Hermann Schmitz im Gespräch mit Andreas Brenner

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Registriert: Di 12. Sep 2017, 17:00

Sa 2. Jun 2018, 06:22

Andreas Brenner: Herr Schmitz, was ist das Neue an der „Neuen Phänomenologie“ gegenüber der „älteren“, derjenigen Husserls?

Hermann Schmitz: Die „Neue Phänomenologie“ möchte den Menschen ihr wirkliches Leben begreiflich machen. Dies geschieht durch den Abbau geschichtlich geprägter Verkünstelungen. Damit kann sie sich an die unwillkürliche Lebenserfahrung näher herantasten – unwillkürliche Lebenserfahrung meint das, was den Menschen merklich widerfährt, ohne dass sie es sich absichtlich zurechtgelegt haben. Die ältere Phänomenologie bleibt dahinter zurück, weil sie weitgehend in den Bahnen der Tradition verläuft. Ausnahmen finden sich zwar bei Heidegger und auch bei Sartre, aber nur ansatzweise. Es wird zwar eine Tür aufgestoßen, aber man muss hindurchgehen!

Die Husserlsche Phänomenologie leidet erstens an der metaphysischen Tradition, nicht nur in der Gestalt der Transzendentalphilosophie, sondern auch schon in der Vorstellung von einem mit lauter intentionalen Akten bevölkerten Bewusstsein. Zweitens war Husserl zu sehr Mathematiker, er rechnet nur mit numerisch Mannigfaltigem: alles ist einzeln und Stück für Stück wird irgendwie zusammengesetzt. Es gibt aber ganz andere Typen von Mannigfaltigkeit, und das ist sehr wichtig, wenn man sich an die Lebenserfahrung herantasten will.

Andreas Brenner: Der Begriff der Lebenswelt ist aber bei Husserl von großer Bedeutung.

Hermann Schmitz: Dieser Begriff ist bei Husserl zu einfach konzipiert. Husserl stellt sich vor, man müsse nur die auf Galilei zurückgehende Idealisierung abstreifen und könne dann als natürliche Welt beschreiben, was übrig bleibt. Er übersieht, dass man immer nur von einer Abstraktionsbasis aus sprechen kann. Die Lebenserfahrung ist immer schon durch die Art des begrifflichen Zugangs, durch die Subsumtion, geprägt. Die Vorstellung bei Husserl, man könne einfach die Sache selbst zur Kenntnis nehmen, ist doch viel zu einfach gedacht. Es fragt sich dann doch, unter welchem Licht, unter welchem Gesichtspunkt man die Sachen selbst zu Gesicht bekommt. Erst dann kann man sich an die Lebenswelt oder die Lebenserfahrung heranarbeiten. Im Grunde genommen bleibt die Husserlsche Lebenswelt eine Welt voller Objekte, die gewissermaßen begrifflich unbeleckt auf der Erde herum laufen. Der Faktor der Subjektivität kommt bei Husserl nur als positionale Subjektivität vor. Ein Subjekt hat eine gewisse Stellung unter den Objekten, es konstituiert sie zum Beispiel. Aber Fragen wie: Wer bin ich? Was hat das zu bedeuten, dass das Ding in dieser besonderen Position ich bin? kommen bei Husserl nicht vor.

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Jörn Budesheim

So 3. Jun 2018, 05:44

Andreas Brenner: Hat es in ihrer Biographie so etwas wie ein Erweckungserlebnis gegeben, das sie in diese Richtung geführt hat?

[...]

Hermann Schmitz: Meine Konzeption der Philosophie ist im Jahr 1959 entstanden. Ich saß in der Bibliothek der Psychiatrischen Klinik in Kiel und las dort in einer psychiatrischen Zeitschrift, der französische Psychiater Eugène Minkowski habe den Begriff „moi ici maintenant“ eingeführt. Das war alles. Ich habe dieses „ich hier jetzt“ angereichert durch das Merkmal der absoluten Identität (nicht Identität mit etwas, sondern nur als das Gegenteil von Verschiedenheit) und das der Subjektivität. Das hat sich zum Konzept der primitiven Gegenwart verdichtet und daraus entstand ...




Jörn Budesheim

So 20. Okt 2024, 20:31

Andreas Brenner: Kann man die Situation in einer Fußgängerzone, wo sich viele Leute aufeinander zu bewegen, aber doch nicht zusammenstoßen, als Einleibung verstehen?

Hermann Schmitz: Ganz richtig. Es ist dieselbe Situation wie bei der genannten gefährlichen Masse, bei der man zur Seite springen muss. Sie ist natürlich harmloser, zugleich aber wesentlich komplizierter, da man sich nicht nur auf den Nächsten, sondern auch auf die künftigen Kurse der Daneben- und Dahinterkommenden einstellen muss. Und dies funktioniert bühnenreif ohne jede Abschätzung von Lage und Abständen, die man ja gar nicht erfassen kann. Dies ist möglich dank einem Spiel von Blicken und antagonistischen Einleibungen.

Das ist spannend, denn genau diese Situation in der Fußgängerzone wollte ich vor kurzem auch in dem Faden „Was ist Gesellschaft?“ thematisieren. Warum stößt man in der Regel nicht zusammen? Das scheint irgendwie eine Selbstverständlichkeit zu sein und ist es doch nicht – also genau das richtige Thema für die Philosophie. Allerdings hatte ich weniger im Sinn, wie man es schafft, vielleicht phänomenologisch betrachtet, sondern vielmehr, wie es kommt, dass man es überhaupt macht und sich nicht gegenseitig anrempelt oder niederschlägt.

Sehr schön thematisiert war das mal in einem modernen Tanztheaterstück, das ich besucht hatte: In einer Sequenz gingen die Tänzer und Tänzerinnen kreuz und quer über die Bühne und stießen dabei, anders als in der Fußgängerzone, aneinander, als würden sie sich gar nicht bemerken.




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