François Jullien: "Es gibt keine kulturelle Identität"

Ursprünglich in der praktischen Philosophie beheimatet sind Theorien der Gesellschaft heute weitgehend von der Soziologie aufgegriffen worden.
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Jörn Budesheim
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So 18. Feb 2018, 18:17

Podcast des Deutschlandfunk hat geschrieben : Bild
François Jullien hält die Vorstellung
von "Identität" mit Blick auf Kulturen
für einen grundsätzlichen Denkfehler.


Es gibt keine kulturelle Identität

Ist Europa christlich geprägt? Oder aber laizistisch? Beides! Sowohl Christentum als auch die Aufklärung seien europäische "Ressourcen", sagt der französische Philosoph François Jullien. Mit seiner Denkfigur der "kulturellen Ressource" wendet er sich gegen reaktionäre Fantasien.

Von der Angst vor der Globalisierung als Triebkraft für den Aufstieg von Nationalismus und Rechtspopulismus in Europa und den USA ist in letzter Zeit viel die Rede gewesen. Von wirtschaftlichen Abstiegsängsten ebenso wie der Sorge, eigener kultureller Traditionen durch die Migrationsbewegungen verlustig zu gehen - als Motor für die immer lauter werdenden Forderungen nach einer Rückkehr zu geschlosseneren, homogeneren Gesellschaften, zu "unseren" eigenen Traditionen und "Werten" oder zu einer auf Abstammung beruhenden nationalen und kulturellen Identität.

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Dia_Logos
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So 18. Feb 2018, 19:50

François Jullien hat geschrieben : Das heißt, ich glaube, dass eine Debatte, bei der es um die kulturelle »Identität« geht, mit einem Geburtsfehler behaftet ist. Daher möchte ich eine konzeptuelle Verschiebung vorschlagen: Anstatt die Verschiedenheit der Kulturen als Differenz zu beschreiben, sollten wir uns ihr mithilfe des Konzepts des Abstands nähern; wir sollten sie nicht im Sinn von Identität, sondern im Sinn einer Ressource und der Fruchtbarkeit verstehen.

Es handelt sich hierbei nicht um semantische Haarspalterei, sondern um die Einführung einer Divergenz – wir können hier auch schon den Begriff des Abstands verwenden –, die es erlaubt, die Debatte neu auszurichten, ausgetretene Pfade zu verlassen und auf einer solideren Basis von vorn zu beginnen. Wenn ich den Abstand und die Differenz in einem ersten Schritt genauer bestimmen will (wenn ich also vom Standpunkt der Erkenntnis aus an die Sache herangehe), woran kann ich den Unterschied zwischen ihnen dann festmachen? Beide markieren eine Trennung; die Differenz setzt dabei jedoch auf eine Unterscheidung, während der Abstand den Blick auf eine Entfernung richtet. Daraus folgt, dass die Differenz klassifikatorisch ist, die Analyse funktioniert über Ähnlichkeiten und Unterschiede; zugleich ist sie identifizierend: Indem man »von Unterschied zu Unterschied« voranschreitet, wie Aristoteles sagt, gelangt man zu einem letzten Unterschied, der das in seiner Definition ausgedrückte Wesen des Dings zu erkennen gibt.

Demgegenüber erweist sich der Abstand als eine Denkfigur nicht der Identifikation, sondern der Exploration, die andere Möglichkeiten zutage fördert. Folglich hat der Abstand keine klassifikatorische Funktion, anders als bei der Klassifikation werden keine Typologien erstellt, vielmehr besteht das Ziel gerade darin, über diese hinauszugehen: Mit dem Abstand verbindet sich kein Zurechtrücken, sondern ein Verrücken. [...]




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Jörn Budesheim
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Di 20. Feb 2018, 05:49

Lässt sich vielleicht Hegel für die Frage nach kultureller Identität und Ausgrenzung, Heimat und Fremde fruchtbar machen? Auch wenn es hier vordergründig um etwas ganz anderes zu gehen scheint?!
Hermeneuticus hat geschrieben :
Fr 11. Aug 2017, 12:22
Hegels vielleicht berühmteste logische Formel ist die "Identität von Identität und Nicht-Identität". Wohl verstanden, kann sie ein Schlüssel zum Verständnis seines Werkes sein. Aber ihre Bedeutung reicht weit darüber hinaus. Sie deckt auf, was es mit Identität schlechthin auf sich hat.

In der Philosophie-Geschichte wurde sehr viel über den Begriff der Identität nachgedacht, und das mit Recht. Denn obwohl dieser Begriff der einfachste und selbstverständlichste zu sein scheint, ist er immer noch ein offenes Problem. Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man den Wikipedia-Artikel "Identität" liest. Um nur einige moderne philosophische Stimmen daraus zu zitieren:
In der Philosophie der Mathematik kommt die Analyse mathematischer Gleichheit je nach Position zu unterschiedlichen Ergebnissen:
Mauthner kritisiert den Identitätsbegriff als entweder vollständig tautologisch, also „… so leer, daß er außerhalb der Logik schon den Verdacht des Blödsinns erregen müßte“, oder als Fälschung bzw. Betrug, da er vorhandene Unterschiede ignoriert oder verschweigt. „In der Wirklichkeit gibt es keine Gleichheit …“
Auch in der analytischen Philosophie ist der Begriff der Identität als Beziehung gelegentlich kritisiert worden. So heißt es etwa bei Wittgenstein (Tractatus 5.5301): „Dass die Identität keine Relation zwischen Gegenständen ist, leuchtet ein.“ Er erläutert dies unter 5.5303 mit den Worten: „Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist ein Unsinn, und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts.“ Russell hatte bereits in den Principles of Mathematics (1903) ähnlich formuliert: “Identity, an objector may urge, cannot be anything at all: two terms plainly are not identical, and one term cannot be, for what is it identical with?” (§ 64), und auch bei Frege finden sich verwandte Überlegungen: „Die Gleichheit fordert das Nachdenken heraus durch Fragen, die sich daran knüpfen und nicht ganz leicht zu beantworten sind. Ist sie eine Beziehung?“ (Über Sinn und Bedeutung, S. 25). In neuerer Zeit hat C.J.F. Williams vorgeschlagen, die Identität als Beziehung zweiter Stufe statt als Beziehung zwischen Gegenständen aufzufassen, und Kai Wehmeier hat argumentiert, dass eine objektuelle Identitätsrelation aus logischer Sicht überflüssig und aus metaphysischer Perspektive fragwürdig ist.
Es erstaunt freilich, dass der Artikel Hegel und seine Problematisierung des Identitätsbegriffs mit keiner Silbe erwähnt. Ein frappierendes Beispiel von Ignoranz, zumal die zitierten Einwände sich schon bei Hegel finden...

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Als Behauptung gelesen, besagt Hegels Formel etwa: Identität und Nicht-Identität setzen sich gegenseitig voraus und bilden darum eine Einheit. Das richtet sich kritisch gegen einen "abstrakten" oder "formellen" Identitätsbegriff, wie er in der logischen Identitätsformel a = a zum Ausdruck kommt oder auch in Leibniz' berühmtem "Gesetz" von der Identität des Ununterscheidbaren: "Zwei Dinge sind identisch, wenn sie in allen ihren Eigenschaften ununterscheidbar sind.“ Dagegen macht Hegel mit seiner Formel ein Verständnis von "konkreter" und "lebendiger" Identität geltend. Aus diesem Grund gehört die Frage nach dem Wesen des "Abstrakten" bzw. nach dem Verfahren der Abstraktion unmittelbar zum Thema.




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Tarvoc
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Di 20. Feb 2018, 16:42

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 20. Feb 2018, 05:49
Lässt sich vielleicht Hegel für die Frage nach kultureller Identität und Ausgrenzung, Heimat und Fremde fruchtbar machen? Auch wenn es hier vordergründig um etwas ganz anderes zu gehen scheint?!
Ich bevorzuge die essenzialismuskritischen Ansätze, denen wohl auch Jullien zu folgen scheint, und die "Kultur" als ensemble von Kulturtechniken verstehen und nicht als "Identität". (@Dia_Logos Danke für die Buchempfehlung, werd's mir ansehen, sobald ich Zeit habe.) Gerade der Hegelsche Identitätsbegriff lässt sich für mich zumindest bei erster Betrachtung etwas zu leicht zur Legitimation von nationalistischen und kulturalistischen Essenzialismen heranziehen. Ich für meinen Teil brauche schlichtweg auch keinen so verstandenen Begriff von "Identität".



Don't just think outside the box. Think outside AND inside.

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Friederike
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Di 20. Feb 2018, 17:13

Beide Ideen finde ich spannend. Sowohl die von Jullien, der, so würde ich es in einem Wort ausdrücken, als Ansatz die Raummetaphorik vorschlägt als auch Deine Idee, @Jörn, Hegels Identitätsbegriff zu wählen.

Was beiden Ansätzen gemeinsam ist, das ist die Entfaltung eines Verständnisses von der kulturellen Identität unter Herausstellung der Prozeßhaftigkeit und der Dynamik.

Für Hegel fühle ich mich und bin ich ganz sicher nicht kundig genug. Ich denke bei der "lebendigen" Identität am ehesten an Hegels Negation, d.h. wenn die Gegensätze so bestimmt sind, daß das eine Moment dem anderen nicht nur entgegengesetzt ist, sondern wenn jedes Moment das andere auch in sich enthält. Wenn das im Begriff Abgestoßene gleichzeitig im Begriff erhalten bleibt. Das Klassifikatorische, wie Jullien es nennt, würde aufgehoben (nicht im Hegel'schen Sinne, sondern umgangssprachlich gemeint) und im Zuge dessen würde das starre fixierende Moment abgelöst durch die Ausrichtung auf eine Entwicklung.

Was die Raummetaphorik angeht, so weiß ich zwar nicht, wie Jullien oder wie man sie systematisch und überhaupt konkreter nutzen könnte für eine neue Herangehensweise an das, was bisher kulturelle Identität genannt wird.

Nah und fern, näher und ferner, vertraut und unvertraut, vertrauter und unvertrauter ... die Begriffe können jedenfalls neben dem Raum auch die zeitliche und die gefühlige Dimension erfassen und lassen Abstufungen zu.




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Jörn Budesheim
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Di 20. Feb 2018, 19:10

Tarvoc hat geschrieben :
Di 20. Feb 2018, 16:42
@Dia_Logos Danke für die Buchempfehlung, werd's mir ansehen, sobald ich Zeit habe
Ich habs mir für einen Zehner gekauft, ungefähr die Hälfte bisher (relativ schnell) gelesen und habe einen guten Eindruck bisher ohne es wirklich vertieft zu haben. Dafür hab dann ja das Forum:-)
Tarvoc hat geschrieben :
Di 20. Feb 2018, 16:42
Ich bevorzuge die essenzialismuskritischen Ansätze, denen wohl auch Jullien zu folgen scheint, und die "Kultur" als ensemble von Kulturtechniken verstehen und nicht als "Identität".
Ich sympathisiere zwar auch damit, bin aber nicht sicher, ob der Begriff "Identität" verdammt ist, so etwas wie eine Essenz oder einen statischen Kern zu meinen. Wie auch immer: Die Idee von Ressourcen zu sprechen, gefällt mir.Ich kann mir auch vorstellen, dass es eine Nähe zu deinem Vorschlag dem "ensemble von Kulturtechniken" gibt. Auf jeden Fall sind diese beiden Metaphern klarer und unverfänglicher als der Begriff der Identität.

Wenn man sich fragt, worin denn die "Identität" so besteht und man anfängt eine Liste zu machen, stellt sich immer sofort die Frage, ob das jeden Einzelnen gut beschreibt. Wer hat wirklich schon Goethe und Schiller gelesen :-) (Die beiden gehören doch zu den Elementen der Liste, die immer genannt werden, um das hochstehende unserer kulturellen Identität zu betonen, oder?) Die vielen Elemente der Liste als Ressourcen zu bezeichnen, bei denen sich einige so und andere anders "bedienen" finde ich nicht schlecht. Das trifft es ganz gut. Gut gefällt mir, dass man auch die Ressourcen der Inder, Chinesen etc. "anzapfen" kann, auch wenn die einem vielleicht etwas ferner sind.

Auf der anderen Seite gehören zur Identität ja stets auch die diversen Prägungen, die oft unauffällig und unsichtbar wirken ...ist hier Ressource ein guter Begriff?




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Jörn Budesheim
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Di 20. Feb 2018, 19:23

Friederike hat geschrieben :
Di 20. Feb 2018, 17:13
Nah und fern, näher und ferner, vertraut und unvertraut, vertrauter und unvertrauter ...
Das bisschen, was ich bis jetzt verstanden habe bei Jullien, gefällt mir - das hab ich ja schon angedeutet. Der Begriff "Abstand" hat aber auch seine Schattenseiten. Der Abstand zwischen zwei Dingen kann zwar sowohl sehr klein und als auch sehr groß sein. Das ist eigentlich der Sache nach okay. Aber hat Abstand nicht dennoch zunächst eine eher negative "Konnotation"? Für mich klingt es zuerst so wie "jemanden auf Abstand halten". Theoretisch sehe ich, dass der Begriff auch die Nähe umfasst. Aber gefühlt, klingt er ganz anders: "komm mir nicht zu nahe", "rück mir nicht auf den Pelz".

Vielleicht ist das Wort im französischen Original von diesen Problemen nicht betroffen, vielleicht ist es aber auch (m)eine idiosynkratische Sicht. Wie seht ihr das?




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Jörn Budesheim
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Di 20. Feb 2018, 21:03

Nebentopic:
PSYCHOLOGIE
Wir glauben Fake News, um zu gefallen
Große und kleinere Unwahrheiten lauern in sozialen und anderen Medien. Und wir glauben sie vor allem, wenn sie gut in unser Weltbild passen. Psychologen führen das auf unser biologisches Rudelverhalten zurück. ...

Bild

"Vor allem unsere soziale Identität lässt uns Dinge glauben oder an ihnen zweifeln." Das schreibt Jay van Bavel, Professor für Sozialpsychologie, Wahrnehmung und Neurologie an der New York University, in einem Hypothesenpapier in der Fachzeitschrift "Trends in Cognitive Sciences" am 20. Februar.

weiter lesen > http://www.dw.com/de/wir-glauben-fake-n ... a-42662783




Tosa Inu
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Mi 21. Feb 2018, 08:35

@ Nebentopic:

Der Beobachtung, dass wir Dinge glauben, weil sie gut in unser Weltbild passen, würde ich unbedingt zustimmen, dass das immer gleich biologisiert werden muss (Rudelverhalten), finde ich ermüdend.

@ Topic:

Gibt es eine Kernthese von Jullien, die besagt, warum es kulturelle Identität nicht gibt, bzw. wo in den links finde ich diese?
Ich halte die These für falsch, weiß aber noch nicht, wie Jullien sie begründet.
Nah meinem bisherigen Kenntnisstand stimmt das genau Gegenteil:
„Vamik Volkan (1999) hat dargelegt, wie nationale Identität schon früh in die individuelle Ich-Identität durch Sprache, Kunst, Sitten und Gebräuche, Speisen und vor allem transgenerationale Weitergabe von Narrativen historischer Triumphe und Traumata als Teil eines gemeinsamen Kulturguts eingewoben wird. Die individuelle Vielfalt der Menschen, die sich im Umfeld des Kindes und jungen Erwachsenen bewegen und die durch gemeinsame kulturelle Traditionen verbunden sind, trägt so zur Stärkung der Ich-Identität bei: Die Beziehung zu unterschiedlichsten Objekten lässt unterschiedlichste Selbstrepräsentanzen entstehen, die über gemeinsame Merkmale verbunden sind und die im Zuge der Entwicklung von der paranoid-schizoiden zur depressiven Position integriert werden müssen.“
(Otto F. Kernberg, Liebe und Aggression, Schattauer 2014, S. 330)



„Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!“ (Gottfried Benn, im Brief, nach Zoobesuch der Affen)

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Friederike
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Mi 21. Feb 2018, 17:20

@T.I., ich kenne nur den von Jörn zitierten Auszug aus Julliens Buch. Es geht Jullien wohl um die Frage der essentialistischen Tendenz, die im Gebrauch des Begriffes "Identität" liegt (das hatten Tarvoc und Jörn ja bereits erwähnt). Und deren Problematik kann man sicher ebenso für die -menschliche- "Identität", von der in der Psychologie üblicherweise die Rede ist, thematisieren. Damit will ich sagen, daß das Kernberg-Zitat kein Einwand sein kann. Als Psychologe und Analytiker operiert er selbstverständlich mit dem Begriff der Identität. Er setzt ihn als Erkenntnisinstrument voraus. Jullien hingegen, so meine ich ihn verstanden zu haben, stellt die Nützlichkeit der Anwendung dieses Begriffes für menschliche Belange grundsätzlich infrage.




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Friederike
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Mi 21. Feb 2018, 18:07

Ohne vom Thema der kulturellen Identität und Julliens Vorschlag eines neuen Ansatzes zur Erfassung der Verschiedenheit von Kulturen abkommen zu wollen, möchte ich dennoch kurz an den Aufsatz von Ch. Taylor erinnern ("Was ist menschliches Handeln"), den wir hier in einem eigenen Thread erörtert hatten. Er umschreibt die "Identität" eines Menschen als das, wie sich ein Mensch selbst als Person versteht (="Selbstinterpretration"): "Wer und was bin ich?" Und damit wäre man beim zweiten unübersetzbaren Wort gelandet, dem "Ich". Womit ich lediglich sagen möchte, wie problembehaftet die Rede von der Identität von Menschen ist. "Kulturelle Identität" bezieht sich ja nicht auf die Kulturen, sondern auf die Menschen, die in Kulturen leben.




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Jörn Budesheim
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Mi 21. Feb 2018, 18:21

Tosa Inu hat geschrieben :
Mi 21. Feb 2018, 08:35
Gibt es eine Kernthese von Jullien, die besagt, warum es kulturelle Identität nicht gibt, bzw. wo in den links finde ich diese?
Dia_Logos hat geschrieben :
So 18. Feb 2018, 18:17
Hier gehts zum Podcast des Deutschlandfunk
Ich finde, dort ist es recht anschaulich dargestellt. Alternativ in einer der Rezensionen, ich fand den Text vom Spiegel nicht schlecht. Ich hab das Buch gekauft - und wenn ich etwas Zeit finde, kann ich vielleicht selbst eine kurze Zusammenfassung schreiben. Aber das vermutlich erst am So.




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Friederike
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Mi 21. Feb 2018, 18:46

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 20. Feb 2018, 19:23
Der Begriff "Abstand" hat aber auch seine Schattenseiten. Der Abstand zwischen zwei Dingen kann zwar sowohl sehr klein und als auch sehr groß sein. Das ist eigentlich der Sache nach okay. Aber hat Abstand nicht dennoch zunächst eine eher negative "Konnotation"? Für mich klingt es zuerst so wie "jemanden auf Abstand halten". Theoretisch sehe ich, dass der Begriff auch die Nähe umfasst. Aber gefühlt, klingt er ganz anders: "komm mir nicht zu nahe", "rück mir nicht auf den Pelz". Vielleicht ist das Wort im französischen Original von diesen Problemen nicht betroffen, vielleicht ist es aber auch (m)eine idiosynkratische Sicht. Wie seht ihr das?
Ich habe mich an einen Aufsatz über "Distanz" aus dem Forum interdisziplinäre Begriffsgeschichte erinnert. Mein neuerliches Lesen ergibt eine Bestätigung Deiner Skepsis wegen des negativen Anklanges von "Abstand"="Distanz". Allerdings wird der Ausdruck in der jüngeren Forschung der Geistes- und Kulturgeschichte meist so verwendet, daß mit ihm die menschliche Fähigkeit gemeint ist, "sich zu etwas verhalten" zu können (sich selbst, anderen Menschen, Tatsachen, Gedanken usw.).




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Mi 21. Feb 2018, 19:16

Vielen Dank, Jörn.

Den Spiegel Artikel habe ich heute morgen schon gelesen, den fand ich auch ganz gut, das df Ding höre ich mir heute abend an.
Abstand und Ressourcen habe ich behalten, sehe bis jetzt aber nicht den riesigen Unterschied. Dass Europa eien religiös-säkulare Mischung ist, ist ja gerade unsere kulturelle Identität.

Mein erster Gedanke nach den Kommentaren war, dass man den Rechten das Spielzeug wegnehmen will, das fände ich zu plump und durchsichtig.
Wie gesagt, ich halte die kulturelle Identität für wichtig, aber auch sie ist eben auch nur ein (früher) Baustein der Gesamtidentität und je breiter man da insgesamt aufgestellt ist, umso besser. Auf genau einen Faktor fixieren sich gerne Menschen, die selbst keine richtige Identität haben und demzufolge auch oft nicht wissen, was von ihnen verlangt wird - was in der Frühphase nicht Freiheit, sondern Orientierungslosigkeit bedeutet - und denen man dann noch eine soziokulturelle Rolle verweigert. Es ist immer wieder eindrucksvoll zu sehen wie sehr sich gerade junge Menschen auf Rollen stürzen, die sie von uns nicht bekommen, das ist das Geschäft der Extremisten und die verstehen ihren Job.

Ein wichtiges Thema!

PS: Habe die Renzension jetzt doch schon gehört, war ja nicht so lang.
Ich stehe aber auf der anderen Seite und halte gerade die Formulierung von Werten für immens wichtig.
Die letzten Jahrzehnte sind ja gerade dadurch gekennzeichnet gewesen, dass man diese Werte immer mehr abgebaut hat, dass da turmhohe Mauern errichtet wurden, kann ich nicht sehen. Im Gegenteil, gerade das Diffuse macht ja die Menschen kirre, die z.B. die dritte Generation einer Einwandererfamilien sind, irgendwe ales richtig machen, was sie an dem was man richtig machen sollte greifen können und dann das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie eben doch nicht dazu gehören. Die vermeintliche Liberalität und Toleranz einfach irgendwie zu sein, ist unscharf und frustrierend, aber es ist wohl die tiefsitzende Angst der Deutschen, klar Spielregeln anzugeben.

Dass diese Wischiwaschi Haltung die unzufriedenen Menschen die eine Vorgabe suchen (und sei es nur, um sich dran zu reiben) dann irgendwann in die Arme jener flüchten, die keine Hemmungen haben klipp und klar zu benennen, was gut und böse, richtig und falsch ist, ist klar wie Kloßbrühe, wird aber dennoch ignorert. Amen.



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Friederike
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Do 22. Feb 2018, 13:14

Nachdem ich nun endlich auch die Kommentare im "Spiegel" und in der "jungle world" gelesen habe, muß ich mich insofern korrigieren als es Jullien nicht darum zu gehen scheint, den Begriff "Identität grundsätzlich infrage zu stellen. Ich war gestern also ein bißchen in die Irre geraten.




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Friederike
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Fr 23. Feb 2018, 15:28

Man könnte simpel sagen, daß Identität das ist, was uns am nächsten, vertrautesten ist und was wir am stärksten als unser Eigen(tum) ansehen. Abstand, Empfindung und Besitz verknüpft zur Identität. Dann ist man draußen aus der Klassifikation ohne den Begriff der Identität aufzugeben und kann zugleich Julliens Ansatz mit seinen Vorteilen (Abstufungen, Dynamik und Grauzonen) anwenden.

Der Einwand des Kommentars in der "jungle world", Jullien berücksichtige keine Machtverhältnisse, trägt unter dieser Definition nicht mehr. "Identität" bedeutet zwar Abgrenzung, Entfernung und Selbstwerdung, keineswegs aber Ausgrenzung oder Abgrenzung gegen etwas oder jemanden, sondern Abgrenzung für sich.

NS: Wenn ich mir überlege, wozu die obige Überlegung eigentlich dient ... :lol: Daß man kein neues Erfassungsinstrumentarium braucht, sondern einen modifizierten Begriff von "Identität". Also doch Hegel womöglich? Einen gesellschaftspolitisch bereinigten Hegel.




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novon
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Sa 24. Feb 2018, 00:56

Identität lässt sich doch ganz einfach als Negation fassen: Ich ist, was nicht nicht ich ist. Ich glaub, da bin ich recht dicht an Hegels dialektischem Entwurf. Identität als Differenz.
Die Rede ist aber augenscheinlich von "kultureller Identität". Was soll das überhaupt sein...?!? Kultur stellt nichts spezifisches dar, sondern meint im allgemeinen Verständnis nichts weiter, als dass natürliche Bedingtheiten überwunden sind. Eine wiederum darauf rekurrierende Behauptung kultureller Identität ist eigentlich vollkommen nichtssagend und somit belanglos.




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Jörn Budesheim
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Sa 24. Feb 2018, 06:23

novon hat geschrieben :
Sa 24. Feb 2018, 00:56
Kultur [meint,] dass natürliche Bedingtheiten überwunden sind
Spontan fallen mir drei Versionen des Begriffs "Kultur" ein, es gibt sicher mehr. Wobei ich denke, dass die verschiedenen Gebrauchsweisen sich ziemlich überschneiden.

Bei dem Begriff (1) kulturelle Evolution ist Kultur sicherlich so (oder so ähnlich) gemeint, wie du es vorschlägst. Wenn man jedoch davon spricht, dass eine Person (2) Kultur hat, dann geht man sicherlich auf etwas anderes aus. Im ersten Fall ist der Begriff neutral gebraucht, er besagt hier im Grunde lediglich, dass der Mechanismus der Vererbung durch genetische Reproduktion seine Alleinherrschaft verloren hat und durch Lernen, Tradition etc. ergänzt/ersetzt wird. Im zweiten Fall ist der Begriff wertend gemeint, er unterstellt der fraglichen Person irgendwie hochstehende Umgangsformen, ein besonderes Wissen etc. pp. Wenn man jedoch von verschiedenen (3) Kulturkreisen oder ähnlichem spricht, dann ist wiederum etwas anderes gemeint, denke ich. Dann geht es eher darum, dass verschiedene Gemeinschaften verschiedene Kulturtechniken, Traditionen, Selbstverständnisse, Ressourcen oder eben verschiedene Identitäten haben.




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Jörn Budesheim
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Sa 24. Feb 2018, 08:29

novon hat geschrieben :
Sa 24. Feb 2018, 00:56
Eine wiederum darauf rekurrierende Behauptung kultureller Identität ist eigentlich vollkommen nichtssagend und somit belanglos.
Ich finde das nicht. Dennett meint, man solle sich das "Ich" als "narrativen Schwerpunkt" vorstellen. Wer oder was jeder einzelne ist, das hängt immer auch an den Bildern und Geschichten, die er von sich hat und erzählt. Aber auch das "Wir" kann man sich als "narrativen Schwerpunkt" vorstellen. Das kann das kleine "Wir" einer Freundschaft sein, das "Wir" einer Liebe bis hin zum "Wir" größerer Gruppen.




Tosa Inu
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Sa 24. Feb 2018, 08:30

Friederike hat geschrieben :
Mi 21. Feb 2018, 17:20
Damit will ich sagen, daß das Kernberg-Zitat kein Einwand sein kann. Als Psychologe und Analytiker operiert er selbstverständlich mit dem Begriff der Identität. Er setzt ihn als Erkenntnisinstrument voraus. Jullien hingegen, so meine ich ihn verstanden zu haben, stellt die Nützlichkeit der Anwendung dieses Begriffes für menschliche Belange grundsätzlich infrage.
Natürlich sind die Erkenntnisse von Volkan ein Einwand.

Jullien möchte sagen, dass es kulturelle Identität eigentlich nicht gibt, weil wir, wenn wir wollen, auch mit Stäbchen essen und Djembé spielen können. These: Alles steht für jeden potentiell zur Verfügung, daher ist der Begriff kulturelle Identität brüchig und irgendwie obsolet.

Kernberg möchte mt iVolkan sagen, dass kuturelle Identität weder beliebig austauschbar noch verzichtbar ist. Auch wenn man mit Stäbchen isst, das macht die kulturelle Identität noch nicht löchrig, da diese wesentlich aus anderen Quellen gespeist ist und "durch Sprache, Kunst, Sitten und Gebräuche, Speisen und vor allem transgenerationale Weitergabe von Narrativen historischer Triumphe und Traumata als Teil eines gemeinsamen Kulturguts eingewoben wird."

Das ist eine ziemlich fundamentale Gegenthese, soweit ich das sehe.



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