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verstehen =
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bei
verstehen sind zwei grosze gruppen zu sondern, je nachdem es zur bezeichnung geistiger vorgänge oder sinnlicher verhältnisse verwendet wird.
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I.
verstehen als ausdruck für den vorgang des geistigen erfassens.
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3) die bedeutung von
verstehen findet sich in den älteren quellen verschieden umschrieben: ahd.
farstân, sentire, intelligere, deprehendere, sapere (Graff 6, 593);
farstandan, intelligere, cognoscere, agnoscere, scire, sentire, resipiscere, animadvertere, advertere (602 ff.) dazu treten bei den späteren weitere:
capere, apprehendere, comprehendere, percipere, perspicere, cognitum habere (Maaler 432ᵃ; Kilian 604ᵇ; Dentzler 313ᵃ; Frisch 2, 327ᶜ; discere Stieler 2129). bisweilen findet es sich mit deutschen ausdrücken wie
hören, sehen, merken, begreifen, vernehmen, wissen zusammengestellt: ich höre oder ich verstehe,
capio.
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4)
verstehen berührt sich in der bedeutung mit
fassen, begreifen, vernehmen. alle sind von sinnlichen auf geistige vorgänge übertragen. beim
begreifen nimmt der geist die einzelnen theile oder merkmale des gegenstandes in sich auf und wird sich durch sie des ganzen bewuszt; beim
verstehen kommt die form zum bewusztsein und das ganze in seinem zusammenhang und seiner ordnung (Weigand syn. wb. nr. 561);
begreifen ist noch etwas mehr als
verstehen. man versteht nämlich viel sachen, die man doch nicht begreift. denn wer nicht völlig einsieht, wie es mit einer sache zugeht, oder wie sie möglich ist, der begreift sie nicht. jedermann versteht, was ich will, wenn ich sage: ein stein sey schwer; aber wie es mit der schwere zugehe, begreifen auch die weltweisen noch nicht vollkommen (Gottsched, beobachtungen über d. sprachgebrauch 407). die lebende sprache unterscheidet beim auffassen der rede
vernehmen von
verstehen; man vernimmt den sinnlichen, lautlichen klang des gesprochenen und gelangt dadurch, falls überhaupt die beziehung des klanges zum sinne klar ist, zum verstehen des in den lauten ausgedrückten sinnes vgl. (Eberhard-Lyon nr. 1399). verstehen als philosophischer kunstausdruck entspricht in der sprache der mystiker der bedeutung von verständnis (A 2), in der neueren philosophie der von verstand (A 2). es bezeichnet besonders das deutliche begriffs- und unterscheidungsvermögen: den underscheit (zwischen den beiden arten von gebresten) verstont! (Tauler 126, 33 Vetter). sobald wir von einem dinge deutliche gedanken oder begriffe haben, so verstehen wir es (Chr. Wolff, gedanken von gott 1, § 276); verstehen heiszt anfänglich den sinn oder die bedeutung der wörter und redensarten oder einer sprache überhaupt wahrnehmen (Gottsched, beobachtungen über d. sprachgebrauch 407); begriffe, durch welche allein der verstand etwas bei dem mannigfaltigen der anschauung verstehen d. h. ein object derselben denken kann (Kant, 3, 93 akad. ausg.); etwas verstehen, d. h. durch den verstand vermöge des begriffs erkennen oder concipieren (9, 65); daher drückt verstehen auch eine beziehung auf etwas aus, das uns ohne unser zuthun von auszen kommen soll (Fichte 1, 234). man verstehet eine rede, ein wort, ein zeichen, wenn man eben den gedanken damit verknüpft, welchen der urheber der rede oder des zeichens damit verbindet (Adelung); sich eine deutliche vorstellung von etwas machen (Campe); die bedeutung, den sinn einer handlung, eines wortes, eines satzes, eines satzzusammenhanges erfassen, d. h. die den betreffenden sprachzeichen zugehörigen vorstellungen, begriffe, urteile mehr oder weniger deutlich, gegliedert, zusammenhängend reproduzieren oder reproduzieren können, auf grund von psychischen dispositionen und assimilationen, die das verständnis auch ohne deutliche vorstellungen ermöglichen (Eisler philos. wb. 3, 1672); wir verstehen nur vermittelst der übertragung unserer inneren erfahrung auf eine an sich tote äuszere thatsächlichkeit (Dilthey, einleitung i. d. geisteswissenschaften 1, 172.)
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B. gebrauch in der literatur.
1) dem sinne nach erfassen, wahrnehmen, vernehmen, merken. die vermittlung der eindrücke durch die sinne wird hervorgehoben.
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a) in sinnlicherer verwendung. mit dem gefühl:
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mit dem gesichtssinn…
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mit gesichts- und gehörssinn
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mit dem gehörssinn
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b) articulierte laute und worte ihrem sinnlichen klange nach so auffassen, dasz man sie von ähnlich klingenden unterscheiden und einen sinn in sie hineinlegen kann: ihr stehet zu weit von mir, ich kan euch nicht verstehen (Kramer 2, 940ab; du sprichst so undeutlich, dasz man dich nicht verstehen kann (Adelung); durch das gehör deutlich vernehmen, unterscheiden (Campe).
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c) gesprochenes mit aufmerksamkeit und verständnis anhören: das kind versteht schon, was man ihm saget (Gottsched, beobachtungen über d. sprachgebrauch 407).
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d) lesend erfassen, erfahren
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e) nicht durch das gehör oder einen bestimmten sinn, sondern allgemein aus verschiedenen anzeichen wahrnehmen, bemerken, erfahren.
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2) im zusammenhange, in der gesamtheit aller beziehungen ein ding oder einen menschen erfassen, begreifen, durchschauen; den sinn einer sache, die handlungsweise eines menschen erkennen und mit verständnis begleiten. es handelt sich hier um eine intensivere geistige thätigkeit als bei dem vorigen gebrauch: das werde ich nicht erleben, dasz man dies versteht, d. h. durchdringt und anwendet! (Fichte 2, 76)
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a) worte nicht nur ihrem sinnlichen klange nach auffassen und von andern unterscheiden können (1b), sondern auch nach ihrem bedeutungsinhalt richtig erfassen und erkennen: ein rotwelsch vocabularius, daraus man die wörter, so yn diesem büchlein gebraucht, verstehen kan (Luther 26, 638 Weim.); drey oder vier auszländische wörter, die er zum offtern nicht verstehet (Opitz, poeterei 27 neudr.); sie haben eine menge wörter, die man hier nicht versteht, die aber viele leser zu verstehen wünschten (Lessing 8, 32); mord, knabe, verstehst du das wort auch? (Schiller 2, 122 (räuber 3, 2)); Wilhelm hörte diese worte, und verstand sie nicht (Göthe 22, 44).
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die vorbedingung für dieses verstehen ist, dasz man das verhältnis zwischen dem klangbild oder lautbild und dem bedeutungsinhalt der worte kennt. das setzt nähere bekanntschaft damit und übung voraus.
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b) zeichen und willensäuszerungen verständnisvoll erfassen: er verstehet jeden wink, jede miene Adelung, Campe; er glaubte den hellen wink des schicksals zu verstehen (Göthe 21, 46 Weim).
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c) den zusammenhang eines gedankeninhalts, einer rede, schrift, die zusammensetzung und das wesen eines werks erkennen und erfassen: das geheimnis der h. dreyeinigkeit verstehet kein mensch (Kramer 2, 940a).
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d) sich eine erscheinung, die eigenart eines wesens erklären können, verständnis zeigen für etwas. …besonders die lage, handlungsweise und ansichten eines menschen begreifen und nachfühlen können
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e) mit persönlichem object; den gedankengang, den sinn der rede eines menschen, seine meinung und absicht richtig erfassen. man kann in einer bekannten sprache reden, ohne begriffen zu werden, wenn der sprechende bei dem hörenden dieselben, oft sprunghaften gedankenverbindungen voraussetzt, wie er sie hat: ich werde reden, und du wirst mich nicht verstehen (Klinger, werke 3, 56).
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f) einen durchschauen, seine meinung erkennen; die handlungsweise eines menschen erkennen und begreiflich finden.
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3) etwas praktisch anzuwenden wissen, auf einem gebiete kenntnis, besonderes verständnis, fachmännisches urtheil haben (vgl. verstand B 4 sp. 1539, verständnis B 3 sp. 1603); klare, und im engsten und wissenschaftlichen verstande, deutliche begriffe von etwas haben.
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4) in bestimmter art und weise auffassen, auslegen, meinen.
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II.
verstehen in rein sinnlicher, nicht geistiger bedeutung ist in allen sprachperioden neben der geistigen nachzuweisen, in weitester verbreitung im mhd. sonst überwiegt stets die geistige…. in der heutigen sprache ist dieses
verstehen bis auf einige verschwindende reste zusammengeschrumpft, weil verstehen als ausdrucksmittel für geistige vorgänge immer unentbehrlicher geworden ist, während es sich in der sinnlichen bedeutung leicht ersetzen liesz."
Grimmsches Wörterbuch:
https://www.dwds.de/wb/dwb/verstehen#GV04914