ebene sind wir uns nicht notwendig bewusst. Warum sind wir uns dessen nicht notwendig bewusst? Weil wir häufig nicht reflektiert genug dafür sind.Consul hat geschrieben : * Locke gehört zu den Vorläufern derjenigen zeitgenössischen Philosophen, die eine Bewusstseinstheorie höherer Ordnung (Higher-Order Theory of Consciousness) vertreten, wobei es unterschiedliche Versionen davon gibt.
"Unmöglich kann jemand wahrnehmen, ohne wahrzunehmen, daß er es tut. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, überlegen oder wollen, so wissen wir, daß wir das tun."
(Locke, John. Versuch über den menschlichen Verstand. [1690.] Band I: Buch I & II. Übers. v. Carl Winckler. Hamburg: Meiner, 1988. S. 420 [B. II, K. XXVII, §9])
Ja, auch das Verwenden ist eine Operation des Geistes. Wenn man denkt, ist dabei nicht immer die Verwendung der (sei es sprachlichen, sei es nicht-sprachlichen) Bilder eigens thematisiert. Deswegen ist das Bewusstsein von seinem eigenen Denken etwas anderes als die Reflexion. Seines Denkens ist man sich immer bewusst, aber die Verwendungsweise ist dabei nicht immer thematisiert.Consul hat geschrieben : ↑Di 21. Apr 2026, 21:49
Im weiteren Sinn kann man auch das Verwenden nichtsprachlicher geistiger (bewegter oder unbewegter) Bilder oder Karten als Denken bezeichnen. Im allgemeinen Sinn besteht Denken also im Gebrauch geistiger Zeichen (Repräsentationen) unterschiedlicher Art.
Denken ist das Verwenden geistiger Zeichen (zu bestimmten Zwecken oder nur "zum Spaß"), sodass es kein zeichenfreies/-loses Denken geben kann.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Di 21. Apr 2026, 07:18Außerdem gibt es auch bei uns Fälle von "unsymbolized thinking". Wenn ich plötzlich weiß, dass ich für morgen noch Milch kaufen muss, ohne dass das von "inneren Bildern" oder "innerem Sprechen" begleitet/realisiert ist, dann habe ich es mit einem Fall von "unsymbolized thinking" zu tun.
Denkung (= Vorgang des Denkens), Wissung (= Zustand des Wissens), Glaubung (= Zustand des Glaubens, Glaube), Begehrung (= Zustand des Begehrens, Begierde).Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 07:05Du hast es zwar schon mal erklärt, aber ich kann es mir nicht merken. Was soll das sein? Denkung, Wissung, Glaubung, Begehrung?
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Nein, lockesche Reflexion ist nichts anderes als das Bewusst- oder Gewahrsein, das Wahrnehmen oder "Notiznehmen" (Zur-Kenntnis-Nehmen) dessen, was im eigenen Geist geschieht oder vorgeht. Das gilt auch für die auf das Denken (= Verwenden geistiger Zeichen) gerichtete Reflexion.Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 19:11Ja, auch das Verwenden ist eine Operation des Geistes. Wenn man denkt, ist dabei nicht immer die Verwendung der (sei es sprachlichen, sei es nicht-sprachlichen) Bilder eigens thematisiert. Deswegen ist das Bewusstsein von seinem eigenen Denken etwas anderes als die Reflexion. Seines Denkens ist man sich immer bewusst, aber die Verwendungsweise ist dabei nicht immer thematisiert.
Zur Erinnerung, Locke definiert "reflection" als "the perception of the operations of our own mind within us" sowie als "that notice which the mind takes of its own operations".
Zu Lockes Begriff einer Operation:"Reflexion. Lockes Begriff für das, was heutzutage Introspektion genannt wird, ein geistiger Vorgang, bei dem der Geist sich seinen eigenen Zuständen und Tätigkeiten/Vorgängen [operations] zuwendet." [übersetzt von Consul]
(Lowe, E. J. Locke. Abingdon: Routledge, 2005. pp. 207-8)
Das wirft Fragen auf. Zunächst zu Lockes Begriff einer Idee:"Den Begriff Operationen verwende ich hier in einem weiten Sinne, sodass er nicht nur die Aktionen des Geistes in Bezug auf seine Ideen umfasst, sondern auch eine Art von Passionen, die manchmal daraus entstehen, wie etwa die aus irgendeinem Gedanken entspringende Zufriedenheit oder Unruhe." [übersetzt von Consul & C. Winckler]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:i.4)
Ich verstehe dies so, dass sein Ideenbegriff Empfindungen, Gefühle, Stimmungen, Gedanken, Begriffe und Vorstellungen aller Art umfasst, wobei der Unterschied zwischen sinnlichen Perzepten (percepts) und nichtsinnlichen Konzepten (concepts) zu verwischen droht."Whatsoever the mind perceives in itself, or is the immediate object of perception, thought, or understanding, that I call idea."
———
"Was auch immer der Geist in sich selbst wahrnimmt, oder der unmittelbare Gegenstand der Wahrnehmung, des Denkens oder des Verstandes ist, das nenne ich Idee." [übersetzt von Consul]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:viii.8)
Nun zur Semantik von "operation":
Das Oxford Dictionary of English enthält als Bedeutungen "action, activity, agency, performance, work, deed"; und Georges nennt "das Arbeiten, die Arbeit, Verrichtung" als Grundbedeutung des lateinischen Substantivs "operatio".
Eine Operation muss aber keine absichtliche Aktion (Handlung) sein; denn sie kann auch ein rein mechanischer, automatischer Prozess sein.
Wenn wir zwischen aktiven und passiven Geistesinhalten unterscheiden, dann erscheinen Empfinden und Fühlen als Passionen—d.h. als etwas, das das Subjekt "erleidet", erfährt, ihm widerfährt—, wohingegen Denken und Vorstellen als Aktionen erscheinen—d.h. als etwas, das das Subjekt tut.
Doch bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass auch Denken und Vorstellen oft den Charakter einer bloßen Passion haben; denn oft tauchen Gedanken und Vorstellungen im Geist auf und werden vom Subjekt zuschauermäßig erfahren, ohne dass diesem Geschehen ein (absichtliches) geistiges Tun oder Handeln des Subjekts zugrunde liegt.
Nach meiner Auffassung umfassen Lockes "mentale Operationen" als Gegenstand der Reflexion nicht nur mentale Aktionen wie (absichtliches) Denken, Vorstellen, Überlegen, sondern alle Arten (bewusster, erlebter) mentaler Prozesse, zu denen auch Empfinden und Fühlen (humesche Impressionen) als mentale Passionen gehören.
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Genau genommen, hat auch aktives Denken oder Überlegen zugleich einen passiven Aspekt, weil es genauso wie Empfinden und Fühlen vom Subjekt "erlitten" oder erfahren wird. Eine geistige Aktion, die nicht auch eine subjektive Passion ist, ist keine bewusste geistige Aktion – und überhaupt keine geistige Aktion, weil ich nicht an unbewusste geistige Vorgänge glaube.Consul hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 00:18Wenn wir zwischen aktiven und passiven Geistesinhalten unterscheiden, dann erscheinen Empfinden und Fühlen als Passionen—d.h. als etwas, das das Subjekt "erleidet", erfährt, ihm widerfährt—, wohingegen Denken und Vorstellen als Aktionen erscheinen—d.h. als etwas, das das Subjekt tut.
Doch bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass auch Denken und Vorstellen oft den Charakter einer bloßen Passion haben; denn oft tauchen Gedanken und Vorstellungen im Geist auf und werden vom Subjekt zuschauermäßig erfahren, ohne dass diesem Geschehen ein (absichtliches) geistiges Tun oder Handeln des Subjekts zugrunde liegt.
Es gibt unbewusste, unerlebte Gehirnvorgänge, aber keine unbewussten, unerlebten Geistesvorgänge: Geist = bewusster Geist.
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Nein, da verwechselst du etwas. Die Wahrnehmung "dessen, was im eigenen Geist geschieht oder vorgeht" ist noch keine Reflexion. Denn diese Wahrnehmung ist immer vorhanden, die Reflexion nicht. Zur Wahrnehmung dessen, was im eigenen Geist geschieht, hast du vorhin die entsprechende Stelle zitiert:Consul hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 00:18Nein, lockesche Reflexion ist nichts anderes als das Bewusst- oder Gewahrsein, das Wahrnehmen oder "Notiznehmen" (Zur-Kenntnis-Nehmen) dessen, was im eigenen Geist geschieht oder vorgeht. Das gilt auch für die auf das Denken (= Verwenden geistiger Zeichen) gerichtete Reflexion.
Zum Vergleich die Reflexion:Locke hat geschrieben : "Unmöglich kann jemand wahrnehmen, ohne wahrzunehmen, daß er es tut. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, überlegen oder wollen, so wissen wir, daß wir das tun."
(Locke, John. Versuch über den menschlichen Verstand. [1690.] Band I: Buch I & II. Übers. v. Carl Winckler. Hamburg: Meiner, 1988. S. 420 [B. II, K. XXVII, §9])
Also: Die Wahrnehmung dessen, was in einem selbst passiert, findet immer statt, die Reflexion darüber nicht immer.Locke hat geschrieben : Denn wenn auch Der, welcher auf diese Vorgänge achtet, einfache und klare Vorstellungen von ihnen erlangen muss, so wird er doch, wenn er seine Gedanken nicht darauf richtet und sie nicht aufmerksam betrachtet, von den Vorgängen in seiner Seele und allem dabei Vorkommenden so wenig klare und deutliche Vorstellungen haben, als Der von den Einzelnheiten einer Landschaft oder den Bewegungen einer Wanduhr, welcher seine Augen nicht hinwendet und nicht alle Theile aufmerksam betrachtet. (Quelle: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Locke ... +Ursprunge)
Locke sagt hier ausdrücklich, dass es eine notwendige Bedingung dafür gibt, dass eine Reflexion stattfindet: Die Aufmerksamkeit auf die seelischen Vorgänge. Mit Aufmerksamkeit ist es Reflexion, ohne Aufmerksamkeit ist es keine Reflexion. Im Gegensatz findet die Wahrnehmung des eigenen Geistes immer statt, egal ob man darüber reflektiert oder nicht. Es ist durchaus möglich, dass bei Wahrnehmungen die Aufmerksamkeit fehlt. Locke verwendet die Landschaft als Analogie um das klarzumachen: Du kannst die Landschaft mit Aufmerksamkeit beobachten oder ohne Aufmerksamkeit.
Egal, ob man die Landschaft mit Aufmerksamkeit oder ohne Aufmerksamkeit betrachtet, stets erfolgt die Betrachtung bewusst. Dass du vorher unbemerkt mit unbewusst gleichgesetzt hast, überzeugt also nicht. Wenn man die Landschaft bewusst, aber nicht aufmerksam betrachtet, bleiben viele Details unbemerkt. Genauso ist es mit der Reflexion auch. Wenn man die eigene gedankliche Tätigkeit zwar bewusst, aber nicht aufmerksam betrachtet, bleiben die Operationen unbemerkt, egal, ob es sich dabei um Handlungen oder um Passionen handelt.
Operation ≠ Idee! Ich habe dich schon vorhin darauf hingewiesen, dass man zwischen der Sache und der Bezugnahme auf diese Sache unterscheiden muss. Locke trifft hier eine ähnliche Unterscheidung. Eine Operation ist keine Idee, sondern eine Aktion des Geistes in der Bezugnahme auf seine Ideen.Consul hat geschrieben : Zu Lockes Begriff einer Operation:
"Den Begriff Operationen verwende ich hier in einem weiten Sinne, sodass er nicht nur die Aktionen des Geistes in Bezug auf seine Ideen umfasst, sondern auch eine Art von Passionen, die manchmal daraus entstehen, wie etwa die aus irgendeinem Gedanken entspringende Zufriedenheit oder Unruhe." [übersetzt von Consul & C. Winckler]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:i.4)
Mir ist nicht klar, was du unter den "Operationen des Geistes" verstehst.Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 19:01Sich einer Sache bewusst zu sein, sich ihrer Ursache und sich der eigenen Bezugnahme auf diese Sache bewusst zu sein ist nicht ein und dasselbe. Wenn man über die Operationen des Geistes reflektiert, geht es nicht darum, dass man ein Bewusstsein von der Sache oder ihrer Ursache erlangt, sondern darum, dass man ein Bewusstsein von der eigenen Bezugnahme auf diese Sache erlangt.
Mir ist auch nicht klar, ob du Reflexion oder Metareflexion (Reflexion der Reflexion) bzw. Introspektion oder Metaintrospektion (Introspektion der Introspektion) meinst.
Ja, die Gegenstände der (lockeschen) Reflexion sind keine äußeren, nichtpsychischen Dinge oder Ereignisse; aber du scheinst die Gegenstände der Reflexion auf kognitive Prozesse (Denken, Überlegen, Schlussfolgern, Wahrnehmen, Erkennen, Erinnern, Urteilen, Auslegen/Deuten, Planen, Entscheiden usw.) zu beschränken, was nicht der gängigen Auffassung entspricht, welche auch affektive Prozesse (Empfindungen & Gefühle) dazu zählt. Entsprechend ist der Geist in diesem Zusammenhang auch nicht mit Vernunft (Ratio) oder Verstand (Intellekt) gleichzusetzen, sondern mit der Psyche allgemein.Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 19:01Nur ist das eine irrelevante Bemerkung, weil es nicht darum geht, dass man den Regen bemerkt. Es geht darum, dass man über die Bezugnahme auf diesen Regen reflektiert. Wenn ich aus dem Fenster sehe und draußen Tropfen sehe, dann interpretiere ich dieses Phänomen als Wetterereignis (und nicht etwa so, dass gerade die Feuerwehr angerückt ist und mein Haus abspritzt). Diese (in der Regel gut begründete) Interpretation ist eine Operation des Geistes, um die geht es bei der Reflexion und nicht um den Regen.
Locke definiert "Bewusstsein" folgendermaßen:
Die hier definierte Art von Bewusstsein ist reflexives/introspektives Bewusstsein, zu dessen Gegenstandsbereich alles zählt, "was im eigenen Geist [oder Gemüt—hinzugef.] eines Menschen vor sich geht.""Consciousness is the perception of what passes in a man's own mind."
———
"Bewusstsein ist die Wahrnehmung dessen, was im eigenen Geist eines Menschen vor sich geht." [übersetzt von Google]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. 2:1;19.)
Man kann etwas tun, ohne darüber nachzudenken; aber man kann nichts bewusst tun, ohne es wissentlich zu tun, d.h. ohne zu wissen, dass man es tut. Ein Satz wie "Er weiß zwar nicht, was er tut, aber er tut es bewusst" ist selbstwidersprüchlich.Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 19:01Nochmals, es geht um die Operationen des Geistes. Wenn man sich seines Tuns bewusst ist, ist man sich nicht automatisch der Operationen seines Geistes bewusst. Man kann auch etwas auf unreflektierte Weise tun. Locke erwähnt extra das Tun der Kinder als Beispiel, um diesen Punkt zu veranschaulichen.
Es besteht ein Unterschied zwischen äußerer, extrospektiver Aufmerksamkeit und innerer, introspektiver (reflexiver) Aufmerksamkeit; und ich spreche oben von Letzterer als einer notwendigen Bedingung (phänomenal) bewussten Sehens. Einen Gesichtseindruck, den ich nicht innerlich bemerke oder wahrnehme, den habe ich auch nicht, weil er dann gar nicht vorhanden ist.Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 19:01Consul hat geschrieben : ↑Di 21. Apr 2026, 05:08* Wenn ich beispielsweise etwas "da draußen" sehe, aber mein Sehen "hier drinnen" nicht (im Geringsten) bemerke, beachte oder wahrnehme—d.h. keinerlei Notiz davon nehme—, dann ist es ein Fall von unbewusstem, d.h. subjektiv unerlebtem, empfindungslosem Sehen.
Auch für das Sehen gilt, dass es einer besonderen Aufmerksamkeit erfordert, damit man die Details wahrnimmt. Locke bringt die Landschaft und die Uhr als Beispiele: Wenn du jeden Tag an der Landschaft vorbeirauschst ohne bewusst die Aufmerksamkeit auf die Details zu lenken, dann gewinnst du eine grobe Idee von der Landschaft, übersiehst aber die Details. Diese Details bleiben unbemerkt. Genauso ist es mit dem Denken auch. Du nimmst immer irgendwie wahr, dass du denkst oder siehst, aber die Operationen des Geistes bleiben unbemerkt. Locke verwendet die Uhr und die Landschaft als Analogie, um die Unterscheidung zwischen unbemerkt und unbewusst zu verdeutlichen.
Allgemein gilt: Ohne (äußere oder innere) Aufmerksamkeit oder Bemerkung gibt es keine bewusste (äußere oder innere) Wahrnehmung. Details an einer Uhr oder Landschaft, die ich nicht bemerke, nehme ich nicht bewusst wahr.
In seinem Hauptwerk „An Essay Concerning Human Understanding“ (Versuch über den menschlichen Verstand, 1690) nutzt John Locke den Vergleich mit einer Uhr und einer Landschaft, um den Prozess der menschlichen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit zu verdeutlichen. [1]
## Die Kernaussage des Gleichnisses
Locke erklärt, dass der menschliche Geist Informationen nur dann klar verarbeiten kann, wenn er seine Aufmerksamkeit gezielt auf sie richtet. Ohne diese aktive Konzentration bleiben Eindrücke verschwommen, selbst wenn wir sie täglich vor Augen haben: [1, 2]
* Die Uhr: Man kann jeden Tag an einer Wanduhr vorbeigehen und sie sehen, ohne eine klare Vorstellung von ihrem mechanischen Aufbau oder ihren Einzelteilen zu haben, solange man sie nicht aufmerksam betrachtet.
* Die Landschaft: Ähnlich verhält es sich mit einer Landschaft. Wer seinen Blick nur schweifen lässt, ohne sich auf Details zu konzentrieren, erhält lediglich ein unklares Gesamtbild statt präziser Vorstellungen. [1]
## Philosophischer Hintergrund
Diese Metapher dient Locke dazu, seine Theorie des Empirismus zu stützen: [3, 4]
* Tabula Rasa: Der Geist ist bei der Geburt ein „unbeschriebenes Blatt“. Alles Wissen stammt aus der Erfahrung.
* Reflexion und Sensation: Während die Sinne (Sensation) uns die Daten der Außenwelt (Uhr, Landschaft) liefern, ist die innere Beobachtung (Reflexion) nötig, um diese Daten im Verstand zu ordnen und zu verstehen. [2, 4, 5, 6]
[1] [https://www.zeno.org](http://www.zeno.org/Philosophie/M/Locke ... 0Einzelnen)
[2] [https://www.joachimschmid.ch](https://www.joachimschmid.ch/docs/PAzLockeJohnEssay.pdf)
[3] [https://www.deutschlandfunk.de](https://www.deutschlandfunk.de/revoluti ... nistheorie.)
[4] [https://knowunity.de](https://knowunity.de/knows/deutsch-john ... 0a268d9430)
[5] [https://philosophie-blog.net](https://philosophie-blog.net/john-locke ... rfahrungen)
[6] [https://www.philosophenlexikon.de](https://www.philosophenlexikon.de/john-locke/)
Ich glaube nicht, dass das geht. Du kannst die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken: "Heute ist schönes Wetter." & "Ich denke gerade, dass heute schönes Wetter ist."
Du kannst nur die beiden folgenden Sätze nacheinander denken: "Heute ist schönes Wetter." & "Ich dachte eben, dass heute schönes Wetter ist."
Ja, dennoch besteht diese Unterscheidung, und sie ist durchaus relevant.
"Reflexion, lat. reflexio ›Zurückbeugung‹, 1. physikalisch: die Spiegelung der Gegenstände durch Zurückwerfen der Lichtstrahlen, allg. das Zurückwerfen von Wellen, 2. psychologisch: die Zurücklenkung der Aufmerksamkeit von den Gegenständen der Außenwelt auf das seelische Erleben, auf die Bewußtseinstätigkeit, das erkennende und denkende Subjekt; so bei J. Locke, wo die R. als Selbstwahrnehmung oder innerer Sinn neben der Sensation steht, und bei G. W. Leibniz, der die R. als »Aufmerksamkeit auf das, was in uns ist«, bestimmt, 3. logisch: das Nachdenken, die Überlegung; R. in dieser Bedeutung ist eine Tätigkeit des diskursiven Verstandes."
(Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hrsg. v. Arnim Regenbogen & Uwe Meyer; begr. v. Friedrich Kirchner & Carl Michaëlis; fortges. v. Johannes Hoffmeister. Hamburg: Meiner, 2013. S. 558)
Zur Erinnerung: Locke definiert "Reflexion" als eine Art von Wahrnehmung (Perzeption)! Er spricht diesbezüglich auch von einem "inneren Sinn" ("internal sense"), der nicht dasselbe ist wie "inner thought" (kein Locke-Zitat).Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 19:01Bei diesem Zitat geht es allerdings nicht um Reflexion, sondern um Wahrnehmung! Wahrnehmung ist immer vorhanden, wenn man etwas tut, Reflexion nicht. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen usw. dann wissen wir, dass wir das tun. Aber der operativen Ebene sind wir uns nicht notwendig bewusst. Warum sind wir uns dessen nicht notwendig bewusst? Weil wir häufig nicht reflektiert genug dafür sind.
Du scheinst Reflexion hingegen mit Nachdenkung, Überlegung (Kogitation) gleichzusetzen.
Das Wort hat zwar beide Bedeutungen, aber es ist nicht gleichgültig, in welcher man es gebraucht.
"Diese Quelle von Ideen [= Reflexion—hinzugef.] liegt ausschließlich im Innern des Menschen, und wenn sie auch kein Sinn ist, da sie mit den äußeren Objekten nichts zu tun hat, so ist sie doch etwas sehr Ähnliches und könnte füglich als innerer Sinn bezeichnet werden."
(Locke, John. Versuch über den menschlichen Verstand. [1690.] Band I: Buch I & II. Übers. v. Carl Winckler. Hamburg: Meiner, 1988. S. 109 [B. II, K. I, §4])
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Nicht schlimm. Ich empfehle die dir unverständliche Terminologie im Text "An Essay Concerning Human Understanding" von John Locke nachzulesen.Consul hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 23:11Mir ist nicht klar, was du unter den "Operationen des Geistes" verstehst.Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 19:01Sich einer Sache bewusst zu sein, sich ihrer Ursache und sich der eigenen Bezugnahme auf diese Sache bewusst zu sein ist nicht ein und dasselbe. Wenn man über die Operationen des Geistes reflektiert, geht es nicht darum, dass man ein Bewusstsein von der Sache oder ihrer Ursache erlangt, sondern darum, dass man ein Bewusstsein von der eigenen Bezugnahme auf diese Sache erlangt.
Mir ist auch nicht klar, ob du Reflexion oder Metareflexion (Reflexion der Reflexion) bzw. Introspektion oder Metaintrospektion (Introspektion der Introspektion) meinst.
Das ist aber die falsche Stelle. An dieser Stelle wird Bewusstsein definiert, nicht Reflexion oder Introspektion. Deswegen ist deine Interpretation falsch, wenn du da behauptest "Die hier definierte Art von Bewusstsein ist reflexives/introspektives Bewusstsein". Hier wird keine Art von Bewusstsein, sondern Bewusstsein definiert!Consul hat geschrieben : Locke definiert "Bewusstsein" folgendermaßen:
Die hier definierte Art von Bewusstsein ist reflexives/introspektives Bewusstsein, zu dessen Gegenstandsbereich alles zählt, "was im eigenen Geist [oder Gemüt—hinzugef.] eines Menschen vor sich geht.""Consciousness is the perception of what passes in a man's own mind."
———
"Bewusstsein ist die Wahrnehmung dessen, was im eigenen Geist eines Menschen vor sich geht." [übersetzt von Google]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. 2:1;19.)
Diese Position kannst du gerne vertreten, aber John Locke widerspricht dir da. Das kannst du nachlesen. Locke hält es durchaus für möglich, dass man eine verworrene Vorstellung von den Details ("a confused idea of all the parts they are made up of") haben kann. Deiner Aussage, dass man die Details "nicht bewusst wahr"nimmt, würde er also widersprechen. Man nimmt die Details bewusst wahr, aber eben verworren und nicht klar. Der Gegensatz, mit dem Locke an dieser Stelle operiert, ist der zwischen clear und confused. Dass du daraus einen Gegensatz zwischen bewusst und unbewusst machst, ist eine Fehlinterpretation!Consul hat geschrieben : Es besteht ein Unterschied zwischen äußerer, extrospektiver Aufmerksamkeit und innerer, introspektiver (reflexiver) Aufmerksamkeit; und ich spreche oben von Letzterer als einer notwendigen Bedingung (phänomenal) bewussten Sehens. Einen Gesichtseindruck, den ich nicht innerlich bemerke oder wahrnehme, den habe ich auch nicht, weil er dann gar nicht vorhanden ist.
Allgemein gilt: Ohne (äußere oder innere) Aufmerksamkeit oder Bemerkung gibt es keine bewusste (äußere oder innere) Wahrnehmung. Details an einer Uhr oder Landschaft, die ich nicht bemerke, nehme ich nicht bewusst wahr.
Ich weiß nicht, warum du hier eine Erinnerung für nötig hältst. Was du beschreibst, bestätigt doch das, was ich sage. Wenn der Mensch eine Art von Säugetier ist, dann reden wir nicht über Säugetiere im Allgemeinen, wenn wir über den Menschen reden. Und wenn rot eine Art von Farbe ist, dann reden wir nicht über alle Farben, wenn wir über rot reden. Genauso ist es auch mit Reflexion. Weil Reflexion eine Art von Wahrnehmung ist, reden wir nicht über Wahrnehmung, wenn wir über Reflexion reden.Consul hat geschrieben :Consul hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 23:11Zur Erinnerung: Locke definiert "Reflexion" als eine Art von Wahrnehmung (Perzeption)!Dynamis hat geschrieben : ↑Mi 22. Apr 2026, 19:01Bei diesem Zitat geht es allerdings nicht um Reflexion, sondern um Wahrnehmung! Wahrnehmung ist immer vorhanden, wenn man etwas tut, Reflexion nicht. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen usw. dann wissen wir, dass wir das tun. Aber der operativen Ebene sind wir uns nicht notwendig bewusst. Warum sind wir uns dessen nicht notwendig bewusst? Weil wir häufig nicht reflektiert genug dafür sind.
Nochmals, in meiner Behauptung ist vorausgesetzt, dass man die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens thematisierst. Das tust du gerade. Hier denkst du gerade über die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens nach, indem du anhand eines Beispiels folgende Behauptung aufstellst: Man kann die Sätze "x" und "ich denke gerade, dass x" nicht gleichzeitig denken. Für x kann man hier statt "heute ist schönes Wetter" auch "Du kannst die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken" einsetzen und damit hast du gerade über deinen eigenen Gedanken nachgedacht. Das bestätigt meine Behauptung.Consul hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 23:11Ich glaube nicht, dass das geht. Du kannst die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken: "Heute ist schönes Wetter." & "Ich denke gerade, dass heute schönes Wetter ist."
Du kannst nur die beiden folgenden Sätze nacheinander denken: "Heute ist schönes Wetter." & "Ich dachte eben, dass heute schönes Wetter ist."
Man kann eine Landschaft gewiss bewusst sehen, ohne all ihre Details zu bemerken; aber man muss zumindest die Landschaft als solche bemerken, um sie überhaupt bewusst zu sehen. Die Wahrnehmung einer Landschaft ist mehr oder weniger klar/deutlich und entsprechend mehr oder weniger "einzelheitlich".Dynamis hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 09:24Nein, da verwechselst du etwas. Die Wahrnehmung "dessen, was im eigenen Geist geschieht oder vorgeht" ist noch keine Reflexion. Denn diese Wahrnehmung ist immer vorhanden, die Reflexion nicht.
…
Also: Die Wahrnehmung dessen, was in einem selbst passiert, findet immer statt, die Reflexion darüber nicht immer.
Locke sagt hier ausdrücklich, dass es eine notwendige Bedingung dafür gibt, dass eine Reflexion stattfindet: Die Aufmerksamkeit auf die seelischen Vorgänge. Mit Aufmerksamkeit ist es Reflexion, ohne Aufmerksamkeit ist es keine Reflexion. Im Gegensatz findet die Wahrnehmung des eigenen Geistes immer statt, egal ob man darüber reflektiert oder nicht. Es ist durchaus möglich, dass bei Wahrnehmungen die Aufmerksamkeit fehlt. Locke verwendet die Landschaft als Analogie um das klarzumachen: Du kannst die Landschaft mit Aufmerksamkeit beobachten oder ohne Aufmerksamkeit.
Egal, ob man die Landschaft mit Aufmerksamkeit oder ohne Aufmerksamkeit betrachtet, stets erfolgt die Betrachtung bewusst. Dass du vorher unbemerkt mit unbewusst gleichgesetzt hast, überzeugt also nicht. Wenn man die Landschaft bewusst, aber nicht aufmerksam betrachtet, bleiben viele Details unbemerkt. Genauso ist es mit der Reflexion auch. Wenn man die eigene gedankliche Tätigkeit zwar bewusst, aber nicht aufmerksam betrachtet, bleiben die Operationen unbemerkt, egal, ob es sich dabei um Handlungen oder um Passionen handelt.
Interessanterweise ist "wahrnehmen" im DUDEN, im DWDS, im GRIMM und im alten ADELUNG als (eine) Bedeutung von "bemerken" angegeben; und Sätze wie "Ich habe nicht alle Details bemerkt" und "Ich habe nicht alle Details wahrgenommen" sind in der Tat synonym.
Wir sind nun ziemlich tief in die Locke-Exegese eingestiegen; und ich muss eingestehen, dass ich darin kein Experte bin.
Vier Begriffe stehen im Mittelpunkt: Bewusstsein, Reflexion, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit.
Zwei Fragen dazu:
Wie beurteilt Locke deren Verhältnis?
Wie beurteilen du, ich und andere als Locke deren Verhältnis?
Locke verwendet "Wahrnehmung" sowohl zur Definition von "Bewusstsein" als auch zur Definition von "Reflexion":
Das so definierte Bewusstsein ist inneres, introspektives Bewusstsein."Consciousness is the perception of what passes in a man's own mind."
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:i.19.)
Er gibt eine zweite Definition von "Reflexion" an:Reflection is "the Perception of the Operations of our own Mind within us."
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:i.4)
Das Oxford English Dictionary definiert das Substantiv "notice" als "heed, cognizance, note, attention". Das Substantiv "heed" wird als "careful attention, care, observation, regard" definiert und "to take notice" als "to give heed, bestow attention".Reflection is "that notice which the mind takes of its own operations."
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:i.4)
Dies spricht klar dafür, dass in lockesche Reflexion Aufmerksamkeit (attention) involviert ist und sie somit eine aufmerksame Wahrnehmung darstellt.
Nun stellt sich die Frage, ob es so etwas wie unaufmerksame Wahrnehmung überhaupt gibt; denn—soweit ich weiß—viele Psychologen sind der Ansicht, dass an allen (bewussten oder unbewussten) Wahrnehmungsvorgängen neurokognitive Aufmerksamkeitsmechanismen beteiligt sind.
Aufmerksamkeit ist allerdings keine binäre Angelegenheit von entweder-oder, weil es viele unterschiedliche Grade davon gibt, welche jeweils bestimmen, wie klar und wie deutlich etwas wahrgenommen wird. Genauer ausgedrückt, geht es also darum, ob (äußere oder innere) Wahrnehmung auch ohne ein bestimmtes Mindestmaß an (äußerer oder innerer) Aufmerksamkeit stattfinden kann – was ich bezweifle.
"Mit Aufmerksamkeit ist es Reflexion, ohne Aufmerksamkeit ist es keine Reflexion." — Dynamis
Okay, aber gibt es (lockesches) Bewusstsein als introspektives Bewusstsein oder innere Geisteswahrnehmung ohne (ein bestimmtes Mindestmaß an) Aufmerksamkeit? – Ich bezweifle es, insbesondere angesichts der folgenden Aussage:
Wenn—wie es mir scheint—Aufmerksamkeit stets sowohl an der Reflexion als auch am introspektiven, lockeschen Bewusstsein (an der inneren Geisteswahrnehmung) beteiligt ist, dann kann sie nicht den entscheidenden Unterschied dazwischen ausmachen—zumal sich die Locke-Exegeten nicht darüber einig sind, ob überhaupt irgendein (realer) Unterschied zwischen lockeschem Bewusstsein (Introspektion) und lockescher Reflexion besteht."Das 'Organ' der Introspektion ist die Aufmerksamkeit, diejenige Ausrichtung, welche ein Subjekt in eine entsprechende Beziehung zu einem angezielten Zustand bringt." [übersetzt von Consul]
(Goldman, Alvin I. Simulating Minds: The Philosophy, Psychology, and Neuroscience of Mindreading. New York: Oxford University Press, 2006. p. 244)
Wenn Jonathan Lowe recht hat, dann ist dies nicht der Fall:
"Reflexion. Lockes Begriff für das, was heutzutage Introspektion genannt wird, ein geistiger Vorgang, bei dem der Geist sich seinen eigenen Zuständen und Tätigkeiten/Vorgängen [operations] zuwendet." [übersetzt von Consul]
(Lowe, E. J. Locke. Abingdon: Routledge, 2005. pp. 207-8)
"Historisch betrachtet lassen sich in der Forschung drei verschiedene Auffassungen zum Bewusstsein in Lockes philosophischer Psychologie unterscheiden. Einige gehen davon aus, dass Locke Bewusstsein mit Wahrnehmung im Allgemeinen gleichsetzt. Demnach ist alles Denken lediglich eine Modifikation des Bewusstseins, und das Bewusstsein spielt in Lockes Theorie des Geistes keine eigenständige Rolle. Andere argumentieren, dass Locke Bewusstsein mit Reflexion gleichsetzt, da Bewusstsein eine Art Gewahrsein mentaler Zustände beinhaltet. Wieder andere vertreten die Ansicht, dass Bewusstsein und Reflexion zwar beide ein gewisses Maß an Gewahrsein des Denkens voraussetzen, aber als unterschiedliche Wahrnehmungsakte zu verstehen sind. Das Unterscheidungsmerkmal besteht darin, dass Reflexion einen Willens- oder Aufmerksamkeitsakt zu erfordern scheint, Bewusstsein hingegen nicht.
Keine dieser Interpretationen Lockes ist zufriedenstellend. Denn Locke wird entweder eine für die von ihm zugeschriebene Rolle unzureichende Bewusstseinsauffassung unterstellt oder ihm wird eine Auffassung zugeschrieben, die anderen wichtigen Überzeugungen widerspricht, etwa seiner Annahme, dass Kinder nur über geringe Reflexionsfähigkeiten verfügen, oder seinem empiristischen Prinzip, dass alle Ideen aus Sinneswahrnehmung und Reflexion entstehen. Die beiden letztgenannten Probleme haben zu dem Vorwurf geführt, Lockes Konzeption von Bewusstsein und Reflexion sei inkohärent." [übersetzt von Google]
(Weinberg, Shelley. Consciousness in Locke. New York: Oxford University Press, 2016. pp. 26-7)
Ja, zwischen einer geistigen Tätigkeit wie Denken und ihrem (Bezugs-)Gegenstand besteht ein Unterschied, aber…Dynamis hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 09:24Operation ≠ Idee! Ich habe dich schon vorhin darauf hingewiesen, dass man zwischen der Sache und der Bezugnahme auf diese Sache unterscheiden muss. Locke trifft hier eine ähnliche Unterscheidung. Eine Operation ist keine Idee, sondern eine Aktion des Geistes in der Bezugnahme auf seine Ideen.Consul hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 00:18Zu Lockes Begriff einer Operation:
"Den Begriff Operationen verwende ich hier in einem weiten Sinne, sodass er nicht nur die Aktionen des Geistes in Bezug auf seine Ideen umfasst, sondern auch eine Art von Passionen, die manchmal daraus entstehen, wie etwa die aus irgendeinem Gedanken entspringende Zufriedenheit oder Unruhe." [übersetzt von Consul & C. Winckler]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:i.4)
Laut Locke kann der Geist bzw. dessen Subjekt kraft Reflexion auch seine geistigen Tätigkeiten (Operationen) zum Gegenstand der Wahrnehmung, des Denkens oder des Verstandes machen, was jene per definitionem selbst zu (aktuellen oder zumindest potenziellen) Ideen macht."Was auch immer der Geist in sich selbst wahrnimmt, oder der unmittelbare Gegenstand der Wahrnehmung, des Denkens oder des Verstandes ist, das nenne ich Idee." [übersetzt von Consul]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:viii.8)
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Meinetwegen, aber nichtsdestoweniger ist lockesches Bewusstsein = introspektives Bewusstsein!Dynamis hat geschrieben : ↑Fr 24. Apr 2026, 09:33Das ist aber die falsche Stelle. An dieser Stelle wird Bewusstsein definiert, nicht Reflexion oder Introspektion. Deswegen ist deine Interpretation falsch, wenn du da behauptest "Die hier definierte Art von Bewusstsein ist reflexives/introspektives Bewusstsein". Hier wird keine Art von Bewusstsein, sondern Bewusstsein definiert!Consul hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 23:11Locke definiert "Bewusstsein" folgendermaßen:
Die hier definierte Art von Bewusstsein ist reflexives/introspektives Bewusstsein, zu dessen Gegenstandsbereich alles zählt, "was im eigenen Geist [oder Gemüt—hinzugef.] eines Menschen vor sich geht.""Consciousness is the perception of what passes in a man's own mind."
———
"Bewusstsein ist die Wahrnehmung dessen, was im eigenen Geist eines Menschen vor sich geht." [übersetzt von Google]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. 2:1;19.)
Meine obige Gleichsetzung von "introspektiv" und "reflexiv" nehme ich (vorläufig) zurück, weil es in der Tat fraglich ist, ob lockesches Bewusstsein und lockesche Reflexion im Grunde dasselbe sind, wie z.B. von Alfred Klemmt behauptet.
David Armstrongs Beschreibung des introspektiven Bewusstseins entspricht genau Lockes Definition von "Bewusstsein":"Zweifellos sind wir berechtigt, Reflexion und Bewußtsein bei Locke grundsätzlich gleichzusetzen, denn Bewußtsein wird im neunzehnten Paragraphen des ersten Kapitels des zweiten Buches von ihm definiert als „Wahrnehmung dessen, was in dem eigenen Geiste des Menschen vor sich geht“ (Consciousness is the perception of what passes in a man's own mind). Eben darum geht es auch bei der Reflexion."
(Klemmt, Alfred. John Locke: Theoretische Philosophie. Meisenheim/Glan: Westkulturverlag Anton Hain, 1952. S. 49)
"Introspective consciousness, then, is a perception-like awareness of current states and activities in our own mind."
———
"Introspektives Bewusstsein ist demnach ein wahrnehmungsähnliches Gewahrsein gegenwärtiger Zustände und Aktivitäten in unserem eigenen Geist." [übersetzt von Google]
(Armstrong, D. M. "What is Consciousness?" In The Nature of Mind, 55-67. Brighton: Harvester Press, 1981. p. 61)
Doch, nur halt nicht über Wahrnehmung im Allgemeinen.
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Äh…nein. Denn die beiden Sätze "Ich kann die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken" und "Ich denke gerade, dass ich die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken kann" kann ich genauso wenig gleichzeitig denken.Dynamis hat geschrieben : ↑Fr 24. Apr 2026, 10:26Nochmals, in meiner Behauptung ist vorausgesetzt, dass man die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens thematisierst. Das tust du gerade. Hier denkst du gerade über die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens nach, indem du anhand eines Beispiels folgende Behauptung aufstellst: Man kann die Sätze "x" und "ich denke gerade, dass x" nicht gleichzeitig denken. Für x kann man hier statt "heute ist schönes Wetter" auch "Du kannst die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken" einsetzen und damit hast du gerade über deinen eigenen Gedanken nachgedacht. Das bestätigt meine Behauptung.
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Consul hat geschrieben : ↑Do 23. Apr 2026, 00:18…"Den Begriff Operationen verwende ich hier in einem weiten Sinne, sodass er nicht nur die Aktionen des Geistes in Bezug auf seine Ideen umfasst, sondern auch eine Art von Passionen, die manchmal daraus entstehen, wie etwa die aus irgendeinem Gedanken entspringende Zufriedenheit oder Unruhe." [übersetzt von Consul & C. Winckler]
(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:i.4)
Nach meiner Auffassung umfassen Lockes "mentale Operationen" als Gegenstand der Reflexion nicht nur mentale Aktionen wie (absichtliches) Denken, Vorstellen, Überlegen, sondern alle Arten (bewusster, erlebter) mentaler Prozesse, zu denen auch Empfinden und Fühlen (humesche Impressionen) als mentale Passionen gehören.
"Unter operations versteht aber Locke, wie er selbst sagt, nicht nur actions, nicht nur Einwirkungen des Geistes auf seine Ideen, sondern auch some sort of passions, Einwirkungen, die er zuweilen von ihnen erleidet, z. B. die aus einem Gedanken entspringende Zufriedenheit und Unruhe (II, 1, 4). So nennt Locke unter den Tätigkeiten des Geistes einmal Denken, Schließen, Fürchten (II, 23, 5). Die Reflexion wendet sich also sowohl aktiven als passiven seelischen Erscheinungen, überhaupt der Gesamtheit der psychischen Prozesse zu und gewinnt von ihnen Ideen durch bloßes Wahrnehmen. Das ist die elementarste und zugleich häufigste Fassung des Begriffes der Reflexion im Essay."
(Köhler, Willy. Die Aktivität der menschlichen Seele bei Locke. Diss., Univ. Leipzig. Borsdorf-Leipzig: W. Hoppe, 1913. S. 42)
"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding
Ich glaube, dass unsere Diskussion doch einen guten Fortschritt macht. Es zeigt sich nun, wie sich reflexives Bewusstsein von unreflektiertem Bewusstsein unterscheidet.
In dieser Kritik verwendet Locke den Sachverhalt, dass jegliches Bewusstsein introspektives Bewusstsein ist oder präziser gesagt einen introspektiven Anteil hat. Wenn dieser Sachverhalt nicht stimmen würde, ergäbe sich die absurde Situation, dass wir nichts davon mitbekämen, dass wir uns da gerade einer Sache bewusst sind.
Außerdem ist zu beachten, dass an dieser Stelle nichts von Operationen steht! Wenn man mitkriegt, was sich da gerade im eigenen Bewusstsein abspielt, folgt daraus noch nicht, dass man sich reflexiv auf die eigenen Operationen zurückwendet. Die reflexive Zurückwendung auf die eigenen Operationen ist dann tatsächlich eine Sache der Aufmerksamkeit. Wenn sich meine Aufmerksamkeit auf einen äußeren Gegenstand richtet, handelt es sich nicht um eine Reflexion. Aber sehr wohl um Bewusstsein mit introspektivem Anteil.
Dieser Satz wird verständlich, wenn man berücksichtigt, welche Funktion er im Text hat. Locke verwendet ihn an dieser Stelle, um eine Position zu widerlegen. Der unmittelbar vorhergehende Satz ist "If they say that a man is always conscious to himself of thinking, I ask, How they know it?" Locke argumentiert hier also gegen die offensichtlich absurde Position, dass der Mensch sich in jedem Augenblick seines Denkens bewusst ist. Warum ist diese Position absurd? Locke sagt, weil Menschen schlafen und wenn sie schlafen, dann sind sie sich nicht dessen bewusst, dass sie denken. An dieser Stelle, anders als in der Textstelle mit Uhr+Landschaft, operiert Locke also tatsächlich mit dem Gegensatz zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein. Auf diese Weise widerlegt er die von ihm kritisierte Position, die behauptet, dass die Seele eine unablässig denkende Substanz sei. Wie kann sie unablässig denken, wenn Menschen im Schlaf nichts davon mitbekommen?
In dieser Kritik verwendet Locke den Sachverhalt, dass jegliches Bewusstsein introspektives Bewusstsein ist oder präziser gesagt einen introspektiven Anteil hat. Wenn dieser Sachverhalt nicht stimmen würde, ergäbe sich die absurde Situation, dass wir nichts davon mitbekämen, dass wir uns da gerade einer Sache bewusst sind.
Außerdem ist zu beachten, dass an dieser Stelle nichts von Operationen steht! Wenn man mitkriegt, was sich da gerade im eigenen Bewusstsein abspielt, folgt daraus noch nicht, dass man sich reflexiv auf die eigenen Operationen zurückwendet. Die reflexive Zurückwendung auf die eigenen Operationen ist dann tatsächlich eine Sache der Aufmerksamkeit. Wenn sich meine Aufmerksamkeit auf einen äußeren Gegenstand richtet, handelt es sich nicht um eine Reflexion. Aber sehr wohl um Bewusstsein mit introspektivem Anteil.
Mit meiner Aussage "Mit Aufmerksamkeit ist es Reflexion, ohne Aufmerksamkeit ist es keine Reflexion." habe ich tatsächlich fälschlicherweise suggeriert, dass dies die Frage sei, die sich stellt. Mea culpa. Das Kriterium der Unterscheidung zwischen Reflexion und unreflektierten Bewusstseinszuständen müssen wir daran festmachen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. In der Reflexion richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Operationen des Geistes. Wenn wir nicht reflektieren, tun wir dies nicht. Dann richten wir unsere Aufmerksamkeit auf eine andere Sache.Consul hat geschrieben : Dies spricht klar dafür, dass in lockesche Reflexion Aufmerksamkeit (attention) involviert ist und sie somit eine aufmerksame Wahrnehmung darstellt.
Nun stellt sich die Frage, ob es so etwas wie unaufmerksame Wahrnehmung überhaupt gibt; denn—soweit ich weiß—viele Psychologen sind der Ansicht, dass an allen (bewussten oder unbewussten) Wahrnehmungsvorgängen neurokognitive Aufmerksamkeitsmechanismen beteiligt sind.
Goldman scheint hier Aufmerksamkeit fälschlicherweise mit ihrem introspektiven Anteil gleichzusetzen. Ich kann meine Aufmerksamkeit aber auch auf einen äußeren Gegenstand richten, beispielsweise kann ich aufmerksam dem zuhören, was du sagst. Weil, wie Locke uns beigebracht hat, jedes Bewusstsein einen introspektiven Anteil hat, hat auch die auf die äußeren Gegenstände gerichtete Aufmerksamkeit einen introspektiven Anteil.Consul hat geschrieben : "Mit Aufmerksamkeit ist es Reflexion, ohne Aufmerksamkeit ist es keine Reflexion." — Dynamis
Okay, aber gibt es (lockesches) Bewusstsein als introspektives Bewusstsein oder innere Geisteswahrnehmung ohne (ein bestimmtes Mindestmaß an) Aufmerksamkeit? – Ich bezweifle es, insbesondere angesichts der folgenden Aussage:
"Das 'Organ' der Introspektion ist die Aufmerksamkeit, diejenige Ausrichtung, welche ein Subjekt in eine entsprechende Beziehung zu einem angezielten Zustand bringt." [übersetzt von Consul]
(Goldman, Alvin I. Simulating Minds: The Philosophy, Psychology, and Neuroscience of Mindreading. New York: Oxford University Press, 2006. p. 244)
Da unterläuft dir ein performativer Selbstwiderspruch. Du baust die Sätze "Ich kann die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken" und "Ich denke gerade, dass ich die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken kann" gerade in einen einzelnen Satz ein und denkst sie somit, indem du diesen Satz formulierst, gleichzeitig.Consul hat geschrieben : ↑Sa 25. Apr 2026, 00:45Äh…nein. Denn die beiden Sätze "Ich kann die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken" und "Ich denke gerade, dass ich die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken kann" kann ich genauso wenig gleichzeitig denken.Dynamis hat geschrieben : ↑Fr 24. Apr 2026, 10:26Nochmals, in meiner Behauptung ist vorausgesetzt, dass man die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens thematisierst. Das tust du gerade. Hier denkst du gerade über die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens nach, indem du anhand eines Beispiels folgende Behauptung aufstellst: Man kann die Sätze "x" und "ich denke gerade, dass x" nicht gleichzeitig denken. Für x kann man hier statt "heute ist schönes Wetter" auch "Du kannst die beiden folgenden Sätze nicht gleichzeitig denken" einsetzen und damit hast du gerade über deinen eigenen Gedanken nachgedacht. Das bestätigt meine Behauptung.
Genau dieser performative Selbstwiderspruch zeigt die Selbstbezüglichkeit des Denkens. Wenn man über die Bedingungen der Möglichkeit des Denkens nachdenkt, denkt man über sein eigenes Denken nach. Diese Selbstbezüglichkeit zeigt die reflexive Struktur des Denkens auf. Das Ich-Bewusstsein ist dann nichts anderes als diese reflexive Struktur. Wenn man über sein eigenes Nachdenken nachdenkt, denkt man über sich selber nach.