Stolz sein auf ein Land? – Ein Schlichtungsversuch

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
Timberlake
Beiträge: 3071
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Do 14. Aug 2025, 00:16

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 13. Aug 2025, 15:51

@timberlake: Kannst du dir keinen Unterschied ausmalen zwischen einem „Stückwerk“ aus Einzelmaßnahmen und einer übergreifenden Perspektive? Und keinen zwischen dem ständigen Hinterherlaufen bei AfD-Themen und dem Entwickeln einer eigenen, positiven Agenda?

@Jörn

Als jemand, der sich selbst als desillusioniert bezeichnet würde, muss ich an dieser Stelle tatsächlich zugeben, dass ich ein Problem damit habe, einen Unterschied zwischen einem „Stückwerk“ aus Einzelmaßnahmen und einer übergreifenden Perspektive auszumachen. Das gilt übrigens auch für den Unterschied zwischen dem ständigen Hinterherlaufen bei AfD-Themen und von daher selbstredend, dem Entwickeln einer eigenen, positiven Agenda.

Ein Problem, wie er für die erste der drei Verwandlungen des Geistes, wie ich finde, übrigens typisch ist ..

Von den drei Verwandlungen
"Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.
Vieles Schwere gibt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine Stärke.
Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kamele gleich, und will gut beladen sein.
Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, daß ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde.
Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmut wehe zu tun? Seine Torheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?
Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?
Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntnis nähren und um der Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?
Oder ist es das: krank sein und die Tröster heim schicken und mit Tauben Freundschaft schließen, die niemals hören, was du willst?
Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit ist, und kalte Frösche und heiße Kröten nicht von sich weisen?
Oder ist es das: die lieben, die und verachten, und dem Gespenste die Hand reichen, wenn es uns fürchten machen will?
Alles dies Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kamele gleich, das beladen in die Wüste eilt, also eilt er in seine Wüste."
Nietzsche ... Also sprach Zarathustra

Quk hat geschrieben :
Mo 21. Apr 2025, 09:09

Stolz ist das Gegenteil von Scham. Beide Eigenschaften beziehen sich auf eine persönliche Verbundenheit mit etwas. Das kann die eigene Nation sein, die eigene Leistung, die eigene Mutter, der eigene Sohn, der eigene Garten. Ich denke, Stolzgefühl basiert auf dem Gefühl der Verbundenheit. Verbunden ist man freilich mit den eigenen Leistungen. Verbundenfühlen kann man sich aber auch mit der eigenen Tocher, dem Heimatdorf oder einem Fanklub, der 5000 Meilen außerhalb der Heimat seinen Sitz hat.

Wenn diese verbundenen Sachen Mist bauen, löst das im verbundenen Menschen Schamgefühl aus. Man versteckt sich.

Wenn die verbundenen Sachen klasse sind, löst das im verbundenen Menschen Stolzgefühl aus. Man zeigt sich.
Sicherlich gib es diese verbundenen Sachen, die klasse sind und somit im verbundenen Menschen Stolzgefühl auslösen. Etwas, was als solches durchaus vorzeigbar ist. Nur für jemanden wie mich, der, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, schwer beladen in seine Wüste geeilt ist, nur noch ein blasser Schimmer am Horizont.




Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1970
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 19. Aug 2025, 18:04

Bild
reve.art

Stolz sein auf ein Land? Hier zum Vergleich, was auf dem Spiel steht:

US-Museen, allen voran die Smithsonian-Stiftung, stehen unter Druck: Trump will zum 250. Jubiläum der USA ein geschöntes Geschichtsbild durchsetzen. Kritische Ausstellungen zum Beispiel zu Sklaverei und Rassismus sollen verschwinden, sein Vize J.D. Vance prüft Projekte auf „Gesinnungsreinheit“.

https://taz.de/Museen-in-den-USA-unter-Druck/!6104888/

Auch die Frage, was "deutsch" heißt, ist wohl von größerem Belang und nicht nur eine akademische Spielerei, schätze ich. Und es ist klar, wen man die Beantwortung dieser Frage nicht überlassen darf.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 1970
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Sa 17. Jan 2026, 12:00

Als ich mich gerade durch das Material gearbeitet habe, das wir in dem Faden zur dunklen Aufklärung besprechen, musste ich noch einmal an diesen Thread denken.

Ich selbst verstehe mich als klar links. In meiner Social-Media-Community sind natürlich viele andere Künstlerinnen und Künstler, von denen fast alle ebenfalls dem linken Spektrum angehören. Kritik ist in einer freien Gesellschaft wichtig, und viele der Kritikpunkte, die in meiner Bubble geäußert werden, sind auch gerechtfertigt. Das will ich keinesfalls bezweifeln.

Gleichzeitig frage ich mich manchmal: Leben wir eigentlich im schlimmsten Staat der Welt? Wohl kaum. Wenn wir die Demokratie gegen die Ultrarechten und andere Bedrohungen verteidigen wollen, sollten wir vielleicht auch anerkennen können, dass es in der Gesellschaft, in der wir leben, auch viele Aspekte gibt, die es wert sind, verteidigt zu werden.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Antworten