Was heißt Populismus?

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Jörn P Budesheim
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Mi 1. Apr 2026, 11:52

Dynamis hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 11:37
Das ist nicht einfach nur rhetorische Übertreibung
Davon gehe ich auch aus. Deswegen schreibe ich: Ich vermute, dass er weiß, dass das, was er sagt, fragwürdig ist, und er es aus Kalkül sagt.

Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist, dass ich die Analyse mit der Allaussage für fragwürdig halte. Weil so etwas auch als Übertreibung gelesen werden könnte. Jedoch mit Einschränkungen: Angemessenheit und als sprachliches Mittel erkennbar. Beides ist aber in dem Fall nicht gegeben, finde ich.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Dynamis
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Mi 1. Apr 2026, 12:00

Die Verwendung der Allaussage ist doch gerade die Voraussetzung dafür, dass Merz andere Positionen entwerten kann. In dieser Pressekonferenz sagt der Journalist, dass es einige Leute gibt, die das anders sehen als Merz. Und die Existenz dieser Leute, die will der Merz eben negieren. Dazu bezieht er sich auf die von ihm herbeihalluzinierte Gesamtheit der Töchter. Wenn es immerhin einige Töchter geben würde, die dem Journalisten recht geben, bleiben die Äußerungen des Journalisten unwidersprochen stehen. Daher funktioniert Merz' Antwort hier nicht ohne Allaussage.




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Consul
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Mi 1. Apr 2026, 21:04

Dynamis hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 10:28
Consul hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 22:46
Es ist in meinen Augen nicht klar, ob Merz davon ausgeht, dass alle Töchter ihm recht geben würden oder nur die meisten; denn aus seiner Frage allein lässt sich weder das eine noch das andere logisch herleiten.
Wie in meiner Antwort auf Jörn erwähnt, Merz verwendet eine Allaussage.
Du hast recht. Merz' Ergänzung "Alle bestätigen, dass das ein Problem ist" war mir bis heute seltsamerweise entgangen.
"Der Kanzler war am Dienstag bei einem Termin in Potsdam von einem Reporter auf das Erstarken der AfD angesprochen worden. Er sagte daraufhin unter anderem, dass man frühere Versäumnisse in der Migrationspolitik korrigiere und Fortschritte mache. »Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.« Die Aussage wurde als diskriminierend und teilweise auch als rassistisch kritisiert.

Knapp eine Woche später sagte Merz nun: »Fragen Sie ihre Kinder, fragen Sie ihre Töchter, fragen Sie im Freundes- und Bekanntenkreis herum: Alle bestätigen, dass das ein Problem ist – spätestens mit Einbruch der Dunkelheit.« Wer seine Töchter frage, werde vermutlich »eine ziemlich klare und deutliche Antwort« bekommen, was er mit seinem »Stadtbild«-Satz gemeint habe, so der Kanzler."

Quelle: https://www.spiegel.de/politik/friedric ... ae13587ac3



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Consul
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Mi 1. Apr 2026, 22:09

Dynamis hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 10:46
Was dann zu der Frage führt: Warum soll man ausgerechnet Töchter fragen und nicht etwa Kriminal- oder Migrationsexperten?
Ob es Merz bewusst ist oder nicht, mit seiner ausschließlichen Berufung auf die Erfahrungen weiblicher Personen, verstärkt er leider suggestiv das alte rechte Narrativ vom "bösen Fremden und der weißen/deutschen Frau". Das soll mitnichten heißen, dass weiße/deutsche Mädchen und Frauen niemals negative Erfahrungen im Umgang mit männlichen Migranten machen, sondern nur, dass man sich vor rassistischen Vorurteilen (wie "der triebhafte, lüsterne Araber/Orientale/Schwarzafrikaner") hüten soll, denen die objektive Kriminalstatistik in Sachen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung widerspricht.
"Die alte Angst vorm fremden Vergewaltiger
Das weiß offenbar auch Björn Hecke von der AfD in Thüringen. Auf einer Demonstration vor drei Wochen sprach er von den "Angsträumen", die für blonde Frauen immer größer würden. Was er nicht sagt: Flüchtlinge und Ausländer sind bei Sexualdelikten nicht auffälliger als Deutsche. Daran haben auch die vielen Flüchtlinge in Deutschland nichts geändert. Das bestätigt der Bund der Kriminalbeamten.
Der Fremde und die Frauen, es ist ein Thema, das in Deutschland Geschichte hat und das schon immer zur Stimmungsmache genutzt wurde."

Quelle: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ ... us126.html
Werfen wir einen Blick in das aktuelle Bundeslagebild Kriminalität im Kontext von Zuwanderung 2024 (S. 19-20):
"Im Bereich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sanken die Fallzahlen mit tatverdächtigen Zuwanderinnen/Zuwanderern im Berichtsjahr im Vergleich zum Vorjahr um 3,9 % von 8.800 auf 8.460 Straftaten, während die Fallzahlen in der PKS insgesamt um 1,0 % stiegen (2024: 106.226 Fälle; 2023: 105.146 Fälle). Der Anteil der Versuche lag mit 3,3 % auf dem Niveau des Vorjahres.

Die Zahl der tatverdächtigen Zuwanderinnen/Zuwanderer im Bereich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung sank im Vergleich zum Vorjahr von 7.846 auf 7.514 Personen (–4,2 %). Ihr Anteil an der Gesamtzahl aller registrierten Tatverdächtigen in diesem Bereich sank im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls (2024: 7,9 %; 2023: 8,4 %). Die meisten tatverdächtigen Zuwanderinnen/Zuwanderer im Bereich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung kamen im Jahr 2024 aus Syrien (26,5 %). Der stärkste relative Anstieg zeigte sich bei tatverdächtigen Zuwanderinnen/Zuwanderern aus der Türkei (+53,0 %). Der stärkste relative Rückgang wurde bei tatverdächtigen Zuwanderinnen/Zuwanderern mit irakischer Staatsangehörigkeit verzeichnet (–38,4 %)."



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Mi 1. Apr 2026, 22:17

Consul hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 22:09
Ob es Merz bewusst ist oder nicht, mit seiner ausschließlichen Berufung auf die Erfahrungen weiblicher Personen, verstärkt er leider suggestiv das alte rechte Narrativ vom "bösen Fremden und der weißen/deutschen Frau". Das soll mitnichten heißen, dass weiße/deutsche Mädchen und Frauen niemals negative Erfahrungen im Umgang mit männlichen Migranten machen, sondern nur, dass man sich vor rassistischen Vorurteilen (wie "der triebhafte, lüsterne Araber/Orientale/Schwarzafrikaner") hüten soll, denen die objektive Kriminalstatistik in Sachen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung widerspricht.
Die tatsächlich vorhandenen sexistischen Strukturen innerhalb der patriarchalischen islamischen Kultur will ich hingegen weder leugnen noch kleinreden. Als Extremfall ist der unsägliche Ultrasexismus der barbarischen Taliban in Afghanistan zu erwähnen!



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Mi 1. Apr 2026, 23:28

Dynamis hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 10:28
Consul hat geschrieben :
Di 31. Mär 2026, 22:46
Daniel-Pascal Zorn, auf den du dich berufst, reduziert den Populismus auf eine bestimmte Form von "Argumentationslogik", die nicht an eine bestimmte Ideologie des politischen Spektrums gebunden ist. In einem solchen logisch-rhetorischen Sinn kann auch Merz (mitunter) populistisch denken und reden; aber wenn ich Merz als Nichtpopulisten bezeichne, dann setze ich einen ideologietheoretischen Ansatz zum Populismus voraus, der den von Merz allgemein vertretenen christdemokratischen Konservatismus insbesondere vom Rechts-/Nationalpopulismus, aber auch vom Links-/Sozialpopulismus abgrenzt.
An der von dir zitierten Stelle erklärt der Zorn, warum er das so macht: Anhand seines Kriteriums wird am konkreten Argument für jeden prüfbar, ob Populismus vorliegt. Wie sich bei deinem Ansatz die Zuordnungen überprüfen lassen, sehe ich ehrlich gesagt noch nicht.
Ich bezweifle, dass man das an einem einzigen Kriterium festmachen kann.
Was genau Populismus aus ideologietheoretischer Sicht ist, darüber herrscht Uneinigkeit unter den Politologen; und ich als Nichtpolitologe kann diese Frage erst recht nicht verbindlich beantworten – wobei ich finde, dass Finchelstein die Sache gut trifft.

Es gibt in der Politologie eine allgemeine Unterscheidung zwischen inhaltlich "dünnen" ("thin-centered") und inhaltlich "dicken" ("thick-centered") Ideologien; und es stellt sich die Frage, zu welcher Art der Populismus gehört.
"Was ist der Unterschied zwischen einer dicken und einer dünnen Ideologie?

Der Hauptunterschied liegt im Umfang und der Vollständigkeit des Weltbildes. Das Konzept stammt ursprünglich vom Politologen Michael Freeden und wird heute vor allem genutzt, um den Populismus zu erklären. Hier ist der direkte Vergleich:

1. Dicke Ideologie (Thick-Centered Ideology)

Eine „dicke“ Ideologie ist ein Komplettpaket. Sie bietet Antworten auf fast alle Fragen des menschlichen Zusammenlebens.

* Reichweite: Sie deckt Wirtschaft, Soziales, Moral, Außenpolitik und die Rolle des Staates ab.
* Fundament: Sie basiert auf einer tiefen philosophischen Tradition.
* Beispiele:
Sozialismus: Hat klare Vorstellungen von Arbeit, Eigentum und Klassenkampf.
Liberalismus: Konzentriert sich auf individuelle Freiheit, Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit.
Konservatismus: Setzt auf Tradition, Ordnung und organische gesellschaftliche Entwicklung. 

2. Dünne Ideologie (Thin-centered Ideology)

Eine „dünne“ Ideologie ist bruchstückhaft. Sie hat nur einen sehr schmalen Kern an Überzeugungen und lässt viele politische Fragen unbeantwortet.

* Reichweite: Sie konzentriert sich meist nur auf einen einzigen zentralen Konflikt (z. B. „Volk gegen Elite“).
* Anpassungsfähigkeit: Da sie allein nicht lebensfähig ist (man kann kein Land nur mit der Idee „Elite ist schlecht“ regieren), muss sie sich an eine „dicke“ Ideologie dranhängen.
* Das Paradebeispiel: Populismus.
Der Populismus ist der „Parasit“ unter den Ideologien. Er braucht einen Wirt.
Verbindet er sich mit dem Nationalismus (dick), entsteht Rechtspopulismus.
Verbindet er sich mit dem Sozialismus (dick), entsteht Linkspopulismus."

Bild

Quelle: Google KI-Suche
Ob der Nationalismus zu den dicken Ideologien zu zählen ist, ist ebenfalls umstritten; aber Nationalismus + Populismus = Nationalpopulismus ergibt jedenfalls einen "dickeren" Populismus.

Tja, ist der Populismus als solcher wirklich ein "Paradebeispiel" einer inhaltlich dünnen (oder armen) Ideologie?
Es gibt beispielsweise einen interessanten Aufsatz von Ralph Schroeder mit dem (übersetzten) Titel "Der gefährliche Mythos des Populismus als einer dünnen Ideologie":
"ZUSAMMENFASSUNG: Die Vorstellung, Populismus sei eine „dünne Ideologie“ – im Gegensatz zu anderen umfassenden „dicken“ Ideologien wie der Konservatismus oder der Sozialismus –, hat sich unter Populismusforschern beinahe zu einer Orthodoxie entwickelt. Dieser Beitrag stellt diese Ansicht in Frage und argumentiert, dass es bestenfalls eine offene Frage ist, ob der Populismus die Kriterien einer dicken Ideologie erfüllt, nämlich ob er ein umfassendes Programm politischen Wandels bietet und ob er Bestand hat. Diese Argumentation wird anhand von drei Ländern – den Vereinigten Staaten, Schweden und Indien – geführt, die alle in jüngster Zeit einen populistischen Aufschwung erlebt haben. Der Beitrag fasst zunächst die Debatten über Populismus, Ideologie und sozialen Wandel zusammen. Anschließend gibt er einen kurzen Überblick über den Populismus in den drei Ländern und argumentiert, dass deren populistische Wende einen kohärenten und nachhaltigen Neuanfang darstellen könnte. Abschließend reflektiert der Beitrag die weiterreichenden Implikationen der Unterscheidung zwischen „dickem“ und „dünnem“ Populismus." [übersetzt von Google]

Ralph Schroeder: "The Dangerous Myth of Populism as a Thin Ideology" (2020) [PDF]
Zuletzt geändert von Consul am Do 2. Apr 2026, 00:21, insgesamt 1-mal geändert.



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Dynamis
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Do 2. Apr 2026, 00:04

Consul hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 23:28
Ich bezweifle, dass man das an einem einzigen Kriterium festmachen kann.
Vielleicht sollten wir den Anspruch von Zorns Ansatz klären. Zorn macht ja sehr klar, was er will und was er nicht will:
Daniel-Pascal Zorn hat geschrieben : [Das Buch] ist zuallererst keine wissenschaftliche Abhandlung über die in ihm besprochenen Gegenstände, die Vollständigkeit in der Darstellung beanspruchen könnte. Hier wird auch keine neue Theorie des Populismus oder der Demokratie entworfen, die sich mit systematischen Theoriegebäuden messen könnte. Wohl wurde auf diese geachtet, der Gedankengang aber wurde in bewusster Abgrenzung von ihnen entwickelt.

Auch den Definitionen und Diskursen der Sozialwissenschaften - Politikwissenschaft, Soziologie, Sozialpsychologie - wird hier keine Konkurrenz in der ganzheitlichen Beschreibung der Phänomene gemacht. Vielmehr soll zusätzlich zu diesen etablierten wissenschaftlichen Perspektiven eine weitere entwickelt werden, die sich als philosophische versteht. Damit ist das vorliegende Buch nicht gleich als Philosophie des Populismus, des Totalitarismus oder der Demokratie zu verstehen. Es beansprucht aber, als Philosophie der Redeformen, die populistisches, totalitäres und demokratisches Denken ausmachen, seinen Lesern einige Anhaltspunkte für ihre eigenen Debatten zu liefern.
Also, Zorn will den etablierten Theorien der Politikwissenschaft keine Konkurrenz machen und er beansprucht auch keine Vollständigkeit. Er versucht Aspekte populistischer Rede zu beschreiben. Und genau deswegen wählt er eben keinen ideologietheoretischen Ansatz.

Bei einem ideologietheoretischen Ansatz ist bereits von der Rede abstrahiert. Und genau diese Abstraktion möchte ich vermeiden. Bevor wir über Ideologien sprechen können, müssen wir doch erst einmal die jeweiligen Positionen aus den Reden und der sonstigen Kommunikation rekonstruiert haben, sonst operieren wir doch nur mit unbegründeten Zuschreibungen. Dann wird die inhaltliche Auseinandersetzung durch Ad-Hominems ersetzt und das möchte ich vermeiden.




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Consul
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Do 2. Apr 2026, 18:46

Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 00:04
Vielleicht sollten wir den Anspruch von Zorns Ansatz klären. Zorn macht ja sehr klar, was er will und was er nicht will:

Also, Zorn will den etablierten Theorien der Politikwissenschaft keine Konkurrenz machen und er beansprucht auch keine Vollständigkeit. Er versucht Aspekte populistischer Rede zu beschreiben. Und genau deswegen wählt er eben keinen ideologietheoretischen Ansatz.

Bei einem ideologietheoretischen Ansatz ist bereits von der Rede abstrahiert. Und genau diese Abstraktion möchte ich vermeiden. Bevor wir über Ideologien sprechen können, müssen wir doch erst einmal die jeweiligen Positionen aus den Reden und der sonstigen Kommunikation rekonstruiert haben, sonst operieren wir doch nur mit unbegründeten Zuschreibungen. Dann wird die inhaltliche Auseinandersetzung durch Ad-Hominems ersetzt und das möchte ich vermeiden.
Der Populismus ist (wie jede andere politische Ideologie) ein mehrschichtiges Phänomen, das entsprechend aus verschiedenen Perspektiven betrachtet und analysiert werden kann. Seongcheol Kim unterscheidet beispielsweise zwischen einem diskursiven Theorieansatz, einem ideellen (ideational) Theorieansatz, einem stilistischen (stilistisch-performativen) Theorieansatz und einem strategischen Theorieansatz. (Populismus? Frag doch einfach!, UVK Verlag [UTB], 2024)
Zorns "Philosophie der Redeformen, die populistisches…Denken ausmachen" könnte man als einen rhetorischen Theorieansatz bezeichnen, oder nicht?

Übrigens, HIER ist eine Buchbesprechung von Armin Pfahl-Traughber.



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Dynamis
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Do 2. Apr 2026, 19:44

Consul hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 18:46
Der Populismus ist (wie jede andere politische Ideologie)
Gleich hier möchte ich einhaken. Du behandelt Populismus "wie jede andere Ideologie" und damit ist dein ideologietheoretischer Ansatz bereits vorausgesetzt. Zorn würde genau diesem Ansatz widersprechen: Der Populismus ist nicht einfach nur irgendeine Ideologie unter anderen. Der Populismus ist mit jeder Ideologie kombinierbar:
Daniel-Pascal Zorn hat geschrieben : Da jede Ideologie an der einen oder anderen Stelle einen genetischen Fehlschluss vertritt, kann jede Ideologie zur Trägerideologie des Populismus werden.

Sogenannte ›rechte‹ Ideologien vereinen etwa konservative, libertäre und naturalistische Positionen. Entsprechend erscheint das populistische Denken als ›Rechtspopulismus‹. Sogenannte ›linke‹ Ideologien wiederum kombinieren Fehlschlüsse der Masse (Kommunismus, Sozialismus, die ›Diktatur des Proletariats‹) mit metaphysischen Fehlschlüssen bezüglich eines idealen Geschichtsverlaufs. Auch eine Spielart der absoluten Freiheitsforderung kommt vor. Sie heißt hier Anarchismus. Und so ergibt sich das populistische Denken als ›Linkspopulismus‹
Diesen Punkt mit der "Trägerideologie" hast du übrigens vorhin selbst mit einem anderen Zitat erwähnt:
Consul hat geschrieben :
Mi 1. Apr 2026, 23:28
Der Populismus ist der „Parasit“ unter den Ideologien. Er braucht einen Wirt.
Verbindet er sich mit dem Nationalismus (dick), entsteht Rechtspopulismus.
Verbindet er sich mit dem Sozialismus (dick), entsteht Linkspopulismus."
Dein ideologietheoretischer Ansatz geht also nicht so ganz auf. Irgendwie ist der Populismus nicht einfach nur eine Ideologie wie jede andere, sondern unterscheidet sich von anderen Ideologien durch seine Anschlussfähigkeit.




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Consul
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Fr 3. Apr 2026, 21:54

Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 19:44
Consul hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 18:46
Der Populismus ist (wie jede andere politische Ideologie)…
Gleich hier möchte ich einhaken. Du behandelt Populismus "wie jede andere Ideologie" und damit ist dein ideologietheoretischer Ansatz bereits vorausgesetzt. Zorn würde genau diesem Ansatz widersprechen: Der Populismus ist nicht einfach nur irgendeine Ideologie unter anderen. Der Populismus ist mit jeder Ideologie kombinierbar: …[ZON-Zitat]…
Dein ideologietheoretischer Ansatz geht also nicht so ganz auf. Irgendwie ist der Populismus nicht einfach nur eine Ideologie wie jede andere, sondern unterscheidet sich von anderen Ideologien durch seine Anschlussfähigkeit.
Der Populismus ist nicht der einzige "anschlussfähige" politische Ismus. Es ist allgemein so, dass eine Ideologie Elemente aus anderen Ideologien in sich aufnehmen kann, wodurch eine hybride Ideologie/Mischideologie mit einem bestimmten Mischungsverhältnis entsteht (z.B. libertärer Konservatismus). Das soll allerdings nicht heißen, dass alle Ideologien bzw. Ideologieelemente widerspruchsfrei kombinierbar sind. Einen liberalen Faschismus kann es nicht geben.

Wenn der Populismus nicht mehr als ein von einer "Wirtsideologie" abhängiger "Parasit" ist, dann kann er immer nur als adjektivische Modifikation ("populistisch") einer "dicken" Ideologie in Erscheinung treten. Das heißt, dann gibt es keinen Populismus als Ideologie sui generis, sondern nur populistisch gefärbte andere Ideologien, z.B. populistischer Konservatismus, populistischer Sozialismus.

Ich meine hingegen, dass die Möglichkeit einer "Verdickung" des Populismus besteht, welche ihn zu mehr als einem bloßen "Parasiten" machen würde.
Der Nationalpopulismus ist ein nationalistisch gefärbter oder geprägter, und somit nicht mehr so "dünner" oder "magerer" Populismus, der in meinen Augen eine gewisse Eigentümlichkeit und Eigenständigkeit innerhalb des (linearen) ideologischen Spektrums zwischen dem Konservatismus und dem Faschismus besitzt, obgleich es keine scharfe Grenzen gibt.

Sollte man lieber von einem populistischen Nationalismus sprechen anstatt von einem nationalistischen Populismus (Nationalpopulismus)?
Es ist eine Frage unterschiedlicher Betonung oder Gewichtung (wie im Fall von liberaler/libertärer Konservatismus vs. konservativer Liberalismus/Libertarismus).
"'Populistischer Nationalismus' könnte sich vom linken bis zum rechten Spektrum erstrecken und sowohl liberale Demokraten als auch Anhänger autoritärer Regierungen umfassen." [übersetzt von DeepL]

(Eatwell, Roger, & Matthew Godwin. National Populism: The Revolt Against Liberal Democracy. London: Pelican, 2018. p. 80)
Das gilt nicht für den Nationalpopulismus als Rechtspopulismus!
Eine Partei wie das BSW ist linkspopulistisch/sozialpopulistisch und auch irgendwie nationalistisch, aber sie ist nicht nationalpopulistisch wie die AfD.

Es gibt bekanntlich neben dem Populismus weitere Ismen, die sowohl im linken Teil als auch im rechten Teil des politischen Spektums in Erscheinung treten: Linksliberalismus vs. Rechtsliberalismus, Linkslibertarismus vs. Rechtslibertarismus, Linksanarchismus (Anarchokommunismus) vs. Rechtsanarchismus (Anarchokapitalismus), Linkskommunitarismus vs. Rechtskommunitarismus.



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Dynamis
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Sa 4. Apr 2026, 10:01

Consul hat geschrieben :
Fr 3. Apr 2026, 21:54
Der Populismus ist nicht der einzige "anschlussfähige" politische Ismus. Es ist allgemein so, dass eine Ideologie Elemente aus anderen Ideologien in sich aufnehmen kann, wodurch eine hybride Ideologie/Mischideologie mit einem bestimmten Mischungsverhältnis entsteht (z.B. libertärer Konservatismus). Das soll allerdings nicht heißen, dass alle Ideologien bzw. Ideologieelemente widerspruchsfrei kombinierbar sind. Einen liberalen Faschismus kann es nicht geben.
Wie du schon sagtest, nicht alle Ideologien sind widerspruchsfrei miteinander kombinierbar. Der Populismus hat in gewisser Hinsicht einen universalistischen Charakter. Dieser ergibt sich daraus, dass Ideologien, indem sie in bestimmter Weise argumentieren, sich für den Populismus anschlussfähig machen. Deswegen bezieht sich Zorn in seiner Darstellung des Populismus auf diese bestimmte Weise des Argumentierens und versucht sie zu beschreiben.
Ich meine hingegen, dass die Möglichkeit einer "Verdickung" des Populismus besteht, welche ihn zu mehr als einem bloßen "Parasiten" machen würde.
Der Nationalpopulismus ist ein nationalistisch gefärbter oder geprägter, und somit nicht mehr so "dünner" oder "magerer" Populismus, der in meinen Augen eine gewisse Eigentümlichkeit und Eigenständigkeit innerhalb des (linearen) ideologischen Spektrums zwischen dem Konservatismus und dem Faschismus besitzt, obgleich es keine scharfe Grenzen gibt.
Der Nationalpopulismus verkörpert das, was Zorn als den "Fehlschluss der Masse" bezeichnet. Etwas wird in Geltung gesetzt, indem man sich auf die breite Masse beruft. Im Nationalpopulismus wird diese Masse mit der Nation identifiziert. Du hast schon in Bezug auf die "Fragen Sie Ihre Töchter"-Aussage von Merz korrekt festgestellt, dass es auch andere Manifestationen dieses Fehlschlusses gibt. Auch die Gesamtheit der Töchter, die man laut Merz fragen soll, kann eine Masse sein, auf die man sich in seiner Argumentation bezieht. Je nach dem, wie diese Masse charakterisiert wird, ergeben sich unterschiedliche inhaltliche Ausprägungen des Populismus.

Natürlich kann dieser Fehlschluss in dutzenden von Varianten wiederholt werden. Wenn er ausgiebig genug wiederholt wird, dann ergibt sich irgendwann eine Weltanschauung daraus, die in deiner Terminologie als "dicke" Ideologie bezeichnet werden kann.




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So 5. Apr 2026, 20:56

Dynamis hat geschrieben :
Sa 4. Apr 2026, 10:01
Der Nationalpopulismus verkörpert das, was Zorn als den "Fehlschluss der Masse" bezeichnet. Etwas wird in Geltung gesetzt, indem man sich auf die breite Masse beruft. Im Nationalpopulismus wird diese Masse mit der Nation identifiziert. Du hast schon in Bezug auf die "Fragen Sie Ihre Töchter"-Aussage von Merz korrekt festgestellt, dass es auch andere Manifestationen dieses Fehlschlusses gibt. Auch die Gesamtheit der Töchter, die man laut Merz fragen soll, kann eine Masse sein, auf die man sich in seiner Argumentation bezieht. Je nach dem, wie diese Masse charakterisiert wird, ergeben sich unterschiedliche inhaltliche Ausprägungen des Populismus.
Natürlich kann dieser Fehlschluss in dutzenden von Varianten wiederholt werden. Wenn er ausgiebig genug wiederholt wird, dann ergibt sich irgendwann eine Weltanschauung daraus, die in deiner Terminologie als "dicke" Ideologie bezeichnet werden kann.
Ich betrachte den Populismus und insbesondere den Nationalpopulismus jedenfalls nicht als eine bloße Reihe von Fehlschlüssen der formalen oder informalen Logik. (HIER ist eine lange (englischsprachige) Liste von Fehlschlüssen (fallacies).)

Der von Zorn hervorgehobene und als "dogmatische Setzung" bezeichnete Alleinvertretungsanspruch, als Teil das Ganze zu sein und für das Ganze zu sprechen, ist ein zentraler Punkt. Jean Cohen spricht von einer "Pars-pro-toto-Logik, die die „authentischen Menschen“ aus der übrigen Bevölkerung herausfiltert, und zwar mittels einer Äquivalenzlogik, durch die eine Reihe von Forderungen zu einer substanziellen spezifischen Identität konstruiert wird, die für das Ganze steht." ("Populism and the Politics of Resentment", 2019)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Dynamis
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Mo 6. Apr 2026, 07:41

Consul hat geschrieben :
So 5. Apr 2026, 20:56
Ich betrachte den Populismus und insbesondere den Nationalpopulismus jedenfalls nicht als eine bloße Reihe von Fehlschlüssen der formalen oder informalen Logik.
Aber bloß eine Ideologie ist er auch nicht. Du möchtest den Populismus nicht auf rhetorisch-logische Aspekte reduzieren, ich möchte den Populismus nicht darauf reduzieren, dass er eine Ideologie ist. Aus meiner Sicht hat der Populismus einen universellen Charakter, da er nicht bloß mit jeder Ideologie kombinierbar ist, sondern auch mit einzelnen Reden. Es ist durchaus möglich, dass jemand, der die meiste Zeit keine populistische Ideologie vertritt, in einer einzelnen Rede trotzdem populistisch argumentiert.

Außerdem ist zu beachten, dass Zorn keine Vollständigkeit für die Darstellung des Populismus beansprucht. Er will nicht jeden einzelnen Aspekt erwischen, den man in einer Beschreibung des Populismus sonst noch so aufführen könnte. Das hatte ich vor einiger Zeit schon erwähnt:
Dynamis hat geschrieben :
Do 2. Apr 2026, 00:04
Also, Zorn will den etablierten Theorien der Politikwissenschaft keine Konkurrenz machen und er beansprucht auch keine Vollständigkeit. Er versucht Aspekte populistischer Rede zu beschreiben. Und genau deswegen wählt er eben keinen ideologietheoretischen Ansatz.
Consul hat geschrieben : Der von Zorn hervorgehobene und als "dogmatische Setzung" bezeichnete Alleinvertretungsanspruch, als Teil das Ganze zu sein und für das Ganze zu sprechen, ist ein zentraler Punkt. Jean Cohen spricht von einer "Pars-pro-toto-Logik, die die „authentischen Menschen“ aus der übrigen Bevölkerung herausfiltert, und zwar mittels einer Äquivalenzlogik, durch die eine Reihe von Forderungen zu einer substanziellen spezifischen Identität konstruiert wird, die für das Ganze steht." ("Populism and the Politics of Resentment", 2019)
Wenn du hier von "Logik" sprichst, gibst du dem Zorn soweit schon einmal Recht, dass seine logische Betrachtungsweise Sinn ergibt. Und mehr beansprucht Zorn für sich auch gar nicht. Er schlägt keine Reduktion des Populismus vor! Er schlägt vor, dass wir Populismus in einer bestimmten Hinsicht beschreiben, die andere Hinsichten nicht ausschließt.

Die Pars-pro-toto-Logik erinnert jedenfalls an den "mereologischen Fehlschluss", welcher bereits hier dargestellt wurde: viewtopic.php?p=9167#p9167




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Jörn P Budesheim
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Mo 6. Apr 2026, 08:04

Wie soll uns die Analyse logischer Fehlschlüsse zeigen, warum jemand auf diese Weise fehlschließt?

Ich habe gerade bei Facebook einen entsprechenden Beitrag gesehen: Da schreibt jemand zur Frage, ob Tempo 130 eingeführt werden soll, sinngemäß: „Wir wollen das nicht.“ Und er ergänzt: „Wir wollen Meinungsfreiheit statt Ideologie.“

In meiner Mini-Recherche um 7:53 Uhr zeigte sich, dass in den meisten Umfragen die Befürworter in der Mehrheit sind. Nun könnte man auch in diesem Fall mit etwas gutem Willen von einem Fehlschluss sprechen, denn daraus, dass eine Minderheit Tempo 130 ablehnt, folgt logischerweise nicht: „Wir wollen das nicht.“ Aber ist dieses Muster damit gut charakterisiert?

Und wie ist es mit der Meinungsfreiheitsaussage? Man könnte sie als Fehlschluss deklarieren, etwa so: „Daraus, dass sich Person x für Tempo 130 einsetzt und eine andere Meinung vertritt als Person z, folgt nicht, dass x die Meinungsfreiheit von z einschränkt.“ Aber gewinnt man damit wirklich etwas, wenn man das Phänomen Populismus charakterisieren will?

Außerdem hat dieselbe Person auf Facebook behauptet, dass in Deutschland ohnehin die Zahl der Verkehrstoten am niedrigsten in Europa sei. Ich habe das recherchiert und schnell herausgefunden, dass das überhaupt nicht stimmt. Liegt hier ein Fehlschluss vor? Meinem Gefühl nach nicht, und doch haben wir es auch hier mit einem typischen populistischen Muster zu tun.

Wenn ich die Person damit konfrontiere, dass die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland de facto gar nicht niedriger liegt, könnte sie typischerweise erwidern (das ist jetzt ein Gedankenexperiment), dass die Zahl in Deutschland in Wahrheit niedriger liegt und und ich einer Lüge aufgesessen bin, da ich den Mainstream Medien vertraut habe. Wie kann hier eine Analyse der logischen Fehlschlüsse den Charakter der Erwiderung wirklich erfassen? Das kann ich nicht sehen.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Dynamis
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Mo 6. Apr 2026, 08:49

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 08:04
Da schreibt jemand zur Frage, ob Tempo 130 eingeführt werden soll, sinngemäß: „Wir wollen das nicht.“ Und er ergänzt: „Wir wollen Meinungsfreiheit statt Ideologie.“
Dieser Fehlschluss lässt sich m.E. als Sein-Sollen-Fehlschluss charakterisieren. Gefragt ist: Soll Tempo 130 eingeführt werden? Und das Argument dafür lautet: Wir wollen das nicht! Nehmen wir mal an, die letztere Aussage sei so richtig: Es gibt ein "wir", das wir unhinterfragt voraussetzen können und die Leute aus diesem "wir" wollen tatsächlich etwas Bestimmtes nicht. Daraus, dass Leute etwas wollen, folgt noch nicht, dass das, was sie wollen, vernünftig oder richtig ist. Und daraus, dass die Leute etwas bestimmtes nicht wollen, folgt noch nicht, dass das, was sie nicht wollen, unvernünftig oder schädlich ist. Nebenbei bemerkt: Die Aussage "Wir wollen das nicht" funktioniert trotzdem, wenn man ein bestimmtes Demokratie-Verständnis voraussetzt. Wenn die repräsentative Demokratie als Repräsentation der Interessen der Menschen verstanden wird, dann kann man dem, was die Leute so wollen, nicht einfach so jegliche demokratische Relevanz absprechen. Die Aufgabe des Repräsentierenden wird dann so verstanden, dass er das umzusetzen hat, was die Leute wollen. Schließlich vertritt er ihre Interessen. So gesehen sind in einer repräsentativen Demokratie derartige Sein-Sollen-Fehlschlüsse durchaus naheliegend.

Dieser Sein-Sollen-Fehlschluss ist ein Beispiel für das, was Zorn als den "Fehlschluss der Masse" bezeichnet: Der Sprecher bezieht sich auf eine Masse, auf ein nicht näher bestimmtes "wir", und untermauert damit seine Position.
Jörn hat geschrieben : In meiner Mini-Recherche um 7:53 Uhr zeigte sich, dass in den meisten Umfragen die Befürworter in der Mehrheit sind. Nun könnte man auch in diesem Fall mit etwas gutem Willen von einem Fehlschluss sprechen, denn daraus, dass eine Minderheit Tempo 130 ablehnt, folgt logischerweise nicht: „Wir wollen das nicht.“ Aber ist dieses Muster damit gut charakterisiert?
Bei dem Fehlschluss der Masse handelt es sich um eine dogmatische Setzung, die folgerichtig in einen Confirmation Bias mündet. Die dogmatische Setzung führt zu Verzerrungen der Wirklichkeit, daher muss man sich die Wirklichkeit zurecht biegen, damit sie zu der eigenen Setzung passt. Es gibt dann vielleicht ein paar Leute, die gegen ein Tempolimit sind, diese werden zu einem "wir" verabsolutiert und damit die Umfragen ausgeblendet.
Jörn hat geschrieben : Und wie ist es mit der Meinungsfreiheitsaussage? Man könnte sie als Fehlschluss deklarieren, etwa so: „Daraus, dass sich x für Tempo 130 einsetzt und eine andere Meinung vertritt als z, folgt nicht, dass x die Meinungsfreiheit von z einschränkt.“ Aber gewinnt man damit wirklich etwas, wenn man das Phänomen Populismus charakterisieren will?
Die Forderung nach absoluter Meinungsfreiheit lässt sich als logische Konsequenz des Confirmation Bias verstehen. Weil man sich die Wirklichkeit zurecht biegt, muss man jeden Einwand als Einschränkung der Meinungsfreiheit verstehen. Der Einwand wird dann nicht als Hinweis auf Aspekte der Wirklichkeit gesehen, die in der Diskussion bisher zu kurz gekommen sind. Vielmehr wird der Einwand so verstanden, dass er die Meinungsfreiheit einschränkt. Zorn hat dieses Phänomen folgendermaßen charakterisiert:
Daniel-Pascal Zorn hat geschrieben : Solange dem populistischen Denken ein dialektisch unaufmerksamer Widerstand entgegengebracht wird, kann es nur an diesem Widerstand wachsen. Es wird ihn als Versuch deuten, die eigene Sichtweise zu unterdrücken. Begriffe wie Sprachpolizei, Political Correctness, Tugend- oder Meinungsterror kennzeichnen diese fortlaufende Instrumentalisierung des unaufmerksamen Widerstands. Angebliche Tabus dienen der Selbst-Viktimisierung und Selbst-Heroisierung. Tatsächliche Tabus werden vorsätzlich gebrochen. Das hilft nicht nur der Verbreitung des populistischen Denkens, es normalisiert dieses Denken auch bis zu einem gewissen Grad.




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Jörn P Budesheim
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Mo 6. Apr 2026, 09:12

Bullshitting und Lügen sind ein wesentlicher Teil des Populismus nach meiner Einschätzung. Aber beides sind doch keine Fehlschlüsse, oder?

Ein anderer Punkt ist: Ich denke – das ist jetzt ins Blaue hinein geschrieben und nicht recherchiert, außerdem holzschnittartig dargestellt – man müsste zwischen Populisten, also Politikern wie Trump und Konsorten, und deren Zielgruppe unterscheiden! Die Populisten, also Menschen, die nicht nur hin und wieder populistische Ansichten vertreten, sondern in der Wolle gefärbte Populisten sind, sind gewissermaßen der Motor des Populismus. Sie geben die (in der Regel tatsächlich verfehlten) Argumentationsmuster vor, denen die Zielgruppe dann folgt. Alternativ/zusätzlich haben sie womöglich ein Gespür für diffuse Ressentiments oder vages Unbehagen, welche sie dann in handhabbare Muster verwandeln und „zurückgeben”. Womit sie dann natürlich „Follower” generieren, weil das Vage und Diffuse dann eine Form bekommt.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

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Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 08:49
Schließlich vertritt er ihre Interessen.
Nur nebenbei: ein Politiker kann durchaus die Interessen von jemanden vertreten, ohne durchgängig das umzusetzen, was die fragliche Person oder Personengruppe will.



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Dynamis
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Mo 6. Apr 2026, 09:43

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 09:12
Bullshitting und Lügen sind ein wesentlicher Teil des Populismus nach meiner Einschätzung. Aber beides sind doch keine Fehlschlüsse, oder?
Manchmal doch. Der Punkt ist, dass Lügen und Bullshitting irgendwie "verkauft" werden müssen. Wenn du lügst, aber dir keiner deine Lüge glaubst, bewirkst du nichts.

Dass Lügen funktionieren, lässt sich mit dem von Zorn beschriebenen Normalisierungsprozess erklären. Wenn sämtliche Einwände als "political correctness" oder als "cancel culture" abgewatscht werden, normalisiert man eine Gesprächsatmosphäre, in der Aussagen unwidersprochen stehen bleiben. Dabei spielt der Fehlschluss der Masse durchaus eine Rolle. Es gibt beispielsweise die Taktik, dass man seine eigenen Lügen so darstellt, als ob man damit das ausspricht, was insgeheim alle denken oder zumindest die schweigende Mehrheit, aber niemand aufgrund von politischer Korrektheit auszusprechen wagt.
Jörn hat geschrieben : Ein anderer Punkt ist: Ich denke – das ist jetzt ins Blaue hinein geschrieben und nicht recherchiert, außerdem holzschnittartig dargestellt – man müsste zwischen Populisten, also Politikern wie Trump und Konsorten, und deren Zielgruppe unterscheiden! Die Populisten, also Menschen, die nicht nur hin und wieder populistische Ansichten vertreten, sondern in der Wolle gefärbte Populisten sind, sind gewissermaßen der Motor des Populismus. Sie geben die Argumentationsmuster vor, denen die Zielgruppe dann folgt. Alternativ/zusätzlich haben sie womöglich ein Gespür für diffuse Ressentiments oder vages Unbehagen, welche sie dann in handhabbare Muster verwandeln und „zurückgeben”. Womit sie dann natürlich „Follower” generieren, weil das Vage und Diffuse dann eine Form bekommt.
Dazu möchte ich zwei Anmerkungen machen:
1. Die Unterscheidung zwischen "in der Wolle gefärbten Populisten" und Menschen, die "hin und wieder populistische Ansichten vertreten", halte ich durchaus für sinnvoll.
2. Dass die Leute aus der ersten Kategorie "der Motor des Populismus" sind, glaube ich ehrlich gesagt nicht. Das ist m.E. eine klassische Sündenbock-Theorie, die du da vertrittst. Mir sind Leute wie Trump und Konsorten auch nicht sympathisch, aber wenn es Trump nicht geben würde, dann würde eben Ron DeSantis seinen Job übernehmen. Die Personen sind austauschbar, wenn das System den Populismus zu einer profitablen Verkaufsmasche macht.




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Mo 6. Apr 2026, 09:45

Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 09:43
Die Personen sind austauschbar, wenn das System den Populismus zu einer profitablen Verkaufsmasche macht.
Ja, sicher. Jetzt ging mir nicht um bestimmte Personen, sondern um das allgemeine Muster.



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Mo 6. Apr 2026, 09:52

Ein Problem sehe ich darin, dass wir ja doch die Motive (sowohl der Populisten als auch ihrer Follower) verstehen müssten! Und die Motivlage können wir doch nicht aus der Struktur der Fehlschlüsse erschließen, oder?

Warum schreibt jemand bei Facebook, also in der Öffentlichkeit, dass er gegen Tempo 130 ist und fügt hinzu, dass seine Meinungsfreiheit, das zu sagen eingeschränkt ist? Meines Erachtens ein klarer performativer Selbstwiderspruch. Aber wie kommt das? Wieso denken Menschen, deren Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt ist, ihre Meinungsfreiheit sei eingeschränkt?



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