Was und Wie

Hier geht es um die Philosophie selbst, denn sie kann sich selbst zum Gegenstand des Nachdenkens machen - zum Beispiel: Was ist Philosophie? Was sind die Themen der Philosophie? Wie grenzt sie sich von anderen Disziplinen ab? ...
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Jörn P Budesheim
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Do 11. Dez 2025, 19:09

Mit den beiden Begriffen Was und Wie lässt sich meines Erachtens der Unterschied zwischen Naturwissenschaften und Philosophie holzschnittartig auf den Punkt bringen.

Die Philosophie ist bekannt für ihre Was-Fragen: Was ist Mut? Was ist Liebe? Was sind Emotionen? Ihr Ziel besteht darin, das Wesen eines Phänomens zu erfassen – oder, etwas nüchterner formuliert, seine allgemeinen Strukturen zu klären. Die Frage nach dem Wesen des Schmerzes richtet sich also auf jene grundlegenden Merkmale, die Schmerz zu genau diesem Phänomen machen.

Die Naturwissenschaften stellen diese Wesensfragen in der Regel nicht. Sie interessieren sich weniger für den Begriff oder die Struktur eines Phänomens, sondern für seine empirischen Umstände: Wie entsteht Schmerz? Wie wird er im Nervensystem verarbeitet? Wie reagieren Menschen auf schmerzhafte Reize und welche physiologischen Mechanismen sind beteiligt?

Wie gesagt: Das ist holzschnittartig dargestellt. Zwischen beiden Bereichen gibt es keine trennscharfe Grenze. Im Gegenteil: Sie greifen auf verschiedenste Weise ineinander. Eine empirische Untersuchung des Schmerzes setzt immer voraus, dass man überhaupt weiß, worüber man spricht – also einen Begriff von Schmerz hat. Und umgekehrt kann fast jede begriffliche oder wesensbezogene Analyse von den Ergebnissen empirischer Forschung profitieren.

"Wie können wir Wissen rechtfertigen?" Wie sieht es in diesem Fall aus?



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Dynamis
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Mi 25. Mär 2026, 22:53

Bei Was-ist-Fragen würde ich den philosophischen Aspekt in der Klärung der metaphysischen Voraussetzungen sehen: Wenn die Frage nach der "Natur" oder dem "Wesen" einer Sache gestellt wird, was für eine Metaphysik ist dabei vorausgesetzt? Und ist diese metaphysische Voraussetzung eine sinnvolle Art über die Welt nachzudenken? Vielleicht gehen Was-ist-Fragen von einer falschen Voraussetzung aus: Dass eine Sache ein Wesen hat, welches man als das Was-Sein der Sache in einer Antwort auf die Was-ist-Frage anführen könnte. Wenn es jedoch dieses Wesen nicht gibt und dem Untersuchungsgegenstand vielmehr eine unerschöpfliche Komplexität innewohnt, haben Was-ist-Fragen keine Antwort.




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Jörn P Budesheim
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Do 26. Mär 2026, 07:05

Was wäre ein Beispiel, deiner Ansicht nach?
Dynamis hat geschrieben :
Mi 25. Mär 2026, 22:53
Wenn es jedoch dieses Wesen nicht gibt und dem Untersuchungsgegenstand vielmehr eine unerschöpfliche Komplexität innewohnt, haben Was-ist-Fragen keine Antwort.
Könnte ein Untersuchungsgegenstand nicht beides haben? Eine unerschöpfliche Komplexität und ein Wesen? Dass ein Gegenstand ein Wesen hat, heißt doch nur, dass er (vielleicht neben vielen anderen) eine Reihe von notwendigen Eigenschaften hat, die zusammengenommen hinreichend sind. Das schließt eine unerschöpfliche Komplexität doch nicht aus, oder?

Wenn man philosophisch eine Antwort auf die Frage "Was sind Emotionen?" findet – um ein Beispiel aus meinem Startbeitrag aufzugreifen –, ist die unerschöpfliche Komplexität von Emotionen ja eigentlich nicht bestritten. Nehmen wir beispielsweise an, Emotionen seien "erlebte Wertwahrnehmungen", dann könnte sie dennoch extrem vielschichtig sein. Es wird ja nicht unterstellt, sie bestünden nur und ausschließlich aus diesem Aspekt.



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Jörn P Budesheim
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Do 26. Mär 2026, 08:09

Dynamis hat geschrieben :
Mi 25. Mär 2026, 22:53
Bei Was-ist-Fragen würde ich den philosophischen Aspekt in der Klärung der metaphysischen Voraussetzungen sehen: Wenn die Frage nach der "Natur" oder dem "Wesen" einer Sache gestellt wird, was für eine Metaphysik ist dabei vorausgesetzt? Und ist diese metaphysische Voraussetzung eine sinnvolle Art über die Welt nachzudenken?
In der Metaphysik geht es (gemäß einem weit verbreiteten Begriffsverständnis) immer um das Ganze der Welt. Metaphysische Positionen hantieren typischerweise mit "Allsätzen". Zum Beispiel: Alles ist Information, alles ist physikalisch, alles ist Geist etc. Allerdings ist man nicht dazu verpflichtet, eine metaphysische Position einzunehmen, man muss nicht glauben, dass es etwas gibt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Kurz: Man kann glauben, dass X ein Wesen hat, ohne metaphysische Voraussetzungen zu machen. Man kann doch auch bloß aus einer regionalen Ontologie heraus analysieren! Oder?

Aber ich stimme in gewisser Hinsicht zu: Wenn gewisse metaphysische Voraussetzungen gemacht wurden (ob explizit oder implizit), dann kann es problematisch werden, nach der "Natur" oder dem "Wesen" einer Sache zu fragen.



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Dynamis
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Do 26. Mär 2026, 10:51

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 26. Mär 2026, 08:09
Dynamis hat geschrieben :
Mi 25. Mär 2026, 22:53
Bei Was-ist-Fragen würde ich den philosophischen Aspekt in der Klärung der metaphysischen Voraussetzungen sehen: Wenn die Frage nach der "Natur" oder dem "Wesen" einer Sache gestellt wird, was für eine Metaphysik ist dabei vorausgesetzt? Und ist diese metaphysische Voraussetzung eine sinnvolle Art über die Welt nachzudenken?
In der Metaphysik geht es (gemäß einem weit verbreiteten Begriffsverständnis) immer um das Ganze der Welt. Metaphysische Positionen hantieren typischerweise mit "Allsätzen". Zum Beispiel: Alles ist Information, alles ist physikalisch, alles ist Geist etc. Allerdings ist man nicht dazu verpflichtet, eine metaphysische Position einzunehmen, man muss nicht glauben, dass es etwas gibt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Kurz: Man kann glauben, dass X ein Wesen hat, ohne metaphysische Voraussetzungen zu machen. Man kann doch auch bloß aus einer regionalen Ontologie heraus analysieren! Oder?

Aber ich stimme in gewisser Hinsicht zu: Wenn gewisse metaphysische Voraussetzungen gemacht wurden (ob explizit oder implizit), dann kann es problematisch werden, nach der "Natur" oder dem "Wesen" einer Sache zu fragen.
Gute Präzisierung. Die Frage wäre dann: Operierst du dann mit einem Allsatz wie "jedes Ding hat ein Wesen" oder "jedes Ding hat eine Natur"? Wenn nein, dann wäre im Rahmen der Untersuchung zu klären, ob der Untersuchungsgegenstand eine "Natur" oder ein "Wesen" hat. Wenn nicht jeder Gegenstand so etwas hat, können wir doch nicht ausschließen, dass dem Untersuchungsgegenstand so etwas abgeht. Und genau bei dieser Klärung gilt es dann die ontologischen Voraussetzungen einer "regionalen Ontologie" zu explizieren.




Philoxander
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Do 26. Mär 2026, 20:29

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 26. Mär 2026, 08:09
... man muss nicht glauben, dass es etwas gibt, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Man kann glauben, dass X ein Wesen hat, ohne metaphysische Voraussetzungen zu machen.

Aber ich stimme in gewisser Hinsicht zu: Wenn gewisse metaphysische Voraussetzungen gemacht wurden (ob explizit oder implizit),
dann kann es problematisch werden, nach der "Natur" oder dem "Wesen" einer Sache zu fragen.
Warum metaphysische Voraussetzungen? Metaphysik und Physik sind nur verschiedene Begriffe für das Gleiche.
Fragen unter Annahme von Voraussetzungen zu stellen, verhindert Antworten unter Voraussetzungslosigkeit.
Diese Methodik verhindert jede Art philosophischer Freiheit.

Das ist nur eine Methode, sich sein geistiges Gefängnis zu bauen.
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Jörn P Budesheim
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Fr 27. Mär 2026, 08:38

Dynamis hat geschrieben :
Mi 25. Mär 2026, 22:53
Bei Was-ist-Fragen würde ich den philosophischen Aspekt in der Klärung der metaphysischen Voraussetzungen sehen: Wenn die Frage nach der "Natur" oder dem "Wesen" einer Sache gestellt wird, was für eine Metaphysik ist dabei vorausgesetzt? Und ist diese metaphysische Voraussetzung eine sinnvolle Art über die Welt nachzudenken? Vielleicht gehen Was-ist-Fragen von einer falschen Voraussetzung aus: Dass eine Sache ein Wesen hat, welches man als das Was-Sein der Sache in einer Antwort auf die Was-ist-Frage anführen könnte. Wenn es jedoch dieses Wesen nicht gibt und dem Untersuchungsgegenstand vielmehr eine unerschöpfliche Komplexität innewohnt, haben Was-ist-Fragen keine Antwort.
Dynamis hat geschrieben :
Do 26. Mär 2026, 10:51
Gute Präzisierung. Die Frage wäre dann: Operierst du dann mit einem Allsatz wie "jedes Ding hat ein Wesen" oder "jedes Ding hat eine Natur"? Wenn nein, dann wäre im Rahmen der Untersuchung zu klären, ob der Untersuchungsgegenstand eine "Natur" oder ein "Wesen" hat. Wenn nicht jeder Gegenstand so etwas hat, können wir doch nicht ausschließen, dass dem Untersuchungsgegenstand so etwas abgeht. Und genau bei dieser Klärung gilt es dann die ontologischen Voraussetzungen einer "regionalen Ontologie" zu explizieren.
Hier ein paar Beispiele: Die Was-Fragen "Was ist Liebe?", "Was sind Emotionen?", "Was ist Kunst?" und viele andere mehr münden ja in konkrete philosophische Projekte. Es gibt sowohl eine Philosophie der Liebe als auch eine Philosophie der Emotionen und auch eine der Kunst. Das sind ja bereits "Regionen", wenn man so sagen will. Welche metaphysischen Voraussetzungen müsste man deiner Ansicht nach klären?

Der Unterschied zwischen "Was und Wie", um den es mir geht, zeigt sich meines Erachtens hier: Bei den Fragen "Was ist Liebe?", "Was sind Emotionen?", "Was ist Kunst?" lauten die Antworten der Philosophie nach meiner Lese-Erfahrung nicht: "N besteht in der Ausschüttung von XYZ in der Region ABC des Gehirns."

Solche naturalisierten Befunde setzen ein bestimmtes Begriffsverständnis ja bereits voraus und darüber hinaus die Überzeugung, dass die Gegenstände naturwissenschaftlich überhaupt erfassbar sind.



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Dynamis
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Fr 27. Mär 2026, 18:23

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 27. Mär 2026, 08:38
Hier ein paar Beispiele: Die Was-Fragen "Was ist Liebe?", "Was sind Emotionen?", "Was ist Kunst?" und viele andere mehr münden ja in konkrete philosophische Projekte. Es gibt sowohl eine Philosophie der Liebe als auch eine Philosophie der Emotionen und auch eine der Kunst. Das sind ja bereits "Regionen", wenn man so sagen will. Welche metaphysischen Voraussetzungen müsste man deiner Ansicht nach klären?
Zunächst einmal: Eine Philosophie der Liebe oder eine Philosophie der Emotionen ist auch möglich ohne sich Was-ist-Fragen zu stellen. Man kann sich ja auch dann einen Begriff von einer Sache machen, wenn diese Sache kein "Wesen" hat.

Wenn man sich in einem dieser Bereiche unbedingt eine Was-ist-Frage stellen möchte, wäre die Frage, was du mit dieser Was-ist-Frage klären möchtest. Vorhin hast du Was-ist-Fragen folgendermaßen charakterisiert:
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 11. Dez 2025, 19:09
Ihr Ziel besteht darin, das Wesen eines Phänomens zu erfassen – oder, etwas nüchterner formuliert, seine allgemeinen Strukturen zu klären. Die Frage nach dem Wesen des Schmerzes richtet sich also auf jene grundlegenden Merkmale, die Schmerz zu genau diesem Phänomen machen.
Wenn du das "Wesen" ergründen möchtest, müsste man halt klären, ob so etwas wie Liebe oder Emotion so etwas wie ein "Wesen" hat. Die naturwissenschaftliche Antwort "Liebe ist eine Hormonausschüttung" ist offensichtlich unbefriedigend, weil sie Aspekte der Liebe ausklammert. Aber wäre nicht jede Antwort auf die Was-ist-Frage genauso unbefriedigend? Wenn dem Untersuchungsgegenstand eine unerschöpfliche Komplexität innewohnt, wird jede Antwort auf eine Was-ist-Frage genauso einseitig und eindimensional sein wie der naturwissenschaftliche Befund "Liebe ist eine Hormonausschüttung".




Timberlake
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Sa 28. Mär 2026, 02:15

Philoxander hat geschrieben :
Do 26. Mär 2026, 20:29
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 26. Mär 2026, 08:09
... man muss nicht glauben, dass es etwas gibt, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Man kann glauben, dass X ein Wesen hat, ohne metaphysische Voraussetzungen zu machen.

Aber ich stimme in gewisser Hinsicht zu: Wenn gewisse metaphysische Voraussetzungen gemacht wurden (ob explizit oder implizit),
dann kann es problematisch werden, nach der "Natur" oder dem "Wesen" einer Sache zu fragen.
Warum metaphysische Voraussetzungen? Metaphysik und Physik sind nur verschiedene Begriffe für das Gleiche.
Fragen unter Annahme von Voraussetzungen zu stellen, verhindert Antworten unter Voraussetzungslosigkeit.
Diese Methodik verhindert jede Art philosophischer Freiheit.

Das ist nur eine Methode, sich sein geistiges Gefängnis zu bauen.
Und solche Methoden werden hier in Legion gelebt!
... und wie sehe denn im Vergleich dazu deine Methodik aus?
Philoxander hat geschrieben :
Do 19. Mär 2026, 19:44
Da fehlt noch was.

Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.


Aber das interessiert hier kein Schwein.

Und warum?

Weil niemand begriffen hat, was es bedeutet, wenn Jesus sagt "Ohne mich könnt ihr nichts tun."

Es ist ein Tabu. Niemals würde der Teufel das zugeben! Deshalb sind wir alle satanisch besessen!
Wenn Jesus sagt "Ohne mich könnt ihr nichts tun." , so würde ich jedenfalls davon ausgehen, dass diese Methodik jede Art philosophischer Freiheit noch um so viel mehr verhindert, als die Metaphysik und Physik in Was und Wie Fragen. Übrigens wenn Jesus das sagt "wie" können wir dann "das" tun, was du uns hier unterstellst? Wenn wir deiner Meinung nach alle satanisch besessen sind, könnte es vielleicht sein, dass nicht vielmehr du nicht begriffen hast, was es bedeutet, wenn der Teufel sagt "Ohne mich könnt ihr nichts tun."

Ich meine..

" Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen."

.. könnte man ja auch "dahingehend" interpretieren. Was mich selbst betrifft, so "interessiere" ich mich übrigens für beide "Reiche". Wenngleich ich allerdings , Was und Wie Fragen betreffend, dem ein Glauben daran allemal vorziehen würde.




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Sa 28. Mär 2026, 07:53

Dynamis hat geschrieben :
Fr 27. Mär 2026, 18:23
Wenn dem Untersuchungsgegenstand eine unerschöpfliche Komplexität innewohnt, wird jede Antwort auf eine Was-ist-Frage genauso einseitig und eindimensional sein wie der naturwissenschaftliche Befund "Liebe ist eine Hormonausschüttung".
Dazu hatte ich weiter oben schon etwas geschrieben. Wenn wir vermuten, dass alle N zumindest die Eigenschaften X + Y haben, dann lassen wir die unerschöpfliche Komplexität von N ja komplett unangetastet. Es wird ja keineswegs behauptet, dass jedes N eindimensional nur diese Eigenschaften haben muss. Es kann Millionen von anderen Eigenschaften haben, aber eben diese beiden müssen vorliegen damit ein N vorliegt. Und wenn wir tatsächlich herausgefunden haben, dass genau die Eigenschaften X + Y essentiell sind, dann haben wir einen ernsten Gewinn im Verständnis von N gemacht.



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Sa 28. Mär 2026, 07:55

Dynamis hat geschrieben :
Fr 27. Mär 2026, 18:23
Man kann sich ja auch dann einen Begriff von einer Sache machen, wenn diese Sache kein "Wesen" hat.
Kannst du das vielleicht an ein paar Beispielen erläutern?



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Dynamis
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Sa 28. Mär 2026, 11:16

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 28. Mär 2026, 07:53
Wenn wir vermuten, dass alle N zumindest die Eigenschaften X + Y haben, dann lassen wir die unerschöpfliche Komplexität von N ja komplett unangetastet.
Dann dürfte es gegen naturalisierende Antworten wie "Liebe ist eine Hormonausschüttung" keine Einwände geben, oder? Wenn sich empirisch feststellen lässt, dass es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang zwischen der Sympathie, die man für einen anderen Menschen verspürt, und der Ausschüttung von Hormonen gibt, dann hat man einen allgemeinen Zusammenhang nachgewiesen. Es sei denn, du wendest ein, dass auch "praktische Liebe" im Sinne Kants möglich ist: Du findest einen anderen Menschen ekelhaft, aber aus starkem Pflichtbewusstsein heraus entscheidest du dich dafür dich nicht von deinem Ekel bestimmen zu lassen, ihm Gutes zu tun und bezeichnest dieses Wohltun dann als "Liebe". Da findet dann keine Ausschüttung eines Sympathie-Hormons statt, sondern es ist lediglich ein eiserner Wille, der dich dazu bringt dem Mitmenschen einen Liebesdienst zu erweisen. Nun, dann bist du eben bei dem Punkt angelangt, auf den ich hinauswollte: Die Auseinandersetzung mit dem Begriff zeigt, dass die Liebe ein komplexes Phänomen ist, komplexer als es jede einseitige Festlegung auf eine vermeintlich "notwendige" Eigenschaft zu erfassen vermag.
Es wird ja keineswegs behauptet, dass jedes N eindimensional nur diese Eigenschaften haben muss. Es kann Millionen von anderen Eigenschaften haben, aber eben diese beiden müssen vorliegen damit ein N vorliegt. Und wenn wir tatsächlich herausgefunden haben, dass genau die Eigenschaften X + Y essentiell sind, dann haben wir einen ernsten Gewinn im Verständnis von N gemacht.
Ja, wenn es so etwas wie "notwendige" Eigenschaften dieser Sache überhaupt gibt. Genau das ist die Voraussetzung, die dann zu prüfen ist. Ich schließe nicht aus, dass diese Voraussetzung manchmal erfüllt ist, aber das ist halt zu prüfen. Und wenn diese Voraussetzung nicht erfüllt ist, kann man sich trotzdem einen Begriff von der Sache machen.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 28. Mär 2026, 07:55
Kannst du das vielleicht an ein paar Beispielen erläutern?
Nehmen wir mal als Beispiel "praktische Liebe" im Sinne von Kant oder "Feindesliebe" im Sinne des Christentums oder Mettā im Sinne des Buddhismus. Das sind sinnvolle Liebesbegriffe, aber bringen sie das Wesen der Liebe zum Ausdruck? Menschen können aufrichtig ihr Kind lieben ohne zu einer Liebe mit universellem Anspruch in der Lage zu sein.




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Sa 28. Mär 2026, 13:13

Dynamis hat geschrieben :
Sa 28. Mär 2026, 11:16
Nehmen wir mal als Beispiel "praktische Liebe" im Sinne von Kant oder "Feindesliebe" im Sinne des Christentums oder Mettā im Sinne des Buddhismus. Das sind sinnvolle Liebesbegriffe, aber bringen sie das Wesen der Liebe zum Ausdruck? Menschen können aufrichtig ihr Kind lieben ohne zu einer Liebe mit universellem Anspruch in der Lage zu sein.
Dieses Argument verstehe ich nicht. Ich kann leider auch keine klärende Nachfrage stellen.



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Sa 28. Mär 2026, 13:14

Dynamis hat geschrieben :
Sa 28. Mär 2026, 11:16
Ja, wenn es so etwas wie "notwendige" Eigenschaften dieser Sache überhaupt gibt. Genau das ist die Voraussetzung, die dann zu prüfen ist. Ich schließe nicht aus, dass diese Voraussetzung manchmal erfüllt ist, aber das ist halt zu prüfen. Und wenn diese Voraussetzung nicht erfüllt ist, kann man sich trotzdem einen Begriff von der Sache machen.
Ja, sicher, prüfen gehört natürlich dazu. Man wird sicherlich auch nicht von allem Analysen durchführen können, weil manche Begriffe so basal sind, dass sie sich nicht weiter erklären lassen.



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Sa 28. Mär 2026, 13:20

Dynamis hat geschrieben :
Sa 28. Mär 2026, 11:16
Dann dürfte es gegen naturalisierende Antworten wie "Liebe ist eine Hormonausschüttung" keine Einwände geben, oder? Wenn sich empirisch feststellen lässt, dass es tatsächlich einen kausalen Zusammenhang zwischen der Sympathie, die man für einen anderen Menschen verspürt, und der Ausschüttung von Hormonen gibt, dann hat man einen allgemeinen Zusammenhang nachgewiesen.
"Dann dürfte es gegen naturalisierende Antworten wie "Liebe ist eine Hormonausschüttung" keine Einwände geben, oder?" Ich verstehe das "dann" in diesem Satz nicht.

Dass Liebe bei Wesen wie uns mit einer Hormonausschüttung einhergehen kann, zeigt jedoch keineswegs das Liebe eine Hormonausschüttung ist. Liebe kann körperlich sicherlich auf viele verschiedene Arten und Weisen realisiert sein (insofern man überhaupt sinnvoll davon sprechen kann, dass sie körperlich realisiert sind). Warum sollten andere Spezies, die ebenfalls lieben, nicht eine völlig andere Biologie haben?



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Sa 28. Mär 2026, 17:26

Deine Annahme war:
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 28. Mär 2026, 07:53
wenn wir tatsächlich herausgefunden haben, dass genau die Eigenschaften X + Y essentiell sind, dann haben wir einen ernsten Gewinn im Verständnis von N gemacht.
Nun behauptet ein Biologist, dass zumindest für die biologische Spezies Mensch die Eigenschaft "Hormon X wird ausgeschüttet" essentiell dafür ist, dass eine Person die andere Person liebt. Damit haben wir nach deiner Annahme einen ernsten Gewinn im Verständnis der Liebe gemacht.

Okay, nun fragst du:
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 28. Mär 2026, 13:20
Warum sollten andere Spezies, die ebenfalls lieben, nicht eine völlig andere Biologie haben?
Ein Biologist könnte einwenden: Naja, wir kennen nun einmal keine Spezies, die eine völlig andere Biologie haben. Ende der Debatte.

Deswegen das "Dann" in meiner Aussage "Dann dürfte es gegen naturalisierende Antworten wie "Liebe ist eine Hormonausschüttung" keine Einwände geben, oder?" Mit deiner Annahme, dass es essentielle Eigenschaften der Liebe gibt, öffnest du dem Biologisten eine Tür. Er geht dann durch diese Tür: Er beansprucht für sich solche essentielle Eigenschaften gefunden zu haben, eben Hormonausschüttungen.

Jetzt wirfst du vielleicht einwenden: Okay, weil wir empirisch nachgewiesen haben, dass Eigenschaft Hormonausschüttung immer zusammen mit Phänomen Liebe auftritt, folgt noch nicht, dass Eigenschaft Hormonausschüttung für das Phänomen Liebe "essentiell" ist. Dann würde der Biologist antworten: Für ihn bedeutet "essentiell" eben eine empirisch feststellbare Gesetzesmäßigkeit. Und wenn du unter "essentiell" etwas anderes verstehst, dann gehst du eben von fragwürdigen ontologischen Voraussetzungen aus. Er, der Biologist, kommt ohne solche fragwürdigen ontologischen Voraussetzungen aus, weil das, was er unter "essentiell" versteht, empirisch nachprüfbar ist.




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Jörn P Budesheim
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Sa 28. Mär 2026, 17:36

Dynamis hat geschrieben :
Sa 28. Mär 2026, 17:26
Damit haben wir nach deiner Annahme einen ernsten Gewinn im Verständnis der Liebe gemacht.
Das ist mein keineswegs meine Annahme, damit verkehrst du meine Ansicht in ihr komplettes Gegenteil. Der Naturalist kann nichts zum Verständnis beitragen. Dass bei Liebe Substanz XYZ ausgeschüttet wird, trägt überhaupt nichts zum Verständnis bei. Das erklärt nur das Wie und nicht das Was.



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Sa 28. Mär 2026, 17:44

Das sieht der Biologist eben anders. Er glaubt herausgefunden zu haben, dass es eine empirisch feststellbare Gesetzesmäßigkeit gibt, dass ein Zusammenhang zwischen Hormonausschüttung und Liebe besteht. Diese empirisch feststellbare Gesetzesmäßigkeit bezeichnet er als "essentiell". Das Feststellen dieser empirisch feststellbaren Gesetzesmäßigkeit bezeichnet er als "Verständnis". Auf diese Weise kapert er deine Begriffe "essentiell" und "Verständnis" und benutzt sie, um seine Position zu verteidigen.




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Jörn P Budesheim
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Sa 28. Mär 2026, 17:47

Das mag ja alles sein. Aber wo sind deine Gründe dafür, dass er richtig liegt?



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Sa 28. Mär 2026, 17:54

Er hat doch Gründe, die er anführt, um zu zeigen, warum er richtig liegt: Eben die empirischen Befunde.

Dass diese Gründe aus philosophischer Sicht nicht zufriedenstellend sind, liegt eben darin, dass Begriffe mehrdimensional sind: "essentiell" bedeutet eben nicht nur "empirisch feststellbare Gesetzesmäßigkeit. "Verständnis" bedeutet eben nicht nur Feststellen empirisch überprüfbarer Zusammenhänge. "Gründe" bedeutet eben nicht nur empirische Befunde. Und damit bin ich wieder bei dem Punkt, den ich machen möchte: Eben weil Begriffe mehrdimensional sind, sind Was-ist-Fragen irreführend. Was-ist-Fragen suggerieren fälschlicherweise, dass man einen mehrdimensionalen Begriff auf eine Dimension festlegen kann.




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