Ontologie der Substanzen

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
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Consul
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Do 4. Dez 2025, 14:51

Es gibt eine alternative Definition von David Lewis:
Eine Eigenschaft ist genau dann intrinsisch, wenn Folgendes gilt:

"Ein einsames [lonely] Ding kann die Eigenschaft haben, einem einsamen Ding kann die Eigenschaft fehlen, ein begleitetes [accompanied] Ding kann die Eigenschaft haben, einem begleiteten Ding kann die Eigenschaft fehlen. Kurz gesagt: Das Haben oder Fehlen der Eigenschaft ist unabhängig von Begleitung [accompaniment] oder Einsamkeit [loneliness]." [Google Translate]

(Lewis, David. "Extrinsic Properties." 1983. Repr. in Papers in Metaphysics and Epistemology, 111-115. Cambridge: Cambridge University Press, 1999. pp. 117-18)
Die folgende Definition scheint der lewisschen zu entsprechen:
"P ist x genau dann intrinsisch, wenn das Vorhandensein von P bei x und das Fehlen von P bei x unabhängig von der Existenz bzw. Nichtexistenz eines von x völlig verschiedenen kontingenten Objekts sind." [Google Translate]

(Molnar, George. Powers: A Study in Metaphysics. Ed. by Stephen Mumford. Oxford: Oxford University Press, 2006. p. 102)
Fußnote: Einsamkeit ist diesen Definitionen zufolge keine intrinsische Eigenschaft; denn das Haben oder Nichthaben dieser Eigenschaft hängt davon, ob es koexistierende "Begleiter" gibt oder nicht.



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Jörn P Budesheim
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Consul hat geschrieben :
Do 4. Dez 2025, 14:51
Einsamkeit ist diesen Definitionen zufolge keine intrinsische Eigenschaft; denn das Haben oder Nichthaben dieser Eigenschaft hängt davon, ob es koexistierende "Begleiter" gibt oder nicht.
Einsamkeit ist allerdings nicht einfach eine abstrakte Relation, sie kann (muss aber natürlich nicht) jemanden zutiefst belasten - wie sollte sie dann keine intrinsische Eigenschaft sein?

"Bruder sein" soll extrinsisch sein - aber "Bruder sein" basiert auf einer intrinsischen Eigenschaft von Max, die er mit Moritz zu 100% teilt, nämlich "Sohn von X und Y sein".



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Consul
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Do 4. Dez 2025, 15:56

Consul hat geschrieben :
Mo 1. Dez 2025, 00:41
Die Gesamtheit der essenziellen Eigenschaften einer Entität bildet deren Essenz (wesentliches Sosein). Eine Substanz ist von ihren essenziellen Eigenschaften seinsabhängig, weil sie nicht ohne sie existieren kann. Von ihren akzidentellen Eigenschaften ist sie dagegen seinsunabhängig, weil sie ohne sie existieren kann.
Betrachten wir nun die folgenden Thesen:

1. Die Essenz eines Objekts oder einer "Substanz" besteht gänzlich aus intrinsischen/nichtrelationalen Eigenschaften (Qualitäten).
2. Die Essenz eines Objekts oder einer "Substanz" besteht gänzlich aus extrinsischen/relationalen Eigenschaften ("Relativitäten") oder Relationen.
3. Die Essenz eines Objekts oder einer "Substanz" besteht teilweise aus intrinsischen/nichtrelationalen Eigenschaften (Qualitäten) und teilweise aus extrinsischen/relationalen Eigenschaften ("Relativitäten") oder Relationen.

Absolute "Seinsautonomie" erfordert 1, und 2 kann als Ausdruck absoluter "Seinsheteronomie" verstanden werden. 2 halte ich auf jeden Fall für falsch, weil ich nicht glaube, dass ein Objekt oder eine "Substanz" eine rein extrinsische Essenz (Natur) haben kann.

Wenn Relativitäten oder/und Relationen Teil der Essenz jedes Objekts oder jeder "Substanz" sind, dann sind alle Objekte oder "Substanzen" davon seinsabhängig, bestimmte Relativitäten zu haben oder/und in bestimmten Relationen zu anderen Entitäten zu stehen. In diesem Fall ist es für sie essenziell, in bestimmte Strukturen oder "Kontexte" eingebettet/eingefügt zu sein.
Der Philosoph Philipp Blum schreibt:
"So if y has an extrinsic essence, y is not a substance. Substances have their essential properties intrinsically."
———
"Wenn y also eine extrinsische Essenz hat, dann ist y keine Substanz. Substanzen haben ihre essenziellen Eigenschaften in intrinsischer Weise." [meine Übers.|
—Philipp Blum (The Metaphysics of Parts, 2016)
Ob er recht hat, hängt freilich von der Definition von "Substanz" ab; aber ein Objekt ohne eine (zumindest partiell) intrinsische Essenz, ohne (zumindest partielle) "Seinsautonomie" kann eigentlich nicht mit dem traditionellen Substanzbegriff in Einklang gebracht werden.



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Do 4. Dez 2025, 17:12

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Dez 2025, 15:52
Consul hat geschrieben :
Do 4. Dez 2025, 14:51
Einsamkeit ist diesen Definitionen zufolge keine intrinsische Eigenschaft; denn das Haben oder Nichthaben dieser Eigenschaft hängt davon, ob es koexistierende "Begleiter" gibt oder nicht.
Einsamkeit ist allerdings nicht einfach eine abstrakte Relation, sie kann (muss aber natürlich nicht) jemanden zutiefst belasten - wie sollte sie dann keine intrinsische Eigenschaft sein?
Mit "Einsamkeit" ist hier einfach "Alleinsein" gemeint, und der psychologische Aspekt spielt dabei keinerlei Rolle.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Dez 2025, 15:52
"Bruder sein" soll extrinsisch sein - aber "Bruder sein" basiert auf einer intrinsischen Eigenschaft von Max, die er mit Moritz zu 100% teilt, nämlich "Sohn von X und Y sein".
Nein, Letzteres ist als sogenannte unreine relationale Eigenschaft ebenfalls eine extrinsische Eigenschaft. Wessen Kind man ist, hat mit anderen Menschen zu tun.
(Eine relationale Eigenschaft wie Sohn von Peter und Petra sein ist insofern unrein, als sie eine Beziehung zu namentlich erwähnten Individuen beinhaltet – im Gegensatz zu einer reinen relationalen Eigenschaft wie Sohn eines Deutschen sein und Bruder sein.)



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Do 4. Dez 2025, 17:44

Consul hat geschrieben :
Do 4. Dez 2025, 17:12
Mit "Einsamkeit" ist hier einfach "Alleinsein" gemeint, und der psychologische Aspekt spielt dabei keinerlei Rolle.
Wenn der psychologische Aspekt keine Rolle spielt, dann handelt es sich wahrscheinlich auch nicht um Einsamkeit.



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Do 4. Dez 2025, 18:14

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Dez 2025, 17:44
Consul hat geschrieben :
Do 4. Dez 2025, 17:12
Mit "Einsamkeit" ist hier einfach "Alleinsein" gemeint, und der psychologische Aspekt spielt dabei keinerlei Rolle.
Wenn der psychologische Aspekt keine Rolle spielt, dann handelt es sich wahrscheinlich auch nicht um Einsamkeit.
Eine Bedeutung von "einsam" ist "als [mehr oder weniger] einziges seiner Art [vorhanden, zu sehen]" (DUDEN). Zum Beispiel: "Am Himmel ist ein einsamer Stern zu sehen." Mit Psychologie hat das nichts zu tun.



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Jörn P Budesheim
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Fr 5. Dez 2025, 07:48

Der Stern ist ja nicht wirklich einsam, das ist nur metaphorische Redeweise.



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Fr 5. Dez 2025, 08:09

Consul hat geschrieben :
Do 4. Dez 2025, 17:12
Nein, Letzteres ist als sogenannte unreine relationale Eigenschaft ebenfalls eine extrinsische Eigenschaft. Wessen Kind man ist, hat mit anderen Menschen zu tun.
Ich kann mit dieser ganzen Chose nicht viel anfangen :-) Ich denke, das ist dir schon aufgefallen. Mir scheint das missgeleitet und ziemlich künstlich zu sein. Menschen zum Beispiel sind wesentlich sozial (also intrinsisch-extrinsisch) und unter anderem deswegen sind sie fähig, wesentlich individuelle, selbstbestimmte Wesen zu sein, also die intrinsischen Eigenschaften zu haben, die sie zu dem Wesen machen, das sie sind.

Und alle physikalischen Gegenstände sind intrinsisch-extrinsisch, denn sie sind Mitglied der Familie der Dinge, die den Naturgesetzen unterstellt sind, nur so können sie die intrinsisch Eigenschaften haben, die sie nun mal haben.



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Fr 5. Dez 2025, 11:21

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 07:48
Der Stern ist ja nicht wirklich einsam, das ist nur metaphorische Redeweise.
Nein, das entspricht einer wörtlichen Bedeutung, den Zustand der Einsamkeit als solchen betreffend. Das Gefühl der Einsamkeit ist nicht dasselbe.

"einsam" = "ohne Gesellschaft, allein und verlassen" (DWDS)

"einsam" = "allein, abgesondert, abgelegen, von andern Dingen seiner Art entfernt" (CAMPE)

"einsam" = "allein, von Dingen seiner Art entfernt" (ADELUNG)



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Jörn P Budesheim
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Fr 5. Dez 2025, 11:40

Darüber brauchen wir nicht streiten, Sterne sind nicht einsam im wörtlichen Sinn, dafür reicht mein Deutsch - auch ohne Wörterbuch :-) Das ist gerade auch deshalb wichtig, weil ansonsten poetische Formulierungen von einsamen Sternen witzlos würden. Aber das ist ein anderes Thema.



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Consul
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Fr 5. Dez 2025, 12:35

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 08:09
Und alle physikalischen Gegenstände sind intrinsisch-extrinsisch, denn sie sind Mitglied der Familie der Dinge, die den Naturgesetzen unterstellt sind, nur so können sie die intrinsisch Eigenschaften haben, die sie nun mal haben.
Das ist ein Thema für einen anderen Diskussionsstrang, aber hier sei so viel dazu gesagt: Naturgesetze sind keine gottgleichen Herrscher über die Natur, die die Dinge von außen regeln. Es gibt eine Auffassung von Naturgesetzen – Dispositionalismus genannt –, der zufolge Naturgesetze umgekehrt in intrinsischen dispositionalen Eigenschaften (Dispositionen, "Mächten" [powers]) gründen.
"[D]ie dispositionalistische These über Naturgesetze [kann] vorläufig und etwas vage wie folgt charakterisiert werden: Die Naturgesetze bestehen aufgrund der dispositionalen Naturen fundamentaler Eigenschaften."

(Jaag, Siegfried, & Markus Schrenk. Naturgesetze. Berlin: De Gruyter, 2020. S. 138-9)
"Die Naturgesetze einer Welt haben als ihre Wahrmacher die wesentlichen, nicht reduzierbaren Mächte [powers] der Objekte dieser Welt." [Google Translate mit Verbesserungen meinerseits]

(Molnar, George. Powers: A Study in Metaphysics. Ed. by Stephen Mumford. Oxford: Oxford University Press, 2006. p. 162)
"In der Metaphysik der Mächte [powers] gibt es eine Alternative zu nomologischen Auffassungen der Natur. Was wir als Gesetze betrachten, sind lediglich Beschreibungen dessen, wie sich die Mächte verhalten und gegenseitig beeinflussen. Die Mächte vollbringen die ganze Arbeit, und es besteht keine Notwendigkeit, Gesetze als zusätzliche Entitäten anzunehmen." [Google Translate mit Verbesserungen meinerseits]

(Mumford, Stephen, & Rani Lill Anjum. Getting Causes from Powers. Oxford: Oxford University Press, 2011. p. 99)



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Timberlake
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Fr 5. Dez 2025, 12:43

Consul hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 12:35
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 08:09
Und alle physikalischen Gegenstände sind intrinsisch-extrinsisch, denn sie sind Mitglied der Familie der Dinge, die den Naturgesetzen unterstellt sind, nur so können sie die intrinsisch Eigenschaften haben, die sie nun mal haben.
Das ist ein Thema für einen anderen Diskussionsstrang,
Ist das so?
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 18. Nov 2025, 21:15
  • Substanzen sind das, was unabhängig von allem anderen für sich allein existieren könnte.
  • Nichts kann unabhängig von allem anderen für sich allein existieren.
  • Also gibt es keine Substanzen.
.. und was ist, wenn ich sage, dass die Naturgesetze "Substanzen" sind, die unabhängig von allem anderen für sich allein existieren können? Sie somit dem entsprechen, was hier Jörn zur Diskussionsgrundlage dieses "Diskussionsstranges" gemacht hat?

verben.de hat geschrieben :
Definition Adjektiv substanziell: den wesentlichen Kern einer Sache, eines Ziels oder eines Vorfalles betreffend; von äußerster Wichtigkeit für einen Sachverhalt, essentieller Bestandt…
Wie dem auch sei, weil den "wesentlichen Kern" physikalischer Gegenstände betreffend, "subtanziell" dürften Naturgesetzen allemal sein.
Consul hat geschrieben :
Mo 1. Dez 2025, 23:52
Timberlake hat geschrieben :
So 30. Nov 2025, 20:22
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 18. Nov 2025, 21:15
  • Substanzen sind das, was unabhängig von allem anderen für sich allein existieren könnte.
  • Nichts kann unabhängig von allem anderen für sich allein existieren.
  • Also gibt es keine Substanzen.
Übrigens! Danach gäbe es überhaupt keine Kandidaten.
Vorausgesetzt, man akzeptiert die obige Definition von "Substanz" und die folgende Prämisse – was ich nicht tue!
Somit übrigens die obige Definition von "Substanz" meiner Meinung nach tatsächlich inakzeptabel ist. Denn wenn sich substanziell aus dem Begriff Substanzen ableitet und substanziell definitionsgemäß heißt, den wesentlichen Kern einer Sache, eines Ziels oder eines Vorfalles betreffend, so können Substanzen definitionsgemäß gar nicht unabhängig von allem anderen für sich allein existieren. Würden sie doch demnach eben das, also den wesentlichen Kern einer Sache, eines Ziels oder eines Vorfalles enthalten.

dwds.de hat geschrieben :
Substanz

Etymologie

Substanz f. ‘Stoff, Material, Wesentliches, Inhalt’, mhd. substanci(e), substanz ‘das den Phänomenen als wesentlich und selbständig Zugrundeliegende’, vorwiegend in theologischen und philosophischen Zusammenhängen verwendet, verbreitet bei den Mystikern
Wenn er weiterhin daran festhält, man meiner Meinung nach, nicht umhinkommt, ihn zumindest demgemäß, zu den Mystikern zu zählen. Wie übrigens auch diejenigen, die in gleicherweise Substanzen in theologischen und philosophischen Zusammenhängen verwenden.

@Consul

Was du nicht tust!
Zuletzt geändert von Timberlake am Fr 5. Dez 2025, 13:43, insgesamt 7-mal geändert.




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Jörn P Budesheim
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Fr 5. Dez 2025, 13:08

Consul hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 12:35
Naturgesetze sind keine gottgleichen Herrscher über die Natur, die die Dinge von außen regeln
:-) nein, natürlich nicht. Allerdings stammt die Begrifflichkeit vermutlich daher.



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Timberlake
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Fr 5. Dez 2025, 14:04

Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 12:43
dwds.de hat geschrieben :
Substanz

Etymologie

Substanz f. ‘Stoff, Material, Wesentliches, Inhalt’, mhd. substanci(e), substanz ‘das den Phänomenen als wesentlich und selbständig Zugrundeliegende’, vorwiegend in theologischen und philosophischen Zusammenhängen verwendet, verbreitet bei den Mystikern
Wenn er (Jörn) weiterhin daran ((Substanzen sind das, was unabhängig von allem anderen für sich allein existieren könnte) festhält, man meiner Meinung nach, nicht umhinkommt, ihn zumindest demgemäß, zu den Mystikern zu zählen. Wie übrigens auch diejenigen, die in gleicherweise Substanzen in theologischen und philosophischen Zusammenhängen verwenden.
Ich habe mich dazu einmal bei Meister Eckhart umgeschaut ..
hfph.de hat geschrieben :
Meister Eckhart: Meisterdenker und Mystiker

Wir werden uns heute Abend vor allem den „Reden der Unterweisung“ und Auszügen aus einigen seiner deutschen Predigten widmen, die hinter dem Meisterdenker den Mystiker erahnen lassen.

Das Wort „Mystik“ leitet sich her von griechisch „myein“, was wörtlich bedeutet „Mund und Augen schließen“, um innerlich das Geheimnis der Welt wahrzunehmen. Die Sprache der Mystik versucht etwas in Worte zu fassen, was alles Worthafte übersteigt. Das ist ihr grundlegendes Sprachproblem: eine Sprachnot, die sprachschöpferisch wirkt. Deshalb fühlen sich die Mystiker aller Zeiten dem „Ur-Mystiker“ Dionysius Areopagita verwandt, der sich Paulus nach seiner Rede auf dem Areopag (Apg 17, 34) mit wenigen anderen angeschlossen hatte. Er galt als Vater der „negativen“ Theologie, die besagt: Gott ist durch kein Wort, keinen Begriff zu erfassen. Alle irdischen Vorstellungen sind inadäquat.
Nehmen wir als Beispiel das auf Gott angewandte Adjektiv „gut“. Wir können es steigern zum Komparativ „besser“ und zum Superlativ „am besten“. Einer der Sätze Eckarts, der in der Anklageschrift gegen ihn stand, lautete: Gott ist weder gut noch besser noch vollkommen; wenn ich Gott gut nenne, so sage ich etwas ebenso Verkehrtes, als wenn ich das Weiße schwarz nennen würde. Hinter Eckharts zunächst verstörendem Satz steckt die schlichte Einsicht: Wenn wir das Adjektiv „gut“ im gewöhnlichen Sinn als noch steigerungsfähig Gott zuschreiben, dann wird es falsch. Wenn einem Menschen Schlimmes widerfährt, könnte er sagen: „Könnte der liebe Gott nicht etwas besser mit mir umgehen?“
Das Sprechen über Gott kann immer nur analog, „ähnlich“, sein. Unsere irdischen Begriffe können Gott nie „be-greifen“, also wie mit Händen fassen. Sie bleiben immer ungenügende Hinweise auf die unfassbare Wirklichkeit Gott.

Wenn man der Meinung ist, dass Substanzen etwas sind, was unabhängig von allem anderen, für sich allein existieren könnte, sind wir dann nicht bei Gott? Würde man dann nicht auf das stoßen, was alles worthafte übersteigt? Sodass das Sprechen über Substanzen, wie das Sprechen über Gott ebenfalls nur immer nur analog, „ähnlich“, sein kann? Unsere irdischen Begriffe nie Substanzen „be-greifen“ , also wie mit Händen fassen, können? Sie als solches gleichsam immer nur ungenügende Hinweise, auf die unfassbare Wirklichkeit Gott bleiben?

Übrigens

Wenn es in dem o.g. Zitat hieß ...

"Das ist ihr ( Mystik) grundlegendes Sprachproblem: eine Sprachnot, die sprachschöpferisch wirkt."

... so würde ich meinen, dass die bisherigen Diskussionen, zwischen Jörn und Consul, in diesem Thread, eben das, also das sprachschöpferische Wirken von Substanzen; zu belegen scheinen.
Timberlake hat geschrieben :
Mi 3. Dez 2025, 00:31

Im Gegensatz zu …

"Dies heißt abstrakt gedacht, in der Substanz nichts als dies Abstrakte, daß das eine Substanz ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige ontologische Wesen an dem [zu] vertilgen."

Dazu wiederum vielleicht passend, und zwar weil nach Ansicht von Hegel für einen ungebildeten Menschen typisch …

Timberlake hat geschrieben :
So 23. Nov 2025, 15:25

Für mich ist das als solches keine Frage der Zeit und der Mühe, ich bin einfach zu dumm dafür.

So , nun ist es raus.
Weil in der Substanz nichts als dies Abstrakte, daß das eine Substanz ist, sehen zu können, wofür ich "(un-)glücklicherweise" zu dumm bin. Bleibt mir infolgedessen nur, dem sprachschöpferischen Wirken von Substanzen (auch im weiteren Verlauf dieser Diskussion zwischen Jörn und Consul , wovon ich ausgehe!), schwankend zwischen Ahnungslosigkeit und Verwunderung, zuzuschauen.




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Consul
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Sa 6. Dez 2025, 14:29

Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 12:43
verben.de hat geschrieben : Definition Adjektiv substanziell: den wesentlichen Kern einer Sache, eines Ziels oder eines Vorfalles betreffend; von äußerster Wichtigkeit für einen Sachverhalt, essentieller Bestandt…
Wenn das Wort "Substanz" im Sinn von "das Wesen, der Kern, Gehalt einer Sache" (z.B. "wesentlicher Inhalt eines Buches, Briefes, einer Rede") (GRIMM) gebraucht wird, dann geht es natürlich nicht um Substanzen im ontologischen Sinn, in welchem u.a. Aristoteles, Descartes, Spinoza und Leibniz dieses Wort verwenden.
Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 12:43
Wie dem auch sei, weil den "wesentlichen Kern" physikalischer Gegenstände betreffend, "subtanziell" dürften Naturgesetzen allemal sein.
Wenn Naturgesetze überhaupt Entitäten sind, und sie nichts weiter als allgemeine Sätze oder Propositionen (Formeln) sind, die natürliche Zusammenhänge beschreiben, dann sind sie gewiss keine Substanzen. Laut David Armstrong sind Naturgesetze natürliche, naturnotwendige Beziehungen zwischen Universalien (universalen Attributen) und damit auch keine Substanzen. Wenn "Substanz" allerdings nur "fundamentale Entität" bedeutet, dann sind Naturgesetze für einige Philosophen wie Tim Maudlin substanziell.
"Mein Vorschlag ist einfach: Naturgesetze sollten als ontologisch primitiv anerkannt werden. Wir können Metaphern verwenden, um die Vorstellungskraft anzuregen: Unter den Regelmäßigkeiten zeitlicher Entwicklung gibt es einige, wie etwa die in Schrödingers Gleichung beschriebene, welche die Entwicklung steuern, bestimmen oder erzeugen. Doch diese Metaphern dienen nicht als Analysen. Tatsächlich ist relativ klar, was behauptet wird, wenn eine funktionale Beziehung als Gesetz bezeichnet wird. Gesetze sind die Muster, die die Natur befolgt; zu sagen, was physikalisch möglich ist, bedeutet zu sagen, was die Beschränkungen dieser Muster zulassen." [Google Translate]

(Maudlin, Tim. The Metaphysics Within Physics. New York: Oxford University Press, 2007. p. 15)

"Meine Analyse von Gesetzen ist eigentlich gar keine Analyse. Vielmehr schlage ich vor, Gesetze als fundamentale Entitäten in unserer Ontologie zu akzeptieren. Oder, um es auf der begrifflichen Ebene auszudrücken: Der Begriff des Gesetzes lässt sich nicht auf andere, primitivere Begriffe reduzieren." [Google Translate]

(Maudlin, Tim. The Metaphysics Within Physics. New York: Oxford University Press, 2007. p. 18)
Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 12:43
Wenn er weiterhin daran festhält, man meiner Meinung nach, nicht umhinkommt, ihn zumindest demgemäß, zu den Mystikern zu zählen. Wie übrigens auch diejenigen, die in gleicherweise Substanzen in theologischen und philosophischen Zusammenhängen verwenden.
Dass auch mittelalterliche Mystiker den Begriff Substanz (lat. substantia) verwendet haben – wie Meister Eckhart (ca. 1260–1328), in dessen deutschen Texten "Substanz" mit "understôz", "understandicheit" übersetzt ist – bedeutet nicht, dass es sich ursprünglich um einen mystischen Begriff handelt – was ja tatsächlich nicht der Fall ist.

Fußnote: Die wörtliche deutsche Übersetzung von "substantia" ist "Unterstand"; und die alten deutschen Mystiker mögen die Ersten gewesen sein, die diese deutsche Übersetzung bzw. ältere Formen davon verwendeten.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Timberlake
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Wohnort: Shangrila 2.0

Sa 6. Dez 2025, 20:58

Consul hat geschrieben :
Sa 6. Dez 2025, 14:29
Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 12:43
Wie dem auch sei, weil den "wesentlichen Kern" physikalischer Gegenstände betreffend, "subtanziell" dürften Naturgesetzen allemal sein.
Wenn Naturgesetze überhaupt Entitäten sind, und sie nichts weiter als allgemeine Sätze oder Propositionen (Formeln) sind, die natürliche Zusammenhänge beschreiben, dann sind sie gewiss keine Substanzen. Laut David Armstrong sind Naturgesetze natürliche, naturnotwendige Beziehungen zwischen Universalien (universalen Attributen) und damit auch keine Substanzen. Wenn "Substanz" allerdings nur "fundamentale Entität" bedeutet, dann sind Naturgesetze für einige Philosophen wie Tim Maudlin substanziell.
Genauso, wie von Tim Maudli, wollte ich die Substanz von Naturgesetze verstanden wissen, als eine "fundamentale Entität".

wirtschaftslexikon.gabler.de hat geschrieben : dialektischer Materialismus
2. Für Marx dagegen basieren alle geistigen und sozialen Erscheinungen auf der objektiven Realität, die für ihn allein die Materie sein kann (Materialismus), d.h. die Ideen und das Bewusstsein sind nur Reflexe der materiellen Wirklichkeit. Unter dem Materiellen versteht er die Gesamtheit aller objektiv-realen Dinge und Prozesse einschließlich der Beziehungen, Zusammenhänge und Verhältnisse in Natur und Gesellschaft. Wesentliches Merkmal dieses Materiebegriffs ist für Marx und Engels die Bewegung im Sinn fortschreitender dialektischer Veränderung, hervorgerufen durch die inneren Widersprüche und Spannungen. Aus der Spannung der Gegensätze und ihrer gegenseitigen Durchdringung wird die Entwicklung zu Neuem und Höherem abgeleitet („Einheit und Kampf der Gegensätze”).
Eine "fundamentale Entität", wo sich Dinge und somit materielle Entitäten mit immateriellen Entitäten, wie den Naturgesetzen, gegenseitig durchdringen. Sodass in Kombination von beiden eine Entwicklung zu Neuem und Höherem abgeleitet werden kann. („Einheit und Kampf der Gegensätze”).

"Mein Vorschlag ist einfach: Naturgesetze sollten als ontologisch primitiv anerkannt werden. Wir können Metaphern verwenden, um die Vorstellungskraft anzuregen: Unter den Regelmäßigkeiten zeitlicher Entwicklung gibt es einige, wie etwa die in Schrödingers Gleichung beschriebene, welche die Entwicklung steuern, bestimmen oder erzeugen. Doch diese Metaphern dienen nicht als Analysen. Tatsächlich ist relativ klar, was behauptet wird, wenn eine funktionale Beziehung als Gesetz bezeichnet wird. Gesetze sind die Muster, die die Natur befolgt; zu sagen, was physikalisch möglich ist, bedeutet zu sagen, was die Beschränkungen dieser Muster zulassen." [Google Translate]

(Maudlin, Tim. The Metaphysics Within Physics. New York: Oxford University Press, 2007. p. 15)

"Meine Analyse von Gesetzen ist eigentlich gar keine Analyse. Vielmehr schlage ich vor, Gesetze als fundamentale Entitäten in unserer Ontologie zu akzeptieren. Oder, um es auf der begrifflichen Ebene auszudrücken: Der Begriff des Gesetzes lässt sich nicht auf andere, primitivere Begriffe reduzieren." [Google Translate]

(Maudlin, Tim. The Metaphysics Within Physics. New York: Oxford University Press, 2007. p. 18)
Um an dieser Stelle Tim Maudli zu ergänzen. Was wären auch immaterielle Naturgesetzte, ohne dass sie sich auch auf materielles und demzufolge auf das ganze Gegenteil dessen auswirken könnten.
Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Dez 2025, 12:43
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 18. Nov 2025, 21:15
  • Substanzen sind das, was unabhängig von allem anderen für sich allein existieren könnte.
  • Nichts kann unabhängig von allem anderen für sich allein existieren.
  • Also gibt es keine Substanzen.
.. und was ist, wenn ich sage, dass die Naturgesetze "Substanzen" sind, die unabhängig von allem anderen für sich allein existieren können? Sie somit dem entsprechen, was hier Jörn zur Diskussionsgrundlage dieses "Diskussionsstranges" gemacht hat?
Somit diese Frage sicherlich so (un-) sinnig ist, wie das im Vergleich dazu auch ein Pluspol der Batterie eines Stromkreises, auch ohne dessen ganze Gegenteil, den Minuspol, für sich allein existieren könne.



@Consul

Möglicherweise wurde von dir ja deshalb diese Frage nicht beantwortet. Wenngleich, zumindest für mich, ein Universum, das nur aus Naturgesetze und somit nur aus immaterielles besteht, durchaus vorstellbar wäre.
Consul hat geschrieben :
Sa 29. Nov 2025, 06:44

(Stelle dir beispielsweise Folgendes vor: Michelangelos David-Statue schwebt als einziger Gegenstand in einem ansonsten völlig leeren Weltraum.)
Wenn man sich vorstellen kann, dass Michelangelos David-Statue als einziger Gegenstand in einem ansonsten völlig leeren Weltraum schwebt, warum dann nicht auch das. Ich hielte das sogar für sehr viel wahrscheinlicher.




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