Naturalismus//Super-Naturalismus//Anti-Naturalismus/Non-Naturalismus

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
Antworten
Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1321
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 18. Nov 2025, 11:30

Hier ein (erster) Vorschlag, die Begriffe zu skizzieren, wobei Anti-Naturalismus und Non-Naturalismus wohl Überschneidungen aufweisen - der Unterschied ist noch nicht klar herausgearbeitet.

Naturalistisch
  • Ontologisch: Alles ist "Natur" (Materie-Energie, Raum-Zeit). Nur Entitäten, die die Naturwissenschaft erforscht.
  • Epistemisch: Alles lässt sich eigentlich naturwissenschaftlich erklären. (Die Grenze ist nur epistemisch.) Wissenschaftliche Methode als letztlich einziger zuverlässiger Erkenntnisweg.
  • Paradox: Steht im Widerspruch zu den Naturwissenschaften selbst, da diese mit abstrakten Objekten, Idealisierungen und normativen Annahmen arbeitet.
Super-naturalistisch
  • Ontologisch: Es gibt Dinge über die Natur hinaus – Götter, unsterbliche Seelen, Wunder. Können in die natürliche Welt eingreifen.
  • Epistemisch: Nicht alles naturwissenschaftlich erklärbar. Offenbarung, religiöse Erfahrung, metaphysische Intuition als weitere Erkenntnisquellen.
  • Besonderheit: Bleibt im Prinzip im Natur-Bild, übersteigt es jedoch und sieht Entitäten jenseits der Naturgesetze. Steht im Widerspruch zu den Naturwissenschaften
Anti-naturalistisch
  • Ontologisch: Naturalistische Ontologie ist kategorial unzureichend. Phänomene wie beispielsweise Bewusstsein, Intentionalität, Logik, Mathematik, Moral und Bedeutung u.a. sind nicht ontologisch reduzierbar.
  • Epistemisch: Naturalistische Methoden greifen für bestimmte Bereiche prinzipiell zu kurz. Geisteswissenschaften, Phänomenologie, hermeneutische Methoden u.a. eigenständige unverzichtbare Erkenntniswege.
  • Abgrenzung: Lehnt den philosophischen Naturalismus aktiv ab, postuliert aber kein Übernatürliches. Kritisiert naturalistische Übergriffe und Reduktionsversuche. Steht nicht im Widerspruch zu den Naturwissenschaften, nur zum naturalistischen Imperialismus.
Non-naturalistisch
  • Ontologisch: Akzeptiert Entitäten oder Wahrheiten, die weder natürlich noch übernatürlich sind – abstrakte Objekte, logische Gesetze, moralische Fakten. Eigene ontologische Kategorie, unabhängig von "natürlichen" Eigenschaften.
  • Epistemisch: Nicht empirisch zugänglich, erfassbar durch rationale Einsicht, logische Analyse oder apriorische Erkenntnis. Naturwissenschaften zuständig für ihren Bereich, nicht für diesen.
  • Besonderheit: Friedliche Koexistenz mit den Naturwissenschaften, aber Widerspruch zum philosophischen Naturalismus. Neutral-deskriptiv, ontologischer Pluralismus ohne Polemik – verschiedene Realitätsbereiche, verschiedene Methoden.




Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1321
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 18. Nov 2025, 12:47

Ich wehre mich eigentlich schon gegen das "Natur" in Naturwissenschaft. Die Natur ist eigentlich die lebendige Natur, die unseren Planeten als System im Wesentlichen ausmacht.




Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 1900
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 19. Nov 2025, 23:21

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 18. Nov 2025, 11:30
Hier ein (erster) Vorschlag, die Begriffe zu skizzieren, wobei Anti-Naturalismus und Non-Naturalismus wohl Überschneidungen aufweisen - der Unterschied ist noch nicht klar herausgearbeitet.

Naturalistisch
  • Ontologisch: Alles ist "Natur" (Materie-Energie, Raum-Zeit). Nur Entitäten, die die Naturwissenschaft erforscht.
  • Epistemisch: Alles lässt sich eigentlich naturwissenschaftlich erklären. (Die Grenze ist nur epistemisch.) Wissenschaftliche Methode als letztlich einziger zuverlässiger Erkenntnisweg.
  • Paradox: Steht im Widerspruch zu den Naturwissenschaften selbst, da diese mit abstrakten Objekten, Idealisierungen und normativen Annahmen arbeitet.
Genauer gesagt: Die Naturwissenschaft betreibt angewandte Mathematik und verwendet mathematische Repräsentationen (u.a. Modelle) in ihren Theorien. Sie arbeitet auch auf der Grundlage bestimmter wissenschaftstheoretischer Normen. Diese Praxis setzt aber weder die Wahrheit des mathematischen Platonismus im Besonderen oder des metaphysischen Platonismus im Allgemeinen noch die Wahrheit des normativen Realismus voraus.
"Der normative Realismus ist die philosophische Auffassung, dass es objektive Wahrheiten über Moral, Rationalität und Werte gibt, die unabhängig von menschlichen Einstellungen oder Überzeugungen existieren. Diese Position besagt, dass Begriffe wie „gut“, „richtig“ und „rational“ sich auf reale, objektive Eigenschaften der Welt beziehen, und dass unsere normativen Urteile wahr oder falsch sein können."

Quelle: Google AI Search [rückübersetzt ins Deutsche]
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 18. Nov 2025, 11:30
Anti-naturalistisch
  • Ontologisch: Naturalistische Ontologie ist kategorial unzureichend. Phänomene wie beispielsweise Bewusstsein, Intentionalität, Logik, Mathematik, Moral und Bedeutung u.a. sind nicht ontologisch reduzierbar.…
Der ontologische Naturalismus ist hinsichtlich konkreter Entitäten nicht nur mit dem ontologischen Reduktionismus vereinbar, sondern auch mit dem ontologischen Emergentismus sowie dem psychologischen Fundamentalismus (Panpsychismus/"Archäopsychismus"). Mit dem ontologischen Abstraktismus (Platonismus) ist er meines Erachtens nicht vereinbar.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 18. Nov 2025, 11:30
Non-naturalistisch

[*]Epistemisch: Nicht empirisch zugänglich, erfassbar durch rationale Einsicht, logische Analyse oder apriorische Erkenntnis. Naturwissenschaften zuständig für ihren Bereich, nicht für diesen.
Hier wird "Nonnaturalismus" zu einem Synonym von "Nonempirismus".
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 18. Nov 2025, 11:30
[*]Besonderheit: Friedliche Koexistenz mit den Naturwissenschaften, aber Widerspruch zum philosophischen Naturalismus. Neutral-deskriptiv, ontologischer Pluralismus ohne Polemik – verschiedene Realitätsbereiche, verschiedene Methoden.[/list]
Hier wird "Nonnaturalismus" zu einem Synonym von "Nonszientismus", wobei mit "Szientismus" (der engeren englischen Bedeutung von "science" entsprechend) ein epistemologischer/methodologischer/ontologischer "Naturwissenschaftsismus" gemeint ist.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 1900
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 19. Nov 2025, 23:24

Ich habe vor Jahren folgende Übersicht erstellt:

1. Metaphysischer Naturalismus:

1.1 Ontologischer Naturalismus:

Die natürliche (raumzeitliche) Welt bildet die ganze Welt, die gesamte Wirklichkeit; alles ist natürlich und nichts ist nichtnatürlich/übernatürlich.

1.2 Ontologischer Szientismus:

Die Setzungen praktisch bestätigter (natur-)wissenschaftlicher Theorien sind die einzigen Sachen, die existieren, real sind, und nur der Glaube an deren Existenz ist gerechtfertigt und vernünftig.
Motto: (Natur-)Wissenschaft, sage mir, was es gibt, und ich glaube daran!


1.3 Ätiologischer Naturalismus:

Es kommen keine übernatürlichen Beeinflussungen des natürlichen Weltgeschehens und keine übernatürlichen Einschränkungen von dessen Eigengesetzlichkeit vor.

2. Epistemologischer Naturalismus:

2.1 Erkenntnistheoretischer Antisupernaturalismus:

Niemand besitzt ein übernatürliches Erkenntnisvermögen, über- oder außersinnliche Wahrnehmungsfähigkeiten. Alles Wissen und alle Erkenntnisquellen sind natürlicher Art.

2.2 Wissenschaftlicher Empirismus:

Nur durch die erfahrungswissenschaftlichen und vor allem die naturwissenschaftlichen Verfahren aposteriorischer Forschung kann man zu objektiver Erkenntnis und Wissen gelangen.
(Schwächer: Die erfahrungswissenschaftlichen und vor allem die naturwissenschaftlichen Verfahren aposteriorischer Forschung sind die objektivsten und zuverlässigsten Verfahren zur Erkenntnisgewinnung.)


2.3 Agnostischer Naturalismus:

Wenn es Übernatürliches gibt, dann können wir es nicht erkennen und nichts darüber wissen.

3. Methodologischer Naturalismus:

3.1. Metaphilosophischer Szientismus:

Betrifft das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie: Die Philosophie ist zu verwissenschaftlichen, d.h. der Erfahrungswissenschaft und vor allem der Naturwissenschaft anzugliedern und deren Verfahren und Ergebnissen (so weit wie möglich) anzupassen.
Motto: Weg von apriorischer Geisteswissenschaft, hin zu aposteriorischer Erfahrungswissenschaft!


3.2 Metawissenschaftlicher Szientismus (Monismus/Unifikationismus):

Betrifft das Verhältnis von Naturwissenschaft und Nichtnaturwissenschaft: Alle Nichtnaturwissenschaften sind bloße Scheinwissenschaften und damit keine echten Wissenserzeuger, wenn sie der Naturwissenschaft nicht methodologisch angepasst und nachgebildet sind. Dies ist folglich so weit wie möglich durchzuführen.

3.3 Metawissenschaftlicher/Wissenschaftstheoretischer Nonsupernaturalismus:

Betrifft das Verhältnis von Wissenschaft und Religion (oder anderen supernaturalistischen Ideologien): Suche stets nach naturalistischen Erklärungen aller Phänomene!
Supernaturalistische Erklärungen sollen bei der erfahrungswissenschaftlichen und insbesondere der naturwissenschaftlichen Forschung grundsätzlich außer Betracht bleiben.
(Schwächer: Supernaturalistische Erklärungen sollen bei der erfahrungswissenschaftlichen und insbesondere der naturwissenschaftlichen Forschung so lange außer Betracht bleiben, bis die Wahrscheinlichkeit des Findens einer naturalistischen Erklärung in der Zukunft gegen Null tendiert.)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 1900
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Do 20. Nov 2025, 00:03

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 18. Nov 2025, 12:47
Ich wehre mich eigentlich schon gegen das "Natur" in Naturwissenschaft. Die Natur ist eigentlich die lebendige Natur, die unseren Planeten als System im Wesentlichen ausmacht.
Die Biologie ist nicht die einzige Naturwissenschaft, weil die lebendige Natur nicht die ganze Natur bildet. Die Natur ist das natürliche Universum (raumzeitliche Weltall mit allen Planeten und Sternen).



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1321
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Do 20. Nov 2025, 08:31

Wenn ich meinen Enkeln einen Spaziergang in die Natur verspreche, dann keinen in der Innenstadt und auch keinen Besuch beim Teilchenbeschleuniger am CERN.




Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1321
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Do 20. Nov 2025, 08:45

Soweit ich sehe, würde sich jemand, der den Naturalismus für unzureichend hält, aber Übernatürliches ablehnt, in deiner Liste weiter oben nicht wiederfinden. Genau diese Position entspricht meines Erachtens den Anti- oder Non-Naturalisten und scheint eine Standardposition zu sein. Niemand, der den Naturalismus für falsch hält, verpflichtet sich damit, an Übernatürliches zu glauben. Es gibt zum Beispiel selbstverständlich keine naturalistischen Gedichtinterpretationen, aber das bedeutet nicht, dass es Übernatürliches gibt.




Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 1900
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Do 20. Nov 2025, 21:40

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 20. Nov 2025, 08:31
Wenn ich meinen Enkeln einen Spaziergang in die Natur verspreche, dann keinen in der Innenstadt und auch keinen Besuch beim Teilchenbeschleuniger am CERN.
Dazu habe ich mich bereits geäußert:
Consul hat geschrieben :
Sa 13. Sep 2025, 02:20
Ich weiß, dass mit "Natur" auch die freie (unbebaute), ländliche, landschaftliche Natur gemeint sein kann, wobei diese einfach ein Teil der natürlichen Welt im naturalistischen Sinn ist, d.h. der Natur im Großen und Ganzen.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 1900
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Do 20. Nov 2025, 22:26

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 20. Nov 2025, 08:45
Soweit ich sehe, würde sich jemand, der den Naturalismus für unzureichend hält, aber Übernatürliches ablehnt, in deiner Liste weiter oben nicht wiederfinden. Genau diese Position entspricht meines Erachtens den Anti- oder Non-Naturalisten und scheint eine Standardposition zu sein. Niemand, der den Naturalismus für falsch hält, verpflichtet sich damit, an Übernatürliches zu glauben. Es gibt zum Beispiel selbstverständlich keine naturalistischen Gedichtinterpretationen, aber das bedeutet nicht, dass es Übernatürliches gibt.
Wenn du unter einer naturalistischen Gedichtinterpretation eine (methodologisch) naturalszientistische Gedichtinterpretation verstehst, dann hast du recht.

"Niemand, der den Naturalismus für falsch hält, verpflichtet sich damit, an Übernatürliches zu glauben." – Es kommt darauf an, um welchen Naturalismus es geht, da es mehrere Naturalismen gibt. Wer den ontologischen Naturalismus für falsch hält, der glaubt an Nichtnatürliches, das nicht "weder natürlich noch übernatürlich", sondern übernatürlich ist.

Für dich ist der ontologische Platonismus ontologisch nonnaturalistisch, aber nicht ontologisch supranaturalistisch; doch außerräumlich-außerzeitliche Abstrakta darf man mit Recht übernatürlich nennen.
Vom Supranaturalismus (Supernaturalismus) ist sehr oft im Zusammenhang mit Esoterik, Mystik und Okkultismus die Rede, womit rationale Abstraktisten, die nicht im Bereich der "okkulten Philosophie" oder der "okkulten Wissenschaften" arbeiten, nichts zu tun haben wollen. Doch das ändert meines Erachtens nichts daran, dass auch ein rationaler (rational begründeter) ontologischer Abstraktismus (Platonismus) zu den supranaturalistischen Ansichten gehört.

Ich will aber nicht bis aufs Blut auf der Bezeichnung "Super-/Supranaturalismus" beharren; denn im Grunde besteht wohl nur ein verbaler Unterschied zwischen dem (ontologischen) Super-/Supranaturalismus und dem (ontologischen) "Kontranaturalismus" oder Antinaturalismus.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1321
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Fr 21. Nov 2025, 08:28

Consul hat geschrieben :
Do 20. Nov 2025, 22:26
Ich will aber nicht bis aufs Blut auf der Bezeichnung "Super-/Supranaturalismus" beharren
Das ist gut, denn ansonsten haben unsere Gespräche keine Basis.




Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1321
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Fr 21. Nov 2025, 08:52

Consul hat geschrieben :
Do 20. Nov 2025, 21:40
Dazu habe ich mich bereits geäußert: ...
Ja, aber ich sehe nicht, welches Argument du damit verbunden hast.




Antworten