Sind Blätter grün?

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Jörn P Budesheim
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(1) Farbenblindheit verändert systematisch, welche Farben überhaupt vorkommen
(2) Farbnachbilder und Kontraste zeigen aktive Verarbeitung
(3) das opponente System erklärt direkt, warum bestimmte Farbkombinationen ausgeschlossen sind

(1) Farbenblindheit verändert nicht, welche Farben vorkommen, sondern welche wahrgenommen werden.
(2) Farbnachbilder und Kontraste zeigen aktive "Verarbeitung". Das gehört zum Wie. Daraus folgt nicht, dass das Was keinen eigenen ontologischen Rang hat.
(3) Das opponente System erklärt, dass sich unsere Architektur gemäß der eigenständigen Ontologie der Farben entwickelt hat.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Timberlake
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Do 2. Apr 2026, 14:41

Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 00:37
. Wenn ich eine Farbe "erlebe", dann "erlebe" ich sie nicht als "Affektion" oder als "Passion", also etwas, was mir widerfährt. Ich "erlebe" ihn dann als eine Eigenschaft, die einem konkreten Gegenstand anhaftet. Das unterscheidet Farben beispielsweise von Emotionen, die ich tatsächlich als Affektionen erlebe, etwa wenn ich mir einen Film angucke und die Handlung so berührend finde, dass ich heulen muss.
Wie sollte, wenn beides, also die Farbe grün bei Blättern und Emotionen bei Affektionen , erlebt wird unterschiedlich sein?
spektrum.de hat geschrieben :
Metzler Lexikon Philosophie
Erlebnis
In der analytische Philosophie des Geistes wird der Begriff des E.ses bzw. des Erlebens, nachdem ihm lange kaum Beachtung geschenkt wurde, gegenwärtig in engem Zusammenhang mit dem Thema Bewusstsein diskutiert. Seine Rolle wird hier durch die Auseinandersetzung mit der Frage bestimmt, ob und, wenn ja, wie mentale Phänomene im Allgemeinen und das Phänomen Bewusstsein im Besonderen im Rahmen einer naturalistischen Konzeption der Welt vollständig beschrieben und erklärt werden können (Physikalismus). Gegen eine solche Konzeption wird eingewandt, dass das Erleben ein wesentliches Merkmal mentaler Phänomene sei und aufgrund seiner charakteristischen Eigenschaften: Gebundensein an die Perspektive des erlebenden Subjekts, Unmittelbarkeit und Nicht-vollständige-Mitteilbarkeit, sich notwendig einer objektiven und daher auch jedweder naturalistischen Beschreibung entziehe (Qualia). Demgegenüber hat bereits Farrell geltend gemacht, dass das so charakterisierte Phänomen nichts sei, über das sich sinnvoll sagen ließe, es könne oder könne nicht vollständig beschrieben oder erklärt werden
Gebundensein an die Perspektive des "erlebenden" Subjekts, Unmittelbarkeit, Nicht-vollständige-Mitteilbarkeit und von daher auch jedweder naturalistischen Beschreibung entziehend (Qualia), trifft doch wohl noch auf beides zu ...Oder?




Dynamis
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Do 2. Apr 2026, 18:30

Consul hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 02:08
Genauer gesagt: Farbeindrücke/-empfindungen sind subjektive Affektionen oder Passionen, die als nach außen projiziert erfahren werden, ohne dass sich Farben wirklich draußen auf Oberflächen von Körpern oder in Stoffmengen befinden; denn es handelt sich bei dieser Projektion um eine phänomenale Illusion.
Es mag schon sein, dass das neurobiologisch so funktioniert, dass unser Gehirn automatisch irgendwelche Sachen auf die Gegenstände projiziert. Davon bekomme ich jedoch nichts mit. Mit unseren Sinnesorganen erfahren wir, dass Gegenstände bestimmte Eigenschaften haben: Sie sind heiß, kalt, weich, stinkend, und eben farbig. Manche Erfahrungen sind eine Illusion, aber manche eben auch nicht.

Ich habe im Faden zu Berkeley gesehen, dass du dich mit seiner idealistischen Philosophie beschäftigt hast. Gehst du deswegen prinzipiell davon aus, dass alle unsere Wahrnehmungen Affektionen und Passionen sind? Dann kann ich verstehen, wie du zu deiner Position kommst, allerdings wären dann alle äußeren Gegenstände, die wahrgenommen werden, aufgrund der Wahrnehmung Projektionen.
Ich verwende "Affektion" im alten, weiten Sinn, in dem alle Arten subjektiver Erfahrungen als Affektionen bezeichnet werden können. In diesem Sinn sind sowohl Emotionen ("Affekte" eingeschlossen) als auch Sensationen (Empfindungen) mentale Affektionen.
Ebenso verwende ich "Passion" im alten, weiten Sinn als Antonym zu "Aktion". Jede Art subjektiver Erfahrung kann in diesem Sinn als Passion (als "Erleidung" oder "Leidenschaft") bezeichnet werden, also nicht nur Emotionen.
Okay, danke für die Klärung. Dann wäre auch die Wahrnehmung eines Klaviers oder eines Baumes eine Affektion, oder?




Dynamis
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Do 2. Apr 2026, 18:34

Timberlake hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 14:41
Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 00:37
. Wenn ich eine Farbe "erlebe", dann "erlebe" ich sie nicht als "Affektion" oder als "Passion", also etwas, was mir widerfährt. Ich "erlebe" ihn dann als eine Eigenschaft, die einem konkreten Gegenstand anhaftet. Das unterscheidet Farben beispielsweise von Emotionen, die ich tatsächlich als Affektionen erlebe, etwa wenn ich mir einen Film angucke und die Handlung so berührend finde, dass ich heulen muss.
Wie sollte, wenn beides, also die Farbe grün bei Blättern und Emotionen bei Affektionen , erlebt wird unterschiedlich sein?
Diese Frage hat Moore in seinem Aufsatz "The Refutation of Idealism" ein ebenso simples wie geniales Argument als Antwort gefunden: Weil wir unterschiedliche Dinge erleben, sind sie unterschiedlich. So einfach ist das.

Unsere Bewusstseinszustände sind nicht immer gleich. Manchmal erleben wir Trauer, manchmal Freude, manchmal sehen wir die Farbe grün, manchmal nicht. Diese Unterschiede strukturieren die Welt, in der wir leben.




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Consul
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Do 2. Apr 2026, 18:47

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 08:38
Consul hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 00:00
NEIN, philosophisch gesprochen.
Ob der Farbrealismus zutrifft oder eher Farbantirealismus, ist philosophisch natürlich nicht geklärt. Ein großgeschriebenes NEIN ist auch philosophisch gesehen nicht "alternativlos".
Das ist meine philosophische Antwort!



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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Consul
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Do 2. Apr 2026, 19:55

Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 18:30
Ich habe im Faden zu Berkeley gesehen, dass du dich mit seiner idealistischen Philosophie beschäftigt hast. Gehst du deswegen prinzipiell davon aus, dass alle unsere Wahrnehmungen Affektionen und Passionen sind? Dann kann ich verstehen, wie du zu deiner Position kommst, allerdings wären dann alle äußeren Gegenstände, die wahrgenommen werden, aufgrund der Wahrnehmung Projektionen.
Nein, ich bin materialistischer Realist. Wenn ich eine (scheinbar) rote Tomate sehe, dann ist die gesehene Tomate als Wahrnehmungsgegenstand keine mentale Projektion, d.h. nichts vom Geist nach außen Projiziertes, das sich nicht wirklich draußen befindet. Tomaten und andere äußere Dinge sind für mich keine (Bündel von) Sinnesideen im Geist des Wahrnehmenden (wie für Berkeley). Es ist mein innerer Roteindruck als Wahrnehmungsinhalt, der sich kraft einer illusorischen phänomenalen Projektion draußen auf der Tomatenoberfläche zu befinden scheint.
Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 18:30
Consul hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 02:08
Ich verwende "Affektion" im alten, weiten Sinn, in dem alle Arten subjektiver Erfahrungen als Affektionen bezeichnet werden können. In diesem Sinn sind sowohl Emotionen ("Affekte" eingeschlossen) als auch Sensationen (Empfindungen) mentale Affektionen.
Ebenso verwende ich "Passion" im alten, weiten Sinn als Antonym zu "Aktion". Jede Art subjektiver Erfahrung kann in diesem Sinn als Passion (als "Erleidung" oder "Leidenschaft") bezeichnet werden, also nicht nur Emotionen.
Okay, danke für die Klärung. Dann wäre auch die Wahrnehmung eines Klaviers oder eines Baumes eine Affektion, oder?
Ja, eine sensorische Affektion, durch die etwas wahrgenommen wird, ist eine perzeptorische Affektion.
Eine halluzinatorische Affektion ist eine sensorische Affektion (Sinneseindruck/-empfindung/-erfahrung), durch die bloß scheinbar etwas wahrgenommen wird, sodass es sich um nicht um eine perzeptorische oder nur um eine pseudoperzeptorische Affektion handelt. Halluzinationen sind bloße Scheinwahrnehmungen mit einem Sinneseindruck als realem Inhalt, aber ohne realen Gegenstand.

Fußnote:
Zur Etymologie von "Affektion" im Lateinischen: "afficere" (Verb) + "affectio" (Substantiv)



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Timberlake
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Fr 3. Apr 2026, 02:49

Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 18:34
Timberlake hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 14:41
Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 00:37
. Wenn ich eine Farbe "erlebe", dann "erlebe" ich sie nicht als "Affektion" oder als "Passion", also etwas, was mir widerfährt. Ich "erlebe" ihn dann als eine Eigenschaft, die einem konkreten Gegenstand anhaftet. Das unterscheidet Farben beispielsweise von Emotionen, die ich tatsächlich als Affektionen erlebe, etwa wenn ich mir einen Film angucke und die Handlung so berührend finde, dass ich heulen muss.
Wie sollte, wenn beides, also die Farbe grün bei Blättern und Emotionen bei Affektionen , erlebt wird unterschiedlich sein?
Diese Frage hat Moore in seinem Aufsatz "The Refutation of Idealism" ein ebenso simples wie geniales Argument als Antwort gefunden: Weil wir unterschiedliche Dinge erleben, sind sie unterschiedlich. So einfach ist das.

Damit war aber nicht befasst ...
philomag.de hat geschrieben :

Metaphysik

Die Metaphysik, auch „erste Philosophie“ genannt, befasst sich mit dem „Sein als Sein“ (Ontologie).

Ich war mit dem Sein (dieser unterschiedliche Dinge) als Sein (von etwas erlebten) und somit der Metaphysik befasst. Das heißt, wenn wir unterschiedliche Dinge erleben, sind sie im Erleben dessen gleichgestellt und somit war ich, wenn man so will, befasst mit " Erlebtes als Erlebtes"




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Fr 3. Apr 2026, 12:29

Consul hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 19:55
Nein, ich bin materialistischer Realist. Wenn ich eine (scheinbar) rote Tomate sehe, dann ist die gesehene Tomate als Wahrnehmungsgegenstand keine mentale Projektion, d.h. nichts vom Geist nach außen Projiziertes, das sich nicht wirklich draußen befindet.
Dann wende ich gegen die Projektionsthese ein, dass sich tatsächlich etwas "draußen befindet": Beispielsweise Chlorophyll bei Blättern oder Hautpigmente bei Menschen. Die Existenz von solchen Stoffen müsstest du eigentlich auch als materialistischer Realist akzeptieren.

In deine Terminologie übersetzt: Eine Farbwahrnehmung ist eine affectio externa, keine affectio interna.




Dynamis
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Fr 3. Apr 2026, 12:39

Timberlake hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 02:49
Ich war mit dem Sein (dieser unterschiedliche Dinge) als Sein (von etwas erlebten) und somit der Metaphysik befasst. Das heißt, wenn wir unterschiedliche Dinge erleben, sind sie im Erleben dessen gleichgestellt und somit war ich, wenn man so will, befasst mit " Erlebtes als Erlebtes"
Richtig, im Erleben sind sie gleichgestellt. Im Sein eben nicht. Wenn du mit dem Sein befasst ist, kann es dir also völlig egal sein, dass sie "im Erleben gleichgestellt" sind.

Anders formuliert: Wenn wir verschiedene Erfahrungen haben, sind diese Erfahrung ähnlich in einer Hinsicht und unterschiedlich in anderer Hinsicht. In welcher Hinsicht sind sie ähnlich? Na, in der Hinsicht, dass es sich um Erfahrungen handelt. In welcher Hinsicht sind sie unterschiedlich? Na, in der Hinsicht, dass die Dinge, die erfahren werden, verschieden sind.




Dynamis
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Fr 3. Apr 2026, 12:50

@Consul: Mir fällt jedoch gerade auf, dass ich meine Position modifizieren muss. Ursprünglich hatte ich ja das Beispiel mit dem Kinofilm angeführt, weil ich annahm, dass es sich um eine Affektion handelt, wenn ich zu Tränen gerührt werde, und bei einer Farbwahrnehmung nicht.

Nun würde ich die Unterschiede zwischen den beiden Fällen bezugnehmend auf deine Terminologie anders charakterisieren: Im Falle der Farbwahrnehmung findet die Affektion automatisiert durch die Verarbeitung von visuellen Reizen statt. Da haben wir tatsächlich eine Reinform einer affectio externa, ich habe nicht das Geringste damit zu tun. Wenn ich durch die Handlung eines Kinofilms gerührt bin, handelt es sich eher um eine Mischform: Ich werde von außen stimuliert, verarbeite jedoch die Stimuli durch meine bewusste Anteilnahme an der Handlung.




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Consul
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Fr 3. Apr 2026, 20:29

Dynamis hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 12:29
Consul hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 19:55
Nein, ich bin materialistischer Realist. Wenn ich eine (scheinbar) rote Tomate sehe, dann ist die gesehene Tomate als Wahrnehmungsgegenstand keine mentale Projektion, d.h. nichts vom Geist nach außen Projiziertes, das sich nicht wirklich draußen befindet.
Dann wende ich gegen die Projektionsthese ein, dass sich tatsächlich etwas "draußen befindet": Beispielsweise Chlorophyll bei Blättern oder Hautpigmente bei Menschen. Die Existenz von solchen Stoffen müsstest du eigentlich auch als materialistischer Realist akzeptieren.
Ja, natürlich, aber Farben sind für mich keine Eigenschaften, die den wahrgenommenen Stoffen oder Dingen innewohnen. Chlorophyll als "Blattgrün" und andere sogenannte chemische "Farbstoffe" sind an sich farblos – es sei denn, man definiert das Haben einer Farbe objektivistisch als das Haben einer bestimmten Molekularstruktur, die Stoffe oder Dinge dazu disponiert, sehfähigen Wesen in bestimmter farblicher Weise zu erscheinen.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 12:29
In deine Terminologie übersetzt: Eine Farbwahrnehmung ist eine affectio externa, keine affectio interna.
Externe Affektionen haben eine äußere Ursache, eine Ursache außerhalb des affizierten Objekts/Subjekts. Wenn ein Stück Metall vom Sonnenlicht erwärmt wird, dann ist das eine externe Affektion.

Wenn man unter einer visuellen Wahrnehmung eine längere Ursache-Wirkungs-Kette versteht, die mit einem Licht ausstrahlenden oder zurückwerfenden äußeren Gegenstand als fernster Ursache beginnt, über die optische Reizung der Augen und der Augennerven verläuft, und mit einer subjektiven Farbempfindung endet, deren nächste, unmittelbare Ursache sich irgendwie im Gehirn befindet, dann sind daran sowohl innerkörperliche als auch außerkörperliche Ursachen beteiligt.
Wenn es dagegen nur um die nächste, unmittelbare Ursache einer Farbempfindung geht, d.h. um bestimmte Gehirnvorgänge, dann ist der visuelle Eindruck eine rein interne Affektion.

Fußnote:
Eine aktive Affektion ist ein Affizieren, wohingegen eine passive Affektion (Passion) ein Affiziertwerden ist.
"A. die Klasse der passiven Affektionen.
Von ihnen sagt man, daß das Subjekt sie erleide. So erleidet der Sehende das Sehen. Ihnen allen gemeinsam ist, daß sie zu einem Wirkenden in Beziehung stehen, durch seinen Einfluß erhalten werden.
Bei anderen relativen Akzidentien hat man es mit noch ganz anderen Arten von Beziehungen zu tun. Ehe wir auf diese des näheren eingehen, sei die Frage aufgeworfen, ob die passiven Affektionen selbst nicht auch noch verschiedene Prädikationsmodi zeigen. Sie ist wohl zu bejahen; passive Affektionen, die zu einem Werke führen, kommen der Substanz in anderer Weise als diejenigen zu, bei welchen dies nicht der Fall ist, sondern alles was gewirkt wird, in dem die passive Affektion Erleidenden als solchen besteht. Ein Beispiel der ersten Klasse ist die örtliche Bewegung, ein Beispiel der zweiten ein Empfinden, Denken, Begehren."

(Brentano, Franz. Kategorienlehre. [1907-1916.] Hrsg. v. Alfred Kastil. Nachdr., Hamburg: Meiner, 1985 [1933|1]. S. 40)
"Das Eigentümliche der sinnlichen Vorstellungen ist eigentlich die Passivität, das Leidend-bestimmt-werden zu ihnen, dieses, dass wir unmittelbar genötigt werden, sie so zu haben, wie wir sie haben, d.h. das Affiziertwerden zu ihnen. So sehe ich die Rose und höre den Gesang vermittelst der Affektion durch Auge und Ohr."

(Fries, Jakob Friedrich. System der Logik. Heidelberg: Mohr & Zimmer, 1811. S. 37-8)



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Jörn P Budesheim
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Fr 3. Apr 2026, 20:48

Consul hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 20:29
Chlorophyll als "Blattgrün" und andere sogenannte chemische "Farbstoffe" sind an sich farblos ...
Müssten Blätter dann nicht durchsichtig sein? Was farblos ist, ist durchsichtig. Luft wäre ein Beispiel.



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Consul
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Fr 3. Apr 2026, 22:33

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 20:48
Consul hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 20:29
Chlorophyll als "Blattgrün" und andere sogenannte chemische "Farbstoffe" sind an sich farblos ...
Müssten Blätter dann nicht durchsichtig sein? Was farblos ist, ist durchsichtig. Luft wäre ein Beispiel.
Ob ein Ding oder Stoff durchsichtig oder lichtdurchlässig ist, hängt von seiner Molekularstruktur ab, wobei ich Farben eben nicht damit oder mit der darin gründenden Disposition (in bestimmter Weise visuell zu erscheinen) identifiziere.



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Timberlake
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Fr 3. Apr 2026, 23:58

Dynamis hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 12:39
Timberlake hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 02:49
Ich war mit dem Sein (dieser unterschiedliche Dinge) als Sein (von etwas erlebten) und somit der Metaphysik befasst. Das heißt, wenn wir unterschiedliche Dinge erleben, sind sie im Erleben dessen gleichgestellt und somit war ich, wenn man so will, befasst mit " Erlebtes als Erlebtes"
Richtig, im Erleben sind sie gleichgestellt. Im Sein eben nicht. Wenn du mit dem Sein befasst ist, kann es dir also völlig egal sein, dass sie "im Erleben gleichgestellt" sind.

Ich bin nicht mit dem Sein befasst , sondern nochmal zur Erinnerung ...

philomag.de hat geschrieben :

Metaphysik

Die Metaphysik, auch „erste Philosophie“ genannt, befasst sich mit dem „Sein als Sein“ (Ontologie).


.. mit dem Sein als Sein und somit der Metaphysik.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 12:39
Anders formuliert: Wenn wir verschiedene Erfahrungen haben, sind diese Erfahrung ähnlich in einer Hinsicht und unterschiedlich in anderer Hinsicht. In welcher Hinsicht sind sie ähnlich? Na, in der Hinsicht, dass es sich um Erfahrungen handelt. In welcher Hinsicht sind sie unterschiedlich? Na, in der Hinsicht, dass die Dinge, die erfahren werden, verschieden sind.
Anders formuliert: die Farbe Grün bei Blättern und Emotionen bei Affektionen, weil es sich bei beidem um eine Erfahrung handelt, so ist man mit der "Erfahrung als Erfahrung" und damit mit der Metaphysik befasst. Währenddessen in der Hinsicht, wo diese Dinge, die erfahren werden, unterschiedlich sind, so ist man mit der Erfahrung und damit mit der Physik befasst.

Unterbezugnahme darauf betrachte ich deshalb "die Farbe Grün bei Blättern und Emotionen bei Affektionen" mit den Augen eines Metaphysikers
Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 18:34
Timberlake hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 14:41
Wie sollte, wenn beides, also die Farbe grün bei Blättern und Emotionen bei Affektionen , erlebt wird unterschiedlich sein?
Diese Frage hat Moore in seinem Aufsatz "The Refutation of Idealism" ein ebenso simples wie geniales Argument als Antwort gefunden: Weil wir unterschiedliche Dinge erleben, sind sie unterschiedlich. So einfach ist das.
Währenddessen Moore in seinem Aufsatz "The Refutation of Idealism" und wie ich einmal annehme auch du, "die Farbe Grün bei Blättern und Emotionen bei Affektionen" mit den Augen eines Physikers betrachtest,

So einfach ist das bzw. weil ich die Begriffe Metaphysik und Physik nach meinem Empfinden, ich sag mal so, doch schon sehr überstrapaziert habe, so einfach könnte man es sich machen (Konjunktiv)




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Sa 4. Apr 2026, 06:49

Consul hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 22:33
Ob ein Ding oder Stoff durchsichtig oder lichtdurchlässig ist, hängt von seiner Molekularstruktur ab, ...
Das mag ja sein. Das ändert aber nichts an meinem Einwand. Wenn du sagst, dass die Blätter farblos sind, dann sagst du damit ineins, dass sie durchsichtig sind.



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Sa 4. Apr 2026, 07:37

Consul hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 19:55
kraft einer illusorischen phänomenalen Projektion draußen auf der Tomatenoberfläche zu befinden scheint.
Manche Philosophen nennen das – meines Erachtens zurecht – den "introjektiven Irrtum", also die fälschliche Annahme, dass Qualitäten wie Farben, Klänge oder Werte rein „innerliche" oder mentale Erzeugnisse unseres Gehirns seien. Dieser Irrtum hat seinen Ursprung im Wesentlichen in der modernen Wissenschaftstradition seit Descartes, die die physikalische Welt primär quantitativ – also durch Zahlen und geometrische Formen – beschreibt. Da Qualitäten wie das Grün des Blattes damit nicht zu erfassen sind, werden sie einfach ins Subjekt verlegt. Damit wird der individuelle, subjektive Geist zu so etwas wie einem Müllabladeplatz alles Qualitativen. Diese quantitative Sicht ist fraglos äußerst erfolgreich, aber das rechtfertigt keineswegs, alles, was sie nicht in den Blick bekommen kann, aus der Wirklichkeit gleichsam zu „entfernen" und zu einer subjektiv „illusorischen phänomenalen Projektion" zu erklären.



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Sa 4. Apr 2026, 07:56

DrBro87 hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 09:03
Dein Einwand ist interessant, aber er trifft meine Aussage so nicht ganz. Ich habe nicht „Wie“ und „Was“ einfach gleichgesetzt, sondern eine Beziehung beschrieben:
Farben entstehen aus der Wechselwirkung von physikalischen Prozessen („Wie“) und Wahrnehmung („Was“).
Hierzu noch ein kleiner Nachtrag. Der Unterschied* zwischen "Wie" und "Was" war eigentlich etwas anders gemeint. Das "Wie" ist die Art und Weise der Realisation, der physiologische Part. Aber das "Was" ist nicht die Wahrnehmung, sondern die Farbe selbst, bzw. die Einheit des Farbraums mit seiner "inneren Logik", als ontologischen Raum eigenen Rechts (es gibt zum Beispiel kein grünliches Orange). In den zitierten Beitrag habe ich entsprechend von der "Natur der Farbe" gesprochen. In der Antwort wurde daraus ohne Umschweife die Wahrnehmung. Die Wahrnehmung ist aber für mich nicht das "Was", sondern das Erfassen das "Was".

Allerdings: DrBro87 akzeptiert immerhin explizit, dass Blätter grün sind. Sein Relationismus ist für mich, auch wenn ich Einwände erhoben hatte, deutlich attraktiver als der Introjektismus von Consul. Nach meinem Gefühl ist das auch nicht so weit entfernt von der Position von Dynamis, richtig?

(Darüber gab es hier im Forum auch schon eine Debatte: sind Relationen etwas reales? Ähnliches könnte man zum Thema Perspektiven diskutieren!)

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Nachtrag zum Nachtrag: Diesen Raum erfassen wir (zumindest in Teilen), wir produzieren ihn aber nicht, auch wenn wir ihn nicht ohne die geeignete Registratur erfassen könnten.

*Ein Unterschied ist übrigens keine Trennung.



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Sa 4. Apr 2026, 10:38

Consul hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 20:29
Externe Affektionen haben eine äußere Ursache, eine Ursache außerhalb des affizierten Objekts/Subjekts. Wenn ein Stück Metall vom Sonnenlicht erwärmt wird, dann ist das eine externe Affektion.
Halten wir das erst einmal fest: Das affizierte Subjekt, über das wir reden, das bin ich. Und ich bin nicht identisch allen Dingen, die sich in meinem Körper abspielen. Von vielen Dingen, die sich in meinem Körper abspielen, bekomme ich nichts mit.
Consul hat geschrieben : Wenn man unter einer visuellen Wahrnehmung eine längere Ursache-Wirkungs-Kette versteht, die mit einem Licht ausstrahlenden oder zurückwerfenden äußeren Gegenstand als fernster Ursache beginnt, über die optische Reizung der Augen und der Augennerven verläuft, und mit einer subjektiven Farbempfindung endet, deren nächste, unmittelbare Ursache sich irgendwie im Gehirn befindet, dann sind daran sowohl innerkörperliche als auch außerkörperliche Ursachen beteiligt.
Ich bin nicht von meinem Körper getrennt, aber als Subjekt habe ich mit vielen innerkörperlichen Ursachen nichts zu tun. Wenn ich ein Erkältungsvirus in mir trage und daraufhin meine Immunzellen Antikörper produzieren, um den Erreger zu bekämpfen, dann ist dieser Vorgang die Ursache dafür, dass die Erkältung verschwindet. Aber diese Ursache hat nicht das geringste mit mir zu tun.
Consul hat geschrieben : Wenn es dagegen nur um die nächste, unmittelbare Ursache einer Farbempfindung geht, d.h. um bestimmte Gehirnvorgänge, dann ist der visuelle Eindruck eine rein interne Affektion.
Nein, bloß, weil es sich um "Gehirnvorgänge" handelt, heißt das nicht, dass es sich um eine Ursache innerhalb des affizierten Subjekts handelt. Denn das affizierte Subjekt bin ich. Und ich bin nicht identisch mit meinem Gehirn. Genauso wenig, wie ich identisch mit den Antikörpern in meinem Körper bin.

Meinen Einwand möchte ich nicht als Leib-Seele-Dualismus verstanden wissen. Von manchen körperlichen Vorgängen bin ich sehr wohl die Ursache. Wenn ich etwa bewusst meinen Arm heben. Aber von vielen Dingen auch nicht. Deswegen handelt es sich um eine externe Affektion, wenn ich von einem Vorgang affiziert werde, der sich zwar innerhalb meines Körpers, aber außerhalb meines Bewusstseins abspielt.

Bereits dem Berkeley ist aufgefallen, dass es einen relevanten Unterschied zwischen Sinneswahrnehmungen und Willensakten gibt und dass Sinneswahrnehmungen daher eine externe Ursache haben:
Berkeley in "Die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis" hat geschrieben : XXIX. Aber was für eine Macht ich auch immer über meine eigenen Gedanken haben mag, so finde ich doch, dass die Ideen, die ich gegenwärtig durch die Sinne percipire, nicht in einer gleichen Abhängigkeit von meinem Willen stehen. Wenn ich bei vollem Tageslicht meine Augen öffne, so steht es nicht in meiner Macht, ob ich sehen werde oder nicht, noch auch, welche einzelnen Objecte sich meinem Blicke darstellen werden, und so sind gleicherweise auch beim Gehör und den anderen Sinnen die ihnen eingeprägten Ideen nicht Geschöpfe meines Willens. Es giebt also einen anderen Willen oder Geist, der sie hervorbringt.




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Jörn P Budesheim
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Sa 4. Apr 2026, 12:10

Berkeley hat geschrieben : Wenn ich bei vollem Tageslicht meine Augen öffne, so steht es nicht in meiner Macht, ob ich sehen werde oder nicht, noch auch, welche einzelnen Objecte sich meinem Blicke darstellen werden, und so sind gleicherweise auch beim Gehör und den anderen Sinnen die ihnen eingeprägten Ideen nicht Geschöpfe meines Willens.
Beziehen wir das auf die Episode mit dem Bus und dem Telefon, könnte man einwenden, dass das nicht ohne Weiteres stimmt. Was ich sehe, hängt nämlich auch davon ab, welche Einstellungen ich habe, was für ein Mensch ich bin, welches Hintergrundwissen ich habe usw.

Der Busfahrer, der vielleicht eine rassistische Einstellung hatte, hat womöglich eine Störung gehört, wo gar keine war. Und ich denke schon, dass er das willentlich beeinflussen könnte.

Ein anderes Beispiel: Wenn ich neben einer Musikliebhaberin in einem Konzert sitze, höre ich sicherlich anders als sie. Und ich kann durchaus willentlich entscheiden, dass sich das ändert. Zum Beispiel, indem ich sie bitte, mir zu helfen, worauf ich achten soll.

Ähnlich geht es sicherlich auch mit dem grünen Blatt. Ich kann versuchen, mich bewusst auf viele verschiedene Aspekte des grünen Blattes am Baum zu fokussieren. Wenn ich versuche, es mit dem Bleistift aufs Papier zu bringen, werde ich anders und anderes sehen als bei dem Versuch, mir vorzustellen, wie der Baum samt Blatt sich in unserem Garten machen würde.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Dynamis
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Sa 4. Apr 2026, 12:31

Guter Einwand. Er verfeinert gewissermaßen meinen Punkt: Wo ich die Ursache einer Sinneswahrnehmung bin, würde ich die Terminologie von @Consul so verwenden, dass wir es mit einer internen Affektion zu tun haben. Wo etwas anderes die Ursache ist, haben wir es mit einer externen Affektion zu tun. Ich behaupte nun: Bei einer primitiven Farbwahrnehmung sind die Absorptionsigenschaften der Chlorophyll-Stoffe im Blatt sowie die automatischen Verarbeitungsprozesse im Gehirn die Ursache. Und das bin nicht ich!

Wenn Künstler ihre Farbwahrnehmung verfeinern, indem sie intensive Malstudien betreiben, dann sind sie eine Teilursache und dann haben wir es nicht mehr mit einer bloß externen Affektion zu tun.




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