Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 2. Jan 2026, 18:57
„Menschen und KI-Maschinen (wie der Schachcomputer Deep Blue) teilen offenkundig bestimmte Fähigkeiten.“ (Consul)
Ich für meinen Teil finde das keineswegs offenkundig. Meines Erachtens hat Deep Blue ebenso wenig die Fähigkeit, Schach zu spielen, wie Steine die Fähigkeit haben, zu liegen. Wahr ist hingegen, dass
wir eine bestimmte Fähigkeit besitzen: nämlich die Fähigkeit, Maschinen zu bauen, mit deren Hilfe wir deutlich bessere Züge im Schach ermitteln können, als wir es ohne diese Maschinen können.
Wer hier dennoch von Fähigkeiten spricht, die Deep Blue und wir teilen, hat unter der Hand die Bedeutung des Begriffs „Fähigkeit“ verändert. Als Alltagsmetapher kann man das durchgehen lassen; nimmt man es wörtlich, wird es jedoch schief.
Denn Fähigkeiten sind keine bloßen Funktionsbeschreibungen. Kaffeemaschinen haben keine Fähigkeiten. Ich wäre nicht mal sicher, dass Lebendigkeit für sich genommen genügt, um sinnvoll von Fähigkeiten zu sprechen: Ein Baum hat (vermutlich) nicht die Fähigkeit, sich zum Licht hin zu orientieren – das geschieht einfach. Bei einer Katze hingegen kann man ziemlich sicher davon sprechen, dass sie die Fähigkeit hat, Mäuse zu fangen.
In den Begriff der Fähigkeit ist Normativität aufgeladen: hat man nur wo etwas gelingen oder misslingen kann. Wenn Deep Blue gewinnt, sind aber allein wir es, die den erfolgreichen Ausgang der Partie festlegen und feststellen. Dementsprechend sind auch die Trainingsprogramme von KI aufgebaut: Es gibt immer einen menschlichen Rahmen, der Erfolg oder Misserfolg definiert.
Nein,
Fähigkeit ist kein normativer Begriff. Die Festlegung der Schachregeln war natürlich ein normativer Akt; aber die Fähigkeit, diese Regeln zu lernen und ein Schachspiel regelkonform zu spielen, hat nichts Normatives an sich.
GRIMM gibt als lateinische Bedeutung von "Fähigkeit" "facultas" an:
Deep Blue hat Garri Kasparow in einem Schachspiel geschlagen, also muss es die Fähigkeit—die Vermögenheit, Mächtigkeit, Macht, Kraft—dazu gehabt haben.
Außerdem: Im weiten Sinn sind nicht alle Fähigkeiten Fähigkeiten
zum Tun, denn es gibt auch Fähigkeiten
zum (Er-)Leiden. Ich bin beispielsweise fähig zu sterben, wobei mein Sterben keine Tat oder Handlung meinerseits ist. (Selbsttötung ist hingegen eine Tat.)
Es kann übrigens unklar sein, ob ein Geschehnis oder Vorgang ein
Tun (eine Aktion/Aktivität) oder ein
Leiden (eine Passion/Passivität) ist. Ist mein Denken etwas,
das ich tue, oder etwas,
das mir angetan wird, das ich erleide?
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 2. Jan 2026, 18:57
Consul, ich stimme also nur zur Hälfte zu, wenn es in deinem Text heißt:
- Man kann natürlicherweise sagen, dass meine Fähigkeit, Schach zu spielen, (offensichtlich) eine geistige Eigenschaft ist, die ich besitze, wohingegen die Fähigkeit des Computers, Schach zu spielen, (offensichtlich) keine geistige Eigenschaft ist, die er besitzt. So gesehen, können sowohl die Maschine als auch ich Schach spielen, aber nur in meinem Fall gilt dies als eine geistige Fähigkeit. (Galen Strawson*)
Ich hingegen bin der Ansicht, dass Computer streng genommen kein Schach spielen können.
Wenn du recht hast, wie konnte es dann sein, dass ein Computer,
der nicht Schach spielen kann, den Schachweltmeister Garri Kasparow in einem Schachspiel besiegen konnte?
Wenn eine Fähigkeit nur dann eine
geistige Fähigkeit ist, wenn ihre Ausübung
bewusst erfolgt—mit bewussten, subjektiv erfahrenen Denkungen, Vorstellungen oder Wahrnehmungen—, dann ist Deep Blue's Fähigkeit, Schach zu spielen, freilich keine geistige Fähigkeit von Deep Blue, da es im Gegensatz zu Garri Kasparow kein bewusstes Wesen ist.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 2. Jan 2026, 18:57
*Consul, arbeitest du zufälligerweise als Bibliothekar oder warum sind bei dir die Namen immer falsch rum? Also Strawson, Galen statt Galen Strawson.
Ich arbeite nicht als Bibliothekar, aber bei bibliographischen Angaben wird der Nachname richtigerweise zuerst angeführt. Daran halte ich mich.