Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 6. Apr 2026, 08:04
Da schreibt jemand zur Frage, ob Tempo 130 eingeführt werden soll, sinngemäß: „Wir wollen das nicht.“ Und er ergänzt: „Wir wollen Meinungsfreiheit statt Ideologie.“
Dieser Fehlschluss lässt sich m.E. als
Sein-Sollen-Fehlschluss charakterisieren. Gefragt ist:
Soll Tempo 130 eingeführt werden? Und das Argument dafür lautet: Wir
wollen das nicht! Nehmen wir mal an, die letztere Aussage sei so richtig: Es gibt ein "wir", das wir unhinterfragt voraussetzen können und die Leute aus diesem "wir" wollen tatsächlich etwas Bestimmtes nicht. Daraus, dass Leute etwas wollen, folgt noch nicht, dass das, was sie wollen, vernünftig oder richtig ist. Und daraus, dass die Leute etwas bestimmtes
nicht wollen, folgt noch nicht, dass das, was sie nicht wollen, unvernünftig oder schädlich ist. Nebenbei bemerkt: Die Aussage "Wir wollen das nicht" funktioniert trotzdem, wenn man ein bestimmtes Demokratie-Verständnis voraussetzt. Wenn die repräsentative Demokratie als Repräsentation der Interessen der Menschen verstanden wird, dann kann man dem, was die Leute so wollen, nicht einfach so jegliche demokratische Relevanz absprechen. Die Aufgabe des Repräsentierenden wird dann so verstanden, dass er das umzusetzen hat, was die Leute wollen. Schließlich vertritt er ihre Interessen. So gesehen sind in einer repräsentativen Demokratie derartige Sein-Sollen-Fehlschlüsse durchaus naheliegend.
Dieser Sein-Sollen-Fehlschluss ist ein Beispiel für das, was Zorn als den "Fehlschluss der Masse" bezeichnet: Der Sprecher bezieht sich auf eine Masse, auf ein nicht näher bestimmtes "wir", und untermauert damit seine Position.
Jörn hat geschrieben : In meiner Mini-Recherche um 7:53 Uhr zeigte sich, dass in den meisten Umfragen die Befürworter in der Mehrheit sind. Nun könnte man auch in diesem Fall mit etwas gutem Willen von einem Fehlschluss sprechen, denn daraus, dass eine Minderheit Tempo 130 ablehnt, folgt logischerweise nicht: „Wir wollen das nicht.“ Aber ist dieses Muster damit gut charakterisiert?
Bei dem Fehlschluss der Masse handelt es sich um eine dogmatische Setzung, die folgerichtig in einen
Confirmation Bias mündet. Die dogmatische Setzung führt zu Verzerrungen der Wirklichkeit, daher muss man sich die Wirklichkeit zurecht biegen, damit sie zu der eigenen Setzung passt. Es gibt dann vielleicht ein paar Leute, die gegen ein Tempolimit sind, diese werden zu einem "wir" verabsolutiert und damit die Umfragen ausgeblendet.
Jörn hat geschrieben : Und wie ist es mit der Meinungsfreiheitsaussage? Man könnte sie als Fehlschluss deklarieren, etwa so: „Daraus, dass sich x für Tempo 130 einsetzt und eine andere Meinung vertritt als z, folgt nicht, dass x die Meinungsfreiheit von z einschränkt.“ Aber gewinnt man damit wirklich etwas, wenn man das Phänomen Populismus charakterisieren will?
Die Forderung nach absoluter Meinungsfreiheit lässt sich als logische Konsequenz des Confirmation Bias verstehen. Weil man sich die Wirklichkeit zurecht biegt, muss man jeden Einwand als Einschränkung der Meinungsfreiheit verstehen. Der Einwand wird dann nicht als Hinweis auf Aspekte der Wirklichkeit gesehen, die in der Diskussion bisher zu kurz gekommen sind. Vielmehr wird der Einwand so verstanden, dass er die Meinungsfreiheit einschränkt. Zorn hat dieses Phänomen folgendermaßen charakterisiert:
Daniel-Pascal Zorn hat geschrieben :
Solange dem populistischen Denken ein dialektisch unaufmerksamer Widerstand entgegengebracht wird, kann es nur an diesem Widerstand wachsen. Es wird ihn als Versuch deuten, die eigene Sichtweise zu unterdrücken. Begriffe wie Sprachpolizei, Political Correctness, Tugend- oder Meinungsterror kennzeichnen diese fortlaufende Instrumentalisierung des unaufmerksamen Widerstands. Angebliche Tabus dienen der Selbst-Viktimisierung und Selbst-Heroisierung. Tatsächliche Tabus werden vorsätzlich gebrochen. Das hilft nicht nur der Verbreitung des populistischen Denkens, es normalisiert dieses Denken auch bis zu einem gewissen Grad.