Revolutionen/Zäsuren/Umwälzungen

Es gibt heute kaum Bereiche des alltäglichen Lebens, die nicht in irgendeiner Weise mit dem World-Wide-Web zusammenhängen. Das Gleiche gilt für "künstliche Intelligenz". Was hat die Philosophie dazu zu sagen?
Jörn Budesheim

Di 5. Nov 2024, 20:27

Welche technologischen Revolutionen, Umwälzungen, Zäsuren und gesellschaftlichen Veränderungen haben wir Nutzer dieses Forums sozusagen live erlebt? Ein Mensch des Mittelalters, der als Bauer auf die Welt kam, erlebte in der Regel keine derartigen Umbrüche, schätze ich; die Veränderungen, die stattfanden, waren eher schleichend und für den Einzelnen vermutlich kaum spürbar.

Die zeitlichen Angaben sind relativ grob; sie müssen nicht bis auf die Millisekunde genau sein.

Fernsehen, Mitte der 60er
Digitale Transformation (PC), Mitte der 80er
Aufstieg des Internets, Mitte der 90er
Smartphone, Mitte der 2000er
Soziale Medien, Mitte der 2010er
Künstliche Intelligenz, Anfang/Mitte der 2020er

Studentenunruhen, Ende der 60er
Frauenbewegung, Mitte der 70er
Umweltbewegung/Die Grünen, 80er
Wiedervereinigung, 1990
Globalisierung, 90er
Ende der Sowjetunion, 1991
...

Musikhören im Laufe der Lebenszeit

(Radio, 1920er
Schallplattenspieler, 1950er)
Kassettenrecorder, 1970er
CD-Player, 1980er
MP3-Player, späte 1990er
Streaming-Dienste, 2000er
Smartphones, 2000er

(Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich jemals einen MP3-Player hatte. Irgendwie fühlte es sich für mich so an, als hätte die Geschichte nach nach dem Schallplattenspieler und dem Kassettenrecorder für mich aufgehört, obwohl ich natürlich einen stationären CD-Player hatte, aber nicht so ein tragbares Gerät; wenn ich heute mal Musik hören will, dann via YouTube.)

...
Was fehlt noch?
Was bedeutet dieses immer höher werdende Tempo für uns?




Burkart
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Di 5. Nov 2024, 20:44

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 5. Nov 2024, 20:27
Künstliche Intelligenz, Anfang/Mitte der 2020er
Ein Blick in die Zukunft:
Wenn man das jetzt schon als "Künstliche Intelligenz"(-Revolution) bezeichnet, bin ich mal gespannt, wie man es nennen wird, wenn einmal richtige "verstehende" KI entwickelt sein wird.

Ansonsten: Stimmt, als der "Internet" immer mehr in den Medien auftauchte, war es für mich ähnlich prägnant wie nun "Künstliche Intelligenz" dort Thema ist. Das sind/waren meine beiden technischen Haupt-"Revolutionen".

Politisch zusätzlich:
Der Aufstieg Chinas ist ein wichtiger Punkt, natürlich immer noch andauernd.
Was mit Russland wird... nun ja, wir werden es in einigen Jahren genauer wissen...



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Stefanie
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Di 5. Nov 2024, 21:52

RAF, Schleyer Entführung, Mogadischu, obwohl noch ein Kind, hatte ich das mitbekommen.
Die Wende, 1982 konstruktiven Misstrauensvotum, Kohl wurde Bundeskanzler und blieb es bis 1998.


Musikhören
Ab 1980er der Walkman, irgendwann hatte ich auch einen, so 1987. Für die Busfahrten hin und zurück zur Uni.



Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.

Quk

Mi 6. Nov 2024, 00:32

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 5. Nov 2024, 20:27
Was fehlt noch?
Luftfahrt, ab circa 1960 das Jet-Zeitalter, Langstreckenflüge, ab 1970 zunehmend billiger, ab circa 1990 zu Spottpreisen.

Musikproduktion wird ab circa 1965 einfacher, Mehrspurtechnik, bessere Korrekturmöglichkeiten und Arrangements, zunächst weiterhin teuer, ab Mitte der 80er erschwinglicher, ab 2000 zu Spottpreisen auf dem Heimcomputer ausführbar.

Ähnliches gilt für die Filmproduktion. Kameras werden besser und billiger. Szenen-Ausstattung kann man im Computer generieren. Software gibt es zu Spottpreisen.

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 5. Nov 2024, 20:27
Was bedeutet dieses immer höher werdende Tempo für uns?
Es gibt mehr und mehr Möglichkeiten der Lebensgestaltung -- im Reisen, in der Kontaktaufnahme, im Kreativen etc. -- und damit gibt es auch mehr und mehr Fachbereiche, wofür es auch mehr Spezialisten braucht. Während im Mittelalter fast jeder in fast jedem Fach lernen und arbeiten konnte, kann ein heutiger Mensch in der Vielfalt der Fächer sich nur einen winzigen Bruchteil aneignen. Was aber dennoch enorm viel ist in Bezug auf die absolute Menge an Möglichkeiten. Nur die Relation ist geschrumpft, was heißt, dass die heutige Gesellschaft zusammenbrechen würde, wenn einige Spezialisten aufhörten, ihre Spezialarbeit zu machen. Das ist wohl das Risiko, das rasant wächst mit dem rasanten Tempo des technischen Fortschritts. Ein weiteres Problem ist die Gewöhnung an den Luxus, auf den viele nicht mehr verzichten möchten.




Jörn Budesheim

Mi 6. Nov 2024, 08:19

Was ist hiermit? Viele Berufe sind verschwunden, und mit ihnen vielleicht auch Lebensentwürfe. Hans, in den 70er Jahren geboren, machte eine Ausbildung zum Fotolaboranten oder Buchdrucker oder -binder – Berufe, die handwerkliches Können erforderten und vielleicht auch Identität stifteten. Solche Berufe sterben in dieser Art aus. Statt filigraner Handarbeiten zu machen, sitzt Hans jetzt am Computer. Was bedeutet es, wenn Fertigkeiten, die über Jahre sorgfältig erlernt wurden, plötzlich überflüssig sind? Und was bleibt, wenn ein wesentlicher Teil des Selbstbildes – der Stolz auf ein bestimmtes Handwerk – heute im Alltag keinen Raum mehr findet? Wenn die Zeit gewissermaßen über einen hinweggeht?




Wolfgang Endemann
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Mi 6. Nov 2024, 12:47

Ich bin kein Maschinenstürmer, ich bin kein Feind der Technik, auch ich benutze sie ausgiebig. Aber die Entwicklung ist in einer zunehmenden Schieflage, die Folgekosten wachsen überproportional und entziehen sich unserer Kontrolle.
Es wird die Zugänglichkeit und Präsenz des Musikkonsums gefeiert, aber hat sich das Verständnis für Musik, der Geschmack verbessert? Im Gegenteil. Es wird die Mobilität, die Zugänglichkeit von fremden Erfahrungsräumen erleichtert, verbilligt, der Erlebniskonsum gesteigert. Hat das den Horizont erweitert? Kaum, in der Hetze der Bewegung werden die Erfahrungen immer oberflächlicher, zu einer Vertiefung ist keine Zeit. Die Kommunikation ist grenzenlos, allgegenwärtig geworden, Informationen und Gefühle werden ständig ausgetauscht, hat sich die Kommunikation verbessert? Im Gegenteil. Bei all dem konsumistischen Fortschritt stehen Quantität und Qualität in einem komplementären Verhältnis, je größer das eine, desto schwächer das andere. Wenn wir am limit sind, kann das eine nur auf Kosten des anderen wachsen. Wir verlagern auf die KI und verdummen.




Quk

Mi 6. Nov 2024, 14:07

Die derzeit auseinandergehende Schere im Faktor Wohlstand wird es vielleicht auch im Faktor Fachkenntnis geben. Der heutige Wissensumfang der Menschheit ist enorm und wächst immer schneller, aber nur die Experten erreichen -- auf ihrem Gebiet -- die immer höher werdenden Wissensgipfel, und die werden immer spitziger; da sind keine breiten Plattformen, welche die Menschenmassen bis an das höchste Wissen heben. Es sind Pyramidenspitzen. Ich meine das jetzt nicht als Kritik an der Bildungspolitik, sondern als Feststellung, dass die intellektuelle Kapazität eines Einzelnen begrenzt ist, zumal es heute wegen des riesigen Gesamtwissensspeichers keine Universalgenies mehr geben kann. -- Die Verteilung des Wissens war wohl schon immer pyramidenförmig: Viele wissen wenig, und wenige wissen viel. Im Mittelalter war die Pyramide nicht besonders hoch: An der Spitze war das Wissen, wie man eine Steinmauer baut oder wie man eine Mütze strickt. Heute ist die Spitze das Wissen über ungeheuer komplexe Techniken und Forschungsergebnisse. Die Pyramide ist jetzt nicht mehr 100 Meter hoch, sondern ragt quasi ins unendliche. -- Beispiel Computertechnik: Wenn jetzt jener kleine Teil der Menschheit stärbe, welcher die Computerteile baut und die seltenen Rohstoffe dazu besorgt und die benötigten Fabrikmaschinen herstellt etc. -- das sind relativ wenige Leute unter den sieben Milliarden --, dann stünde ein großer Teil der Menschheit buchstäblich ziemlich dumm da. Es ist für sie völlig unmöglich, in den Wald oder auf die Weide zu gehen und einen Computer herzustellen.




Jörn Budesheim

Mi 6. Nov 2024, 20:25

Menschlicher Sprecher überflüssig? KI-Stimmen in der Hörbuchproduktion

https://www.ndr.de/kultur/buch/Menschli ... ki100.html
Noch scheint es nicht so weit zu sein, aber vielleicht bald...




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Stefanie
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Mi 6. Nov 2024, 21:01

Wolfgang Endemann hat geschrieben :
Mi 6. Nov 2024, 12:47
Ich bin kein Maschinenstürmer, ich bin kein Feind der Technik, auch ich benutze sie ausgiebig. Aber die Entwicklung ist in einer zunehmenden Schieflage, die Folgekosten wachsen überproportional und entziehen sich unserer Kontrolle.
Es wird die Zugänglichkeit und Präsenz des Musikkonsums gefeiert, aber hat sich das Verständnis für Musik, der Geschmack verbessert? Im Gegenteil. Es wird die Mobilität, die Zugänglichkeit von fremden Erfahrungsräumen erleichtert, verbilligt, der Erlebniskonsum gesteigert. Hat das den Horizont erweitert? Kaum, in der Hetze der Bewegung werden die Erfahrungen immer oberflächlicher, zu einer Vertiefung ist keine Zeit. Die Kommunikation ist grenzenlos, allgegenwärtig geworden, Informationen und Gefühle werden ständig ausgetauscht, hat sich die Kommunikation verbessert? Im Gegenteil. Bei all dem konsumistischen Fortschritt stehen Quantität und Qualität in einem komplementären Verhältnis, je größer das eine, desto schwächer das andere. Wenn wir am limit sind, kann das eine nur auf Kosten des anderen wachsen. Wir verlagern auf die KI und verdummen.
Irgendwann in der Zukunft werden Menschen diese Kritik auf ihre Zeit anwenden, wie schon Generationen vor uns, wenn die Menschheit was neues erschaffen hat und dies zu Veränderungen führte.

Irgendwie erinnert mich an das auch an das berühmte Zitat, welches Sokrates zugeschrieben wird:
"Die Jugend liebt den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."



Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.

Quk

Do 7. Nov 2024, 01:14

Stefanie hat geschrieben :
Mi 6. Nov 2024, 21:01
Irgendwann in der Zukunft werden Menschen diese Kritik auf ihre Zeit anwenden, wie schon Generationen vor uns, wenn die Menschheit was neues erschaffen hat und dies zu Veränderungen führte.
Kann sein. Es kann aber auch sein, dass manche vergangene lineare Prozesse zukünftig nicht beliebig lange linear weitergehen. Sie könnten statt linear auch exponentiell verlaufen oder gegen eine harte Grenze stoßen oder irgendeinen Kipppunkt erreichen.




Wolfgang Endemann
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Do 7. Nov 2024, 17:16

@ Quk #85180

Die Idee der systematischen Ungleichverteilung von Wissen in der Wissenspyramide ist richtig, beschreibt aber den Sachverhalt nicht gut genug. Denn er ist eher ein Spitzhelm (Helm mit Spitze am höchsten Punkt statt rundem Verlauf), mathematisch: wenn die x-Achse die Zahl des quantifizierten Wissens symbolisiert und die y-Achse die Zahl der Wissenden, dann dürfte die Funktion eher eine rechtsschiefe Normalverteilung zeigen, also einen Zwirbelturm ohne Zwirbel.

An dieser Grundform kann man nichts ändern, aber man kann die Varianz beeinflussen. Daher wird in einer Solidargesellschaft auf Breitenbildung mehr Wert gelegt als auf Spitzenbildung, auf Allgemeinbildung mehr als auf Elitenförderung. Das Ziel der Bildungsgleichheit ist jedoch illusionär und unvernünftig. Die beste gesellschaftliche Lösung ist ein optimiertes Gleichgewicht zwischen Breiten- und Spitzenbildung unter Voraussetzung von Solidarität, Und genau mit dieser Bedingung steht und fällt der Wert von Bildung für eine gute Gesellschaft. Bei fehlender Solidarität kommt höhere Bildung nur dem Einzelnen selbst oder als Mitglied der herrschenden Klasse oder einer hegemonialen Position zugute.




Wolfgang Endemann
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Do 7. Nov 2024, 17:18

@ Quk #85198

Nach Kuhn, und ich sehe nicht, wo man das bestreiten kann, gibt es die evolutionär-stetige Normalentwicklung und den revolutionär-unstetigen Paradigmenwechsel, Bruch. Letzterer ist eine geistige Revolution, die keineswegs zu blutigen (Bürger-)Kriegszuständen führen muß, sie kann sogar unbewußt erfolgen. Von Kipppunkten spricht man, wenn die Bewegungsrichtung umschlägt (von vor in zurück, oder von rechts nach links), aber es kann sich das ganze Bezugssystem ändern, der vorrevolutionäre und der nachrevolutionäre Zustand inkompatibel sein.




Jörn Budesheim

Do 7. Nov 2024, 17:49





Wolfgang Endemann
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Do 7. Nov 2024, 22:17

Einerseits wohl richtig das Selbstbewußtsein der AI-Ideologen beschrieben; andrerseits: was wir AI nennen ist eine Maschine, die kein Agenda hat. Da ist der Begriff der Evolution eine falsche Metapher. Hier fürchtet man sich vor einem willenlosen Gespenst und übersieht die reale menschliche Gefahr. Das ist manchen ganz recht, die darauf ihr Süppchen kochen.




Timberlake
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Do 7. Nov 2024, 22:32

.. wohlgemerkt , die reale menschliche Gefahr, wie sie sich insbesondere dann zeigt , wenn man ein bißchen an der dünnen Schicht der Zivilisation kratzt ..
Wolfgang Endemann hat geschrieben :
Mi 25. Sep 2024, 10:40
.
Aber es gilt nach wie vor, daß, wie es die Kritische Theorie am besten begriffen hat, die Zivilisation eine dünne Schicht über diesem Alten Adam ist, wenn man ein bißchen daran kratzt, kommt das wilde Tier zum Vorschein. Es kann keine Rede davon sein, daß wir die Barbarei überwunden haben, die Rebarbarisierung durch die Nazis und die Entfesselung der kriegerischen Menschenvernichtung in den totalen Weltkriegen fand nicht im Altertum und nicht im Mittelalter statt, sondern in unseren modernen Zeiten.

Wenn von Revolutionen/Zäsuren/Umwälzungen die Rede ist, dann übrigens meist verbunden mit der gutgemeinten Absicht selbige zu stärken.

Seien es nun ...

die Studentenunruhen, Ende der 60er
die Frauenbewegung, Mitte der 70er
die Umweltbewegung/Die Grünen, 80er
die Wiedervereinigung, 1990
die Globalisierung, 90er
das Ende der Sowjetunion, 1991

.. um an dieser Stelle jene Revolutionen/Zäsuren/Umwälzungen auf zu zählen , die man vielleicht selbst erlebt hat und auf die man sich deshalb hier bereits bezogen hat. Auch die fanden in unseren modernen Zeiten statt. Dazu vielleicht ergänzend ..
wirtschaftslexikon.gabler.de hat geschrieben :
Wokeness

Wokeness ist die Haltung und Bewegung der Wachheit und Wachsamkeit. Man verfolgt aufmerksam das Geschehen in der Welt und will Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Gewalt, Umweltzerstörung, Massentierhaltung und andere Übel daraus entfernen, indem man seine Stimme erhebt, in den Massenmedien und in den sozialen Medien, auf der Straße und auf den Plätzen, in Schulen, Hochschulen und Unternehmen. Im Englischen bedeutet "to be woke", "wachsam zu sein" gegenüber Ungerechtigkeiten aller Art; "woke" ist die erste Vergangenheitsform von "to wake", "aufwachen". Im Deutschen wird "woke" als Adjektiv ("Ich bin woke.") oder Substantiv (im Sinne der Woke-Bewegung oder -Kultur) verwendet.




Jörn Budesheim

Fr 8. Nov 2024, 12:55

Wolfgang Endemann hat geschrieben :
Do 7. Nov 2024, 22:17
das Selbstbewußtsein der AI-Ideologen
Yuval Noah Harari ist ein Historiker, soweit ich sehe. Aber unabhängig davon: So etwas ("Selbstbewußtsein der AI-Ideologen") ist meines Erachtens keine brauchbare Argumentation.
Wolfgang Endemann hat geschrieben :
Do 7. Nov 2024, 22:17
Da ist der Begriff der Evolution eine falsche Metapher.
Im Prinzip stimme ich zu. Allerdings wird der Begriff oft sehr weit verwendet, manchmal ist er einfach synonym mit Entwicklung. Daher spricht man gelegentlich von der kulturellen Evolution oder der technologischen Evolution. Ich selbst vermeide diese Verwendungen seit längerem, weil sie einen naturalistischen Beigeschmack haben. Lieber spreche ich in solchen Fällen von der Geistesgeschichte.




Wolfgang Endemann
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Registriert: Di 23. Apr 2024, 14:30

Fr 8. Nov 2024, 14:45

Ich wollte an Harari nicht die Aussage über Leute, die ich AI-Ideologen nenne, kritisieren, da stimme ich Harari ausdrücklich zu. Die Verwendung des Begriffs Evolution ist jedoch höchst problematisch, da es sich dabei um eine subjektlose Anpassung handelt (hier kann man darüber streiten, wie weit Tiere schon Subjekte für-sich, nicht nur an-sich, als Organismen, sind). Wir würden ja auch nicht die Kulturentwicklung als einen (rein) evolutiven Prozeß betrachten, allenfalls in dem unpräzisen, von Dir erwähnten Sinn einer allmählichen Entwicklung, was aber nicht richtig ist, da die Kulturentwicklung selbstverständlich auch Brüche und Sprünge enthält, Diskontinuitäten, die man gelegentlich Revolutionen nennt. Neben den Revolutionen gibt es noch die Diskontinuitäten, daß historische Prozesse ganz neu (ohne erkennbare kausale Zusammenhänge) beginnen, andere ohne Fortsetzung verschwinden. Das wiederum entspricht dem wissenschaftlichen Fachbegriff der Evolution, denn sie hat das diskontinuierliche Element der genetischen Variation und des Unterschieds von konvergenten und divergenten, überlebensförderlichen und -gefährdenden Entwicklungen sowie die kontinuierlichen Optimierungsprozesse der Anpassung, die den stetigen Prozeß in den Vordergrund rücken.
Ja, "Geistesgeschichte" ist der korrekte Begriff, es ist im wesentlichen keine Naturgeschichte, sondern die Geschichte von Subjekten, genauer des Subjekts Mensch als Gattung. AI hat eine Geschichte als Objektivierung des menschlichen Geistes, und als maschinelle Entwicklung, die sich aus dem Zwang der Anforderungen an die Maschine als Instrument in der Hand der Menschen zur optimierten Problemlösung ergibt. So besteht bei AI zB das Problem der Kühlung und des Energieverbrauchs, woran jeder trivialerweise die Dialektik der technischen Entwicklung als eine Subjekt-Objekt-Beziehung erkennen können müßte. Ganz selbstverständlich ist die Geistesentwicklung von den materiellen Gegebenheiten abhängig.Und diese Gegebenheiten fordern manchmal ganz neue, revolutionäre Lösungsansätze.




Jörn Budesheim

Fr 8. Nov 2024, 15:42

Wolfgang Endemann hat geschrieben :
Fr 8. Nov 2024, 14:45
von Dir erwähnten Sinn einer allmählichen Entwicklung
Von so etwas war bei mir gar nicht die Rede.




Jörn Budesheim

Fr 8. Nov 2024, 17:21

Evolution bezeichnet verschiedene Entwicklungen, von der kosmischen und biologischen bis hin zur kulturellen, technologischen und geistigen Evolution und was weiß ich noch. Jede dieser Formen folgt ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten, die nicht alle einem einheitlichen Muster oder einer linearen, gleichmäßigen Entwicklung entsprechen. Sprünge, Brüche und unerwartete Wendungen sind genauso Teil dieser Prozesse wie graduelle Veränderungen.

Allerdings glaube ich, dass der Ausdruck bei vielen zuerst die biologische Evolution "aufruft". Das ist einer der Gründe, warum ich bei dem Begriff zurückhaltend bin, wenn ich nicht gerade die biologische Evolution meine.




Wolfgang Endemann
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Registriert: Di 23. Apr 2024, 14:30

Fr 8. Nov 2024, 23:50

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 8. Nov 2024, 17:21


Allerdings glaube ich, dass der Ausdruck bei vielen zuerst die biologische Evolution "aufruft".
Ich möchte aber, für ein informatives, nicht expressives Sprechen, unbedingt vorschlagen, daß man Begriffe strukturell und nicht beliebig kontextabhängig verwendet. Wir sind ja stark aristotelisch geprägt, da werden die Begriffe komplementär und hierarchisch gebildet, zu a etwa b mit b↔¬a, oder E = {x│E(x)} mit E als Oberbegriff und ¬a = {x│E(x)˄x≠a}. Das Hochdruckgebiet ist durch eine festgelegte Druckquantität vom komplementären Tiefdruckgebiet getrennt, das Tier von der Pflanze, wenn auch mit nicht eindeutig zurechenbaren Grenzfällen, die Säuger von den Nichtsäugern, die keine einheitliche Klasse sind und alle unter den Oberbegriff Tier fallen. Und die biologische Evolution stellt ja selbst einen kontinuierlichen Vorgang, die Anpassung einer Art, einem diskontinuierlichen der Entstehung von neuen Arten gegenüber.
Diese strukturelle Betrachtung habe ich angesprochen. In der Regel versprachlicht man die Komplementarität von Evolution und Revolution, aber, wie das vorgenannte Beispiel zeigt, auch die andere Lesart.




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