Geistunabhängige Realität

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Jörn P Budesheim
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Di 18. Nov 2025, 16:14

Oft liest man von einer geistunabhängigen Realität, die als die eigentlich wirkliche Realität ausgezeichnet werden soll. Wie die Natur wirklich ist, so heißt es, zeige sich nur unabhängig von unseren Wahrnehmungen. Das scheint mir jedoch eine äußerst willkürliche Unterscheidung zu sein.

Die lebendige Natur ist schließlich durchwoben von Wahrnehmungen; sie sind ein essenzieller Bestandteil der Natur selbst. Das Raubtier fixiert seine Beute, das Federkleid der Männchen lockt Weibchen an, Insekten orientieren sich an den Blüten der Pflanzen. Diese Wahrnehmungen sind keine nachträglichen, subjektiven Zugaben zu einer an sich wahrnehmungsfreien Wirklichkeit – sie sind in die Struktur der Natur selbst eingewoben. Das Federkleid ist in seiner natürlichen Funktion gar nicht zu verstehen ohne die Wahrnehmung der Weibchen; die Blütenfarbe ergibt keinen Sinn ohne das Insektenauge; und Tarnung existiert nur relativ zum Auge des Räubers. Die Natur hat sich in einem Prozess organisiert, in dem Sehen und Gesehenwerden konstitutiv sind.

Warum sollten ausgerechnet die Wahrnehmungen der Menschen nicht zur wirklichen oder an sich seienden Natur gehören, wo sie doch erkennbar aus ihr hervorgegangen sind? Warum sollte gerade das, was ohne oder unabhängig von unserer Wahrnehmung existiert, als „die wahre Natur“ gelten, wenn Wahrnehmungen selbst natürliche Phänomene sind und die Natur ohne sie gar nicht vollständig zu beschreiben wäre?

Dass es Zusammenhänge gibt, in denen es sinnvoll ist zu fragen, wie die Welt unabhängig von unserer Beobachtung beschaffen ist, will ich gar nicht bestreiten. Ebenso wenig bestreite ich, dass es Dinge gibt, die ohne jede Beobachtung existieren. Was ich bestreite, ist der Gedanke, es sei sinnvoll, die sogenannte „bewusstseinsunabhängige Realität“ – oder wie immer man sie nennen möchte – zum Paradigma der wirklichen Wirklichkeit zu erheben. Diese Generalisierung scheint mir verfehlt.



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