Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Do 23. Okt 2025, 09:42
Consul hat geschrieben : ↑ Mi 22. Okt 2025, 20:40
Consul hat geschrieben : ↑ Di 21. Okt 2025, 17:11
…Es geht hier um eine allgemeine metaontologische Kritik an dem naiven Glauben, dass allen intentionalen Gegenständen unseres Sprechens ein positiver ontologischer Status zuzuschreiben ist. Zur ontologischen Analyse gehört Sprachkritik!
"Die Sprache ist im Allgemeinen nicht entstanden, damit man durch ihre Grammatik die tiefste ontologische Struktur der Welt erkennen kann, sondern sie ist in erster Linie ein Werkzeug des menschlichen Handelns."
(Chrudzimski, Arkadiusz. Die Ontologie Franz Brentanos. Dordrecht: Kluwer Academic, 2004. S. 210)
Wissen wir denn, wie die Sprache entstanden ist? Und was bitteschön soll die tiefste ontologische Struktur der Welt sein? Wenn wir annehmen wollen, dass die Sprache in erster Linie ein Werkzeug des menschlichen Handelns ist, dann müssen wir auch annehmen, dass wir dadurch ontologische Strukturen erkennen, in denen wir als Teil von ihnen handeln.
Chrudzimskis Irrtum liegt vermutlich in dem Wörtchen "tief". Das suggeriert, dass irgendwo in der Tiefe die wahre Struktur der Wirklichkeit "versteckt" ist, während wir grundsätzlich nur an der Oberfläche handeln/herumhantieren – als wäre das Pragmatische bloß Schein und das Tiefe irgendwie tiefer … ähh: wahrer. Es gibt verschiedene Ebenen der Wirklichkeit - je nach ontologischen Geschmack auch nur Beschreibungsebenen, aber es fehlt irgendein Argument, dass eine davon privilegiert ist sowie "wahrer" und "tiefer" ist als die anderen. Für diese Hierarchie gibt es aber keinen Grund. Es ist einfach eine unbegründete metaphysische Behauptung, dass es so etwas wie eine tiefste ontologische Struktur der Welt gibt.
Um mit solchen Vorurteilen aufzuräumen, wäre Sprachkritik tatsächlich gut: "Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns … Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache." Die "Tiefen"-Metapher selbst ist so eine Verhexung – sie lässt uns nach etwas suchen, das "hinter" oder "unter" dem liegt, was direkt vor uns funktioniert.
Wenn im Rahmen der Kosmologie und im Sinn des
naturalistischen Emergentismus von "verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit [des Seins]" die Rede ist, dann wird eine ontologische Hierarchie zwischen der physikalischen Grundebene, der chemischen Ebene, der biologischen Ebene, der psychologischen Ebene und der soziologischen Ebene postuliert, die durch bestimmte "vertikale" Verhältnisse zwischen den Ebenen charakterisiert ist. Den höheren Ebenen wird zwar ein gewisser Freiheitsgrad gegenüber den unteren Ebenen zugestanden, der jedoch nicht in ontologischer Unabhängigkeit davon besteht. Es gibt keine oberhalb der physikalischen Grundebene frei schwebenden, selbstständigen Ebenen. Wenn die Grundebene verschwindet, dann verschwinden notwendigerweise auch alle höheren Ebenen.
Die (vom ontologischen Emergentismus unabhängige) ontologische Sprachkritik stellt infrage, dass es eine "prästabilierte Harmonie" oder Isomorphie zwischen "oberflächlichen" sprachlichen Kategorien und Strukturen und "tiefen" ontologischen Kategorien und Strukturen gibt.
Ob es eine fundamentalontologische Struktur der Realität gibt, ist eine Frage; und ob wir mit Gewissheit herausfinden können,
welche fundamentalontologische Struktur die Realität hat, ist eine andere Frage.
Ich bejahe die erste Frage, weil es völlig unglaubwürdig ist anzunehmen, dass das Sein/die Welt/die Wirklichkeit an sich ein "Klumpen" ohne grundlegende Gestalt (= "Art, wie etwas gestalt, gestellt, beschaffen ist, wie es damit steht" – GRIMM) und ohne grundlegendes Gefüge ist—im Grunde ein "formloses, artenloses, unterschiedsloses, ähnlichkeitsloses, noumenales 'Blabla'" (C. B. Martin [meine Übers.]).
Die zweite Frage verneine ich aus erkenntnistheoretischem Zweifel heraus, weil ich nicht glaube, dass die Ontologie eine Wissenschaft ist, die objektiv gesicherte Erkenntnisse oder feststehendes Wissen über das Sein/die Wirklichkeit hervorzubringen vermag. Sie ist und bleibt eine
spekulative Disziplin; und deswegen werden weiterhin verschiedene ontologische Kategoriensysteme miteinander konkurrieren, weil weder durch logische noch durch empirische Verfahren objektiv entschieden werden kann, welches das richtige ist.
"Was genau ist die Abbildtheorie? Meiner Ansicht nach ist die Abbildtheorie keine einzelne, einheitliche Doktrin, sondern eine Familie lose miteinander verbundener Doktrinen. Die Kernidee besteht darin, dass der Charakter der Realität an unseren sprachlichen Repräsentationen der Realität – oder unseren entsprechend reglementierten sprachlichen Repräsentationen der Realität – „abgelesen“ werden kann. Ein Korollar der Abbildtheorie ist die Idee, dass jedem bedeutungsvollen Prädikat eine Eigenschaft entspricht. Wenn Sie, wie ich, glauben, dass Eigenschaften (sofern sie existieren) vom Geist unabhängig sein müssen, wenn Sie also Eigenschaften ontologisch ernst nehmen, werden Sie die Vorstellung, dass wir die Eigenschaften durch die Untersuchung von Merkmalen unserer Sprache entdecken können, unattraktiv finden. Dies gilt, so werde ich argumentieren, sogar für jene Prädikate, bei denen wir bekennende „Realisten“ sind.
Die Abbildtheorie umfasst die Idee, dass Elemente unserer Art, die Welt sprachlich darzustellen, mit Elementen der Welt "in Reih und Glied" übereinstimmen. Nur wenige Theoretiker würden dies für die Art und Weise annehmen, wie wir gewöhnlicherweise über die Welt sprechen." [Google Translate]
(Heil, John. From an Ontological Point of View. Oxford: Oxford University Press, 2003. p. 6)
Die oberflächenontologische Neigung, das Bestehen einer 1:1-Entsprechung zwischen Prädikaten und Eigenschaften vorauszusetzen, ist ein typisches Beispiel. In Wahrheit ist die Situation folgende:
"…Die oben genannten Möglichkeiten sind in der folgenden Tabelle dargestellt.
Einem Prädikat entsprechen/entspricht
* viele Eigenschaften (ein Spiel sein)
* eine Eigenschaft (elektrische Ladung des Elektrons)
* keine Eigenschaften (phlogistisch)
Einer Eigenschaft entsprechen/entspricht
* viele Prädikate (‚gravitationale Ruhemasse M‘ und ‚inertiale Ruhemasse M‘)
* ein Prädikat (es ist jedoch leicht, ein weiteres Prädikat zu erschaffen)
* kein Prädikat (völlig unbekannte Eigenschaft)" [Google Translate]
(Armstrong, D. M. A World of States of Affairs. Cambridge: Cambridge University Press, 1997. pp. 25-6)