Darf man nicht mehr sagen, was man denkt?

Ursprünglich in der praktischen Philosophie beheimatet sind Theorien der Gesellschaft heute weitgehend von der Soziologie aufgegriffen worden.
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Dia_Logos
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So 12. Apr 2026, 14:35

Darf man nicht mehr sagen, was man denkt? Oliver Kalkofe: „Das ist völliger Unsinn, der Einfluss von Politik oder Kirche auf die Medien war in den 70er- und 80er-Jahren wesentlich stärker – und das ganz offen.“ Bestimmte Dinge hätten tatsächlich nicht gesagt werden dürfen. „Heute hat man eher Angst vor einem sogenannten Shitstorm oder vor Kritik aus einer bestimmten Richtung. ..." Gemäß Kalkofe sollte man sich davor hüten, die Vergangenheit zu verklären „Gerade beim Thema Gleichberechtigung war früher vieles deutlich schlimmer: der Umgang mit Ausländern, mit Homosexuellen, mit Frauen. Und das ist alles noch gar nicht so lange her“.

Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaf ... 56453.html



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Jörn P Budesheim
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So 12. Apr 2026, 14:54

Die Redewendung „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" gibt es, nach meinem Gefühl, schon immer. Heute jedoch hat man deutlich mehr Möglichkeiten, das, was man meint, öffentlich zu machen – dank Internet. Und entsprechend steigt natürlich die Chance, dafür einstehen zu müssen.

Bei Leuten wie Kalkofe kann es dabei durchaus auch mal zu einem Shitstorm kommen. Ich selbst bin auch schon bei sogenannten Triggerthemen übel beschimpft worden. Als Einschränkung meiner Meinungsfreiheit erlebe ich das nicht, sondern eher als Verrohung im Diskursraum. Wobei ich sagen muss, dass es in meiner eigenen Social-Media-Blase in aller Regel überwiegend geistreichen und anregenden Austausch gibt.

Wichtig: Unsere Freiheit zu sagen, was wir denken, dürfte in der Geschichte Deutschlands kaum jemals so groß gewesen sein wie heute.



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Timberlake
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So 12. Apr 2026, 15:55

Wichtig: Eine Freiheit zu sagen, was wir denken, setzt eine Gesellschaft voraus, deren Fundament so stabil ist, dass sie diese Freiheit auch aushält und wodurch wird ein solches Fundament stabil?
bpb.de hat geschrieben :
Der Marxismus zwischen Ideologie und Wissenschaft

Dialektisches Denken als methodisches Prinzip der Philosophie

Ein anderer Gesichtspunkt von Hegels Philosophie methodischer Art wurde demgegenüber von Marx und Engels für ihre Theorie übernommen: das Prinzip der Dialektik. Darunter kann allgemein so viel wie das Denken in Gegensätzen verstanden werden. Im Unterschied zu weit verbreiteten Auffassungen besteht die Welt nicht aus abgeschlossenen und fertigen Dingen und Sachverhalten. Auch verlaufen Entwicklungen nicht eindimensional und gradlinig. Vielmehr muss von einem ständigen Prozess der Auseinandersetzung und des Wandels ausgegangen werden. Die Dialektik ist in dieser Perspektive "die Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Menschengesellschaft und des Denkens" (MEW, Bd. 20, S. 131f.). Hierbei treffen ständig Gegensätze aufeinander, welche miteinander in einer höheren Einheit verschmelzen sollen. Nach Hegel folgt einer These eine Antithese, welche beide in einer Synthese münden, woraus sich dann wieder eine These mit Antithese und weiterer Synthese als ständigem Prozess der Erneuerung bildet.
Antwort!

Weil die Welt nicht aus abgeschlossenen und fertigen Dingen und Sachverhalten besteht, indem eine Gesellschaft es zulässt in Gegensätzen zu denken.

Gegensätze, die man als solches auszuhalten hat. Insbesondere, wenn einem das nicht passt. Ist dieses nicht passen, meiner Ansicht nach, ein Indiz dafür, dass sein Gegenüber, zu betreffenden Dingen und Sachverhalten, ggf mehr zu überzeugen weiß. Mit der Folge, wenn dieser nicht mehr sagen darf, was er denkt, es nun mehr nicht zu jenem Wandeln, bei den betreffenden Dingen und Sachverhalten kommen kann, der eigentlich zum Erhalt des stabilen Fundaments der Gesellschaft erforderlich wäre.

Beispiel
kas.de hat geschrieben :
Schein und Wahrheit

Es war ein Leben hinter der Mauer, das uns nicht nur im Handeln, sondern auch im Denken beschränkte. Warum haben so viele Menschen die auch in der DDR-Verfassung formulierten Rechte nicht oder nur selten eingefordert? 1953 hatten sie es mit einem Aufstand versucht, der von Panzern brutal niedergerollt worden war. 1989 gelang es dann mutigen Bürgerinnen und Bürgern, das System endlich zu stürzen. Vierzig Jahre hatte es Bestand gehabt.
Freie Wahlen, freie Presse, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Versammlungsfreiheit, Post- und Briefgeheimnis et cetera – all das war in der Verfassung der DDR garantiert und doch nur hohle Phrase. Es galt nur, wenn es im vorgeschriebenen Sinne der herrschenden Partei diente. Wer sich anders artikulierte oder die Partei infrage stellte, galt als Feind der „sozialistischen Demokratie“ und musste „bekämpft“ werden.
Somit das Eine , also die Gewährleistung der Meinungsdreiheit durch ein stabiles Fundament, dass Andere , ein stabiles Fundament der Gessellschaft durch die Gewährleistung der Meinungsdreiheit, meiner Meing nach, einander bedingen.





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Jörn P Budesheim
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Mo 13. Apr 2026, 11:40

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Jörn P Budesheim
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Mo 13. Apr 2026, 12:57

Wenn man etwas recherchiert, findet man u. a. folgende Erklärungen für das unberechtigte Gefühl, nicht mehr sagen zu dürfen, was man denkt:
  1. Verwechslung von Widerspruch mit Zensur
  2. Wer sich mit einer Meinung in der Minderheit wähnt, schweigt aus Sorge vor sozialer Isolation
  3. Kalkulierte Tabubrüche (meist von rechts außen) mit anschließender Selbstinszenierung als Opfer
  4. Reaktanz – moralische Apelle (zu Gendern/Veganismus/Rassismus/…) werden zu sog. Sprechverboten umgedeutet, auf die Menschen reaktant reagieren (jetzt erst recht)
  5. Veränderungsmüdigkeit unterstützt Punkt 4, dauernde Änderungen können auch zu dem Gefühl von "Identitätsverlust"
  6. Filterblasen - man bewegt sich online nur da, wo die eigene Meinung bestätigt wird ... und die breitere Öffentlichkeit wird dann als Schock erlebt
  7. Wissenschaftliche Fakten in den Medien werden als „Systemmeinung“ der „Mainstream-Medien“ abgelehnt, das entsprechende Fehlen der eigenen Sicht als Zensur missverstanden.
  8. ...



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Dynamis
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Mo 13. Apr 2026, 15:11

Die Aussage "Man darf nicht mehr sagen, was man denkt" enthält eigentlich zwei Aussagen:
- Man darf nicht sagen, was man denkt.
- Früher war das besser.

Die zweite Aussage ist natürlich falsch. Nostalgische Verklärung der Vergangenheit ist meistens keine so gute Idee. Die erste Aussage betrachte ich aber differenzierter. Natürlich kann man sozial geächtet werden, wenn man die "falschen" Dinge sagt. Auch wenn man formaljuristisch frei ist diese Dinge zu sagen, heißt das nicht, dass man sie sagen "darf".




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Jörn P Budesheim
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Mo 13. Apr 2026, 16:36

Dynamis hat geschrieben :
Mo 13. Apr 2026, 15:11
Die erste Aussage betrachte ich aber differenzierter.
Wieso ist dieser eine Aspekt differenzierter als die sieben Aspekte in der offenen Aufzählung oben, die ja bewusst so angelegt ist, dass man sie erweitern kann?



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Dynamis
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Mo 13. Apr 2026, 17:10

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 13. Apr 2026, 16:36
Dynamis hat geschrieben :
Mo 13. Apr 2026, 15:11
Die erste Aussage betrachte ich aber differenzierter.
Wieso ist dieser eine Aspekt differenzierter als die sieben Aspekte in der offenen Aufzählung oben, die ja bewusst so angelegt ist, dass man sie erweitern kann?
Weil die offene Aufzählung "das unberechtigte Gefühl, nicht mehr sagen zu dürfen, was man denkt" thematisiert. Und da habe ich mir eben erlaubt dieses "unberechtigte Gefühl" noch ein bisschen differenzierter zu betrachten und in die beiden von mir genannten Aussagen zu zerlegen.

Diese Differenzierung halte ich auch für notwendig, um bestehende Machtverhältnisse kritisieren zu können. Du selbst hast eine "Verrohung im Diskursraum" beklagt. Nun, manche Leute haben ein dickes Fell und halten diese Verrohung problemlos aus (und verrohen dabei vielleicht selbst), andere Menschen, die psychisch angreifbarer sind, werden aus dem Diskursraum gedrängt.




Timberlake
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So 19. Apr 2026, 02:02

Dynamis hat geschrieben :
Mo 13. Apr 2026, 15:11
Die Aussage "Man darf nicht mehr sagen, was man denkt" enthält eigentlich zwei Aussagen:
- Man darf nicht sagen, was man denkt.
- Früher war das besser.

Die zweite Aussage ist natürlich falsch. Nostalgische Verklärung der Vergangenheit ist meistens keine so gute Idee. Die erste Aussage betrachte ich aber differenzierter. Natürlich kann man sozial geächtet werden, wenn man die "falschen" Dinge sagt. Auch wenn man formaljuristisch frei ist diese Dinge zu sagen, heißt das nicht, dass man sie sagen "darf".
Du sagst es, man ... KANN! ... sozial geächtet werden, wenn man die "falschen" Dinge sagt.
Dynamis hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 21:31
Ein Dissens wird erst dann ausgelöst, wenn man feststellt, dass verschiedene Positionen nicht miteinander kompatibel sind. Beispiel: X ist Klimawandelleugner, Y ist Klimawissenschaftler. Warum sind beide Positionen nicht miteinander kompatibel? Weil beide Personen Wahrheit für ihre jeweilige Position beanspruchen, aber weil beide Positionen nicht gleichzeitig wahr sein können. Der Klimawandelleugner leugnet, dass der Klimawandel menschliche Ursachen hat, der Klimawissenschaftler macht die CO2-Emissionen, die aus dem Verbrauch fossiler Energien resultieren, und weitere Treibhausgase menschlichen Ursprungs (Methan, Lachgas) für den Klimawandel verantwortlich. Mindestens einer der beiden muss sich also irren. So etwas meine ich, wenn ich von einem "Dissens" spreche.
Wie man z. B. sozial geächtet werden kann, wenn man den menschengemachten Klimawandel leugnet. Das darf man übrigens auch sagen , wenn man das denkt. Zumal eine soziale Ächtung, wenn das sagt, mitunter eben nicht stattfindet.
tagesschau.de hat geschrieben :
Trumps Rede voller Falschbehauptungen bei UN-Vollversammlung
US-Präsident Trump hat seine Redezeit bei der UN-Vollversammlung deutlich überzogen - und dabei viele Falschbehauptungen aufgestellt. So sprach er mit Blick auf den Klimawandel unter anderem von "Schwindel" und "Betrug".

Wo würde auch Trump von seinen Anhängern für diese Falschmeldung sozial geächtet werden. Ganz im Gegenteil.
Dynamis hat geschrieben :
Mi 15. Apr 2026, 18:20
Die "Zuchtrute" ist ein bildhafter Ausdruck dafür, dass Menschen der Anleitung und Anweisung bedürfen, damit sie in ihrem Denken überhaupt den Punkt erreichen, ab dem sie selbstständig denken können.
Ob man bei diesen Anhängern, in dem man so was nicht sagen darf, mit einer "Zuchtrute" weiter- und so den Falschbehauptungen von Trump beikommt, würde ich allerdings bezweifeln wollen. Ganz im Gegenteil.




Timberlake
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So 19. Apr 2026, 03:05

Dazu eine Anmerkung von Harald Lesch ..





Burkart
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So 19. Apr 2026, 12:36

Timberlake hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 02:02
Dynamis hat geschrieben :
Mo 13. Apr 2026, 15:11
Die Aussage "Man darf nicht mehr sagen, was man denkt" enthält eigentlich zwei Aussagen:
- Man darf nicht sagen, was man denkt.
- Früher war das besser.

Die zweite Aussage ist natürlich falsch. Nostalgische Verklärung der Vergangenheit ist meistens keine so gute Idee. Die erste Aussage betrachte ich aber differenzierter. Natürlich kann man sozial geächtet werden, wenn man die "falschen" Dinge sagt. Auch wenn man formaljuristisch frei ist diese Dinge zu sagen, heißt das nicht, dass man sie sagen "darf".
Du sagst es, man ... KANN! ... sozial geächtet werden, wenn man die "falschen" Dinge sagt.
Was willst du mit dem "KANN!" sagen?
Viele Menschen wollen einfach nicht sozial geächtet werden oder sich diesem Risiko aussetzen, weshalb sie eben nicht mehr alles sagen (wie ich z.B.).



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Timberlake
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So 19. Apr 2026, 15:33

Ganz einfach ....


Übersicht mit KI
Der Konjunktiv (Möglichkeitsform) ist ein Modus des Verbs in der deutschen Sprache, der Wunschvorstellungen, Irreales, Möglichkeiten oder indirekte Rede ausdrückt.

.. DAS! .. möchte ich mit dem "KANN!" sagen.
Burkart hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 12:36
Viele Menschen wollen einfach nicht sozial geächtet werden oder sich diesem Risiko aussetzen, weshalb sie eben nicht mehr alles sagen (wie ich z.B.).

Dazu vielleicht diesbezüglich ergänzend ....

"Im Reklamecharakter der Kultur geht deren Differenz vom praktischen Leben unter. Der ästhetische Schein wird zum Glanz, den Reklame an die Waren zediert, die ihn absorbieren; jenes Moment der Selbständigkeit jedoch, das Philosophie eben unterm ästhetischen Schein begriff, wird verloren."
Theodor W. Adorno / Max Horkheimer - Dialektik der Aufklärung


Um nicht selbst daraufhin geächtet zu werden, lasse ich das mal besser unkommentiert so stehen. Möge sich ein jeder selbst einen Reim darauf machen, inwiefern das mit dem zu tun hat, warum man eben nicht mehr alles sagen kann, was man denkt, wie z.B. Burkart und wie übrigens auch ich.




Dynamis
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So 19. Apr 2026, 16:51

Timberlake hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 15:33
Um nicht selbst daraufhin geächtet zu werden, lasse ich das mal besser unkommentiert so stehen. Möge sich ein jeder selbst einen Reim darauf machen, inwiefern das mit dem zu tun hat, warum man eben nicht mehr alles sagen kann, was man denkt, wie z.B. Burkart und wie übrigens auch ich.
Wie ich schon vorhin sagte, der rot markierten Formulierung widerspreche ich. Früher wurde man eben für andere Dinge geächtet. Vor einiger Zeit war in Europa das Christentum die herrschende Ideologie, was meinst du, wie da über den Atheismus hergezogen wurde?

Den Zusammenhang zu dem Adorno-Zitat verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Da geht es m.E. um ein anderes Problem als das der sozialen Ächtung, nämlich den "Reklamecharakter der Kultur". Dadurch verschwindet die "Differenz vom praktischen Leben". Weil diese Differenz verschwindet, wird das Denken einseitig. Die Einseitigkeit besteht darin, dass alles nur noch unter pragmatischen Gesichtspunkten beurteilt wird. Somit gehen andere Gesichtspunkte verloren, z.B. ästhetische oder philosophische. Das ist weniger ein Fall von "Man darf nicht sagen, was man denkt", sondern eher eine Phantasielosigkeit des Denkens. Meines Erachtens sehr schön bei Netflix zu beobachten. Früher waren durchaus einige innovative Formate dabei, aber inzwischen ist da alles derselbe Einheitsbrei.




Timberlake
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Mo 20. Apr 2026, 03:50

Den Zusammenhang zu dem Adorno-Zitat verstehe ich ehrlich gesagt, nach dem von dir dazu gesagten, nun auch nicht mehr.

So wie von mir zuvor der "Reklamecharakter der Kultur" so begriffen wurde, dass dadurch eine Differenz zum praktischen Leben entsteht. Wenn man nun mehr meint, so zu denken, also wie das praktische Leben so spielt, dass man das dann vor dem Hintergrund dieser Reklame eben nicht mehr sagen darf. Möglicherweise lag das ja daran, dass mir als gelernte DDR-Bürger, weil man eben deshalb dort nicht sagen durfte, was man denkt, ein solcher Reklamecharakter der Kultur nur allzu bekannt war. Dass das praktische Leben im real existierenden Sozialismus so ganz nicht gar nicht dem entsprach, was an Reklame dazu in den DDR-Medien verbreitet wurde. Beim Klassenfeind in der BRD lebte es sich jedenfalls praktisch wesentlich besser. Wovon man sich in der DDR, über das s.g. Westfernsehen, selbst überzeugen konnte. Da musste man nicht 15 Jahre auf ein Auto warten. Wie auch sonst von einer Mangelwirtschaft, wie in DDR, keine Rede sein konnte. Ganz im Gegenteil.

Wo nun mehr die DDR Geschichte ist, glücklicherweise darf ich das jetzt sagen, was ich damals in der DDR nur über das praktische dort denken durfte. So das ich mich schon frage, ob denn auch erst die heutige BRD, mit ihrem Reklamecharakter der Kultur, Geschichte werden muss, um sagen zu dürfen, was man heute über das praktische Leben in dieser Kultur denkt.

Auch wenn ehrlich gesagt kein Zusammenhang zu dem Adorno-Zitat besteht, gibt es den von dir auch Einwände, zu den von mir hier beschriebene Zusammenhängen jenseits davon? Ehrlich gesagt!




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Jörn P Budesheim
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Di 21. Apr 2026, 18:27

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 12. Apr 2026, 14:54
Wichtig: Unsere Freiheit zu sagen, was wir denken, dürfte in der Geschichte Deutschlands kaum jemals so groß gewesen sein wie heute.
Man könnte allerdings sagen, dass der Angriff unseres Kulturstaatsministers Weimer auf die Autonomie des Buchhandlungspreises auch als Angriff auf die Meinungsfreiheit gelesen werden kann (darüber lässt sich streiten). Ich befürchte, dass es solche tatsächlichen Angriffe auf die Meinungsfreiheit leider auch in Deutschland gibt – dafür müsste man allerdings konkrete Beispiele benennen (etwa die Frage nach möglicherweise unverhältnismäßigen Sanktionen gegen Mitglieder der „Letzten Generation“?*).

Solche Einschränkungen – sofern es sie tatsächlich gibt, was ich befürchte – sollte man meines Erachtens strikt unterscheiden von der weitgehend eingebildeten Gefährdung der Meinungsfreiheit, um die es in dem Themenfeld („man darf nicht mehr sagen, was man will“) meist geht.

Genau darin sehe ich im Übrigen ein ernstes Problem: Der Begriff der Meinungsfreiheit leidet selbst unter seiner inflationären und – wie ich finde – häufig falschen Verwendung. Erstens wird er unpräzise und zweitens wird dadurch - von interessierter Seite ganz bewusst - ein Klima geschaffen, das nicht unbedingt die Demokratie fördert, gelinde gesagt.

* Ich weiß nicht, ob das zutrifft, ich habe es nicht recherchiert, ich kenne es nur vom Hörensagen.



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Di 21. Apr 2026, 19:25

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 21. Apr 2026, 18:27
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 12. Apr 2026, 14:54
Wichtig: Unsere Freiheit zu sagen, was wir denken, dürfte in der Geschichte Deutschlands kaum jemals so groß gewesen sein wie heute.
Man könnte allerdings sagen, dass der Angriff unseres Kulturstaatsministers Weimer auf die Autonomie des Buchhandlungspreises auch als Angriff auf die Meinungsfreiheit gelesen werden kann (darüber lässt sich streiten).
Aus meiner Sicht ist diese Aktion von Herrn Weimer kein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Das zeigt allerdings nur, wie unbrauchbar dieser Begriff der Meinungsfreiheit ist, wenn es darum geht Dinge zu kritisieren. Warum ist es kein Angriff auf die Meinungsfreiheit? Die Meinungsfreiheit ist, wie die meisten Grundrechte, ein negatives Abwehrrecht. Im Grundgesetz heißt es: "Eine Zensur findet nicht statt". Das zeigt schon, worauf die Meinungsfreiheit zielt: Niemand soll daran gehindert werden sich zu informieren und seine Meinung darzulegen. Für mich ist es nun einmal nicht ersichtlich, wie die Nichtverleihung eines Buchpreises als Zensur aufgefasst werden könnte. Die Buchhandlungen können ja weiter ihre Bücher verkaufen. Marketingmäßig profitieren die betroffenen Buchhandlungen sogar von der Aufregung um die ganze Angelegenheit, da dies ihren Bekanntheitsgrad steigert.

Die Aktion von Herrn Weimer kann kritisiert werden. Ich bin nur der Ansicht, dass die Berufung auf die Meinungsfreiheit dafür der falsche Ansatz ist.
Jörn hat geschrieben : Ich befürchte, dass es solche tatsächlichen Angriffe auf die Meinungsfreiheit leider auch in Deutschland gibt – dafür müsste man allerdings konkrete Beispiele benennen (etwa die Frage nach möglicherweise unverhältnismäßigen Sanktionen gegen Mitglieder der „Letzten Generation“?*).
Da sehe ich tatsächlich Verletzungen der Grundrechte, allerdings nicht im Bereich der Meinungsfreiheit, sondern im Bereich des Schutzes der körperlichen Unversehrtheit. In diesem Bilderalbum sieht man - siehe die ersten Fotos -, wie ein Polizist einen Mitarbeiter des Hotels Adlon - der also nicht einmal ein Klimaaktivist war! - mit voller Wucht gegen einen Zaun schleudert.




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