Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Consul
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So 20. Jul 2025, 01:30

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 19. Jul 2025, 12:29
Es gibt auch philosophische Ansätze – meines Wissens vor allem bei Donald Davidson –, denen zufolge es so etwas wie ‚die deutsche‘ (englische, französische, chinesische …) Sprache gar nicht gibt. Was existiert, sind lediglich die individuellen Idiolekte, die tatsächlich gesprochen werden.
Ich weiß, worauf du anspielst: SEP: Idiolekte [Google Translate]
Wenn die deutsche Sprache die (mereologische) Summe der deutschen Idiolekte wäre, dann gäbe es sie nichtsdestoweniger als die (eine) deutsche Idiolektsumme.
Ich bin beileibe kein sprachwissenschaftlicher Fachmann bei diesem Thema, aber ich denke, Dummett hat recht.
"[E]ine Sprache ist eher ein soziales Phänomen als eine Familie ähnlicher Idiolekte[.]" [Google Translate]

(Dummett, Michael. The Seas of Language. Oxford: Oxford University Press, 1993. p. 28)

"Eine Sprache im alltäglichen Sinne ist etwas im Wesentlichen Soziales, eine Praxis, an der sich viele Menschen beteiligen; und es ist dieser Begriff, und nicht der eines Idiolekts, der als vorrangig betrachtet werden sollte. Wir können in der Tat nicht auf den Begriff eines Idiolekts verzichten, da er das stets partielle und oft teilweise falsche Verständnis eines Individuums von seiner Sprache darstellt; er muss jedoch im Hinblick auf den Begriff einer gemeinsamen Sprache erklärt werden und nicht umgekehrt." [Google Translate]

(Dummett, Michael. The Seas of Language. Oxford: Oxford University Press, 1993. pp. 30-1)



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Jörn P Budesheim
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So 20. Jul 2025, 09:17

Ich bin nicht sicher, ob ich den Gedanken von Donald Davidson heute noch verteidigen würde, das müsste ich erst noch mal neu überdenken.



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Jörn P Budesheim
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So 20. Jul 2025, 10:19

Kleiner Einschub: Sagen wir, eine Gruppe habe die Eigenschaft x. Damit ist nicht notwendigerweise gemeint, dass jedes einzelne Mitglied dieser Gruppe die fragliche Eigenschaft besitzt. Vielmehr kann damit gemeint sein, dass die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen von x innerhalb der Gruppe insgesamt erhöht ist. Für jedes einzelne Gruppenmitglied besteht zwar Unsicherheit – es ist also unklar, ob x im konkreten Fall (sagen wir: auf Hans) zutrifft –, aber bezogen auf die Gruppe als Ganze zeigt sich: Die Häufigkeit von x ist signifikant höher als in einer Vergleichsgruppe. Die Aussage über die Gruppe ist in diesem Fall also keine Aussage über jedes ihrer Mitglieder, sondern über eine statistische Tendenz.

Wenn wir also beispielsweise – um ein gängiges Klischee zu bemühen – sagen, dass Deutsche fleißig, pünktlich und gewissenhaft seien, bedeutet das keineswegs, dass all diese Eigenschaften auch auf Hans zutreffen. Es bedeutet lediglich, dass diese Eigenschaften in Deutschland – wenn das Klischee denn zutrifft – häufiger anzutreffen sind als, sagen wir, im Land L, wo man nicht lebt, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben, um ein weiteres Klischee aufzurufen.



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Burkart
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So 20. Jul 2025, 10:22

Consul hat geschrieben :
So 20. Jul 2025, 01:30
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 19. Jul 2025, 12:29
Es gibt auch philosophische Ansätze – meines Wissens vor allem bei Donald Davidson –, denen zufolge es so etwas wie ‚die deutsche‘ (englische, französische, chinesische …) Sprache gar nicht gibt. Was existiert, sind lediglich die individuellen Idiolekte, die tatsächlich gesprochen werden.
Ich weiß, worauf du anspielst: SEP: Idiolekte [Google Translate]
Wenn die deutsche Sprache die (mereologische) Summe der deutschen Idiolekte wäre, dann gäbe es sie nichtsdestoweniger als die (eine) deutsche Idiolektsumme.
Ich bin beileibe kein sprachwissenschaftlicher Fachmann bei diesem Thema, aber ich denke, Dummett hat recht.
Ob es nur Idiolekte und ein deutsche Sprache gibt, ist z.T. Definitionssache. Beides stimmt z.T., ähnlich wie es z.B. nicht das eine (z.B.) Blau gibt, sondern ein Frequenz-Spektrum. Allerdings gibt es beim Blau zumindest gefühlt etwas unscharfe Übergänge zum Grün; ob man das beim Deutschen z.B. gegenüber dem Holländischen auch entsprechend sagen kann, ist mir nicht bekannt, Sprachen sind wohl etwas klarer abgegrenzt als Farben.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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So 20. Jul 2025, 10:29

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 20. Jul 2025, 10:19
Kleiner Einschub: Sagen wir, eine Gruppe habe die Eigenschaft x. Damit ist nicht notwendigerweise gemeint, dass jedes einzelne Mitglied dieser Gruppe die fragliche Eigenschaft besitzt. Vielmehr kann damit gemeint sein, dass die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen von x innerhalb der Gruppe insgesamt erhöht ist. Für jedes einzelne Gruppenmitglied besteht zwar Unsicherheit – es ist also unklar, ob x im konkreten Fall zutrifft –, aber bezogen auf die Gruppe als Ganze zeigt sich: Die Häufigkeit von x ist signifikant höher als in einer Vergleichsgruppe. Die Aussage über die Gruppe ist in diesem Fall also keine Aussage über jedes ihrer Mitglieder, sondern über eine statistische Tendenz.

Wenn wir also beispielsweise – um ein gängiges Klischee zu bemühen – sagen, dass Deutsche fleißig, pünktlich und gewissenhaft seien, bedeutet das keineswegs, dass all diese Eigenschaften auch auf Hans zutreffen. Es bedeutet lediglich, dass diese Eigenschaften in Deutschland – wenn das Klischee denn zutrifft – häufiger anzutreffen sind als, sagen wir, im Land L, wo man nicht lebt, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben, um ein weiteres Klischee aufzurufen.
So ist es. Durchschnittlich fühlen sich Deutsche dann den Werten mehr verbunden und stellen ihr Leben eher darauf ein, auch werden sie von anderen Ländern so eher charakterisiert (z.B. "made in Germany").
Natürlich können sich solche Werte im Laufe der Zeit ändern und mit scheint bei deinen angesprochenen "fleißig, pünktlich und gewissenhaft" scheint es etwas so zu sein.



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Jörn P Budesheim
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So 20. Jul 2025, 19:20

Ranga Yogeshwar hat geschrieben : und ich habe gelernt, dass auch ich Deutscher bin"
Consul hat geschrieben :
Sa 19. Jul 2025, 22:48
Hm…wie kommt er darauf?
Vielleicht fühlt er sich einfach als Deutscher – nicht im rechtlich-formalen Sinn, wenn er keinen Pass hat, sondern kulturell: als jemand, der hier lebt, sich engagiert, arbeitet, die Sprache spricht und die grundlegenden demokratischen Werte teilt.

Ich meine, im Startvideo gab es auch entsprechende Passagen – dort haben sich ebenfalls Personen, die rechtlich gesehen keine Deutschen wären, selbst als deutsch bezeichnet oder wurden von anderen so genannt.



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Mo 21. Jul 2025, 00:49

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 20. Jul 2025, 19:20
Ranga Yogeshwar hat geschrieben : und ich habe gelernt, dass auch ich Deutscher bin"
Consul hat geschrieben :
Sa 19. Jul 2025, 22:48
Hm…wie kommt er darauf?
Vielleicht fühlt er sich einfach als Deutscher – nicht im rechtlich-formalen Sinn, wenn er keinen Pass hat, sondern kulturell: als jemand, der hier lebt, sich engagiert, arbeitet, die Sprache spricht und die grundlegenden demokratischen Werte teilt.
Ich meine, im Startvideo gab es auch entsprechende Passagen – dort haben sich ebenfalls Personen, die rechtlich gesehen keine Deutschen wären, selbst als deutsch bezeichnet oder wurden von anderen so genannt.
Man kann sich freilich als in Deutschland lebender Ausländer mit den liberal-demokratischen Werten unseres Grundgesetzes oder/und (bestimmten Teilen) der deutschen Kultur identifizieren. Sich mit etwas/jemandem zu identifizieren, ist aber nicht dasselbe wie sich als etwas/jemand zu identifizieren. Letzteres bedeutet zu glauben oder zu behaupten, dass man zu einer bestimmten Art oder Gruppe gehört. Wer sich als Deutscher identifiziert, der behauptet, Deutscher zu sein. Die Selbstidentifikation als Deutscher wird jedoch ohne entsprechende Fremdidentifikation als Deutscher durch andere keine soziale Anerkennung finden.
Wenn sich ein Japaner ohne deutschen Pass, der in Japan geboren und noch nie in Deutschland gewesen ist, kein deutsches Wort versteht, keinerlei Kenntnis der deutschen Kultur hat, und keinen einzigen deutschen Vorfahren hat, als Deutscher identifizierte, dann nähme ihn niemand ernst – weder die Deutschen noch die anderen Japaner.



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Mo 21. Jul 2025, 01:46

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 20. Jul 2025, 10:19
Kleiner Einschub: Sagen wir, eine Gruppe habe die Eigenschaft x. Damit ist nicht notwendigerweise gemeint, dass jedes einzelne Mitglied dieser Gruppe die fragliche Eigenschaft besitzt. Vielmehr kann damit gemeint sein, dass die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen von x innerhalb der Gruppe insgesamt erhöht ist. Für jedes einzelne Gruppenmitglied besteht zwar Unsicherheit – es ist also unklar, ob x im konkreten Fall (sagen wir: auf Hans) zutrifft –, aber bezogen auf die Gruppe als Ganze zeigt sich: Die Häufigkeit von x ist signifikant höher als in einer Vergleichsgruppe. Die Aussage über die Gruppe ist in diesem Fall also keine Aussage über jedes ihrer Mitglieder, sondern über eine statistische Tendenz.

Wenn wir also beispielsweise – um ein gängiges Klischee zu bemühen – sagen, dass Deutsche fleißig, pünktlich und gewissenhaft seien, bedeutet das keineswegs, dass all diese Eigenschaften auch auf Hans zutreffen. Es bedeutet lediglich, dass diese Eigenschaften in Deutschland – wenn das Klischee denn zutrifft – häufiger anzutreffen sind als, sagen wir, im Land L, wo man nicht lebt, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben, um ein weiteres Klischee aufzurufen.
Du hast insofern recht, als Aussagen, die soziale Klischees oder Stereotype ausdrücken, in logisch-semantischer Hinsicht keine All-Aussagen sind, die keine Ausnahmen zulassen, sondern generische Verallgemeinerungen, die Ausnahmen zulassen. Ein quantorenfreier Satz wie "Deutsche sind fleißig" bedeutet also nicht "Alle Deutschen sind fleißig". Aber was bedeutet er dann? Was ist seine Wahrheitsbedingung?
Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, und es gibt unterschiedliche Auffassungen unter den Fachleuten. Eine mögliche Antwort (die der deinigen entspricht) ist:
Der Satz "Deutsche sind fleißig" ist genau dann wahr, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass ein beliebig ausgewählter Deutscher fleißig ist, größer als 0,5 ist. Wenn Wahrscheinlichkeit als statistische Häufigkeit und "die meisten Fs" als "mehr als die Hälfte der Fs" interpretiert wird (was fragwürdig ist), dann kann man auch sagen: Der Satz "Deutsche sind fleißig" ist genau dann wahr, wenn die meisten (>50%) Deutschen fleißig sind.

Mehr zu diesem interessanten Thema: SEP: Generische Verallgemeinerungen [Google Translate]



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Jörn P Budesheim
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Mo 21. Jul 2025, 10:34

Consul hat geschrieben :
Mo 21. Jul 2025, 00:49
Pass
Bild

Fragt Ranga Yogeshwar nicht im wesentlichen: Was ist typisch deutsch? Vielleicht taucht deswegen auf diesem Schaubild zum Start des Filmes zum Beispiel der Pass auch gar nicht auf, oder? Und in diesem Sinn kann es sich vielleicht auch ohne Pass als "typischer Deutscher" sehen, oder?



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Consul
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Mo 21. Jul 2025, 23:25

Ich habe gestern zufällig die schriftliche Version von Karl Jaspers' Radiovortrag Was ist deutsch? (Juli 1965) entdeckt.
"Die Frage: Was ist deutsch? Ihr dreifacher Sinn. – Die Gefahren wachsen, daß wir wiederum uns selbst ruinieren. In solcher Situation stellen wir heute die Frage »Was ist deutsch?« Wir sind dieser Frage längst mehr als überdrüssig. Auf der Schule Ende des vorigen Jahrhunderts hörten wir schon die stolzen Redensarten. Wir sangen bei jeder Gelegenheit: Deutschland, Deutschland über alles…Heil Dir im Siegerkranz... Schließlich wurden von den Nazis und ihren Mitläufern in diesem Deutschgeschrei Deutschland und die germanische Rasse als das schlechthin Absolute verkündet. Noch gellt es uns in den Ohren. Aber es hilft nichts. An uns selbst ist immer wieder die Frage gerichtet, aus eigenem Antrieb und von den Völkern, die uns bezweifeln, bewundern, fürchten, verachten, hassen: was ist deutsch? Wir antworten in drei Bereichen:

Erstens möchten wir in objektiver Betrachtung das Deutschsein als ein Sosein feststellen. Es geschieht auf vielfache Weise, gelingt aber nicht im ganzen. Und so betrachtend unterwerfen wir uns nur einem Bilde.

Zweitens beobachten wir die Vielfalt des deutschen Selbstbewußtseins in der Vielheit des deutschen Nationalbewußtseins, wie es faktisch war und heute ist. Keineswegs verstehen wir uns dabei in einem gemeinsamen, identischen Deutschsein.

Drittens sprechen wir unser je eigenes deutsches Selbstbewußtsein aus im Willen eines Deutschwerdens. Wir bekennen uns zu einem Gehalt, der ein Anspruch ist, in dem wir uns treffen können. Aber er ist nicht der Anspruch aller.

Die drei Bereiche spielen ineinander, sind aber sinnverschieden: Mannigfaltigkeit des Soseins, Relativität des vielfachen nationalen Selbstbewußtseins, Forderung eines Deutschwerdens."

(Jaspers, Karl. "Was ist deutsch?" [1965.] In Hoffnung und Sorge: Schriften zur deutschen Politik 1945–1965, 346-365. München: Piper, 1965. S. 348)

"Was will ich Deutscher? Offenbleiben aus dem Ursprung des Menschseins. Der Satz: Ich will deutsch sein, hat keinen Sinn. Ich bin es. Die Frage ist, als was ich es wirklich werde, mit wem ich mich verbinde, – wie ich das übernehme, worin ich geboren bin, – was ich tragen und anerkennen muß, und was ich aneignen will. Wenn Deutsche sich in der Tiefe verstehen, dann zuerst als Menschen, nachher als Deutsche."

(Jaspers, Karl. "Was ist deutsch?" [1965.] In Hoffnung und Sorge: Schriften zur deutschen Politik 1945–1965, 346-365. München: Piper, 1965. S. 360)

"Rückblick: Wer Antwort auf die Frage: Was ist deutsch? erwartete, wird sagen, daß sie ausgeblieben ist. Als ich auf die mir vom Deutschlandfunk gestellte Frage eine Antwort übernahm, habe ich mich da durch eine falsch gestellte Frage verführen lassen? Bin ich in die Irre gegangen, wie es geschieht, wenn man auf falsche Fragen antwortet? Entspringen daher die Widersprüche, die man in diesem Vortrag unschwer aufweisen kann, wenn man Sätze isoliert und dem von mir gemeinten, zuweilen ungebräuchlichen Wortsinn nicht folgt?

Ich halte die Frage nicht für falsch gestellt, aber für ungewöhnlich mißverstehbar. Sie wird von der Welt durchweg beantwortet mit einer Sammlung abträglicher Eigenschaftsworte (etwa: tüchtig, fleißig, gehorsam gegenüber jeder Macht, zu romantischem Wahn geneigt, ohne Mut, aber militärisch sterbensbereit, politisch dumm, brutal, unglaubwürdig, ohne anständige Manieren, ohne Ehrbegriff usw.) Die Frage wird von uns selbst beantwortet in einer Haltung nationalen Stolzes (etwa: treu, wahrhaftig, zuverlässig, sachlich, pflichtbewußt, gedankentief, opferbereit usw.). Ich verwerfe solche Charakteristiken ganz und gar. Eigenschaftsworten wollte ich widerstehen, den schlimmen gegenüber nicht durch trotziges Behaupten eines anderen trefflichen Soseins, den guten gegenüber nicht durch Entgegenhalten von schlechten Eigenschaften. Ich versuchte vielmehr Antworten, die das Deutsche treffen, das ich nicht weiß und nicht bestimmen kann, die aber alle am Ende den Anspruch an uns selber stellen. Diese Antworten lassen uns nichts Greifbares in der Hand, mit dem wir Ansprüche stellen und auftrumpfen könnten, oder mit dem wir uns vergewissern, daß wir gut sind und daß es mit uns in Ordnung ist. Aber sie können vielleicht den Mitdenkenden fördern, daß er nicht bloß im Gefühl und in der Meinung, sondern im Ernst lebt. Ihm wird Wahrhaftigkeit und Freiheit Bedingung von allem, was gut ist.

Der politische Nationalgedanke ist heute nur noch unheilvoll. Der ethische Nationalgedanke beflügelt uns, wenn wir die Forderungen unserer Ahnen hören, die wir als solche anerkennen. Das Schicksal, als Deutscher geboren zu sein, ist für uns unentrinnbar. Wir müssen es übernehmen. Es ist schrecklich, wenn es zum verborgenen Einverständnis mit den Verlogenheiten oder mit dem Bösen führt. Es kann wundersam zu eigen werden, wenn die Erfahrung der Durchhellung des Dunkeln, des Bösen, der Unwahrhaftigkeiten und des Unheils zur Umkehr führt. Die Erinnerung an unseren ewigen Ursprung wird zu neuem Leben."

(Jaspers, Karl. "Was ist deutsch?" [1965.] In Hoffnung und Sorge: Schriften zur deutschen Politik 1945–1965, 346-365. München: Piper, 1965. S. 364-5)



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Wenn einem diese Verkrampfungen nicht Grund genug sind abzuwinken, ist einem nicht mehr zu helfen. Der Abwicklungsgedanke stellt sich unwillkürlich ein: die Reichsgründung rückgängig machen. Die Nachbarn werden es einem danken.




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Consul
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Mo 21. Jul 2025, 23:39

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 21. Jul 2025, 10:34

Fragt Ranga Yogeshwar nicht im wesentlichen: Was ist typisch deutsch? Vielleicht taucht deswegen auf diesem Schaubild zum Start des Filmes zum Beispiel der Pass auch gar nicht auf, oder? Und in diesem Sinn kann es sich vielleicht auch ohne Pass als "typischer Deutscher" sehen, oder?
Im Video taucht bei 41:25 Folgendes auf:

Bild

Demnach machen bestimmte Tugenden (welche?) und bestimmtes Verhalten (welches?) das Deutschsein aus.
Dem stimme ich nicht zu. Das Ausixen des sprachlichen Aspekts halte ich für verfehlt.
"Frühjahr 1945 schrieb ich: »Das früher deutsche Staatsgebiet wird verteilt unter mehrere andere politische Machtgebiete. Falls diese miteinander in Konflikt geraten, werden Deutsche gegen Deutsche kämpfen wie 1866 und alle Zeiten vorher. Deutsche werden in andern Völkern aufgehen, wenn sie ihre Sprache verlieren und ihre deutsche Erinnerung. Aber wir anderen werden trotz allem ein Band haben, so lange Deutsch gesprochen wird.«
Damals, zerstört bis auf die Wurzeln, die selber aber noch lebten, wurde bewußt: Deutsch ist, wessen Muttersprache Deutsch ist, wer seine wahrsten und tiefsten Gedanken in deutscher Sprache denkt, wer in deutscher Sprache liebt.
Wir verlieren unser Deutschsein nicht, wenn wir nur die Menschen sind, die Deutsch sprechen. Als wir alles verloren hatten, da war doch unsere deutsche Sprache und das, was in ihr überliefert blieb, und da war für jeden Einzelnen seine Herkunft, und da waren seine liebsten Menschen mit ihm. Dies war unsere einzige Substanz."

(Jaspers, Karl. "Was ist deutsch?" [1965.] In Hoffnung und Sorge: Schriften zur deutschen Politik 1945–1965, 346-365. München: Piper, 1965. S. 357)



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Consul
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Di 22. Jul 2025, 00:13

Consul hat geschrieben :
Mo 21. Jul 2025, 23:39
…Das Ausixen des sprachlichen Aspekts halte ich für verfehlt.
Ein diesbezügliches Problem stellen diejenigen Russlanddeutschen dar, die sich im Ausland zwar zum Deutschtum bekannten, aber (zumindest vor ihrer Remigration nach Deutschland) die deutsche Sprache nicht oder kaum beherrschten. Sind diese sogenannten Russlanddeutschen nicht vielmehr Deutschrussen (deutschstämmige Russen)?



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Consul
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Mi 23. Jul 2025, 22:11

Consul hat geschrieben :
Mi 9. Jul 2025, 22:31
Ohne ethnische/nationale Differenz gibt es keine ethnische/nationale Identität.
Kennt ihr das im Mittelalter entstandene sprachliche Gegensatzpaar deutsch–welsch, welches zur Herausbildung eines deutschen Volksbewusstseins beigetragen hat?
Das Bewusstsein der Eigenartigkeit des eigenen Volkes geht mit dem Bewusstsein der Andersartigkeit der anderen Völker einher. Es besteht eine Komplementarität von ethnischer Identität und ethnischer Differenz: Wir versus Nicht-Wir, die Unsrigen versus die Nicht-Unsrigen, die eigenen Leute versus die anderen/fremden Leute.
"welsch:
1. [veraltet, noch landschaftlich] romanisch, besonders italienisch, französisch
* [allgemeiner, meist historisch] fremdländisch, fremdartig
2. [meist CH] den französischsprachigen Teil der Schweiz betreffend, zu ihm gehörig, dort befindlich; französischsprachig"

DWDS: https://www.dwds.de/wb/welsch
"Im Mhd. und älteren Nhd. ist das Wort [wälsch/welsch] im eigentlichen Sinn durchaus gebräuchlich, und zwar ist als Bedeutung die allgemeine von 'romanisch' anzunehmen, so daß es entweder überhaupt den gegensatz zu deutsch bildet oder, auf eine der romanischen Nationen gehend, für 'italienisch' oder 'französisch', seltener 'spanisch' oder 'rhätoromanisch' steht. Vom 16. Jahrh. an tritt die Bedeutung 'italienisch' in den Vordergrund (die erst gegen 1800 zu veralten beginnt), doch bleibt wälsch für 'französisch' landschaftlich üblich und wird auch in der allgemeinen Schriftsprache gebraucht, wenn der Gegensatz zu deutsch betont werden soll."

Grimmsches Wörterbüch: https://www.dwds.de/wb/dwb/welsch
Übrigens, die englischen Wörter Welsh und Wales gehen auf das germanische Urwort zurück: https://www.etymonline.com/search?q=Welsh
"Es ist allgemein bekannt, daß in dem Worte welsch ein älterer Völkername Wal(c)he steckt, zu dem als ursprüngliches Zugehörigkeitsadjektiv die Bildung wal(c)hisch, mit Verlust des Vokals der Ableitungssilbe dann wälsch bzw. welsch, gehört. Während sich aber das Adjektiv in einer neuen Substantivierung (die Welschen) auch als Völkername durchgesetzt hat, ist der Ausgangsname Walche in nhd. Zeit ausgestorben und nur noch resthaft in Eigennamen (Wa[h]le, Walchen-see usw.) erhalten. In den Anfängen steht aber der ursprüngliche Völkername als althochdeutsch Walha, angelsächsisch Weal(h)as, altnordisch Valir durchaus im Vordergrund, er ist zunächst durch eine Reihe von Jahrhunderten der eigentliche Träger der Entwicklung, von der aus erst die spätere Leistung des abgeleiteten welsch zu verstehen ist. Es ist daher zunächst nötig, die Schicksale des alten Namens in gemeingermanischer Zeit aufzuzeigen. Wir finden dabei eine begriffliche Entwicklung, die durch drei Stufen gekennzeichnet ist; aus dem ursprünglichen Namen für einen einzelnen Nachbarstamm [die Volcae] wird eine allgemeine Benennung für keltische Völkerschaften und schließlich eine von den ursprünglichen Trägern losgelöste Bezeichnung für die westlichen Angrenzer. Das besagt, daß die ursprüngliche Kennzeichnung nachbarlichen Gegenübers über ein Hervorheben des stammlichen Gegensatzes zu einem Bewußtwerden der volklichen Verschiedenheit führt. Diese drei Stufen stellen wichtige Etappen in dem Begreifen der eigenen Stellung innerhalb des Völkerkreises dar und müssen hier so weit einbezogen werden, wie sie das allmähliche Werden des Volksbewußtseins aufhellen."

(Weisgerber, Leo. Deutsch als Volksname: Ursprung und Bedeutung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, 1953. S. 161-2)

"walhisk [war] in den Jahrhunderten der Durchdringung romanischen Raumes durch Germanen zu dem Wort geworden, das auch über den Menschenkreis hinaus die dem fremden Raume zugehörigen Besonderheiten und Eigenarten kennzeichnete. Menschen, Land, Sprache, Sitten und Gewohnheiten, Natur- und Kulturerzeugnisse: alles das konnte in seiner Eigenart und in seinem Abstand vom eigenen Raum, von den angestammten Formen des Lebens und Schaffens festgelegt werden. Schon von den frühesten Belegen an zeigt sich, daß hierin die Hauptleistung des Wortes welsch lag. Bei den Glossierungen volemis: uualihiskun pirun; balsamiten: welehesc minza liegt der Nachdruck sicher nicht auf der Seite der geographischen oder volklichen Zuordnung, sondern auf dem Hervorheben der Andersartigkeit des Ursprungs und der Daseinsbedingungen. Und was sich gleichzeitig und in der Weiterentwicklung an Wendungen mit welsch herausbildet, mag es sich um Menschen, Sprache, Sitten, Kulturerzeugnisse usw. handeln, zeigt eine so durchgehende Gleichgerichtetheit, daß am Ausgangspunkt bereits diese Richtung vorgezeichnet gewesen sein muß. Wir dürfen sagen, daß dieses walhisk bereits im Bewußtsein der Völkerwanderungszeit gelebt hat als Inbegriff dessen, was seiner Herkunft und seiner Eigenart nach fremd war: allerdings nicht in einem abstrakten Begriff des Fremden, sondern in der Lebensfülle der aus den Erfahrungen des Westraumes geschöpften Erkenntnis der volklichen Andersartigkeit. Und in diesem Sinn bewahrt das Wort in der Folgezeit seine Eigenbegrifflichkeit, und der Unterschied bleibt deutlich auch gegenüber den neu entstehenden Begriffen für die einzelnen romanischen Volkstümer. Welsch ist nicht gleich französisch oder italienisch, selbst nicht in den Grenzmundarten, wo die räumlichen Bedingungen den Bezug auf ein einzelnes Nachbarvolk fast erzwingen; es bleibt dem Wort darüber hinaus jenes Bewußtsein von der volklichen Andersartigkeit und das starkere Zurücktreten von welsch im späteren Nhd. läßt diese seine eigentliche begriffliche Leistung nicht unsichtbar werden."

(Weisgerber, Leo. Deutsch als Volksname: Ursprung und Bedeutung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, 1953. S. 194)



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Jörn P Budesheim
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Do 24. Jul 2025, 08:10

Consul hat geschrieben :
Mi 9. Jul 2025, 22:31
Ohne ethnische/nationale Differenz gibt es keine ethnische/nationale Identität.
Nehmen wir eine Analogie: Eine Reihe von Unternehmen vertreibt ein bestimmtes Produkt. Die Produkte dieser Unternehmen gleichen sich in allen relevanten Eigenschaften bis aufs Haar. Was also tun? Tatsächliche Unterschiede sind kaum erkennbar, doch irgendwie braucht das Produkt, so meint man, ein Alleinstellungsmerkmal. Also beginnt man, Unterschiede zu "erfinden" – durch gezieltes Storytelling, also bestimmte Narrative. Darüber hinaus: Jede Firma denkt sich ihren eigenen Slogan aus. Eigenschaften, die zwar alle Produkte teilen, werden in der Kommunikation besonders betont und übertrieben dargestellt, solange dieselben nicht auch von der Konkurrenz hervorgehoben werden. Man spricht gezielt eine Zielgruppe an, die die Konkurrenz bislang nicht im Blick hat.

Kurz: Entscheidend ist, was beim Kunden ankommt. Nicht, ob ein Unterschied tatsächlich besteht, sondern ob er glaubhaft erscheint. Ein erfundenes Alleinstellungsmerkmal entfaltet Wirkung, wenn es ein Bedürfnis trifft oder eine Sehnsucht anspricht.

Funktioniert das bei nationalen Identitäten nicht ganz ähnlich? – als "Erfindung" von Differenz, wo real kaum Unterschiede bestehen? Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Im Gegensatz zu einem unbelebten Produkt lebt jeder Mensch mit einem Selbstbild. Was jemand über sich glaubt, prägt auch, wer er ist – manchmal unabhängig davon, ob es auf Fakten beruht. So wird aus einer Fiktion (dem Narrativ) gelebte Realität. Make America great again.



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Do 24. Jul 2025, 09:59

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 24. Jul 2025, 08:10
Consul hat geschrieben :
Mi 9. Jul 2025, 22:31
Ohne ethnische/nationale Differenz gibt es keine ethnische/nationale Identität.
Nehmen wir eine Analogie: Eine Reihe von Unternehmen vertreibt ein bestimmtes Produkt. Die Produkte dieser Unternehmen gleichen sich in allen relevanten Eigenschaften bis aufs Haar. Was also tun? Tatsächliche Unterschiede sind kaum erkennbar, doch irgendwie braucht das Produkt, so meint man, ein Alleinstellungsmerkmal. Also beginnt man, Unterschiede zu "erfinden" – durch gezieltes Storytelling, also bestimmte Narrative. Darüber hinaus: Jede Firma denkt sich ihren eigenen Slogan aus. Eigenschaften, die zwar alle Produkte teilen, werden in der Kommunikation besonders betont und übertrieben dargestellt, solange dieselben nicht auch von der Konkurrenz hervorgehoben werden. Man spricht gezielt eine Zielgruppe an, die die Konkurrenz bislang nicht im Blick hat.

Kurz: Entscheidend ist, was beim Kunden ankommt. Nicht, ob ein Unterschied tatsächlich besteht, sondern ob er glaubhaft erscheint. Ein erfundenes Alleinstellungsmerkmal entfaltet Wirkung, wenn es ein Bedürfnis trifft oder eine Sehnsucht anspricht.

Funktioniert das bei nationalen Identitäten nicht ganz ähnlich? – als "Erfindung" von Differenz, wo real kaum Unterschiede bestehen? Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Im Gegensatz zu einem unbelebten Produkt lebt jeder Mensch mit einem Selbstbild. Was jemand über sich glaubt, prägt auch, wer er ist – manchmal unabhängig davon, ob es auf Fakten beruht. So wird aus einer Fiktion (dem Narrativ) gelebte Realität. Make America great again.
Genau diese Einsicht musst du nun auf deine Ideen zur Menschenwürde ebenfalls anwenden. Sie ist das Ergebnis eines Narrativs, das auch auf einem bestimmten Selbstgefühl beruht, das objektiviert werden soll mithilfe dieses Narrativs.




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Do 24. Jul 2025, 23:49

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 24. Jul 2025, 08:10
…Kurz: Entscheidend ist, was beim Kunden ankommt. Nicht, ob ein Unterschied tatsächlich besteht, sondern ob er glaubhaft erscheint. Ein erfundenes Alleinstellungsmerkmal entfaltet Wirkung, wenn es ein Bedürfnis trifft oder eine Sehnsucht anspricht.

Funktioniert das bei nationalen Identitäten nicht ganz ähnlich? – als "Erfindung" von Differenz, wo real kaum Unterschiede bestehen? Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Im Gegensatz zu einem unbelebten Produkt lebt jeder Mensch mit einem Selbstbild. Was jemand über sich glaubt, prägt auch, wer er ist – manchmal unabhängig davon, ob es auf Fakten beruht. So wird aus einer Fiktion (dem Narrativ) gelebte Realität. Make America great again.
Verschiedene Abstammungs- und Verwandtschaftsbeziehungen, verschiedene Siedlungsgebiete, verschiedene Sprachen (z.B. die deutsche Sprache vs. die "welschen" Sprachen), verschiedene Religionen, verschiedene Sitten & Bräuche, verschiedene handwerkliche oder künstlerische Produkte (Artefakte), verschiedenes Aussehen – all das sind objektiv reale Unterschiede, die zwischen Völkern vorkommen.
Das soll nicht heißen, dass das Selbstbild eines Volkes und dessen Fremdbilder anderer Völker immer den Tatsachen entsprechen; denn darin finden sich in der Regel auch mythologische Fiktionen, zu denen falsche ethnische Stereotype zählen.

Max Weber stellt den subjektiven Glaubensaspekt ethnischer Identität in den Vordergrund; aber es gibt nichtsdestoweniger objektive Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen menschlichen Populationen, die bei der Ziehung und Wahrnehmung ethnischer Grenzen eine Rolle spielen.
"Wir wollen solche Menschengruppen, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider oder von Erinnerungen an Kolonisation und Wanderung einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinsamkeit hegen, derart, daß dieser für die Propagierung von Vergemeinschaftungen wichtig wird, dann, wenn sie nicht "Sippen" darstellen, "ethnische" Gruppen nennen, ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinsamkeit objektiv vorliegt oder nicht."

(Weber, Max. Wirtschaft und Gesellschaft. Teilbd. 1: Gemeinschaften. [1921/2.] Hrsg. v. Wolfgang J. Mommsen & Michael Meyer. Tübingen: Mohr (Paul Siebeck), 2001. S. 174)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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Jörn P Budesheim
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Fr 25. Jul 2025, 06:20

Deine Behauptung war: "Ohne ethnische/nationale Differenz gibt es keine ethnische/nationale Identität." Und das habe ich mit dem Beispiel in Frage gestellt. Damit es nicht behauptet, dass es nicht de facto Unterschiede geben mag, wie du geltend machst.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

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Jörn P Budesheim
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Fr 25. Jul 2025, 17:09

Bild

Ich war gerade in der Kunsthochschule Kassel – dort findet zurzeit der Rundgang statt, bei dem Studentinnen und Studenten ihre Arbeiten zeigen. Ein Video fand ich besonders lustig: Die Studentin hatte alles Mögliche zusammengetragen, was ihr "typisch deutsch" vorkommt – Jack-Wolfskin-Jacke, kurze Jeans, Sandalen, Stirnband, Club Mate … Und unten rechts im Bild ein Schild, das man hier in Kassel wirklich an jeder Ecke sieht: „Offen für Vielfalt – Geschlossen gegen Ausgrenzung.“

Dazu hat sie gesungen – mit einem „Mikrofon“ in der Hand, das aus einer Spargelstange und einer Kartoffel zusammengebaut war. Zur Musik aus Mozarts Zauberflöte trug sie bekannte deutsche Zungenbrecher vor, etwa: „In Ulm und um Ulm und um Ulm herum.“ ... Herrlich.



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Fr 25. Jul 2025, 22:35

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 25. Jul 2025, 06:20
Deine Behauptung war: "Ohne ethnische/nationale Differenz gibt es keine ethnische/nationale Identität." Und das habe ich mit dem Beispiel in Frage gestellt. Damit es nicht behauptet, dass es nicht de facto Unterschiede geben mag, wie du geltend machst.
Ich bestreite nicht, dass ethnische/nationale/rassische Verschiedenheit oder Andersartigkeit ebenso mythologisch oder ideologisch fingiert werden kann wie ethnische/nationale/rassische Gleichheit oder Gemeinsamkeit (insbesondere Verwandtschaft). Die Nazis erklärten sogar seit langem assimilierte deutsche Juden zu einer fremden Rasse, um sie leichter aus dem deutschen Volk ausgrenzen zu können; und wenn die AfD von "kulturell inkompatiblen" Völkern spricht, dann verabsolutiert sie kulturelle Unterschiede zwischen Europäern und insbesondere Orientalen, so als ob Letztere nichtmenschliche Außerirdische wären, mit denen ein gesellschaftliches Zusammenleben grundsätzlich unmöglich ist.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

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