Hübl über Moral, Selbstüberschätzung, Narzissmus, Empörung

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Friederike
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Di 3. Jun 2025, 18:07

Quk hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 17:20
Sicher, man stellt Fragen. Viele Fragen. Unendlich viele Fragen. Und wenn man zu einer Gesprächsrunde einladen oder auf eine Mitteilung aufmerksam machen möchte, setzt man allen Fragen voraus eine große, attraktive, knapp formulierte Hauptfrage. Ist es diese attraktive, politische, sozialpsychologische Funktion, die Du meinst? Die eine Frage als Überschrift?
Ja, die eine Frage hatte ich gemeint :-). Danke für Deine Antwort.
Quk hat geschrieben : Jedenfalls stelle ich mir beim Denken unendlich viele Einzelfragen. Ich muss mich Schritt für Schritt ans Neue herantasten, ein Leben lang, in allen Gedankengängen und in jedem Gedankenaustausch mit anderen.
Das wäre, wie ich finde, ein spannendes Thema für einen eigenen Thread.
Quk hat geschrieben : (Was das von mir geforderte Beispiel betrifft in Bezug auf strukturelle Gewalt, da habe ich jetzt einiges gelernt aus Consuls Quellen. Das habe ich weiter oben kommentiert.)
Hm, ein Beispiel habe ich von Dir nicht gefordert :-).




Quk

Di 3. Jun 2025, 18:31

Friederike hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 18:07
Hm, ein Beispiel habe ich von Dir nicht gefordert :-).
Ich weiß. Ich wollte nur zur Sicherheit sagen, dass ich nun keins mehr fordere :-)




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Consul
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Di 3. Jun 2025, 20:11

Timberlake hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 02:23
Consul hat geschrieben :
So 1. Jun 2025, 23:00
In diesem Fall von Respektlosigkeit gegenüber Altenheimbewohnern überhaupt von Gewalt zu sprechen, halte ich für eine inflationäre Vergewaltigung des Gewaltbegriffs.
Würdest du es denn gleichfalls für eine inflationäre Vergewaltigung des Gewaltbegriffs halten, wenn du selbst davon betroffen wärst? Also im Altenpflegeheimen von den Mitarbeitenden mit "Du" angesprochen zu werden, und zwar wie bei den Kindern grundsätzlich. So das du dort auch von Menschen mit "Du" angesprochen wirst, die dir, wie auch umgekehrt, gänzlich unbekannt sind.
Das würde mir nicht gefallen, und ich selbst habe es während meiner Zivildienstzeit in einem Altenheim auch niemals getan.
Wenn ich als Kunde von Unternehmen wie Amazon ungefragt geduzt werde, dann missfällt mir das; aber es wäre maßlos überzogen zu sagen, dass mir Amazon damit Gewalt antut.

Ich habe oben "indignitas" ("unwürdiges, ungehöriges Benehmen") als eine mögliche Bedeutung von "Gewalt" erwähnt, wobei ich im Nachhinein erkannt habe, dass dessen Erwähnung im Grimmschen Wörterbuch in einer Reihe lateinischer Bedeutungen von "Gewalt" ein Zitat aus Kaspar von Stielers Wörterbuch von 1691 ist (Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, oder Teutscher Sprachschatz), welches das einzige zu sein scheint, worin "indignitas" als eine Bedeutung von "Gewalt" aufgeführt ist. Um eine gängige Bedeutung hat es sich also wohl niemals gehandelt, obschon sie der gängigen Bedeutung "iniuria" ("Unrecht", "unrechtmäßige Behandlung") nahesteht.
Anyway, das (ungefragte) Duzen von Altenheimbewohnern durch das Pflegepersonal ist für mich ein Fall von indignitas und nicht von violentia (Gewalttätigkeit). Es kann allerdings eine violatio darstellen, d.i. eine (seelische) Verletzung, Entehrung, Entwürdigung.



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Consul
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Di 3. Jun 2025, 20:26

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 16:36
www.tagesschau.de hat geschrieben : Anfragen wegen Diskriminierung auf Höchststand
Stand: 03.06.2025 12:21 Uhr

Ob bei der Job- und Wohnungssuche oder im Büro - Diskriminierung begegnet Menschen an vielen Orten im Alltag. Immer mehr Betroffene suchen Unterstützung: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes verzeichnet so viele Anfragen wie nie zuvor.

https://www.tagesschau.de/inland/gesell ... t-100.html
Ich finde es sprachlich grotesk, alle von Diskriminierung Betroffenen als Opfer von Gewalt zu bezeichnen.



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Ottington
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Di 3. Jun 2025, 20:59

Was soll es denn sonst sein, wenn nicht Gewalt in struktureller Form? Sie sind sicher keine Opfer "ungehörigen Benehmens".

Diese Unterscheidung zwischen violentia (Gewalttätigkeit) und violatio als (seelische) Verletzung, Entehrung, Entwürdigung ist das einzige, was grotesk wirkt, weil es das selbe sagt.

"Seelisch" in Klammern gesetzt.




Quk

Di 3. Jun 2025, 21:14

Diskriminierung finde ich schrecklich und ich wünschte, sie würde verschwinden. Was kann man tun? Den Betroffenen zuhören, die Szenarien analysieren; schauen, wo wird bewusst diskriminiert und wo unbewusst. Am meisten kann man wahrscheinlich dort ansetzen, wo es unbewusst passiert; da wäre vielleicht Aufklärung der erste Schritt. Das Thema ist natürlich unfassbar komplex.




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Consul
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Di 3. Jun 2025, 21:59

Ottington hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 20:59
Was soll es denn sonst sein, wenn nicht Gewalt in struktureller Form? Sie sind sicher keine Opfer "ungehörigen Benehmens".
Doch, sind sie. Der Begriff strukturelle Gewalt ist derart schwammig, dass ich damit nichts Sinnvolles anzufangen weiß.

Siehe z.B. Michael Riekenbergs Kritik: Auf dem Holzweg? Über Johan Galtungs Begriff der „strukturellen Gewalt“
Ottington hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 20:59
Diese Unterscheidung zwischen violentia (Gewalttätigkeit) und violatio als (seelische) Verletzung, Entehrung, Entwürdigung ist das einzige, was grotesk wirkt, weil es das selbe sagt.
Nein, die beiden Wörter sind keine Synonyme. Der Begriff einer violatio inviolenta (nicht gewaltsamen, gewaltlosen Verletzung [im weitesten Sinn von "verletzen"]) ist kein Widerspruch in sich. Wenn beispielsweise eine Ehefrau ihren Ehemann mit einem anderen Mann betrügt, dann mag ihn das seelisch verletzen oder kränken, ihm gefühlsmäßig wehtun; aber ihr Fremdgehen ist keine an ihm verübte Gewalttat.



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Timberlake
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Di 3. Jun 2025, 23:06

Quk hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 10:28
Timberlake hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 02:23
Würdest du es denn gleichfalls für eine inflationäre Vergewaltigung des Gewaltbegriffs halten, wenn du selbst [...] von Menschen mit "Du" angesprochen [...]
Timberlake, im Kern fragst Du doch Consul, ob er etwas gegen jenes Duzen hätte, und nicht, ob er das gewaltbegrifflich einstuft.
Im Kern frage ich Consul, wenn er von Menschen mit "Du" angesprochen wird, ob er das gewaltbegrifflich .. auf sich selbst bezogen! .. einstuft oder nicht.
Consul hat geschrieben :
So 1. Jun 2025, 23:00
Friederike hat geschrieben :
So 1. Jun 2025, 10:39
Wenn nun bis vor nicht allzu langer Zeit die Bewohner*innen in Altenpflegeheimen von den Mitarbeitenden häufig mit "Du" angesprochen wurden, dann würde ich das einen Fall von "struktureller Gewalt durch Sprache" nennen.
In diesem Fall von Respektlosigkeit gegenüber Altenheimbewohnern überhaupt von Gewalt zu sprechen, halte ich für eine inflationäre Vergewaltigung des Gewaltbegriffs.
Ob er denn für den Fall, dass er selbst ein Altenheimbewohner ist, es für eine Respektlosigkeit von den dort Mitarbeitenden hält. Würde man doch das dann, so Friederike, als einen Fall von "struktureller Gewalt durch Sprache" nennen.

Quk hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 10:28
. Wenn Du mich fragtest, ich würde antworten: Es kommt auf den Charakter der Pflegerin an; wenn sich die Augenhöhe gleich anfühlt, macht Duzen eine freundschaftliche Stimmung. Wahrscheinlich wird es auch autoritär Wirkende geben, von denen möchte ich nicht geduzt werden, weil mich das entehrt.
Sicherlich nicht, wenn der Charakter der Pflegerin zum "Du" einlädt. Ganz bestimmt aber bei autoritär Wirkende. Was würdest du letzterem entgegnen, wenn er dich duzt? Immerhin bis du ihm oder sie buchstäblich auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert. Du möchtest es dir nicht wirklich mit dem oder diejenige verscherzen, in dem du auf das "Sie" bestehst.
Quk hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 10:28

Timberlake, nun liegen zwei Arten von Antworten vor. Welche ist informativer?

Antwort 1: (Gewalt ja/nein) Informationsgehalt: Der Begriff "Gewalt" steht da und wird vage interpretiert.

Antwort 2: Informationsgehalt: Charakter, Pflegerin, Augenhöhe, freundschaftlich, autoritär Wirkende, entehrt.
Vor diesem Hintergrund würde ich sagen, Antwort 2. durch Antwort 3 ergänzt ...

Antwort 3: (Gewalt ja/nein) Informationsgehalt: Der Begriff "Gewalt" steht da und wird situationsbedingt durch Abhängigkeiten und Dominanz interpretiert.

Beispiel

Die Dominanz der Nazis gegenüber den Juden.
Wie waren denn die Umgangsformen der Nazis mit den Juden? Wurden sie in der Sie-Form und somit auf eine höfliche Art oder in der unhöflichen Du-Form angesprochen? Wäre Letzteres nicht genau das, eine "strukturelle Gewalt durch Sprache" durch "autoritär Wirkende" von denen man, so Quk, nicht geduzt werden möchte, weil das entehrt? Wäre es in dieser Situation nicht geradezu selbstmöderisch, deshalb auf ein "Sie" zu bestehen?
Zuletzt geändert von Timberlake am Mi 4. Jun 2025, 00:02, insgesamt 2-mal geändert.




Timberlake
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Di 3. Jun 2025, 23:57

Consul hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 21:59
Der Begriff strukturelle Gewalt ist derart schwammig, dass ich damit nichts Sinnvolles anzufangen weiß.
Vielleicht weißt du ja nunmehr, nach Kenntnisnahme des letzten Beitrags, etwas Sinnvolles mit dem Begriff strukturelle Gewalt anzufangen.




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Consul
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Mi 4. Jun 2025, 04:55

Die Frage nach dem Verhältnis von Gewalt (Violenz) und Verletzung (Violation) ist sehr interessant und relevant; und es gibt Theoretiker, die Gewalt als Verletzung definieren, z.B.:
"Wägt man die verschiedenen Vorschläge zur Definition von „Gewalt“ und die entsprechenden Gründe und Einwände gegeneinander ab, dann spricht vieles dafür, „Gewalt“ als absichtliche schwere Verletzungen von Lebewesen gegen ihren Willen zu bestimmen. „Gewalt“ in diesem Sinne kann von Einzeltätern oder von mehreren Tätern gemeinsam verübt werden, und in beiden Fällen kann es sich um Gewalthandlungen handeln, die ohne entsprechende institutionelle Strukturen nicht zu verstehen sind, die den Tätern „Räume der Gewalt“ öffnen."

(Schotte, Dietrich. Was ist Gewalt? Philosophische Untersuchung zu einem umstrittenen Begriff. Frankfurt/Main: Klostermann, 2020. S. 235)
"An act of violence occurs when the integrity or unity of a subject (person or animal) or object (property) is being intentionally or unintentionally violated, as a result of an action or an omission. The violation may occur at the physical or psychological level, through physical or psychological means. A violation of integrity will usually result in the subject being harmed or injured, or the object being destroyed or damaged."
——————————
"Ein Gewaltakt liegt vor, wenn die Integrität oder Einheit eines Subjekts (Mensch oder Tier) oder Objekts (Eigentum) durch eine Handlung oder Unterlassung absichtlich oder unabsichtlich verletzt wird. Die Verletzung kann auf physischer oder psychischer Ebene erfolgen, durch physische oder psychische Mittel. Eine Verletzung der Integrität führt in der Regel dazu, dass das Subjekt geschädigt oder beeinträchtigt oder das Objekt zerstört oder beschädigt wird." [Google Translate mit einer Änderung meinerseits]

(Bufacchi, Vittorio. Violence and Social Justice. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2007. pp. 43-44)

"First of all, all violence is a violation of integrity. If the concept of violence has an essence, this is it. …[T]he fact that harm, suffering and injury are inflicted upon the victim is only the epiphenomena of an even more fundamental cause, namely the violation of the integrity of the victim. The term ‘integrity’ should be interpreted in a strictly non-philosophical sense here, meaning wholeness or intactness. Integrity refers simply to the quality or state of being complete or undivided. An act of violence is fundamentally a violation of integrity, to the extent that it damages or destroys a pre-existing unity, where the unity can be physiological or psychological. The experience of injury, suffering or harm is a consequence or symptom of having one’s integrity violated, but it is the violation of integrity that is the essence of violence. To define violence in terms of the harm or suffering rather than violation of integrity is to mistake the effect for the cause."
——————————
"Zunächst einmal ist jede Gewalt eine Verletzung der Integrität. Wenn der Begriff Gewalt eine Essenz hat, dann ist sie diese. …Dass dem Opfer Schaden, Leid und Verletzungen zugefügt werden, ist nur die Begleiterscheinung einer noch grundlegenderen Ursache, nämlich der Verletzung der Integrität des Opfers. Der Begriff „Integrität“ ist hier streng nicht-philosophisch zu verstehen und bedeutet Ganzheit oder Unversehrtheit. Integrität bezeichnet lediglich die Qualität oder den Zustand der Vollständigkeit oder Ungeteiltheit. Ein Gewaltakt ist grundsätzlich eine Verletzung der Integrität, sofern er eine bestehende Einheit beschädigt oder zerstört, wobei diese Einheit physiologischer oder psychologischer Natur sein kann. Die Erfahrung von Verletzung, Leid oder Schaden ist eine Folge oder ein Symptom der Verletzung der eigenen Integrität, doch die Verletzung der Integrität ist das Wesen der Gewalt. Gewalt über Schaden oder Leid statt über Integritätsverletzung zu definieren, bedeutet, die Wirkung mit der Ursache zu verwechseln." [Google Translate mit Änderungen meinerseits]

(Bufacchi, Vittorio. Violence and Social Justice. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2007. p. 89)
In Adelungs Wörterbuch (2. Aufl., 1793-1801) wird "verletzen" wie folgt definiert: "ein körperliches Ding so beschädigen, daß dadurch dessen Vollständigkeit oder ganze Beschaffenheit leidet, der gehörige Zusammenhang des Ganzen oder eines Theiles unterbrochen wird" – das heißt: etwas/jemanden so beschädigen, dass seine Integrität "leidet" oder "unterbrochen wird".
verletzen = verderben, schädigen; von äuszerlichen schäden gesagt: beschädigen, wundmachen; von geistiger beeinträchtigung, zurücksetzung: herabsetzen, schwächen, schädigen

versehren = verwunden, verletzen, beschädigen, beeinträchtigen, verderben

die entfaltung des bildlichen freieren und übertragenen gebrauchs ist schon im vorhergehenden abschnitt mehrfach angedeutet. das wort bezeichnet innere, schmerzende verletzung, dann verletzung im weitesten sinne des wortes: schädigung, herabsetzung, beleidigung, kränkung, schändung, entehrung u. ä.; man sieht, wie die der neueren sprache verlorene stärke der eigentlichen bedeutung auch im übertragenen gebrauch zurücktritt: offendere, verseren

Quelle: GRIMMsches Wörterbuch
Anmerkung: Laut Bufacchi gibt es Gewalt durch Unterlassung, was sehr fragwürdig ist. Er führt folgendes Beispiel an:
"Yvette, the child who witnessed the massacre at Kibeho in Rwanda, who received two blows of machete, and who was beaten and raped, was arguably the victim of two separate acts of violence: the direct action of her aggressors and rapists, and the indirect omission of the international community who failed to intervene to avoid this genocide."
——————————
"Yvette, das Kind, das das Massaker von Kibeho in Ruanda miterlebte, das zwei Machetenhiebe erhielt und geschlagen und vergewaltigt wurde, war wohl das Opfer zweier verschiedener Gewalttaten: der direkten Einwirkung ihrer Angreifer und Vergewaltiger sowie der indirekten Unterlassung der internationalen Gemeinschaft, die nicht eingriff, um diesen Völkermord zu verhindern." [Google Translate]

(Bufacchi, Vittorio. Violence and Social Justice. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2007. p. 49)



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Consul
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Mi 4. Jun 2025, 05:22

Quk hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 21:14
Diskriminierung finde ich schrecklich und ich wünschte, sie würde verschwinden.
Erachtest du jedwede Diskriminierung als Gewaltakt?



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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Ottington
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Mi 4. Jun 2025, 07:08

Consul hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 21:59
Ottington hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 20:59
Diese Unterscheidung zwischen violentia (Gewalttätigkeit) und violatio als (seelische) Verletzung, Entehrung, Entwürdigung ist das einzige, was grotesk wirkt, weil es das selbe sagt.
Nein, die beiden Wörter sind keine Synonyme. Der Begriff einer violatio inviolenta (nicht gewaltsamen, gewaltlosen Verletzung [im weitesten Sinn von "verletzen"]) ist kein Widerspruch in sich. Wenn beispielsweise eine Ehefrau ihren Ehemann mit einem anderen Mann betrügt, dann mag ihn das seelisch verletzen oder kränken, ihm gefühlsmäßig wehtun; aber ihr Fremdgehen ist keine an ihm verübte Gewalttat.
Nein. Aber Fremdgehen hat im allgemeinen auch nicht das Ziel, dem anderen zu schaden. Im Gegensatz zum Diskriminieren fällt es nicht in den Bereich der Gewalt.

Aber wenn ich andere aufgrund ihres Geschlechts/Herkunft etwa absichtlich schlecht behandle, also mit dem Ziel, sie auszugrenzen, dann schränke ich deren Freiheit massiv ein. Und das ist Gewalt.




Jörn Budesheim

Mi 4. Jun 2025, 08:14

Consul hat geschrieben :
Mi 4. Jun 2025, 05:22
Erachtest du jedwede Diskriminierung als Gewaltakt?
Ja, was denn sonst?




Quk

Mi 4. Jun 2025, 10:27

Consul hat geschrieben :
Mi 4. Jun 2025, 05:22
Quk hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 21:14
Diskriminierung finde ich schrecklich und ich wünschte, sie würde verschwinden.
Erachtest du jedwede Diskriminierung als Gewaltakt?
Weder noch. Begrifflichkeitsdebatten interessieren mich nicht. Mich interessiert, was man gegen Diskriminierung tun kann. Ich suche gerne konkrete Lösungen.
Quk hat geschrieben :
Di 3. Jun 2025, 21:14
Diskriminierung finde ich schrecklich und ich wünschte, sie würde verschwinden. Was kann man tun? Den Betroffenen zuhören, die Szenarien analysieren; schauen, wo wird bewusst diskriminiert und wo unbewusst. Am meisten kann man wahrscheinlich dort ansetzen, wo es unbewusst passiert; da wäre vielleicht Aufklärung der erste Schritt. Das Thema ist natürlich unfassbar komplex.




Jörn Budesheim

Mi 4. Jun 2025, 11:02

Quk hat geschrieben :
Mi 4. Jun 2025, 10:27
Begrifflichkeitsdebatten interessieren mich nicht.
Wenn man sich fragt, ob der Klumpen, den man auf dem Tisch liegen hat, echtes Gold oder eine Fälschung ist, dann führt man keine Debatte über Begriffe.




Quk

Mi 4. Jun 2025, 11:17

Die Frage, ob dies Gold sei, ist eine Frage an die aktuelle Chemie und keine Begrifflichkeitsdebatte.




Jörn Budesheim

Mi 4. Jun 2025, 11:22

Genau. Und die Frage, ob etwas Gewalt ist oder nicht, ist auch keine Debatte über Begriffe.




Quk

Mi 4. Jun 2025, 11:28

Welches Wörterbuch hat die absolute Hohheit? In der Chemie gibt es das Periodensystem, darin ist Gold definiert.

Du interessierst Dich für Begriffsfindungen. Ich interessiere mich für Problemlösungen.

Jeder hat seine speziellen Interessen. Können wir es dabei belassen?
Zuletzt geändert von Quk am Mi 4. Jun 2025, 11:54, insgesamt 1-mal geändert.




Jörn Budesheim

Mi 4. Jun 2025, 11:54

Sind nur Dinge real, die sich auf solch eindeutige Weise wie chemische Elemente definieren lassen? Sicher nicht. Alle – oder nahezu alle – Debatten über Begriffe sind zugleich Debatten über die Sache selbst. Denn Begriffe haben (fast) immer einen Bezug zur Wirklichkeit.

Gerade in der Philosophie geht es dabei nicht nur um natürliche Arten wie „Gold“ – das war lediglich ein Beispiel zum Weiterdenken –, sondern häufig um den Menschen und seine Selbstbeschreibungen. Es geht also um Fragen von besonderer Dringlichkeit: um unser Selbstbild, unseren Geist, unsere Freiheit. Solche Begriffe sind keine bloßen lexikalischen Spielereien. Sie berühren den Kern unserer Selbstbestimmung – also unserer Freiheit.

Und zum Thema: Gerade bei Fragen wie Diskriminierung ist die Begriffsarbeit ein zentraler Teil der Lösung – nicht ihr Gegenteil. Wer den Begriff schärft, macht das Problem sichtbar und schafft überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, es zu bearbeiten. Wenn beispielsweise Diskriminierung ausschließlich als „offene Benachteiligung durch Einzelne“ verstanden wird, bleiben strukturelle Ungleichheiten – etwa im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt – unsichtbar und werden folglich nicht bekämpft.




Quk

Mi 4. Jun 2025, 12:09

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 4. Jun 2025, 11:54
Wer den Begriff schärft, macht das Problem sichtbar und schafft überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, es zu bearbeiten.
Eine Begriffsfrage ist nett als attraktive Überschrift und kann als Einladung zum Gespräch dienen. Das Lesen der Überschrift dauert drei Sekunden. Im Gespräch aber sollte es dann meiner Auffassung nach um die Substanz gehen, um Analyse und Lösung, und nicht mehr um die Begrifflichkeiten. Während manche stundenlang, monatelang über Begriffe debattieren mit ihren unterschiedlichen persönlichen Definitionen, will ich lieber stundenlang, monatelang an der Problemlösung arbeiten. Vom Naturell her war ich schon immer lösungsorientiert, auch beruflich. Bloßes Jammern und Empören stellt mich nicht zufrieden. Bloßes Nennen von Begriffen und die bloße Empörung daraus, das ist wahrscheinlich eher etwas für Narzisten; da ist die Empörung Mittel zur Bühnenbeleuchtung und nicht Einleitung zur Lösungsfindung. Sicher, man kann Schilder hochhalten, wo draufsteht "Weg mit dem ...!" oder "Schafft das ... ab!" -- Lösungen sind das aber nicht wirklich, weil Probleme und Lösungen meist sehr komplex sind.

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 4. Jun 2025, 11:54
... unsichtbar und werden folglich nicht bekämpft.
Wenn man dauerhaft nur in der Begrifflichkeitsdebatte kreiselt, wird noch gar nichts bekämpft. Daher verlasse ich die Begrifflichkeitsdebatte gerne schnell und gehe zügig auf das konkrete Problem ein.




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