Di 23. Dez 2025, 06:57
Was genau soll es eigentlich heißen, dass unsere Kategorien etwas Festes sind? Ich schätze, dass Scobel dabei auch so etwas wie eine Schublade mit den Fingern in die Kamera gezeichnet hat. Aber Kategorien sind natürlich keine Schubladen. Das Bild der Schublade ist vielleicht das Schlechteste, was man sich für eine Kategorie ausmalen kann.
Scobel selbst hat ein einfaches Beispiel dafür gegeben: oben und unten. Wenn man sich dabei seine eigene Geste anschaut, dann wird schon klar, dass es sich dabei keineswegs um etwas Festes handelt, sondern um etwas Vages und Flexibles, das man situationsspezifisch anwenden kann – als Orientierungspunkte in einem fließenden Kontinuum, das selbst ein Teil dessen ist, was die Sätze, die wir sagen, bedeuten. Wenn ich mit jemandem durch den Park spazieren gehe und sage: „Schau mal da oben!“, dann ist diese Situation selbst ein Teil dessen, was mein kleiner Satz bedeutet.
Und zweitens wird durch das „oben-unten“-Beispiel deutlich, dass es sich bei Kategorien nicht um etwas handelt, das generell bloß abgrenzt, sondern um etwas, das im Unterscheiden zugleich vielfältigste Zusammenhänge herstellt: oben ist nicht unten, ist nicht in der Mitte usw. Damit kann man sehr schnell, insbesondere wenn man es mit weiteren Kategorien erweitert, ein komplexes Koordinatensystem aufbauen – also das Gegenteil einer Schublade.
Zudem verständigen wir uns ja nicht nur mit einzelnen Kategorien, sondern mit ganzen Sätzen oder mit 500 oder 1000 Seiten langen Büchern oder eben, wie Scobel selbst, mit ein- bis zweiminütigen kleinen Videos.
Zudem halte ich es für verkürzend zu behaupten, dass es sich dabei bloß um „unsere“ Kategorien handelt. Sie sind schließlich nichts, was wir aus dem „kalten Weltraum“ oder von sonstwoher mitbringen und auf die Welt projizieren, wir sind ja keine Aliens, sondern die Kategorien sind etwas, das wir im direkten Umgang mit der Wirklichkeit selbst erkennen, erfühlen, erfahren, erleben, erleiden. Wir sind schließlich selbst ein Teil der dessen, worüber wir reden.
Dass sie in einer gewissen Hinsicht auch Vereinfachungen oder Komplexitätsreduktionen sind, spricht auch keineswegs per se gegen sie, sofern sie das Wesentliche der Dinge damit angemessen erfassen. Damit ist es oft sogar möglich, auf etwas hinzuweisen, was anders gar nicht in den Blick geraten könnte!
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