Allgemeiner Austausch und Smalltalk zu Blumenberg

In desem Forum kann die Philosophie des deutschen Philosophen Hans Blumenberg diskutiert werden.
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Nauplios
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Di 19. Nov 2019, 01:35

Friederike hat geschrieben :
Mo 18. Nov 2019, 13:10

Konkret: Du meinst mit dem schulbildenden Verfahren, daß Akademiker, die eine Professur innehaben, dafür Sorge tragen, wissenschaftliche Mitarbeiter und wissenschaftliche Assistentinnen zu haben, die die Arbeit ihres Doktorvaters (ihrer Doktormutter) bzw. ihres Förderers einer wissenschaftlichen Ausbildung fortführen?

Mir fällt noch ergänzend zum akademischen Netzwerk, der Verbindung zu den "richtigen" Kreisen ein, daß es wohl auch darauf ankommt, ob Themen den zeitgeistigen philosophischen Nerv treffen. Das mag gegebenenfalls eben erst nach dem Tode eines Autors der Fall sein. Ich kann das weder für Blumenberg noch für Habermas beurteilen, aber theoretisch scheint mir die Aktualität eines bearbeiteten Themas durchaus eine maßgebliche Rolle zu spielen (das, was für "aktuell" angesehen wird). Es scheint mir vergleichbar -wenn Du gestattest :lol: - mit einem irgendeinem neuen Produkt, das eine Firma auf den Markt wirft. Erfolgreich verkaufen läßt es sich dann, wenn ein Konsumbedarf besteht ... oder aber auch, wenn ein Bedarf geweckt werden kann.
Ja, ich meine genau jene Art von Schul- und Traditionsbildung, die in der Philosophie nichts Ungewöhnliches ist. Zwei Faktoren kommen bei Habermas noch hinzu, die ihn fundamental von Blumenberg unterscheiden. Da ist zum einen die Tatsache, daß Habermas als ein streitbarer Intellektueller sehr schnell zu einer öffentlichen Figur wurde, die in den jungen Bundesrepublik der 60er Jahre mit Vordenkerfunktionen ausgestattet war. Blumenberg hingegen meidete die Öffentlichkeit, wann immer sich Gelegenheit geboten hätte und beschränkte sich auf Glossen und Anekdoten in der NZZ und FAZ. Im Streit, in der Kontroverse, im argumentativ geführten Diskurs sah er nicht das bevorzugte Medium der Philosophie. In dem kleinen Vorlesungsmitschnitt, der in dem Film "Der unsichtbare Philosoph" zu hören ist, mißbilligt er Seminare, weil er in der Philosophie ein "Handwerk" sah, daß man wie andere Handwerke auch besser im Vollzug demonstrieren könne; deshalb seien Vorlesungen das richtige Format für dieses Zeigen. Während Habermas den "Strukturwandel der Öffentlichkeit" begleitete, blieb Blumenberg für die Öffentlichkeit "unsichtbar". -

Der zweite Faktor betrifft die Aufnahme von und den Anschluß an Theorien aus benachbarten Disziplinen, aus der Sprachphilosophie, der analytischen/postanalytischen Philosophie. Habermas war hier immer für Anreicherungen seiner eigenen Theorie der Kommunikation offen. Blumenberg hat zeitgenössische Strömungen in der Philosophie über den Kreis von Poetik und Hermeneutik hinaus kaum kontaktiert. Ich war erstaunt, in den Paradigmen an einer Stelle Alfred Jules Ayer beiläufig erwähnt zu finden.

"Markt ... verkaufen ... Aktualität ... Konsumbedarf"

Ob es einen meßbaren Bedarf an Philosophie gibt und je gegeben hat, kann ich nicht beurteilen. Offenbar muß es aber zumindest eine öffentlich-rechtliche Nachfrage nach fernsehaffinen Philosophen geben (Precht, Eilenberger u.a.), die es sich nicht nehmen lassen, in "Sternstunden" das Publikum unterhaltend aufzuklären, also aufklärend zu unterhalten. Ja gut, es mag auch einen "Markt" für Philosophie geben. Was auf diesem Markt Angebot sein und Nachfrage befriedigen kann - es sei dahingestellt.




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Nauplios
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Di 19. Nov 2019, 18:00

Wenn ich die Dinge richtig sehe, Friederike, bewegen wir uns jetzt in jener Zäsur, die wir uns vor einigen Wochen vorgenommen hatten und in der wir überlegen wollten, wie (ggf. auch ob) es weitergehen soll mit dem Blumenberg-Projekt. - Ich spreche Dich deswegen direkt und persönlich an, weil - nach meinem Eindruck - wir beide die verbliebenen Interessenten an diesem Projekt sind. ;) Du scheinst ja inzwischen wieder regelmäßiger hier im Forum zu sein. Wie könntest Du Dir das weitere Vorgehen vorstellen? -




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Friederike
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Do 21. Nov 2019, 09:33

Nauplios hat geschrieben :
Di 19. Nov 2019, 18:00
Wenn ich die Dinge richtig sehe, Friederike, bewegen wir uns jetzt in jener Zäsur, die wir uns vor einigen Wochen vorgenommen hatten und in der wir überlegen wollten, wie (ggf. auch ob) es weitergehen soll mit dem Blumenberg-Projekt. - Ich spreche Dich deswegen direkt und persönlich an, weil - nach meinem Eindruck - wir beide die verbliebenen Interessenten an diesem Projekt sind. ;) Du scheinst ja inzwischen wieder regelmäßiger hier im Forum zu sein. Wie könntest Du Dir das weitere Vorgehen vorstellen? -
Lieber Nauplios, derzeit bin ich leider immer noch nicht in der Lage, längere Texte zu lesen. Das heißt, es könnte wieder nur so gehen, daß Du referierst. Dennoch: "Einige Perspektiven ..." wir haben bzw. Du hast uns einen Einblick in die Metaphorologie und in diesem Kontext in die "Theorie der Unbegrifflichkeit" verschafft. Was wären weitere Perspektiven? Die Bedeutung des Mythischen für die Philosophie? Kunst, insbesondere die Dichtkunst in Verbindung mit der philosophischen Eindeutigkeitssprache (zumindest als angestrebtes Ziel)? Lebenswelten und Technisierung (Husserl)? Das fällt mir ein. Sage Du, gibt es Originelleres noch? Damit meine ich nur, daß ich die bekannten Themen nenne.




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Friederike
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Do 21. Nov 2019, 10:37

O, mir kommt noch die Nachlaßschrift über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozeß in den Sinn. So weit ich mich erinnere, ein sehr anstößiger Text. Und möglicherweise gibt er Aufschlüsse über Blumenbergs Moralvorstellungen?




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Nauplios
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Fr 22. Nov 2019, 13:59

Friederike hat geschrieben :
Do 21. Nov 2019, 10:37
O, mir kommt noch die Nachlaßschrift über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozeß in den Sinn. So weit ich mich erinnere, ein sehr anstößiger Text. Und möglicherweise gibt er Aufschlüsse über Blumenbergs Moralvorstellungen?
Ja, Blumenbergs Sicht auf Hannah Arendt hat sich in kürzester Zeit von einer anfänglichen Zustimmung (1956) in eine vehemente Ablehnung von Eichmann in Jerusalem (1963) gewandelt.

Vermittelt über Hans Jonas schreibt Hannah Arendt im November 1956 an Blumenberg: "Es wäre schön, wenn wir uns sprechen könnten." - Eine Woche später kommt das Treffen dann auch in Kiel zustande, auf das Blumenberg schon drei Jahre später im Brief an Hans Jonas so zurückblickt:

"Seit der auf Ihre Anregung zustande gekommenen Unterhaltung mit Frau Hannah Arendt war mir der Verdacht dunkel gegenwärtig, daß ich nicht mehr die ˋrichtige Sprache´ spräche." (Brief v. 10. Aug. 1959)

Aus Anlaß von Eichmann in Jerusalem heißt es dann, Arendt schreibe "aus der Distanz dessen, der nicht weiß, was es heißt, seine Haut retten zu wollen." Hannah Arendt trete als Anklägerin der Juden auf, die "aus Liebe zur Wahrheit alles von sich und anderen verlangen zu dürfen glaubt." -

Die Zitate, teils in bislang unveröffentlichten Briefen, teils auf Karteikarten, sind dem aufschlußreichen Aufsatz "Hans Blumenberg über Hannah Arendt´s Eichmann in Jerusalem" von Hannes Bajohr (Merkur, Mai 2015) entnommen: http://hannesbajohr.de/wp-content/uploa ... usalem.pdf. -

Anders als Blumenberg liegt den Überlegungen Arendts eine "universale und moralische Wahrheit" (Bajohr) zugrunde. Für Blumenberg hingegen ist die Wahrheit "nicht jeden Preis wert" (Bajohr) - die moralische schon gar nicht. Dafür steht u.a. auch Die nackte Wahrheit.

Eine Diskussion über moralische Wahrheiten, deren Platonismus und Rigorismus ist kürzlich im Forum an anderer Stelle bereits geführt worden; vor diesem Hintergrund rate ich vom Durchlaufen der Blumenberg/Arendt-Debatte als recht unergiebig ab. - Der "natürliche" Anknüpfungspunkt an die Metaphorologie ist da wohl eher die Theorie des Mythos.




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Jörn Budesheim
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Fr 22. Nov 2019, 16:00

Du scheinst einen ziemlich genauen Fahrplan zu haben, worüber man hier reden sollte und worüber nicht. Wie hieß noch einer der Leitsprüche von Hannah Arendt? Denken ohne Geländer? Oder hieß er Denken nach Fahrplan?



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