jemandem ins Gesicht schlagen ist okay

Argumente gehören zum Kernbestand der Philosophie. Die Argumentationstheorie ist derjenige Bereich Philosophie, der sich mit der Form und dem Gebrauch von Argumenten befasst.
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Jörn Budesheim
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So 30. Jul 2023, 09:40

Was ist von folgendem Argument zu halten:
  • Ich habe jemandem ins Gesicht geschlagen.
  • Jemandem ins Gesicht zu schlagen ist nicht so schlimm, wie jemandem die Hand abzuhacken.
  • Also ist es in Ordnung, jemandem ins Gesicht zu schlagen.




Burkart
Beiträge: 2908
Registriert: Sa 11. Jul 2020, 09:59

So 30. Jul 2023, 10:03

Selbstverständlich ist das Argument abzulehnen.

Manchmal hat man das Gefühl, dass "nicht so schlimme Dinge" trotzdem gewählt werden (und somit für die Person selbst gerechtfertigt scheint), z.B. wenn man an die Ohrfeige von Will Smith denkt.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Quk
Beiträge: 2214
Registriert: So 23. Jul 2023, 15:35

So 30. Jul 2023, 14:57

Wir begegnen hier einem Dilemma, vermute ich.

Seite 1: Das Gesetz, was wir demokratisch hergestellt haben, muss man respektieren und einhalten. Andernfalls wäre es sinnlos.
Seite 2: Die Todesstrafe ist abgeschafft.

Warum gibt es bei uns keine drakonischen Strafen? Warum setzen wir variable Strafmaße für verschieden schwere Tatbestände? Weil wir wissen, dass wir Gesetze ab und zu übertreten, auch absichtlich. Das heißt, wir kalkulieren ein, dass wir unsere Gesetze nicht immer respektieren und nicht immer einhalten.

(Jeder hat schonmal im Straßenverkehr etwas Verbotenes riskiert und dabei Tödliches hätte verursachen können. Kein Mensch ist heilig.)

Also wenn wir unsere eigene, gelegentliche Respektlosigkeit und Vertragsbrüche einkalkulieren, müssen wir auch zugeben, dass dies Teil unserer Kultur ist.

Ist dieser Sachverhalt gut oder schlecht? Gesund oder krank?

Ist eine 100% straffreie Gesellschaft überhaupt überlebensfähig? Ist eine 100% fehlerfreie Gesellschaft lernfähig? Unsere biologische und soziale Umwelt verändert sich stetig; das heißt, neue Probleme entstehen. Neue Probleme stellen existierende Gesetze in Frage. Gesetze müssen hin und wieder angepasst werden. Das braucht aber einen Anstoß, und dieser Anstoß kann logischerweise nicht immer innerhalb des alten Gesetzes erfolgen.

Ich sehe das ganze System wie eine Doppelschicht aus Bindegewebe (Gesetz) und Schleimhaut (Immunanpassung). Das Bindegewebe gibt räumliche Orientierung, und in der Schleimhaut wird manchmal geohrfeigt und bei Rot über die Ampel gegangen.

Aus diesem Grund ist Willy Schmids Ohrfeige zu verachten hinsichtlich unseres gesellschaftsvertraglichen Ziels, andererseits ist diese Ohrfeige ein Akt innerhalb des ständig wandelnden Immunsystems. Die Aktionen der "Letzen Generation" oder jene im Hambacher Forst sehe ich auch als solche Akte im Immunsystem. Wobei, genaugenommen, auch diese letztendlich im ursprünglichen Sinne des Gesetzes liegen: Die Ohrfeige empfing jemand, der die Würde einer Frau angetastet hatte ("die Würde des Menschen ist unantastbar"), und die "Klimakleber" kämpfen gegen die Missachtung des Pariser Abkommens. -- Mit anderen Worten: Das System ist nicht starr; es bedarf sowohl eines Gesetzes als auch eines gelegentlichen Gesetzübertretens. Beides erzeugt Empörung. Ich denke, auch hier kommt es auf eine maßvolle Dosierung an, damit es nicht in die eine oder andere Extreme kippt.




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