Was heißt Populismus?

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Jörn P Budesheim
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Mo 6. Apr 2026, 10:14

Trotz aller Einwände würde ich vorschlagen, dass ein solches Buch Eingang in den Schulunterricht finden müsste – inklusive der Einwände! Das Ziel wäre, dass die ganze Nation lacht, wenn eine:r der Populist:innen eines ihrer „Argumente” bringt. Das wäre schon viel wert. Natürlich müssten auch die anderen Muster viel intensiver gelehrt werden.

Im Allgemeinen bin ich der Ansicht, dass Philosophie in der Schule als Hauptfach gelehrt werden müsste. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Bildung einer der wichtigsten Schlüssel zu sehr vielen Problemen ist. Außerdem denke ich, dass allgemeiner Wohlstand mindestens genauso wichtig ist.



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Dynamis
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Mo 6. Apr 2026, 11:36

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 09:52
Ein Problem sehe ich darin, dass wir ja doch die Motive (sowohl der Populisten als auch ihrer Follower) verstehen müssten! Und die Motivlage können wir doch nicht aus der Struktur der Fehlschlüsse erschließen, oder?
Diese Frage überschneidet sich m.E. mit der Diskussion, die wir neulich über Handlungsgründe geführt hatten. Daher meine Wiederholung dazu:
Dynamis hat geschrieben :
Do 26. Mär 2026, 16:24
Hans sitzt im Wohnzimmer, im Haus brennt es, er rennt nicht davon. Das verstehen wir nicht. Menschen fliehen doch normalerweise, wenn sie in großer Gefahr sind. Warum tut es Hans dann also nicht?

Hans sitzt im Wohnzimmer, im Haus brennt es, er rennt nicht davon, weil er davon nichts mitbekommen hat. Nicht merkwürdig, sondern nachvollziehbar. Wir verstehen jetzt, warum er nicht flieht.

Genau deswegen ist der von dir unterstrichene Teil eine Erklärung für ein Verhalten, das uns erklärungsbedürftig erscheint. So etwas bezeichne ich als einen "Grund".
Was du als "Motivlage" bezeichnest, bezeichne ich als Grund. Zorn würde meine Bezeichnungsweise vermutlich eher nicht akzeptieren und definiert den Begriff des Grundes so:
Daniel-Pascal Zorn hat geschrieben : Ein Grund gibt an, warum alle anderen einer Behauptung zustimmen sollen. Die Angabe einer Ursache kann ein Grund sein, aber die Angabe eines Grundes ist nie eine Ursache. Die Ursache betrifft das Gegebene und das Faktische, der Grund betrifft die Geltung. In dieser Hinsicht sind Logik und Psychologie klar voneinander zu trennen. [Kursivsetzung im Original]
Zorn trennt das Faktische und die Geltung bzw. die psychologische und die logische Ebene. Deswegen beantwortet er deine Frage nach der Motivlage nicht.

Ich definiere, wie gesagt, den Begriff des Grundes anders, deswegen sehe ich die psychologische Ebene und die logische Ebene miteinander als verschränkt an und deine Frage als berechtigt. Meine Position kann ich herleiten, indem ich die Position von Zorn modifiziere. Gründe haben nämlich für den Handelnden Geltung. Er beansprucht vielleicht gar nicht, dass sie für alle anderen Menschen Geltung haben.

Der Populist beansprucht nun, dass seine Gründe nicht nur für ihn, sondern auch für andere gelten. Warum tut er das? Wenn wir mal annehmen, dass der Populist kein Lügner ist, könnte eine wohlwollende Interpretation die folgende sein: Er differenziert einfach nicht genug. Obwohl seine Gründe nur für ihn Geltung haben, denkt er fälschlicherweise, dass sie für alle anderen auch Geltung haben. Es könnte ja sein, dass er tatsächlich glaubt, dass er sich in der Mehrheitsposition befindet und seine Position durch die Mehrheit als legitimiert sieht. Verstärkt wird diese Illusion m.E. durch einen implizit vertretenen Kollektivismus, wo ein kollektives "Wir" konstruiert wird, als dessen Stellvertreter oder Bestandteil man sich sieht.




Dynamis
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Mo 6. Apr 2026, 11:57

Gerade habe ich einen Artikel gelesen, wo Schüler Auskunft geben, warum sie die AfD gewählt haben. Als Gründe werden genannt:
  • Wunsch nach Veränderung
  • Fehlende Infrastruktur im ländlichen Raum (was den Wunsch nach Veränderung impliziert)
  • Die Partei sorgt dafür, »dass am Ende des Tages von meinem Geld noch ein bisschen was für mich übrig bleibt«.
  • Migranten, die »kriminelle Sachen« machten und andere Menschen »mit einem Messer bedrohen«
Und daneben auch noch eine deutlich zum Ausdruck gebrachte kollektivistische Weltanschauung:
  • "Deutschland solle mehr auf sich selbst schauen, statt Millionen von Euro in andere Länder zu schicken, findet er. Als Beispiel nennt er die Ukraine."
  • "Sie seien einfach enttäuscht von den anderen Parteien und speziell der Regierung. Die seien »doch alle gegen uns«, sagt eine Schülerin."
(Quelle: https://www.spiegel.de/politik/deutschl ... d3dc2d7f00)




Philoxander
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Mo 6. Apr 2026, 12:40

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 10:14
Im Allgemeinen bin ich der Ansicht, dass Philosophie in der Schule als Hauptfach gelehrt werden müsste.
Ich bin mir ziemlich sicher, das Bildung einer der wichtigsten Schlüssel zu sehr vielen Problemen ist.
Autor unbekannt
"You can lead a human to knowledge, but you can't make him think."
"Die Menschen akzeptieren keine intellektuelle Mission, die über ihre eigene Existenz hinausführt."




Dynamis
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Mo 6. Apr 2026, 18:30

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 10:14
Ich bin mir ziemlich sicher, das Bildung einer der wichtigsten Schlüssel zu sehr vielen Problemen ist.
Das ist jetzt etwas Off-Topic, aber mir fällt hierzu dieses Gedicht von Bertolt Brecht ein:

Lob des Lernens

Lerne das Einfachste! Für die

Deren Zeit gekommen ist

Ist es nie zu spät!

Lerne das Abc, es genügt nicht, aber

Lerne es! Laß es dich nicht verdrießen!

Fang an! Du mußt alles wissen!

Du mußt die Führung übernehmen .



Lerne, Mann im Asyl!

Lerne, Mann im Gefängnis!

Lerne, Frau in der Küche!

Lerne, Sechzigjährige!

Du mußt die Führung übernehmen.

Suche die Schule auf, Obdachloser !

Verschaffe dir Wissen, Frierender!

Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe.

Du mußt die Führung übernehmen.



Scheue dich nicht zu fragen, Genosse !

Laß dir nichts einreden

Sieh selber nach!

Was du nicht selber weißt

Weißt du nicht.

Prüfe die Rechnung

Du mußt sie bezahlen.

Lege den Finger auf jeden Posten

Frage: Wie kommt er hierher?

Du mußt die Führung übernehmen.

Meine Interpretation: Bertolt Brecht betont sowohl die Notwendigkeit von Bildung ("Lerne das abs") als auch die geistige Beweglichkeit ("Fang an!") als auch die praktische Kompetenz ("Du mußt die Führung übernehmen.").

Brecht wartet nicht darauf, dass das Bildungssystem reformiert wird. Er regt die Angehörigen marginalisierter Gruppen lieber direkt zum Lernen an ("Lerne, Mann im Asyl!", "Lerne, Mann im Gefängnis!" usw.).




Burkart
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Mo 6. Apr 2026, 19:37

Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 18:30
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 10:14
Ich bin mir ziemlich sicher, das Bildung einer der wichtigsten Schlüssel zu sehr vielen Problemen ist.
Meine Interpretation: Bertolt Brecht betont sowohl die Notwendigkeit von Bildung ("Lerne das abs") als auch die geistige Beweglichkeit ("Fang an!") als auch die praktische Kompetenz ("Du mußt die Führung übernehmen.").

Brecht wartet nicht darauf, dass das Bildungssystem reformiert wird. Er regt die Angehörigen marginalisierter Gruppen lieber direkt zum Lernen an ("Lerne, Mann im Asyl!", "Lerne, Mann im Gefängnis!" usw.).
Ja, lernen kann jeder Mensch grundsätzlich nur selbst und für sich. Nur gerade jüngere Menschen erkennen u.U. noch nicht den Sinn darin. Auch sollen sie es ja gezielt vor allem in der Organisation Schule für etliche Jahre, sodass ein vernünftiges Schul- und Bildungssystem auch eine wichtige Rolle spielt, z.B. wenn Eltern nicht zum Lernen motivieren können.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Dynamis
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Mo 6. Apr 2026, 20:02

Und bis ein "vernünftiges Schul- und Bildungssystem" eingerichtet ist, müssen wir uns wohl oder übel selber behelfen... zum Beispiel, indem wir diese Gruppe für unsere philosophische Bildung nutzen.




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Consul
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Mo 6. Apr 2026, 22:04

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 08:04
Ich habe gerade bei Facebook einen entsprechenden Beitrag gesehen: Da schreibt jemand zur Frage, ob Tempo 130 eingeführt werden soll, sinngemäß: „Wir wollen das nicht.“ Und er ergänzt: „Wir wollen Meinungsfreiheit statt Ideologie.“
Diese Person gebraucht das Wort "Ideologie" offensichtlich in einem pejorativen Sinn und nicht im deskriptiven Sinn der Politikwissenschaft. Sie will in Sachen Tempolimit keine staatliche Einmischung und Bevormundung, übersieht dabei aber, dass ihr diesbezügliches libertäres Denken ("Freie Fahrt für freie Bürger!") selbst (im deskriptiven Sinn) ideologischer Natur ist und von ihr dogmatisch verteidigt wird.
"[D]ie Verwendung von „Ideologie“ als Schimpfwort [nimmt] verschiedene Formen [an].

* Erstens wird „Ideologie“ verwendet, um sich auf Ideen und Strategien zu beziehen, die „gescheitert“ oder „bankrott“ sind.
* Zweitens wird „Ideologie“ mit Fundamentalismus oder Dogma gleichgesetzt, Begriffe, die als eine Überzeugung verstanden werden können, die eine Person für wahr hält, unabhängig davon, ob es dafür Beweise gibt. Dies führt zur Kritik an Strategien, die auf Ideologie („ideologisch motiviert“) basieren, anstatt auf Beweisen dafür, was zu erfolgreichen Ergebnissen führt oder unter den gegenwärtigen Umständen notwendig ist.
* Drittens wird „Ideologie“ verwendet, um sich auf Ideen zu beziehen, die als „pervers“, „hasserfüllt“ oder extremistisch charakterisiert werden.

In anderen Fällen wird Ideologie als ungesund oder pathologisch angesehen – als etwas, von dem Menschen „besessen“ oder „infiziert“ werden. Die Verwendung von „Ideologie“ als Schimpfwort oder Beleidigung gegenüber anderen Menschen ist ebenfalls ein Aspekt konservativen Denkens." [übersetzt von Google]

(Wetherly, Paul, ed. Political Ideologies. Oxford: Oxford University Press, 2017. p. 3)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Burkart
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Mo 6. Apr 2026, 22:08

Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 20:02
Und bis ein "vernünftiges Schul- und Bildungssystem" eingerichtet ist, müssen wir uns wohl oder übel selber behelfen... zum Beispiel, indem wir diese Gruppe für unsere philosophische Bildung nutzen.
...am besten auch noch anderen helfen, ich gebe seit Kurzem wieder Mathe-Nachhilfe...



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Mo 6. Apr 2026, 22:41

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 09:12
Bullshitting und Lügen sind ein wesentlicher Teil des Populismus nach meiner Einschätzung. Aber beides sind doch keine Fehlschlüsse, oder?
Nein. "Antifaktismus" ist Teil des Populismus, z.B. die Leugnung der Tatsache des menschengemachten Klimawandels.
Der Begriff „Antifaktismus“ (oder auch Antifaktualismus) beschreibt eine Haltung oder Weltanschauung, die Fakten, wissenschaftliche Erkenntnisse oder belegbare Wahrheiten ablehnt oder ignoriert. Er wird oft im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen verwendet, in denen Emotionen, Ideologien oder „gefühlte Wahrheiten“ über objektive Daten gestellt werden.
Hier sind die zentralen Merkmale:
* Ablehnung von Evidenz: Gesicherte Informationen (z. B. aus der Wissenschaft) werden als bloße Meinung oder Teil einer Verschwörung abgetan.
* Postfaktisches Zeitalter: Der Begriff ist eng mit dem Phänomen des „postfaktischen“ Diskurses verwandt, bei dem es weniger um die Wahrheit geht als darum, welche Geschichte die stärksten Emotionen auslöst.
* Alternative Fakten: Bekannt wurde diese Denkweise verstärkt durch den Begriff der „alternativen Fakten“, bei dem nachgewiesene Lügen als gleichberechtigte Versionen der Realität dargestellt werden.
* Einsatz in der Politik: Antifaktismus dient oft dazu, die Glaubwürdigkeit von Institutionen (Medien, Gerichte, Universitäten) zu untergraben, um die eigene Anhängerschaft ideologisch zu binden.

Quelle: Google KI



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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Jörn P Budesheim
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Di 7. Apr 2026, 07:29

Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 18:30
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 10:14
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Bildung einer der wichtigsten Schlüssel zu sehr vielen Problemen ist.
Das ist jetzt etwas Off-Topic, aber mir fällt hierzu dieses Gedicht von Bertolt Brecht ein:

Lob des Lernens

Lerne das Einfachste! Für die

Deren Zeit gekommen ist

Ist es nie zu spät!

Lerne das Abc, es genügt nicht, aber

Lerne es! ...
Auch etwas Off-Topic: In dem Gedicht von Brecht, das fast 100 Jahre auf dem Buckel hat, wird der Ausdruck "Lernen" angesprochen, nicht der Ausdruck "Bildung". Brecht empfiehlt Bücher, weil sie Waffen sind. Ist sein eigenes Gedicht eine Waffe? Warum muss es dazu als Gedicht auftreten? Sind alle Gedichte Waffen? ...



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Jörn P Budesheim
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Di 7. Apr 2026, 07:38

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 09:52
Ein Problem sehe ich darin, dass wir ja doch die Motive (sowohl der Populisten als auch ihrer Follower) verstehen müssten! Und die Motivlage können wir doch nicht aus der Struktur der Fehlschlüsse erschließen, oder?
Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 11:57
Gerade habe ich einen Artikel gelesen, wo Schüler Auskunft geben, warum sie die AfD gewählt haben. Als Gründe werden genannt:
...
Der Ausdruck „Motivlage" von mir war nicht präzise genug. Ich denke dabei eher an etwas Psychologisches/Soziologisches oder wie auch immer man es nennen sollte. Also das, was die Leute wirklich antreibt, AfD zu wählen, und nicht ausschließlich (aber natürlich auch) das, was sie selbst als ihre eigenen Motive sehen und angeben.



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Dynamis
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Di 7. Apr 2026, 10:47

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 7. Apr 2026, 07:29
Auch etwas Off-Topic: In dem Gedicht von Brecht, das fast 100 Jahre auf dem Buckel hat, wird der Ausdruck "Lernen" angesprochen, nicht der Ausdruck "Bildung".
Interessante Beobachtung. Ich hatte unbewusst beide Ausdrücke gleichgesetzt, aber da ist tatsächlich ein Unterschied. Bildung ist etwas, was sich häufig in Institutionen abspielt. Es gibt ein Bildungssystem. Dementsprechend richten sich politische Forderungen (wie z.B. deine Forderung, dass man Philosophie an den Schulen zum Pflichtfach machen sollte) darauf, dass diese Institutionen in einer bestimmten Weise eingerichtet werden. Brechts Gedicht ist auch politisch, aber er nimmt von solchen Forderungen Abstand und adressiert stattdessen direkt den unterdrückten Menschen.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 7. Apr 2026, 07:29
Brecht empfiehlt Bücher, weil sie Waffen sind. Ist sein eigenes Gedicht eine Waffe? Warum muss es dazu als Gedicht auftreten? Sind alle Gedichte Waffen? ...
Gedichte sind Wörter. Wörter sind "Waffen" im Sinne von "Die Feder ist mächtiger als das Schwert." Sicherlich sind nicht alle Gedichte in diesem Sinne Waffen. Der Begriff "Waffe" suggeriert Selbstwirksamkeit. Wer eine Waffe hat, ist nicht schutzlos ausgesetzt, sondern kann sich verteidigen. Brechts Gedicht führt zu einer m.E. auch heute noch aktuellen Einsicht: Wenn man an Politiker appelliert, dass diese das Bildungssystem verändern mögen, begibt man sich automatisch in eine Position der Ohnmacht. Die Politiker können diese Appelle erhören, vielleicht tun sie das, vielleicht aber auch nicht. Sobald die Falschen gewählt werden, die unter "Bildung" verstehen, dass jeden Morgen um 8 Uhr in der Schule die Nationalhymne gesungen wird, hat man Pech gehabt. Wenn man das Lernen als Waffe versteht, versteht man sich dagegen als jemand, der selbst unter widrigen Umständen noch selbstwirksam sein Wissen einsetzen kann ("Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe.").




Dynamis
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Di 7. Apr 2026, 11:07

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 7. Apr 2026, 07:38
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 09:52
Ein Problem sehe ich darin, dass wir ja doch die Motive (sowohl der Populisten als auch ihrer Follower) verstehen müssten! Und die Motivlage können wir doch nicht aus der Struktur der Fehlschlüsse erschließen, oder?
Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 11:57
Gerade habe ich einen Artikel gelesen, wo Schüler Auskunft geben, warum sie die AfD gewählt haben. Als Gründe werden genannt:
...
Der Ausdruck „Motivlage" von mir war nicht präzise genug. Ich denke dabei eher an etwas Psychologisches/Soziologisches oder wie auch immer man es nennen sollte. Also das, was die Leute wirklich antreibt, AfD zu wählen, und nicht ausschließlich (aber natürlich auch) das, was sie selbst als ihre eigenen Motive sehen und angeben.
Brecht weist mit seiner Forderung "Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe." auf einen interessanten Punkt hin: Auch psychologisch starke Motive determinieren nicht unser Verhalten. Wer Hunger hat, kann sich trotzdem entscheiden in einen Hungerstreik zu gehen.

Wenn man menschliches Verhalten erklären möchte, muss man daher m.E. beide Faktoren berücksichtigen: Das, was die Menschen als dringendes Problem empfinden, und wie sie damit umgehen.

Wenn man sich die Antworten der Schüler ansieht, stellt man zwei Dinge fest: Erstens: Sie haben (sei es bloß subjektiv wahrgenommene, sei es tatsächlich vorhandene) Probleme: Fehlende Infrastruktur, Sorgen um die eigene finanzielle Situation, messerstechende Migranten. Zweitens: Sie "lösen" dieses Problem, indem sie es in ein nationales Anliegen übersetzen: "Deutschland solle mehr auf sich selbst schauen". Der zweite Schritt ist nicht alternativlos. Man kann mit seinen Problemen auch anders umgehen anstatt sie in ein Anliegen der Nation zu übersetzen.




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Jörn P Budesheim
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Di 7. Apr 2026, 11:29

Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 11:57
Gerade habe ich einen Artikel gelesen, wo Schüler Auskunft geben, warum sie die AfD gewählt haben. Als Gründe werden genannt:
  • [...]
  • [...]
  • Die Partei sorgt dafür, »dass am Ende des Tages von meinem Geld noch ein bisschen was für mich übrig bleibt«.
  • [...]
Brecht hat geschrieben : Prüfe die Rechnung

Du mußt sie bezahlen.
Quellen, die die AfD-Steuerpläne durchrechnen, kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass vor allem Besserverdienende und Reiche davon profitieren würden. Wenn die befragten Schüler also nicht zu den Besserverdienenden und Reichen gehören, dann haben sie eben gerade keinen Grund, die AfD zu wählen!

Nach meinem Gefühl ist das ein wichtiger Aspekt des Populismus! Die "Follower" glauben (ungeprüft), dass die populistische Partei in ihrem Sinne regieren würde. Aber in vielen Hinsichten ist das einfach falsch!



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Dynamis
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Di 7. Apr 2026, 11:29

So ähnlich lässt sich auch das Verhalten des Tempolimit-Gegners analysieren.

Er empfindet das Tempolimit als Einschränkung seiner Freiheit. Das ist sein Problem. Das darf er ja haben, das ist ein Aspekt seiner individuellen Selbstbestimmung.

Wie könnte er mit diesem Problem umgehen?
a) Er könnte seinen Freiheitsbegriff überdenken (ist es tatsächlich Freiheit, wenn ich mit unbegrenzter Geschwindigkeit auf der Autobahn fahren darf?).
b) Er könnte wahrnehmen, dass er möglichst viele andere Menschen auf seine Seite ziehen muss, um politische Unterstützung für sein Anliegen zu mobilisieren. Das heißt, er könnte recherchieren und Fakten sammeln, die aus seiner Sicht für seine Position sprechen.

Was macht er stattdessen? Er konstruiert ein kollektives "Wir" in der Aussage "Wir wollen das nicht" und schmettert dir das entgegen. Er übersetzt sein persönliches Interesse in das Anliegen eines Kollektivs.




Dynamis
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Di 7. Apr 2026, 11:34

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 7. Apr 2026, 11:29
Quellen, die die AfD-Steuerpläne durchrechnen, kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass vor allem Besserverdienende und Reiche davon profitieren würden. Wenn die befragten Schüler also nicht zu den Besserverdienenden und Reichen gehören, dann haben sie eben gerade keinen Grund, die AfD zu wählen!

Nach meinem Gefühl ist das ein wichtiger Aspekt des Populismus! Die "Follower" glauben (ungeprüft), dass die populistische Partei in ihrem Sinne regieren würde. Aber in vielen Hinsichten ist das einfach falsch!
Ja, genau das ist der Aspekt, den ich gerade beschrieben habe. Die Schüler machen sich Sorgen um ihre finanzielle Situation. Sie hätten da mehrere Möglichkeiten, damit umzugehen, beispielsweise einfach mal recherchieren, was die Quellen so zu den Steuerplänen sagen.

Was machen sie stattdessen? Sie übersetzen ihre Position in das Anliegen eines Kollektivs, nämlich der Nation: "Deutschland solle mehr auf sich selbst schauen". Und dann unterstellen sie der AfD, dass sie eingefleischte Nationalisten und daher besonders qualifiziert seien dieses Anliegen auch umzusetzen.




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Jörn P Budesheim
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Di 7. Apr 2026, 11:41

Dynamis hat geschrieben :
Di 7. Apr 2026, 11:34
einfach mal recherchieren
Wir haben schließlich fast alle das Wissen der Welt in der Hosentasche! Allerdings sind die Populisten auch ziemlich gut darin, Infoquellen zu diskreditieren! Wer ihren Lügen widerspricht, gilt als Mainstream-Medium und damit als Lügner!



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Di 7. Apr 2026, 11:54

Dynamis hat geschrieben :
Di 7. Apr 2026, 11:29
a) Er könnte seinen Freiheitsbegriff überdenken (ist es tatsächlich Freiheit, wenn ich mit unbegrenzter Geschwindigkeit auf der Autobahn fahren darf?)
Ich (als Nichtautofahrer) würde vermuten, dass die Lust, schnell mit dem Auto durch die Gegend zu düsen, durchaus als Form von Freiheit erlebt werden kann. Allerdings ist Freiheit natürlich mehr. Die Fähigkeit, auf etwas zu verzichten, was man schätzt, und sich selbst zu limitieren, aus der Einsicht heraus, dass andere Gründe stärker wiegen, gehört auch dazu! Ja: Das läuft darauf hinaus, den eigenen Freiheitsbegriff zu überdenken.



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Do 9. Apr 2026, 14:48

Stadtbild
Das ist vermutlich eine (misslungene) Variation auf die sogenannte Dogwhistling (Hundepfeifen-Politik). Dogwhistling ist – wie ich grad gelernt habe – eine Kommunikationsstrategie, bei der codierte Sprache genutzt wird, um bestimmte Botschaften an eine eingeweihte Zielgruppe zu senden, während sie für die Allgemeinheit harmlos erscheint. Misslungen ist es, weil diesmal der Pfeifton allgemein unüberhörbar war.



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