Geschmack liegt nicht im Gaumen des Trinkers, Nigel Warburton im Interview mit Barry Smith

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Jörn P Budesheim
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Mi 17. Dez 2025, 11:10

Beim Suchen eines Textes von mir habe ich gerade stattdessen einen Ausschnitt aus einem Interview gefunden. Der (mir unbekannte) Philosoph Barry Smith (BS) beschäftigt sich mit Wein. Hinter dem Kürzel NW versteckt sich Nigel Warburton, den ich auch nicht kenne.

NW: Nun, das Erste, an das ich beim Wein denke, ist der Geschmack. Wie kommen Sie von meiner persönlichen Erfahrung des Geschmacks zu etwas, was objektiver ist? Wie gelangen Sie etwa zu einem Urteil, dass dieser Wein, den ich koste, auch gut ist?

BS: Meiner Meinung nach ist Geschmack eine sehr komplizierte Sache. Wir reden über Geschmack als etwas, was die Leute entwickeln können. Sie können lernen, ihren Geschmack zu unterscheiden — aber hier reden wir von Urteilsvermögen und Kultiviertheit, von Qualitäten, die mit Empfindungsvermögen zu tun haben. Aber Geschmack für sich betrachtet — als eine Sinneswahrnehmung — ist etwas, das in unserem Mund vor sich zu gehen scheint, buchstäblich in uns. Es scheint mir eine sehr persönliche Erfahrung zu sein. - Wie kann man so etwas dann mit jemand anders teilen? Um diese zwei Momente in Einklang zu bringen, sollten wir das Wort »Geschmack« anders benutzen; und wenn wir es anwenden, sollten wir es vielleicht im Plural gebrauchen: »Geschmäcke«. Ich denke, dass es im Wein Geschmäcke gibt, die sich von den Sinneswahrnehmungen unterscheiden, die sich beim Verkosten von etwas normalerweise bei uns einstellen. Und ich bin der Ansicht, dass Geschmäcke etwas sind, über das wir uns ein Urteil erlauben können und für die es sogar Standards gibt.

NW: Wie können Sie tatsächlich richtig liegen in Bezug darauf, wie ein Wein schmeckt?

BS: Der Gedanke, dass wir nicht richtig liegen können und dass alles nur subjektiv ist, also in dem Sinne, dass etwas mir hier und jetzt nur so erscheint, ist falsch. Wir wissen doch alle, dass wir nicht den vollen Geschmack dieses edlen Cabernet Sauvignon, den Sie mir mitgebracht haben, erfahren werden, wenn wir uns gerade die Zähne geputzt oder in eine Zitrone gebissen haben. Uns ist also bewusst, dass bestimmte Vorbedingungen erfüllt sein müssen, und natürlich auch hinsichtlich des Weins, damit man zu einem Ergebnis gelangt. Das wäre schon einmal ein Anfang, um sich von dem Gedanken zu verabschieden, dass es da nur meine Sinneswahrnehmung in diesem einen Moment gibt.
NW: Demnach ist der Geschmack des Weins nicht allein im Wein: Es geht auch um meine Beziehung zudem Wein, um die Art von Sensoren, die ich bei dem Wein anwende, wenn ich ihn im Mund habe?

BS: Ja, aber es gibt da noch eine Tatsache hinsichtlich des Geschmacks des Weins, die Ihnen vielleicht entgeht, wenn Sie sich nicht richtig vorbereitet haben. Es kann nämlich bei bestimmten Weinen sein, dass sie sich nicht gleich »offenbaren«, wie wir sagen. Etwas schlummert im Wein, das man dennoch schmecken kann - sofern Sie ein Experte sind —, so dass alle Bestandteile des Weins zwar grundsätzlich vorhanden sind, aber einfach noch nicht richtig zur Entfaltung gekommen sind. Das lässt den Gedanken zu, dass ein Geschmack etwas ist, das da draußen ist, etwas, was wir zu erreichen suchen, was wir nicht immer sofort auf der Zunge haben. Wir sollten daher nicht der Meinung sein, dass der Geschmack ausschließlich eine Sinneswahrnehmung ist, die in uns stattfindet.

NW: Jetzt bin ich doch ein bisschen verwirrt: Müsste ich Ihre Ansichten zusammenfassen, so müsste ich dann sagen, dass der Geschmack des Weins nicht objektiv da draußen im Wein, aber auch nicht subjektiv in mir ist?

BS: Vielleicht geht es um eine Beziehung zwischen dem Wein und mir. Aber das heißt nicht, dass dies nicht nur für mich zu haben ist. Wenn dies eine Beziehung zwischen einem Wein und bestimmten Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen ist, die ich haben kann, dann wird es auch andere Leute in ähnlicher Weise betreffen. Genau wie wir annehmen, dass die Farbe Rot für uns eine bestimmte Erfahrung ist — eine gewisse Art und Weise, wie Dinge aussehen, wenn wir in unserer Farbwahrnehmung alle nahe genug beieinanderliegen —, werden uns dieselben Objekte die gleichen Erfahrungen bescheren. Daher hoffe ich, dass uns ein und derselbe Wein die gleichen Erfahrungen beschert und dass dies dann Erfahrungen sind, die wir teilen können. [...]



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