Zum 50. Todestag von Hannah Arendt, Denkerin der Demokratie und der Krise

Hannah Arendt war eine jüdische deutsch-amerikanische politische Philosophin, Theoretikerin und Publizistin.
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Dia_Logos
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Hannah Arendt gilt als die einflussreichste politische Denkerin des 20. Jahrhunderts. In einer neuen Biografie erkundet Grit Straßenberger ihre erstaunliche Aktualität. Denn Arendt liefert auch Krisendiagnosen.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/zu ... e-100.html



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Stefanie
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Di 2. Dez 2025, 21:25

Diese kurze Doku habe ich vor kurzem gesehen.

https://www.3sat.de/kultur/kulturdoku/h ... t-100.html

Mit Ausschnitten aus dem berühmten Interview mit Günter Gaus, ein vielgesehendes Video auf Youtube.
Das gibt es auch bei uns viewtopic.php?t=495

Ich war gespannt wie die Lesungen von Katharina Thalbach wirken, die ich sehr mag. Nun ja, unterschiedlicher können die Stimmen von den beiden Damen nicht sein : - )



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Stefanie
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Fr 5. Dez 2025, 13:49

Ein weiteres Interview zu ihrem Todestag:

https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/b ... 67464.html

Ich habe von der Autorin das Buch "Hannah Arendt zur Einführung“. Es lohnt sich, es zu lesen.

Für Hannah Arendt waren Freundschaften sehr wichtig, mit denen sie lange Briefwechsel austauschte. Sie kommunizierte viel über Briefe.
Es gab aber auch Kollegen aus dem Bereich der Philosophie, mit denen verband sie keine Freundschaft. Eine Person war Adorno. Darüber hatte ich schon was gelesen. Ein beiderseitige Abneigung.
Aus dem Interview:

Arendt hatte ein enges Verhältnis zu Walter Benjamin. Gleichzeitig spielten in ihrem Leben auch Adorno, Horkheimer und die Frankfurter Schule eine Rolle. Wie gestaltete sich dieses Verhältnis?

Straßenberger: Das war ein Verhältnis wechselseitiger Abgrenzung – und zwar sehr stark. Adorno und Arendt mochten sich schlicht nicht. Adorno bezeichnete sie einmal als „Waschweib“, und Arendt fand ihrerseits deutliche, nicht immer schmeichelhafte Worte für ihn. Was sie theoretisch hätte verbinden können, war Walter Benjamin, ihr gemeinsamer Freund. Doch selbst darüber gerieten sie in Streit. Arendt warf Adorno und Horkheimer vor, Benjamin „frankfurterianisch abzuschleifen“ – ihn also zu glätten, seine Mosaiktechnik, sein unkonventionelles Denken, seinen eigensinnigen Marxismus zu disziplinieren. Sie hielt das für eine Verfälschung. Benjamin war für sie eine Seelenverwandtschaft: jemand, der ebenfalls fragmentarisch, tastend, experimentell dachte. Auch persönliche Ressentiments kamen hinzu: Arendt glaubte, Adorno habe die Habilitation ihres ersten Mannes, Günther Stern, in Frankfurt verhindert. All das trug zur Verhärtung bei. Ihr eigentliches Gegenüber in diesem Konflikt war immer Adorno.
Straßenberger äußert sich auch zu einem der strittigsten Punkte in dem Werk von Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen (aus: Eichmann in Jerusalem und im Gaus Interview angesprochen).
Straßenberger:
Mindestens ebenso umstritten war die Formel von der „Banalität des Bösen“. In Elemente und Ursprünge hatte Arendt noch von der Radikalität des Bösen gesprochen, nun wechselte sie die Kategorie. In dem berühmten Brief an Gershom Scholem schreibt sie sehr klar: Ja, sie habe ihre Meinung geändert – „I changed my mind“. Die Erfahrung des Prozesses, das Lesen der Akten: All das habe sie zu der Überzeugung gebracht, dass nicht die metaphysische Radikalität, sondern die furchtbare Banalität des Bösen die angemessene Kategorie sei. Radikal sei, streng genommen, nur das Gute, das Böse sei in diesem Sinne banal. Das ist, und darauf würde ich bestehen, keine Banalisierung der Taten und keine Entschuldung des Täters. Es ist der Versuch, darauf hinzuweisen, dass sich auch vermeintlich normale Menschen an solchen Verbrechen beteiligen können. Es heißt ausdrücklich nicht, in jedem Menschen stecke ein Eichmann – das hat sie vehement bestritten. Sie wollte sagen: Eichmann war ein Verwaltungsmassenmörder, der genau wusste, was er tat, der Abläufe mitorganisierte, sich aber keine eigenen Gedanken über die Bedeutung dieses Tuns machte. Hinzu kommt, dass sie ihn an einer Stelle als „Hanswurst“ bezeichnete. Das ist ihr übelgenommen worden – bei einem solchen Thema verbiete sich jeder ironische Ton. Aber Arendt blieb dabei: So habe sie ihn gesehen, so habe sie ihn beschrieben. Der Ton wurde Teil der Person und des Skandals.



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Timberlake
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Fr 5. Dez 2025, 14:47

Pommesbude hat geschrieben :
Mo 1. Dez 2025, 20:46
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 27. Nov 2025, 13:34
"Angriffskrieg lohnt sich..." (FAZ)
Gewalt zerbricht an sich selbst.
Zum 50. Todestag von Hannah Arendt, dazu vielleicht passend ..

Übersicht mit KI

"Nach Hannah Arendt ist Gewalt ein Zeichen von Schwäche, da sie dort einsetzt, wo Macht fehlt; Macht entsteht durch gemeinsames Handeln und Zustimmung, während Gewalt auf Werkzeuge angewiesen ist, um Mehrheiten zu zwingen und Herrschaft zu erzwingen, weil Überzeugung und Konsens versagt haben. Wahre Macht beruht auf der Fähigkeit von Menschen, sich zu versammeln und einig zu handeln, während Gewalt (wie bei Diktaturen) nur bestehen kann, wenn die Zustimmung entzogen wird, was sie letztlich schwächt"



Wenn wahre Macht darauf beruht auf der Fähigkeit von Menschen, sich zu versammeln und einig zu handeln, so würde ich übrigens diese Fähigkeit auch an denen festmachen wollen, die sich einer Schwäche des Anderen bedient haben.

Beispiel
  • Versailler Vertrag: Unterzeichnung, Inhalt und Folgen
    Was stand inhaltlich konkret in dem Versailler Vertrag?

    Zunächst mal hat Deutschland durch diesen Vertrag etwa ein Siebtel seines Gebietes verloren. Wobei ein Teil davon durchaus okay war: Unter anderem, weil dadurch Polen wieder entstehen konnte (das hatten ja die Nachbarn über 100 Jahre lang unter sich aufgeteilt). Und im Westen ging Elsass-Lothringen zurück an Frankreich.

    Aber dann war da noch als großes Thema die Zahlung von Reparationen durch Deutschland (für die Kriegsschäden. Zum Beispiel musste man auch fast die komplette deutsche Handelsflotte ausliefern.
    Was hat es mit dem berüchtigten "Kriegsschuld"-Artikel auf sich?

    Mit Artikel 231 des Friedensvertrages von Versailles wurden allein Deutschland und seine Verbündeten für den Ersten Weltkrieg und die daraus hervorgegangenen Verluste und Schäden verantwortlich gemacht. Darüber sind ganze Regalwände Bücher vollgeschrieben worden. Aber kurz gesagt: Anders als beim Zweiten Weltkrieg, der eindeutig von Deutschland ausging, war die Sache 1914 deutlich komplexer. Die Kriegsschuldthese wurde in Deutschland als große Ungerechtigkeit empfunden - und umgekehrt von manchen auf der anderen Seite als Triumph.
Im Gegensatz zu ..
  • Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

    Weil Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg keine Regierung mehr hatte, brauchte es natürlich ein paar neue Regelungen. Die Besatzungsmächte der Bundesrepublik wollten, dass das Land nach der schrecklichen Diktatur Hitlers demokratisch regiert wird. Demokratie heißt übersetzt "Volksherrschaft"
    .
  • Wiederaufbau Deutschlands mit finanzieller Hilfe der Alliierten

    Am 5. Juni 1947 verkündete der amerikanische Außenminister George C. Marshall ein wirtschaftliches Aufbauprogramm für Europa. Das "European Recovery Program" (ERP) hat den Wiederaufbau Deutschlands und Westeuropas maßgeblich beschleunigt. Doch nicht nur wegen seiner offensichtlichen Erfolge, auch dank einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit wurde der Marshallplan zu einem Mythos – mitverantwortlich für das Wirtschaftswunder in Deutschland.

Insofern ich, für den Fall das Russland den Krieg gegen die Ukraine tatsächlich verliert, deshalb für Russland letzteres favorisieren würde.

  • "Russland soll die gesamte Rechnung für die Verwüstung der Ukraine bezahlen"
    "Jeden Tag entstehen der Ukraine neue Schäden, und die Höhe der Schäden geht weit über die 400 Milliarden Euro hinaus, die die Ukraine bis jetzt dokumentiert hat. Es sollte ein innovativer und wirksamer Mechanismus geschaffen werden, der es den Ukrainern ermöglicht, ihr Land wiederaufzubauen. Russland ist rechtlich verpflichtet, die Ukraine für den Schaden, den es während des Krieges verursacht hat, vollständig zu entschädigen", betont Andrius Kubilius MdEP, Sprecher des Europäischen Parlaments für Russland.



Nur leider scheint man, zumindest danach, nichts aus den Folgen des Versailler Vertrag gelernt zu haben. Wie ich vor dem Hintergrund dessen übrigens annehmen würde, dass Russland nicht zuletzt daraufhin wiederum seinerseits den Krieg nicht verlieren darf.




Timberlake
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Fr 5. Dez 2025, 23:54

  • "Russland soll die gesamte Rechnung für die Verwüstung der Ukraine bezahlen"
    "Jeden Tag entstehen der Ukraine neue Schäden, und die Höhe der Schäden geht weit über die 400 Milliarden Euro hinaus, die die Ukraine bis jetzt dokumentiert hat. Es sollte ein innovativer und wirksamer Mechanismus geschaffen werden, der es den Ukrainern ermöglicht, ihr Land wiederaufzubauen. Russland ist rechtlich verpflichtet, die Ukraine für den Schaden, den es während des Krieges verursacht hat, vollständig zu entschädigen", betont Andrius Kubilius MdEP, Sprecher des Europäischen Parlaments für Russland.


Indem ich einmal davon ausgehe, dass das der Mainstream ist, so erlaube ich mir mal, weil gegen diesen Mainstream stehend, dazu aus jenem Video zu zitieren, mit dem Dia_Logos diesen Thread eröffnet hat …

Dia_Logos hat geschrieben :
So 30. Nov 2025, 20:19

Hannah Arendt gilt als die einflussreichste politische Denkerin des 20. Jahrhunderts. In einer neuen Biografie erkundet Grit Straßenberger ihre erstaunliche Aktualität. Denn Arendt liefert auch Krisendiagnosen.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/zu ... e-100.html


"Ich habe mich zwischenzeitlich gefragt, (25:14) sie hatte ja, als sie das Buch (25:15) über Eichmann in Jerusalem schrieb, (25:17) das war aus verschiedenen Gründen sehr umstritten, (25:20) auf die wir vielleicht jetzt gar nicht im Detail (25:21) eingehen können, aber sie hat sehr viel Gegenwind (25:23) auch erfahren. Wie das in (25:25) heutiger Medienlandschaft sich abspielen würde, (25:28) kann man sich überhaupt nicht vorstellen. (25:30) Es ist auch da eine deutliche (25:31) Parallele zu heute.
Sie hat sich (25:33) gegen den Mainstream gestellt, gegen ein (25:36) Selbstverständnis verschiedener (25:38) dominanter Gruppen damals, also (25:39) sowohl der jüdischen Erinnerungskultur (25:41) als auch der deutschen Erinnerungskultur (25:43) und hat dafür einen doch recht hohen (25:45) Preis zahlen müssen und ist dieses Wagnis (25:47) eingegangen. Hannah Arendt (25:49) ist dieses Wagnis eingegangen. Sie hat (25:51) dann auch mit Karl Jaspers gesagt, (25:53) es gibt dieses Wagnis der Öffentlichkeit (25:55) und das wollte sie (25:57) auch als politische Theoretikerin (25:59) eingehen, was nicht selbstverständlich ist.
"
In diesem Zusammenhang möglicherweise ebenfalls erwähnenswert …
Stefanie hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 13:49
Ein weiteres Interview zu ihrem Todestag:

https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/b ... 67464.html


Jaspers wurde dagegen zu einer Stütze im Exil. Aber die Anfänge bei ihm waren nicht einfach.

Nein. Jaspers schätzte Arendt sehr und war irritiert, dass ihre Dissertation seinen hohen Erwartungen an sie nicht entsprach. Er fand, sie lese in den Augustinus hinein, was sie selbst für richtig halte. Das kann man kritisieren – aber es wurde zu Arendts Verfahren: Sie nahm aus der Ideengeschichte, was sie für ihre politische Theorie brauchte. Sie war eine Konstrukteurin politischer Gedankenräume.
Neige ich doch auch dazu aus der Ideengeschichte das zu nehmen , was ich für meine politische Theorie brauche.




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Jörn P Budesheim
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Stefanie hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 13:49
Die Banalität des Bösen (aus: Eichmann in Jerusalem und im Gaus Interview angesprochen).]
Hannah Arendt, zitiert nach "Theorien des Bösen" hat geschrieben : »Das Böse, so haben wir gelernt, ist etwas Dämonisches […]. Böse Menschen, so heißt es, handeln aus Neid, sei es aus Enttäuschung darüber, daß ihnen der Erfolg ohne eigenes Verschulden versagt blieb […], oder aus dem Neid eines Kain, der Abel erschlug […]. Oder sie handeln aus Schwäche […]; oder umgekehrt aus jenem mächtigen Haß heraus, den das Böse für das reine Gute empfindet […], oder aus Begierde, der ›Wurzel aller Übel‹ […]. Ich aber stand vor etwas völlig anderem und doch unbestreitbar Wirklichem. Ich war frappiert von der offenbaren Seichtheit des Täters, die keine Zurückführung des unbestreitbar Bösen seiner Handlungen auf irgendwelche tieferen Wurzeln oder Beweggründe ermöglichte. Die Taten waren ungeheuerlich, doch der Täter – zumindest jene einst höchst aktive Person, die jetzt vor Gericht stand – war ganz gewöhnlich und durchschnittlich, weder dämonisch noch ungeheuerlich. Nichts an ihm deutete auf feste ideologische Überzeugungen oder besondere böse Beweggründe hin; das einzig Bemerkenswerte an seinem früheren Verhalten wie auch an seinem jetzigen vor Gericht und in den vorangegangenen Polizeiverhören war etwas rein Negatives: nicht Dummheit, sondern Gedankenlosigkeit.«



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Jörn P Budesheim
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Sa 6. Dez 2025, 10:59

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Grafik: notebookLM

Was die Quellen deutlich machen: Arendts Denken ist eng mit ihrem Leben verknüpft. Hatte sie sich vor dem Reichstagsbrand noch mit eher philosophischen Spezialthemen beschäftigt, änderte sich ihr Fokus danach grundlegend und sie wurde zu einer politischen Denkerin.

Die Erfahrung, heimatlos zu sein, führte sie zu einem ihrer zentralen Gedanken: der Idee, dass das Recht auf Rechte das wichtigste Grundrecht ist.

Auch das später berühmt-berüchtigte Diktum von der Banalität des Bösen entstand nicht im Lehnsessel, sondern aus ihrer Teilnahme am Eichmann-Prozess.

Ich schätze, dass viele Denkerinnen und Denker – heute wie damals – den Gedanken teilen würden, dass Macht bereits verloren ist, wenn Gewalt an ihre Stelle tritt.



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Burkart
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Sa 6. Dez 2025, 11:53

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 6. Dez 2025, 10:59
Ich schätze, dass viele Denkerinnen und Denker – heute wie damals – den Gedanken teilen würden, dass Macht bereits verloren ist, wenn Gewalt an ihre Stelle tritt.
Schön wäre es ja, aber bei Putin und auch Trump sieht es bisher nicht so aus. (Und auch z.T. siehe China u.a.)



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Timberlake
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Sa 6. Dez 2025, 12:57

Hannah Arendt, zitiert nach "Theorien des Bösen" hat geschrieben : » Die Taten waren ungeheuerlich, doch der Täter – zumindest jene einst höchst aktive Person, die jetzt vor Gericht stand – war ganz gewöhnlich und durchschnittlich, weder dämonisch noch ungeheuerlich.
In dem ich einmal davon ausgehe, dass die meisten Menschen ganz gewöhnlich und durchschnittlich, weder dämonisch noch ungeheuerlich sind, so schätze ich, dass die „Banalität des Bösen“ nach Ansicht von Hannah Arendt uns eine Mahnung sein soll. Eine Mahnung, wonach das Böse nicht etwa in Form eines Dämons und Ungeheuers wie Hitler darauf wartet ins Leben gerufen zu werden, sondern vielmehr in uns selbst lauert. So mache ich mir überhaupt keine Illusionen darüber, dass wenn ich zu der Nazizeit gelebt hätte, ich zu einem Abbild Eichmanns geworden wäre. Jemand der in diesem System dienstbeflissen seinen Job nachgegangen ist.

Woher weiß ich das?

Ganz einfach, weil ich genau das in dem DDR – System tat. Ich würde so gar so weit gehen, dass ich, wie die Nazis damals, nach 1945, immer noch an dieses DDR-System hänge. Denn wenn ich dagegen hier gelegentlich dagegen argumentiere, dann stets im Widerstreit zwischen meinen Verstand und meinem Gefühl. Einem Gefühl, wonach das DDR - System, im Vergleich zum BRD-System, allen Unkenrufen zum Trotz, dennoch das bessere System war

Hannah Arendt, zitiert nach "Theorien des Bösen" hat geschrieben : . Nichts an ihm ( Eichmann) deutete auf feste ideologische Überzeugungen oder besondere böse Beweggründe hin; das einzig Bemerkenswerte an seinem früheren Verhalten wie auch an seinem jetzigen vor Gericht und in den vorangegangenen Polizeiverhören war etwas rein Negatives: nicht Dummheit, sondern Gedankenlosigkeit.«
Von daher würde ich sagen, dass das einzig Bemerkenswerte an Eichmann, dass ganze Gegenteil davon war. Weil er nicht nur bloß seinen Job gemacht hat sondern davon überzeugt war, das Richtige zu tun, war das für Eichmann etwas rein Positives. Ich würde sogar sagen, dass ihn die Tatsache, sich ausgerechnet von einem Gericht von denjeigen verantwoertwen zu müssen, die er hat in die Vernichtungslager hat depotieren lassen, nur noch darin bestärkt hat, seiner Zeit das Richtige getan zu haben.




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Sa 6. Dez 2025, 14:31

Dazu vielleicht ergänzend. Wirkliche Reue und somit eine wahrhaftige Aufarbeitung dessen, was man verbrochen hat, findet meiner Meinung nach nur dadurch statt, dass man vom Opfer seiner Verbrechen das ganze Gegenteil dessen erfährt. Dazu nur mal zur Erinnerung ..
Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 14:47


Zum 50. Todestag von Hannah Arendt, dazu vielleicht passend ..

Übersicht mit KI

"Nach Hannah Arendt ist Gewalt ein Zeichen von Schwäche, da sie dort einsetzt, wo Macht fehlt; Macht entsteht durch gemeinsames Handeln und Zustimmung, während Gewalt auf Werkzeuge angewiesen ist, um Mehrheiten zu zwingen und Herrschaft zu erzwingen, weil Überzeugung und Konsens versagt haben. Wahre Macht beruht auf der Fähigkeit von Menschen, sich zu versammeln und einig zu handeln, während Gewalt (wie bei Diktaturen) nur bestehen kann, wenn die Zustimmung entzogen wird, was sie letztlich schwächt"


Wenn wahre Macht auf die Fähigkeit von Menschen beruht , sich zu versammeln und einig zu handeln, so würde ich übrigens diese Fähigkeit jenen Menschen absprechen wollen, die eine Schwäche des Gegenübers ausnutzen. ( Von mir nachträglich geändert)

Beispiel
  • Versailler Vertrag: Unterzeichnung, Inhalt und Folgen
    Was stand inhaltlich konkret in dem Versailler Vertrag?

    Zunächst mal hat Deutschland durch diesen Vertrag etwa ein Siebtel seines Gebietes verloren. Wobei ein Teil davon durchaus okay war: Unter anderem, weil dadurch Polen wieder entstehen konnte (das hatten ja die Nachbarn über 100 Jahre lang unter sich aufgeteilt). Und im Westen ging Elsass-Lothringen zurück an Frankreich.

    Aber dann war da noch als großes Thema die Zahlung von Reparationen durch Deutschland (für die Kriegsschäden. Zum Beispiel musste man auch fast die komplette deutsche Handelsflotte ausliefern.
    Was hat es mit dem berüchtigten "Kriegsschuld"-Artikel auf sich?

    Mit Artikel 231 des Friedensvertrages von Versailles wurden allein Deutschland und seine Verbündeten für den Ersten Weltkrieg und die daraus hervorgegangenen Verluste und Schäden verantwortlich gemacht. Darüber sind ganze Regalwände Bücher vollgeschrieben worden. Aber kurz gesagt: Anders als beim Zweiten Weltkrieg, der eindeutig von Deutschland ausging, war die Sache 1914 deutlich komplexer. Die Kriegsschuldthese wurde in Deutschland als große Ungerechtigkeit empfunden - und umgekehrt von manchen auf der anderen Seite als Triumph.
Im Gegensatz zu ..
  • Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg

    Weil Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg keine Regierung mehr hatte, brauchte es natürlich ein paar neue Regelungen. Die Besatzungsmächte der Bundesrepublik wollten, dass das Land nach der schrecklichen Diktatur Hitlers demokratisch regiert wird. Demokratie heißt übersetzt "Volksherrschaft"
    .
  • Wiederaufbau Deutschlands mit finanzieller Hilfe der Alliierten

    Am 5. Juni 1947 verkündete der amerikanische Außenminister George C. Marshall ein wirtschaftliches Aufbauprogramm für Europa. Das "European Recovery Program" (ERP) hat den Wiederaufbau Deutschlands und Westeuropas maßgeblich beschleunigt. Doch nicht nur wegen seiner offensichtlichen Erfolge, auch dank einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit wurde der Marshallplan zu einem Mythos – mitverantwortlich für das Wirtschaftswunder in Deutschland.

Wäre Hitler und somit der Zweite Weltkrieg möglich gewesen, wenn es nach dem Ersten Weltkrieg anstatt des Friedensvertrages von Versailles gleichfalls ein Marshall für Europa und Deutschland gegeben hätte? Nur mal so als Frage! Wäre in diesem Fall Eichmann, nicht genau das gewesen, was er zu Nazizeit war? Ein Beamter, der nur seinen Job macht? Nur eben im Unterschied zur "Der Banalität des Bösen" diesmal unter dem Vorzeichen "Der Banalität des Guten".
Hannah Arendt, zitiert nach "Theorien des Bösen" hat geschrieben : . Nichts an ihm ( Eichmann) deutete auf feste ideologische Überzeugungen oder besondere böse Beweggründe hin; das einzig Bemerkenswerte an seinem früheren Verhalten wie auch an seinem jetzigen vor Gericht und in den vorangegangenen Polizeiverhören war etwas rein Negatives: nicht Dummheit, sondern Gedankenlosigkeit.«
„Ich war wirklich der Meinung, dass der Eichmann ein Hanswurst ist,
Hannah Arendt


Möglicherweise sogar ein "Hanswurst" mit der gleichen "Gedankenlosigkeit".
Zuletzt geändert von Timberlake am Sa 6. Dez 2025, 15:12, insgesamt 2-mal geändert.




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Sa 6. Dez 2025, 15:10

Timberlake hat geschrieben :
Sa 6. Dez 2025, 12:57
. Einem Gefühl, wonach das DDR - System, im Vergleich zum BRD-System, allen Unkenrufen zum Trotz, dennoch das bessere System war.
Zur (N)Ostalgie u.a. findet sich hier gut was, "warum Ostalgie und Westalgie zwei Seiten derselben nostalgischen Verklärung sind und was dabei über DDR-Diktatur und westliche Aufbauhilfe gern ausgeblendet wird":



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Mo 8. Dez 2025, 17:34




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Mo 8. Dez 2025, 23:47

Burkart hat geschrieben :
Sa 6. Dez 2025, 15:10
Timberlake hat geschrieben :
Sa 6. Dez 2025, 12:57
. Einem Gefühl, wonach das DDR - System, im Vergleich zum BRD-System, allen Unkenrufen zum Trotz, dennoch das bessere System war.
Zur (N)Ostalgie u.a. findet sich hier gut was, "warum Ostalgie und Westalgie zwei Seiten derselben nostalgischen Verklärung sind und was dabei über DDR-Diktatur und westliche Aufbauhilfe gern ausgeblendet wird":


(1:00:37 )

"Ehrlich gesagt, ich gehöre zu den Leuten, die dieses Gejammer über die über die Narrative,die uns fehlen. Ich kann es wirklich nicht mehr hören, zumal ich glaube, dass die Narrative uns überhaupt nicht retten werden. Also, wenn du an die Klimadiskussion beispielsweise denkst, da kannst du dir die tollsten Narrative ausdenken von einer tollen Natur und wie wir eigentlich in grünen Städten miteinander leben könnten. Ich kann dir das in tollen Farben ausmalen und ich halte das wirklich auch für eine für eine positive und gute Vision, aber die Narrative alleine machen es nicht"
Scobel

Um dazu einmal das von Scobel gesagte. in wortwörtlicher Rede zu übernehmen!

Wenn ich an die DDR denke, auch dort konnte man sich die tollsten Narrative ausdenken. Von einem tollen Sozialismus und später tollen Kommunismus, wie wir eigentlich in einer egalitären Gesellschaft ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen miteinander leben könnten. Auch ich kann dir das in tollen Farben ausmalen. Wie ich das ebenfalls wirklich für eine positive und gute Vision halte. Aber, und da stimme ich Scobel zu, diese Narrative alleine haben es auch nicht in der DDR gemacht.


Dia_Logos hat geschrieben :
So 30. Nov 2025, 20:19

Hannah Arendt gilt als die einflussreichste politische Denkerin des 20. Jahrhunderts. In einer neuen Biografie erkundet Grit Straßenberger ihre erstaunliche Aktualität. Denn Arendt liefert auch Krisendiagnosen.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/zu ... e-100.html

"Hallo, herzlich willkommen. (0:10) Und heute geht es hier in unserer Philosophie-Sendung um das Denken ohne Geländer ... "
"Nach Beendigung der Origins of Totalitarism (1951) arbeitete Arendt an einem großangelegten Buch mit dem Titel Totalitäre Elemente des Marxismus. Während sie den "Tiefenweg" des NS-Totalitarismus (Nationalstaat, Imperialismus, Antisemitismus) rein ereignisgeschichtlich behandelte und es ablehnte, ihn geistesgeschichtlich zu adeln, sah sie im Marxismus das einzige Element des Totalitarismus, das eine ehrbare Tradition hinter sich habe und dessen kritische Diskussion eine Kritik der Hauptthesen der politischen Philosophie des Westens erfordere. Sie hält es für ebenso lächerlich, Nietzsche für den Nationalsozialismus wie Marx für den Stalinismus verantwortlich zu machen. Beide, wie auch Kierkegaard, sind für sie Rebellen, die einen Traditionsbruch kenntlich gemacht und "ohne Geländer" zu denken versuchten.
Ernst Müller in Berliner Debatte Initial (24.05.2003)


Wenn man davon ausgeht, dass diese Narrative ihren Ursprung in einem Denken ohne Geländer haben, wie es hier unter Bezugnahme auf Hanna Arendt heißt, was ja wohl so abwegig nicht ist, so dürfte so ein Denken ohne Geländer es alleine übrigens ebenfalls nicht machen. Bemerkenswert wäre alledings, wenn es tatsächlich zutrifft, dass Hanna Arendt im Vergleich zum NS-Totalitarismus (Nationalstaat, Imperialismus, Antisemitismus) im Marxismus eine durchaus ehrbare Tradition im Hintergrund sah. Wie sie auch der Meinung war, dass dessen kritische Diskussion eine Kritik der Hauptthesen der politischen Philosophie des Westens erfordere.




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Di 9. Dez 2025, 00:50

gms-dresden.de hat geschrieben :
Dietmar Scholz

Hannah Arendts gescheiterte Kritik an Karl Marx

Arendts „Denkmethode“ contra Marx' Dialektik
Bekanntlich verstand sich Arendt nicht als Philosophin, sondern als Denkerin des Politischen, der politischen Theorie. Arendt hielt das bisherige philosophische und politische Denken des Abendlandes, das für sie mit Plato begann, als zum Ende gekommen.„Kierkegaard“ habe die „Grundvoraussetzungen der überlieferten Religion, Marx die Grundbegriffe der überlieferten politischen Philosophie und Nietzsche die Grundkategorien der traditionellen Metaphysik mitsamt ihrer Moral … ein für allemal erschüttert“.Sie reflektiert dies als Traditionsbruch und will ihr Denken nicht von dieser Vergangenheit her entwickeln. Kierkegaard, Nietzsche und Marx (Engels gibt es für sie nicht) sind für sie Denker, die „als erste ohne Anleitung jedweder Autorität, gleichsam ganz und gar ohne Geländer zu denken gewagt“ haben. Deshalb, und mit der Erfahrung des Totalitarismus und dem Wissen über Auschwitz seit 1943, sei über das Politische neu zu denken. Ihre eigene Denkmethode bezeichnete sie ebenfalls als Denken ohne Geländer.
Wenn es hier heißt, dass Hanna ihre eigene Denkmethode ebenfalls als ein Denken ohne Geländer bezeichnet und wie im Beitrag zuvor beschrieben, ein solches Denken es alleine nicht macht, so ist von diesem Denken, meiner Meinung nach, in etwa soviel halten, wie von dem, was sich Marx zum Kommunismus ohne Geländer ausgedacht hat.




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Mi 10. Dez 2025, 00:29

Da fällt mir doch gleich was auf!




0:20 "Denken ohne Geländer" - das war ihre Devise.
Dia_Logos hat geschrieben :
So 30. Nov 2025, 20:19

Hannah Arendt gilt als die einflussreichste politische Denkerin des 20. Jahrhunderts. In einer neuen Biografie erkundet Grit Straßenberger ihre erstaunliche Aktualität. Denn Arendt liefert auch Krisendiagnosen.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/zu ... e-100.html

"Hallo, herzlich willkommen. (0:10) Und heute geht es hier in unserer Philosophie-Sendung um das Denken ohne Geländer ... "
"Nach Beendigung der Origins of Totalitarism (1951) arbeitete Arendt an einem großangelegten Buch mit dem Titel Totalitäre Elemente des Marxismus. Während sie den "Tiefenweg" des NS-Totalitarismus (Nationalstaat, Imperialismus, Antisemitismus) rein ereignisgeschichtlich behandelte und es ablehnte, ihn geistesgeschichtlich zu adeln, sah sie im Marxismus das einzige Element des Totalitarismus, das eine ehrbare Tradition hinter sich habe und dessen kritische Diskussion eine Kritik der Hauptthesen der politischen Philosophie des Westens erfordere. Sie hält es für ebenso lächerlich, Nietzsche für den Nationalsozialismus wie Marx für den Stalinismus verantwortlich zu machen. Beide, wie auch Kierkegaard, sind für sie Rebellen, die einen Traditionsbruch kenntlich gemacht und "ohne Geländer" zu denken versuchten.
Ernst Müller in Berliner Debatte Initial (24.05.2003)

gms-dresden.de hat geschrieben :
Dietmar Scholz

Hannah Arendts gescheiterte Kritik an Karl Marx

Arendts „Denkmethode“ contra Marx' Dialektik
Bekanntlich verstand sich Arendt nicht als Philosophin, sondern als Denkerin des Politischen, der politischen Theorie. Arendt hielt das bisherige philosophische und politische Denken des Abendlandes, das für sie mit Plato begann, als zum Ende gekommen.„Kierkegaard“ habe die „Grundvoraussetzungen der überlieferten Religion, Marx die Grundbegriffe der überlieferten politischen Philosophie und Nietzsche die Grundkategorien der traditionellen Metaphysik mitsamt ihrer Moral … ein für allemal erschüttert“.Sie reflektiert dies als Traditionsbruch und will ihr Denken nicht von dieser Vergangenheit her entwickeln. Kierkegaard, Nietzsche und Marx (Engels gibt es für sie nicht) sind für sie Denker, die „als erste ohne Anleitung jedweder Autorität, gleichsam ganz und gar ohne Geländer zu denken gewagt“ haben. Deshalb, und mit der Erfahrung des Totalitarismus und dem Wissen über Auschwitz seit 1943, sei über das Politische neu zu denken. Ihre eigene Denkmethode bezeichnete sie ebenfalls als Denken ohne Geländer.
Vor dem Hintergrund, dass in den beiden Videos auf das Denken ohne Geländer … wohlgemerkt! … gleich zu Anfangs hingewiesen wurde, wie sich dergleichen auch in den beiden nachfolgenden Zitaten findet, frage ich mich allerdings schon, ob die Überschrift dieses Threads , als da wäre ...

"Zum 50. Todestag von Hannah Arendt, Denkerin der Demokratie und der Krise"


.. nicht besser folgendermaßen hätte lauten müssen …


"Zum 50. Todestag von Hannah Arendt, Denkerin ohne Geländer"




Timberlake
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Sa 13. Dez 2025, 23:47

Diese Überschrift, also …

"Zum 50. Todestag von Hannah Arendt, Denkerin ohne Geländer"

... … würde meiner Meinung nach übrigens sehr schön erklären, wie es sich mit Hanna Arendts "Banalität des Bösen" tatsächlich verhält.
deutschlandfunkkultur.de hat geschrieben :
Richtige Erkenntnis trotz Irrtum

Er war vielmehr glühender Nazi und überzeugter Schreibtischtäter – kurzum: weit mehr als nur ein banaler Bösewicht. Das Banale seines Auftritts vor Gericht maskierte ihn als Unschuldslamm und glich einem Pokerface, das ihm jedoch kein milderes Urteil einbrachte.

Trotz Arendts Irrtum in Bezug auf Eichmann ist ihre Erkenntnis von der Banalität als einer Erscheinungsform des Bösen ebenso treffend wie aktuell. Treffend schon allein deshalb, weil die Geschichte des deutschen Faschismus in der Tat nicht nur die Geschichte großer radikal-böser Männer, sondern auch die Geschichte unzähliger banal-böser Kollaborateure ist, deren mal lautstarker, mal stillschweigender Gehorsam die Nazi-Diktatur entscheidend zu etablierten half.
Wollte sie doch darauf hinaus, dass die Geschichte nicht nur von großen radikal-böser Männern gemacht wird, sondern auch von Menschen, die im Vergleich dazu "banal", in ihrer Erscheinung wirken. Das, wenn sie unter der Regie von großen radikal-guten Männern (wenn es sie denn tatsächlich gibt) gestanden hätten, vermutlich in gleicher Weise in Erscheinung getreten worden wären. Nur mit dem Unterschied, dass für diesen Fall sich deren Banalität ganz sicher nicht in einem Gerichtsprozess bzw. in Polizeiakten offenkundig gemacht hätte.

Warum auch?

Wo man doch unter diese Regie gar nicht in die Gelegenheit dazu kam, böses zu tun. Ganz im Gegenteil.

rbb-online.de hat geschrieben :
Günter Gaus im Gespräch mit Hannah Arendt

Gaus: Ich habe das Buch gelesen. Ich weiß das. Nur gründen sich einige der Vorwürfe, die man Ihnen gemacht hat, auf den Ton, in dem manche Passagen geschrieben sind.


Arendt:
Nun, das ist eine andere Sache. Dagegen kann ich nichts sagen. Und darüber will ich nichts sagen. Wenn man der Meinung ist, daß man über diese Dinge nur pathetisch schreiben kann … Sehen Sie, es gibt Leute, die nehmen mir eine Sache übel, und das kann ich gewissermaßen verstehen: Nämlich, daß ich da noch lachen kann. Aber ich war wirklich der Meinung, daß der Eichmann ein Hanswurst ist, und ich sage Ihnen: Ich habe sein Polizeiverhör, 3600 Seiten, gelesen und sehr genau gelesen, und ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe; aber laut! Diese Reaktion nehmen mir die Leute übel! Dagegen kann ich nichts machen. Ich weiß aber eines: Ich würde wahrscheinlich noch drei Minuten vor dem sicheren Tode lachen. Und das, sagen Sie, sei der Ton. Der Ton ist weitgehend ironisch, natürlich. Und das ist vollkommen wahr. Der Ton ist in diesem Falle wirklich der Mensch. Wenn man mir vorwirft, daß ich das jüdische Volk angeklagt hätte: Das ist eine böswillige Propagandalüge und nichts weiter. Der Ton aber, das ist ein Einwand gegen mich als Person. Dagegen kann ich nichts tun.
Ich ergänze!

Wo doch unter dieser guten Regie .. ein "Hanswurst"! ... gar nicht in die Gelegenheit dazu kam, böses zu tun.

Wie dem auch sei. Wenn es denn um die Frage geht, wer mit oder ohne Geländer denkt, so würde ich unter Bezugnahme auf das o.g. Zitat von Hanna Arendt meinen, dass nur der ohne Geländer denkt, der im Umkehrschluss über diese Dinge unpathetisch schreiben kann. Das gilt übrigens m.E. sowohl für die bösen, als auch die guten Dinge , denn ...

"Es wäre sogar noch möglich, dass was den Werth jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein. Vielleicht! — Aber wer ist Willens, sich um solche gefährliche Vielleichts zu kümmern! Man muss dazu schon die Ankunft einer neuen Gattung von Philosophen abwarten, solcher, die irgend welchen anderen umgekehrten Geschmack und Hang haben als die bisherigen, — Philosophen des gefährlichen Vielleicht in jedem Verstande. — Und allen Ernstes gesprochen: ich sehe solche neue Philosophen heraufkommen.“
Nietzsche ... Jenseits von Gut und Böse


In wiefern .. Hannah Arendts Aneignungen von Nietzsches Philosophieren .. insbesondere auch auf diese Weise Bezug nahm, ist mir allerdings nichts bekannt. Wenn gleich ich, allen Ernstes gesprochen, insbesondere in Hanna Arendts "Banalität des Bösen" und nicht zu vergessen ihrem Denken ohne Geländer, durchaus einen solchen "neuen Philosophen" heraufkommen sehen würde.




Timberlake
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Mo 15. Dez 2025, 23:19

Dia_Logos hat geschrieben :
Mo 15. Dez 2025, 07:42
"Wer versteht, mit sich selbst zu leben, ist geeignet für das Leben mit anderen. Das Selbst ist die einzige Person, die ich nicht verlassen kann, mit der ich zusammengeschweißt bin"
Hannah Arendt (0:03)

"Die Fähigkeit, mit sich selbst auszukommen, ist entscheidend, um ein guter Partner oder gute Partnerin für andere Menschen sein zu können.
Scobel (0:33 min)


Wo hier schonmal erwähnt! Dazu nur mal zum Vergleich ..


Tell:
Durch diese hohle Gasse muss er kommen,
Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht – Hier
Vollend ich’s – Die Gelegenheit ist günstig.
Dort der Holunderstrauch verbirgt mich ihm,
Von dort herab kann ihn mein Pfeil erlangen,
Des Weges Enge wehret den Verfolgern.
Mach deine Rechnung mit dem Himmel Vogt,
Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen.

Ich lebte still und harmlos – Das Geschoss
War auf des Waldes Tiere nur gerichtet,
Meine Gedanken waren rein von Mord –
Du hast aus meinem Frieden mich heraus
Geschreckt, in gärend Drachengift hast du
Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt,
Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt –
...
Tell:
Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben,
Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt."

Friedrich von Schiller


Offenbar gehört dieser Vogt nicht zu denjenigen, die verstehen, mit sich selbst zu leben. Ein "guter Partner" für Tell wäre er jedenfalls demnach nicht. Gleichwohl umgekehrt für den Vogt, Tell ebenfalls kein guter Partner wäre. Somit ihm, also Tell, somit möglicherweise selbst die Fähigkeit abhanden gekommen ist, mit sich selbst auszukommen. Wo ist mein Denkfehler?




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Jörn P Budesheim
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Di 16. Dez 2025, 07:45

Was ist der Unterschied zwischen notwendigen und hinreichenden Bedingungen?

Hier eine Analogie: Mehl – so wollen wir annehmen – ist eine notwendige Bedingung, um Kuchen zu backen. Aber Mehl allein ist noch keine hinreichende Bedingung. Das heißt: Ohne Mehl geht es zwar nicht, aber Mehl ist nicht die einzige notwendige Zutat. Oder anders formuliert: Mehl allein garantiert nicht, dass am Ende Kuchen herauskommt.

Und umgekehrt gilt – und das ist jetzt besonders wichtig: Wenn kein Kuchen herauskommt, folgt daraus nicht, dass kein Mehl vorhanden war – möglicherweise war zwar diese notwendige, aber nicht alle (hinreichenden) Bedingungen erfüllt.

Wenn Hannah Arendt und Scobel recht haben, dann ist die Fähigkeit, mit sich selbst zu leben bzw. mit sich selbst auszukommen, eine notwendige Voraussetzung dafür, mit anderen Menschen leben zu können. Daraus folgt jedoch weder, dass jemand automatisch mit anderen zurechtkommt, allein schon, weil er mit sich selbst auszukommen vermag, noch dass alle, die mit anderen nicht zurechtkommen, deshalb nicht mit sich selbst auszukommen vermögen.

Schillers Tell ist dafür ein gutes Beispiel: Er lebte „still und harmlos“ und konnte – so wollen wir einfach vermuten – mit sich selbst leben. Dass das Zusammenleben mit dem Vogt dennoch scheitert, zeigt nicht das Fehlen dieser Fähigkeit, sondern gerade, dass sie keine hinreichende Bedingung ist. Wie Schiller sagt: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“

Um zu der Analogie mit dem Mehl zurückzukommen: Es mag zwar Mehl in der Rührschüssel gewesen sein, aber wenn eine ätzende Säure hinzu kommt, kommt dennoch kein Kuchen raus.



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