Das Bett des Prokrustes

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Stefanie
Beiträge: 7561
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 20:09

Sa 23. Sep 2023, 08:27

Auf diese Sage bin in vor kurzem aufmerksam geworden...

"Eine griechische Sage erzählt die Geschichte des Prokrustes, dem Sohn des Meeresgottes Poseidon, der von Beruf Schmied war und der all jenen, die seinen Weg kreuzten, ein grausames Schicksal bereitete. Er lebte auf dem Berg Aagalos in einer Burg, die an dem Weg nach Athen lag. Aus diesem Grund kamen all jene an ihm vorbei, die auf dieser Fährte reisten. Prokrustes besaß ein Eisenbett, dass der Länge und Breite nach genau auf seinen Körper abgemessen war.
In seiner Burg empfing er Reisende, die über Wasser oder Land zu ihm gelangt waren, stets mit offenen Armen. Die Gastfreundlichkeit endete jedoch, als es Zeit wurde sich zu Bett zu legen. Dann geleitete Prokrustes seine Gäste in sein Eisenbett, wo das Grauen beginnen sollte. Denn sollte der Gast größer als das Bett sein, so hackte er ihm seine Gliedmaßen so zurecht, dass sie ins Bett passten. Und sollte er kleiner sein als das Bett, so würde er den Körper seines Opfers auseinander strecken, bis Gelenke brechen würden. Der Körper des Gastes musste den Maßen des Eisenbetts entsprechen, das war das einzige, was zählte".

Einfach erklärt, bezeichnet man damit eine Form oder ein Schema, wohinein etwas gezwungen wird, das dort eigentlich nicht hineinpasst.
Eine Metapher, die eine Praxis zu beschreibt, bei der Menschen gezwungen werden, sich an eine bestimmte Vorstellung oder Norm anzupassen, egal ob es passt oder nicht. Es geht darum, Zwangskonformität und Standardisierung zu erzwingen und die Vielfalt von Meinungen und Perspektiven zu unterdrücken.

Ein Beispiel:
Prokrustes.jpg
Prokrustes.jpg (54.26 KiB) 2612 mal betrachtet
Karikatur der Berliner Wespen zum Sozialistengesetz (1878): Otto von Bismarck zwängt die Freiheit ins Prokrustesbett; er hat ein Beil, um ihr die Beine abzuhacken.



Der, die, das.
Wer, wie, was?
Wieso, weshalb, warum?
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(Sesamstraße)

Burkart
Beiträge: 2908
Registriert: Sa 11. Jul 2020, 09:59

Sa 23. Sep 2023, 10:36

Interessante Sage, ich kannte sie auch noch nicht.

Hm, in so einem Bett hätte ich schon mehr als nur den Kopf verloren ;)
Aber Spaß beiseite:
Sie scheint mir in der heutigen Welt sehr aktuell zu sein, ob nun bei der "Sonderoperation" statt "Krieg" (Begriff "hingebogen") oder in vielen kleinen Punkten, in denen Dinge/Ideen u.ä. passend gemacht werden unter Vernachlässigung eines größeren Ganzen - du meintest es ähnlch ja auch schon u.a. mit "Vielfalt von Meinungen und Perspektiven zu unterdrücken".

Prokrustes als Gott erscheint mir hier als eine höhere Macht wie eine gewisse Obrigkeit, die man ggf. nicht vermeiden kann, denen man als normaler Mensch ausgeliefert ist... sicher keine angenehme Situation.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Stefanie
Beiträge: 7561
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 20:09

Sa 23. Sep 2023, 10:45

Prokrustes war kein Gott. Der Vater war ein Gott.

Ganz sicher verstehen wir beide die Unterdrückung von Vielfalt ganz unterschiedlich.



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Burkart
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Sa 23. Sep 2023, 10:58

Stefanie hat geschrieben :
Sa 23. Sep 2023, 10:45
Prokrustes war kein Gott. Der Vater war ein Gott.
Ah stimmt, aber auch als Sohn eines solchen und noch dazu als Riese dürfte er genug Respekt einflößen (bzw. es haben).
Ganz sicher verstehen wir beide die Unterdrückung von Vielfalt ganz unterschiedlich.
Was im Detail sein mag, mag trotzdem die gleichen prinzipiellen Ursachen haben, oder? (Z.B. Ausübungswille von Macht und sei es nur das Herausstellen seines Egos über Andere.)



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