Der "fließende Übergang" zwischen Hand und Unterarm bedeutet nicht, dass es dazwischen keine scharfe Grenze gibt oder geben kann.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Sa 31. Jan 2026, 08:01Hände und Unterarme sind nach meiner Ansicht reale, voneinander verschiedene Bestandteile unseres Körpers. Dass zwischen ihnen keine messerscharfe Trennung verläuft, sehe ich nicht als Mangel unserer Definitionen, sondern als biologische Tatsache. Mehr noch: Ohne diesen fließenden Übergang könnten sie ihre biologische Funktion gar nicht erfüllen. Sie müssen organisch sowohl verschieden sein als auch ineinandergreifen, statt scharfe Grenzen aufzuweisen, damit ihr komplexes Zusammenspiel überhaupt möglich ist.
Ein Beispiel: Bei einer kontinuierlichen Linie von 1m Länge gibt es trotz des "fließenden Übergangs" von einem Abschnitt zum anderen eine scharfe (punktgroße) Grenze zwischen den beiden Hälften, obgleich diese keine diskreten Teile der Linie sind, weil zwischen ihnen kein Abstand >0 cm besteht.
Genau genommen denke ich (Franz Brentanos Ansicht teilend), dass hier zwei verschiedene Grenzpunkte vorhanden sind, die örtlich zusammenfallen, aber nicht mereologisch überlappen. Das heißt, der eine Grenzpunkt in der Linienmitte ist der Endpunkt der linken Linienhälfte und gehört nur zu dieser; und der andere Grenzpunkt in der Linienmitte ist der Anfangspunkt der rechten Linienhälfte und gehört nur zu jener, wobei sich die beiden verschiedenen Grenzpunkte an genau derselben Stelle befinden, d.i. "koinzidieren". Die beiden Linienhälften sind wohlgemerkt keine diskreten Teile der Linie, weil diese als Kontinuum gar keine diskreten Teile hat. (Ein Kontinuum hat durchaus Teile, aber eben keine diskreten, zwischen denen eine Lücke besteht.)
Ja, Horgan & Potrc sind mit ihrem "Blobjektivismus" keine gabrielschen Leugner der einen, allumfassenden Welt, die für sie das einzige echte Objekt ist.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Sa 31. Jan 2026, 08:01Die von Horgan und Potrč angeführten Argumente gehen – ohne eine nähere Begründung – davon aus, dass ein allgemeiner, unrestringierter metaphysischer Blick auf die gesamte Wirklichkeit möglich ist. Indem sie versuchen, über alle Bereiche hinweg zu argumentieren, ohne deren jeweilige Eigenlogik zu berücksichtigen, unterstellen sie unbegründet eine flache Ontologie, die ich schlicht nicht akzeptiere. Es bleibt für mich – vorsichtig formuliert – völlig unklar, wie ein abstraktes logisches Problem wie das Sorites-Paradox eine sinnvolle Auskunft über die biologische Realität von Händen und Unterarmen geben soll.
Das Sorites-Paradox weist zudem einen entscheidenden Mangel auf: Es betrachtet den „Haufen“ völlig losgelöst von jedem Kontext. Ob wir ein Gebilde zu Recht als Haufen identifizieren, entscheidet sich jedoch nicht allein an der Anzahl der Körner – eine Zählweise von „eins mehr oder weniger“ ist hier eine reichlich absurde Betrachtungsweise –, sondern maßgeblich aus der Topographie, in der sich der Haufen befindet. Dass es manchmal nicht eindeutig feststeht, ob man bereits von einem Haufen sprechen kann, taugt unmöglich als Beweis gegen die Existenz von Vagheit. Es ist schlicht selbst ein Fall von Vagheit, wie ich bereits weiter oben am Beispiel des Mount Whitney dargelegt habe.
Horgan & Potrc bestreiten nicht das Vorkommen semantischer Vagheit (bei unseren Begriffen und Namen), sondern das Vorkommen ontischer Vagheit – insbesondere in Gestalt "vager Objekte", welche in mereologischer Hinsicht dem Sorites-Paradox unterworfen sind wie der Mount Whitney.
Horgan's & Potrc's Argument gegen die mögliche Existenz vager Objekte ist, dass kein reales Objekt einer Sorites-Sequenz Genüge tun kann, sodass Mount Whitney als ontisch vages Objekt kein reales Objekt sein kann. Zur Erinnerung:
"Hinsichtlich der Frage, ob ontologische Vagheit existiert oder existieren kann, gibt es schlicht kein verständliches Analogon zum Konzept der Praxisstandards. Die Welt könnte sich nur dann an wechselseitig unerfüllbare Statusprinzipien anpassen, wenn sie diese erfüllte – was unmöglich ist. Es ist beispielsweise unmöglich, dass es eine Sequenz von Objekten gibt, bei der (i) die ersten Elemente der Sequenz Haufen sind, (ii) wenn ein Element in der Sequenz ein Haufen ist, dann ist auch sein Nachfolger ein Haufen, und (iii) schließlich in der Sequenz Nichthaufen vorkommen. Daher kann das Haufensein keine echte Eigenschaft sein, die zur korrekten Ontologie gehört. Ebenso ist es unmöglich, eine Folge dicht beieinander liegender Sandkörner zu haben, bei der (i) die ersten Körner auf dem Mount Whitney liegen, (ii) wenn sich ein Korn in der Sequenz auf dem Mount Whitney befindet, so befindet sich auch sein unmittelbarer Nachfolger dort, und (iii) schließlich Körner in der Folge vorkommen, die nicht auf dem Mount Whitney liegen. Daher kann der Mount Whitney kein echtes Objekt sein, das zur korrekten Ontologie gehört. Gleiches gilt mutatis mutandis für mutmaßliche ontologische Unbestimmtheit im Allgemeinen.
…
So gerät der reflektierende gesunde Menschenverstand in einen tiefen inneren Konflikt, wenn er erkennt, dass ontologische Vagheit unmöglich ist. Er versucht, sein eigenes Bekenntnis zur unermesslichen Wahrheit vager Gedanken/Aussagen zu rechtfertigen, erkennt aber, dass die richtige Ontologie keine vagen Objekte oder Eigenschaften enthalten kann." [übersetzt von Google & Consul]
(Horgan, Terence E., & Matjaž Potrč. Austere Realism: Contextual Semantics meets Minimal Ontology. Cambridge, MA: MIT Press, 2008. pp. 76-7)
"Das grundlegende Phänomen der Vagheit ist also folgendes: In bestimmten Fällen denken wir, dass sehr kleine Veränderungen (wie das Entfernen eines Sandkorns) keinen Unterschied machen können, dass aber große Veränderungen (wie der Übergang von 10.000 Sandkörnern zu einem einzigen Sandkorn) einen Unterschied machen müssen. Wenn man jedoch bedenkt, dass eine Reihe sehr kleiner Veränderungen zu einer großen Veränderung führen, wird klar, dass etwas nicht stimmt.
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Vagheit ist jene besondere Form der Unbestimmtheit, die zum Sorites-Paradoxon führt." [übersetzt von DeepL]
(Barnes, Elizabeth. "Vagueness." In The Routledge Companion to Metaphysics, ed. by Robin Le Poidevin, Peter Simons, Andrew McGonigal, & Ross P. Cameron, 370-381. Abingdon: Routledge, 2009. p. 371)