Sinn des Lebens
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Quk
Wenn der Sinn fehlt, fehlt auch die Befriedigung. In meinen epikureischen Augen gehört das zusammen. Ein sinnloses Leben ist unbefriedigend. Du benutzt ein anderes Paradigma als ich. Mir ist nicht klar, was Sinn in Deinem Vokabular bedeutet. Bedeutet es bei Dir "mathematischer Sinn"? "Logischer Sinn"? "Linguistischer Sinn"? Schachzugsinn?
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Jörn Budesheim
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Quk
Nochmal der Kontext vom Januar:
Inzwischen ist die Diskussion weitergerollt in den März. Die laufenden, präzisierenden Kontexte in der Diskussion sollten nicht ignoriert werden. Das ist doch eine Diskussion und kein Standfußball.
Quk hat geschrieben : ↑Fr 10. Jan 2025, 16:34In dieser Hinsicht gebe ich Dir recht. Der Sinn des Lebens ist es, sich zu erhalten, und zwar durch Todvermeidung oder Fortpflanzung. Diese Antwort ist leider frustrierend für diejenigen Menschen, die einen "höheren" Sinn des Lebens brauchen.Wolfgang Endemann hat geschrieben : ↑Fr 10. Jan 2025, 15:55Objektiv gibt es keinen Sinn des Lebens. Aber das Leben selbst ist ein Sinnzusammenhang (der keinen "höheren" Sinn hat). Sinn in diesem Sinne heißt einfach ein Ausschluß von Vielem, Sinn reduziert das anything goes.
Hoch, höher, am höchsten.
Die Frage müsste man eigentlich so präzisieren: Was ist der höchste Sinn des Lebens?
Und da muss ich als alter Regelkreisler wieder feststellen: Es gibt im Kreislauf keinen Anfang. Genauso, wie es keinen Staat Nr. 1 gibt, gibt es auch keinen Lebenssinn Nr. 1.
Quk hat geschrieben : ↑Fr 10. Jan 2025, 21:18Du kannst Deinem Leben Sinn geben durch Telefonseelsorge oder Bergbesteigung etc. Das geht aber nur, wenn Du von Deiner Mutter geboren wurdest und noch nicht tot bist. Deine lebendige Existenz ist die Voraussetzung, Telefonseelsorge anbieten zu können, beziehungsweise einen Telefonseelsorger mit Deinen Sorgen zu beschäftigen. Deswegen nannte ich diese Punkte zuerst. Als kleine Provokation. Natürlich gibt es unendlich viele Lebenssinne. Reinhold Messner erscheint es sinnvoll, sich in Gefahr zu begeben und darin den Tod zu vermeiden. Lüstlinge finden ihren Lebenssinn in täglichen erotischen Fortpflanzungs-Ritualen. Warum sollte das nicht sinnvoll sein?Jörn Budesheim hat geschrieben : ↑Fr 10. Jan 2025, 19:55Auch hier ist mir nicht klar, was gemeint sein könnte. Denn ein Leben, das nur darin bestünde, es zu erhalten durch Todvermeidung oder Fortpflanzung ist ja in der Regel gerade keinen sinnvolles Leben.
Inzwischen ist die Diskussion weitergerollt in den März. Die laufenden, präzisierenden Kontexte in der Diskussion sollten nicht ignoriert werden. Das ist doch eine Diskussion und kein Standfußball.
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Jörn Budesheim
Natürlich ist das befriedigend – wahrscheinlich sogar letztlich befriedigender. Doch diese Befriedigung entspringt dem Sinn, dem roten Faden, dem größeren Ganzen – nicht bloß einzelnen „befriedigenden Tätigkeiten“, die ohne diesen Zusammenhang sogar in eine Leere führen können. Die tiefere Befriedigung, die auch Höhen und Tiefen, Niederlagen und Umwege umfasst, entspringt eben diesem Lebenssinn.
Also genau dem, was du von Anfang an geleugnet hast. Hier noch einmal deine Worte: „Der Sinn des Lebens ist es, sich zu erhalten, und zwar durch Todvermeidung oder Fortpflanzung. Diese Antwort ist leider frustrierend für diejenigen Menschen, die einen ‚höheren‘ Sinn des Lebens brauchen.“
Doch ein Sinn, der sich allein auf Selbsterhaltung reduziert, kann kein roter Faden für ein Leben sein.
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Quk
Zunächst würde ich Dich gerne bitten, nicht immer meinen Januar-Kommentar zu wiederholen. Die Diskussion ist inzwischen im März angelangt und ich habe einige Präzisierungen hinter mir, und aktuell bin ich in einem spezifischen Kontext. Auf diesen beziehe ich mich gerade.
Zum "roten Faden": Jetzt kommen wir der Sache vielleicht näher. Du scheinst eine Konstante zu verlangen. Ähnlich wie die Gravitationskonstante in der Physik, erwartest Du eine Sinnkonstante im Leben? Warum muss das konstant sein?
Was ist, wenn der erwünschte "rote Faden" bei näherem Blick aus vielen bunten Fasern besteht? Bricht dann der Sinn zusammen, nur weil er abwechslungsreich ist?
Zum "roten Faden": Jetzt kommen wir der Sache vielleicht näher. Du scheinst eine Konstante zu verlangen. Ähnlich wie die Gravitationskonstante in der Physik, erwartest Du eine Sinnkonstante im Leben? Warum muss das konstant sein?
Was ist, wenn der erwünschte "rote Faden" bei näherem Blick aus vielen bunten Fasern besteht? Bricht dann der Sinn zusammen, nur weil er abwechslungsreich ist?
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Jörn Budesheim
Dazu gibt es auch Belege, das heißt, es gibt dazu empirische Daten. Einen Auszug aus dieser Quelle habe ich übrigens weiter oben schon gepostet. Der Artikel betont, dass zahlreiche Studien belegen, dass Menschen, die einen Sinn in ihrem Dasein sehen, meist fröhlicher sind und sich subjektiv besser fühlen als jene, die das nicht tun. Sie seien im Alltag gelassener, offenbar gesünder und erholten sich schneller von Schicksalsschlägen.Jörn Budesheim hat geschrieben : ↑Sa 8. Mär 2025, 20:32Natürlich ist das befriedigend – wahrscheinlich sogar letztlich befriedigender. Doch diese Befriedigung entspringt dem Sinn, dem roten Faden, dem größeren Ganzen – nicht bloß einzelnen „befriedigenden Tätigkeiten“, die ohne diesen Zusammenhang sogar in eine Leere führen können. Die tiefere Befriedigung, die auch Höhen und Tiefen, Niederlagen und Umwege umfasst, entspringt eben diesem Lebenssinn.
geo hat geschrieben : Welchen Sinn hat das Leben? Warum sich jeden Tag wieder aus dem Bett erheben, arbeiten, einkaufen, putzen, gelegentlich in den Urlaub fahren und wieder von vorn beginnen? Wofür mühen wir uns so? Lohnt es?
Wie wir diese Fragen beantworten [...], prägt grundlegend, wie zufrieden wir leben. Zahlreiche Studien belegen dies: Menschen, die einen Sinn in ihrem Dasein sehen, sind meist fröhlicher und fühlen sich subjektiv besser als jene, die das nicht tun. Sie bleiben vielfach im Alltag gelassener, sind offenbar gesünder, erholen sich schneller von Schicksalsschlägen. Kurz: Sie fühlen sich dem Leben nicht unbedingt passiv ausgeliefert, sondern sehen sich eher als Autor ihrer Biografie.
Allerdings haben laut Umfragen etwas mehr als ein Drittel der Deutschen eine „gleichmütige Haltung zum eigenen Lebenssinn“. In Nachbarländern wie Dänemark, Frankreich oder Österreich liegt die Rate ähnlich hoch. Diese „existenziell indifferenten“ Menschen vermissen einen Lebenssinn gar nicht. Sie blenden die Frage nach dem, was das alles soll, im Alltag weitgehend aus. Sie halten sich damit nicht auf.
So kann man recht gut leben – zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Zwar sind die existenziell Indifferenten von Wissenschaftlern noch vergleichsweise wenig studiert worden. Doch erste Untersuchungen belegen, dass sie beispielsweise nicht auffällig depressiv sind – allerdings auch längst nicht so zufrieden wie die Sinnerfüllten. Sie leben mehr oder minder vor sich hin. „Es sind Menschen, die sich aus allem raushalten. Die keine Leidenschaften haben“, so Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck.
Die Psychologin gehört zu einer weltweiten Gruppe von Forschern, die den Lebenssinn studieren, ihn für die Wissenschaft fassbar zu machen versuchen. Sie interessieren sich für all jene Faktoren, die Menschen das Gefühl geben, dass ihr Dasein eine Bedeutung hat und sie ihre Zeit auf der Erde nicht einfach vergeuden. Die Arbeiten der Wissenschaftler belegen, dass all jene, die sich diesem Thema nicht stellen, einen zentralen Quell von Lebensfreude ausschließen. [...]
(Geo)
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Wolfgang Endemann
- Beiträge: 1271
- Registriert: Di 23. Apr 2024, 14:30
Ich habe in # 88825 zwei Formen von Sinn unterschieden, den objektiven und den subjektiven Sinn. Man kann mehr an dem einen oder mehr an dem anderen orientiert sein. Und man kann sich mow mit Sinn beschäftigen. Die in geo erwähnten "Indifferenten" sind eine inhomogene Gruppe, da gibt es im Wesentlichen diejenigen, die vom Lebenskampf derart in Anspruch genommen sind, daß sie nicht den Freiraum haben, sich überhaupt mit Sinn zu beschäftigen. Und dann gibt es eine ganz andere Gruppe, die den Freiraum hat, aber in der Beschäftigung mit Sinn ein Befangensein in Trugbildern sieht. Zu einem klaren Verständnis der Rolle von Sinn kommt man, wenn man ein zweidimensionales Schema anlegt: Idealismus versus Realismus und Aktivismus versus Passivismus. Die Menschen unterscheiden sich in diesen Dimensionen. Es gibt die zupackenden Draufgänger und die vorsichtigen Anpassler. Die ersteren sehen sich als Subjekte, Macher, Kreative, die letzteren als kluge Verwalter der gegebenen Möglichkeiten.
Es gibt also Sinnsucher und Realisten, und unter den Sinnsuchern gibt es die, die nach einem objektiven Sinn suchen, und die, die sich als Schöpfer von Eigensinn verstehen. In unserer westlichen Gesellschaft fällt es besonders schwer, die fernöstliche Haltung zu verstehen, die das Glück in der Gelassenheit, in der Einheit mit der Natur, im Nirwana verortet, im Ichverlust. Aber das ist östliches Glück. Bei uns gibt es das in Form der Suspension des Willens, im Rausch, in der Meditation. Der oberste Wert im Westen ist die Selbstbestimmung, die Befreiung von Fremdbestimmung, das Subjektwerden. Alles muß zum Eigenen werden, angeeignet werden. Und beides, westlich und östlich, kann kombiniert werden, wenn man den Sinn nicht auf das erratische, solipsistische Individuum bezieht, sondern auf den objektiven Sinn des Lebens aller und sich daher in den objektiven Natursinn des Strukturaufbaus des Lebenszusammenhangs, der wachsenden Komplexität der Biowelt einfügt, insbesondere sich der Menschenwelt, also auch unserer physischen und geistigen Vervollkommnung widmet ("unsere Kinder sollen es besser haben", "dem W, G, Sch"), usw.
Es gibt also Sinnsucher und Realisten, und unter den Sinnsuchern gibt es die, die nach einem objektiven Sinn suchen, und die, die sich als Schöpfer von Eigensinn verstehen. In unserer westlichen Gesellschaft fällt es besonders schwer, die fernöstliche Haltung zu verstehen, die das Glück in der Gelassenheit, in der Einheit mit der Natur, im Nirwana verortet, im Ichverlust. Aber das ist östliches Glück. Bei uns gibt es das in Form der Suspension des Willens, im Rausch, in der Meditation. Der oberste Wert im Westen ist die Selbstbestimmung, die Befreiung von Fremdbestimmung, das Subjektwerden. Alles muß zum Eigenen werden, angeeignet werden. Und beides, westlich und östlich, kann kombiniert werden, wenn man den Sinn nicht auf das erratische, solipsistische Individuum bezieht, sondern auf den objektiven Sinn des Lebens aller und sich daher in den objektiven Natursinn des Strukturaufbaus des Lebenszusammenhangs, der wachsenden Komplexität der Biowelt einfügt, insbesondere sich der Menschenwelt, also auch unserer physischen und geistigen Vervollkommnung widmet ("unsere Kinder sollen es besser haben", "dem W, G, Sch"), usw.
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Jörn Budesheim
Quelle/Begründung?Wolfgang Endemann hat geschrieben : ↑So 9. Mär 2025, 12:06. Die in geo erwähnten "Indifferenten" sind eine inhomogene Gruppe, da gibt es im Wesentlichen diejenigen, die vom Lebenskampf derart in Anspruch genommen sind, daß sie nicht den Freiraum haben, sich überhaupt mit Sinn zu beschäftigen. Und dann gibt es eine ganz andere Gruppe, die den Freiraum hat, aber in der Beschäftigung mit Sinn ein Befangensein in Trugbildern sieht.
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Jörn Budesheim
"[...] Ebenfalls empirischer Natur, aber in vielen Fällen wohl zu bejahen ist die Frage nach dem positiven Beitrag eines Lebenssinnes zur Erfahrung eines erträglichen oder gar gelingenden Lebens. Einschlägig sind hier besonders die Ansätze V. FRANKLS und seiner >>Logotherapie<< zur Bekämpfung von sog. »noogenen Neurosen«, d.h. von psychischen Krankheitsbildern, die auf gedanklicher Ebene durch den Mangel an Lebenssinn verursacht werden. FRANKLS Strategie, den Blick solcher Patienten auf das bislang unterschätzte Beachtliche, Geglückte und potentiell für sich und andere Sinnvolle in ihrem Leben zu lenken (etwa das Aufziehen seiner Kinder deutlicher als Leistung wahrzunehmen oder im mutigen Ertragen einer Krankheit anderen noch ein Vorbild sein zu können) und so das Sinndefizit zu überwinden, war in vielen Fällen von Erfolg gekrönt." (Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe)Jörn Budesheim hat geschrieben : ↑Sa 8. Mär 2025, 10:10(1) Ist es möglich, dass das eigene Leben keinen Sinn hat, aber man denkt, es habe einen?
(2) Ist es möglich, dass das eigene Leben einen Sinn hat, aber man es nicht so empfindet?
Mit anderen Worten, Frage 2 muss man (anders als ich ursprünglich vermutet hatte) bejahen. Daraus folgt übrigens unmittelbar, dass der Sinn des Lebens objektiv ist. Sonst wäre es nicht möglich, sich darüber zu irren.
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Jörn Budesheim
Der Begriff „Sinn“ ist viel vielschichtiger, als Wolfgang es in seinem Text darstellt. Seine Perspektive erscheint mir zu einseitig. Der Begriff „Sinn“ macht keineswegs nur Sinn, wenn „Etwas“ nicht nur ist, sondern „etwas (anderes) bedeutet“, wie er gleich zu Beginn behauptet. So mag es besipielsweise bei Symbolen sein, bei Handlungen liegen die Dinge aber schon anders. In verschiedenen Kontexten wird der Begriff verschieden verwendet: Wenn ich also nach dem Sinn einer Handlung frage, geht es um etwas anderes als beim Sinn eines Verkehrsschildes. Kunstwerke haben einen anderen Sinn als Organe im Körper. Und wenn wir fragen, ob die Geschichte einen Sinn hat, ist das eine ganz andere Fragestellung als bei Freges „Sinn und Bedeutung“. Was ist der Sinn des Lebens? Diese existenzielle Frage hat eine andere, eigene Dimension.
Winfried Löffler untersucht den Begriff „Sinn“ im „Neuen Handbuch der philosophischen Grundbegriffe“ auf gut einem Dutzend Seiten. Dabei beleuchtet er übrigens auch den Begriff „Sinne“ (wie Sehen, Riechen etc.). Löffler kommt zu dem Schluss, dass den verschiedenen Verwendungen des Begriffs "Sinn" (von Sinnen sein ...) keine einheitliche Bedeutung zugrunde liegt. Vielleicht lässt sich grob zwischen den Sinnen (die menschliche Wahrnehmung betreffend), dem Worumwillen (Zweck) und dem Sinn als Gegenstand sprachlicher und anderer Verstehensprozesse unterscheiden. (Frege passt in dieses Schema schon nicht mehr ohne weiteres, ähnlich Gabriels Sinnfelder.)
Hier in diesem Faden geht es uns jedoch nicht um den Sinn von Zeichen oder etwa um keplerschen Gesetze, sondern um den Sinn des Lebens – eine eigene, existenzielle Fragestellung. Die Art und Weise, wie jede einzelne Person die Frage versteht, kann (vielleicht) schon Teil der Antwort sein, die sie darauf gibt. Wer Sinn eher als Funktion, die die einzelne Person im Rädergetriebe der Gesellschaft hat, versteht, wir zu einer anderen Selbsteinschätzung kommen, als jemand, der es eher als Frage nach dem inneren Wert des eigenen Lebens versteht.
Allerdings könn(t)en Philosophie und Empirie hier durchaus erhellende Fingerzeige geben.
Winfried Löffler untersucht den Begriff „Sinn“ im „Neuen Handbuch der philosophischen Grundbegriffe“ auf gut einem Dutzend Seiten. Dabei beleuchtet er übrigens auch den Begriff „Sinne“ (wie Sehen, Riechen etc.). Löffler kommt zu dem Schluss, dass den verschiedenen Verwendungen des Begriffs "Sinn" (von Sinnen sein ...) keine einheitliche Bedeutung zugrunde liegt. Vielleicht lässt sich grob zwischen den Sinnen (die menschliche Wahrnehmung betreffend), dem Worumwillen (Zweck) und dem Sinn als Gegenstand sprachlicher und anderer Verstehensprozesse unterscheiden. (Frege passt in dieses Schema schon nicht mehr ohne weiteres, ähnlich Gabriels Sinnfelder.)
Hier in diesem Faden geht es uns jedoch nicht um den Sinn von Zeichen oder etwa um keplerschen Gesetze, sondern um den Sinn des Lebens – eine eigene, existenzielle Fragestellung. Die Art und Weise, wie jede einzelne Person die Frage versteht, kann (vielleicht) schon Teil der Antwort sein, die sie darauf gibt. Wer Sinn eher als Funktion, die die einzelne Person im Rädergetriebe der Gesellschaft hat, versteht, wir zu einer anderen Selbsteinschätzung kommen, als jemand, der es eher als Frage nach dem inneren Wert des eigenen Lebens versteht.
Allerdings könn(t)en Philosophie und Empirie hier durchaus erhellende Fingerzeige geben.
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Jörn Budesheim
Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist keineswegs überholt (wie du an anderer Stelle angedeutet hast) oder nur eine religiöse, schwülstige Angelegenheit. Es handelt sich um eine philosophische Frage, der auch heute große Bedeutung zukommt. Der Eintrag "The Meaning of Life" in der "Stanford Encyclopedia of Philosophy" zeigt das: "Die anglo-amerikanisch-australische Philosophie des Lebenssinns ist lebendig geworden, sodass es mittlerweile viel zu viel Literatur gibt, um sie in dieser Übersicht umfassend zitieren zu können." Die Debatte um den Lebenssinn ist heute (auch philosophisch) aktueller denn je.
Noch 2011 kamen Sebastian Muders, Markus Rüther zu einem anderen Befund: "Viele Menschen wenden sich der Philosophie zu, um die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten: Was hat das alles zu bedeuten? Wozu bin ich hier? Was ist wirklich wichtig? Diese Fragen machen deutlich: Wer Ausschau nach dem Sinn des Lebens hält, fragt unter anderem nach normativer Orientierung. Entsprechend wird dieser Themenkomplex von vielen Nicht-Philosophen für einen der wichtigsten der Philosophie überhaupt gehalten. In akademischen Kontexten fand er aber in den letzten Jahrzehnten kaum Beachtung."
Es kann allerdings gut sein, dass hier die angelsächsische und europäische Philosophie verschieden ticken. Allerdings hab ich bei der Recherche einige Bücher gesehen, die sich ganz aktuell mit dem Thema beschäftigen, u.a. Markus Gabriel relativ ausführlich in: "Der Mensch als Tier, warum wir trotzdem nicht in die Natur passen."
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Jörn Budesheim
Sebastian Muders, Markus Rüther, information philosophie hat geschrieben : [...] Der erste Themenkomplex betrifft die Frage nach der Bedeutung des Syntagmas „Sinn des Lebens“: Was soll es eigentlich heißen, dass ein Leben sinnvoll ist? Was meinen wir, wenn wir davon sprechen, dass das Leben von Peter einen Sinn aufweist, der dem Leben von Klaus abgeht?
In diesem Zusammenhang herrscht weitgehend Konsens darüber, dass ein begrifflicher Unterschied zwischen dem sinnvollen und dem glücklichen Leben einerseits sowie dem sinnvollen und dem moralischen Leben anderseits besteht (Vgl. zur Verhältnisbestimmung Metz 2007). Wenn wir sagen, dass Peter ein glückliches und moralisches Leben führt, dann meinen wir in der Regel nicht, dass sein Leben auch notwendigerweise einen Sinn aufweisen muss. Ob hingegen das glückliche und moralische Leben eine notwendige Bedingung dafür ist, dass dem eigenen Leben eine gewisse Sinnhaftigkeit zukommt, ist umstritten und hängt nicht zuletzt von der inhaltlichen Fassung der relevanten Begriffe ab (pro Cottingham 2003, S. 24-28; contra Taylor 1999). Wie in diesem Fall das Urteil auch ausfällt, klar ist für die meisten der an der Diskussion Beteiligten: Weder Glück noch Moralität sind hinreichend, um ein sinnvolles Leben zu bestimmen. [...]
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Jörn Budesheim
Wieso wird dieser Frage (wieder) Bedeutung beigemessen? Weil sich zeigt, dass die traditionelle (subjektivistisch/nihilistische) Antwort heute zunehmend infrage gestellt wird. Zurecht, wie ich finde.
"Was sind die Gründe dafür, dass gegenwärtig die Frage nach dem Sinn des Lebens in der akademischen Philosophie nur wenig Aufmerksamkeit erfährt? Ein ganz wesentlicher Grund besteht sicherlich in einem seit der Neuzeit aufkommenden Paradigma, das man als „Subjektivierung des Lebenssinns“ bezeichnen kann. Dessen Kernidee findet man besonders prägnant bei Friedrich Nietzsche in Also sprach Zarathustra:
„Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, – er schuf erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn!“ (Nietzsche, KSA IV: 75)
Ob eine Person ein sinnvolles Leben führt, ist demnach eine Frage, die der Entscheidungshoheit des jeweils Urteilenden obliegt. In den letzten Jahrzehnten wurde jedoch dieser radikale Subjektivismus zunehmend in Frage gestellt. Es wurde deutlich, dass die de facto vorfindbaren Wünsche, Neigungen und Überzeugungen eines Subjekts ihrerseits noch einer normativen Kritik unterzogen werden können. Daraus folgt, dass sich aus philosophischer Sicht zur Sinnthematik mehr sagen lässt, als lediglich auf die mentalen Zustände des Subjekts zu verweisen."
"Was sind die Gründe dafür, dass gegenwärtig die Frage nach dem Sinn des Lebens in der akademischen Philosophie nur wenig Aufmerksamkeit erfährt? Ein ganz wesentlicher Grund besteht sicherlich in einem seit der Neuzeit aufkommenden Paradigma, das man als „Subjektivierung des Lebenssinns“ bezeichnen kann. Dessen Kernidee findet man besonders prägnant bei Friedrich Nietzsche in Also sprach Zarathustra:
„Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, – er schuf erst den Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn!“ (Nietzsche, KSA IV: 75)
Ob eine Person ein sinnvolles Leben führt, ist demnach eine Frage, die der Entscheidungshoheit des jeweils Urteilenden obliegt. In den letzten Jahrzehnten wurde jedoch dieser radikale Subjektivismus zunehmend in Frage gestellt. Es wurde deutlich, dass die de facto vorfindbaren Wünsche, Neigungen und Überzeugungen eines Subjekts ihrerseits noch einer normativen Kritik unterzogen werden können. Daraus folgt, dass sich aus philosophischer Sicht zur Sinnthematik mehr sagen lässt, als lediglich auf die mentalen Zustände des Subjekts zu verweisen."
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Quk
Vielleicht hast Du recht; vielleicht gibt es einen einzigen, allertiefsten Lebenssinn.
Wird man ihn eines Tages sicher erkennen und beschreiben können?
Wird man ihn eines Tages sicher erkennen und beschreiben können?
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Jörn Budesheim
Das ist eine interessante Stelle, die mir beim Wiederlesen aufgefallen ist. Das geht nicht direkt an Stefanie, sondern ist eine allgemeine Betrachtung.
Niemand hat beim Thema „Essen, Trinken, Schlafen“ im Zitat widersprochen und mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass Menschen ja ganz Unterschiedliches essen (von Toast Hawaii bis Haute Cuisine) oder verschieden schlafen (auf dem Bauch, dem Rücken, links, rechts, eingerollt ...). Doch sobald es um den Sinn des Lebens geht, wird die Vielfalt der Lebensweisen sofort als Gegenargument angeführt – wieder und wieder und wieder.
Aber genau wie beim Essen kann man auch beim Sinn auf zwei "Ebenen" fragen: Auf der konkreten Ebene gibt es unzählige Rezepte, doch auf einer allgemeineren Ebene gibt es strukturelle Gemeinsamkeiten. In der Philosophie ist es üblich, nach solchen allgemeinen Strukturen zu suchen. Nehmen wir nur um des Arguments willen an, der Sinn des Lebens bestünde darin, „etwas zu lieben/sich etwas ‚hinzugeben‘“. Das wäre die allgemeine Ebene – sozusagen die Ebene „Essen“. Die konkrete Umsetzung, also das „Rezept“, könnte dann sehr unterschiedlich aussehen: Seelsorge, Kunst, Gärtnerei, Bergsteigen.
Selbst wenn es also (im Gedankenexperiment) nur einen einzigen allgemeinen, ultimativen, allerhöchsten (und was weiß ich noch) Sinn des Lebens gäbe, würde das keineswegs bedeuten, dass alle Menschen gleichgeschaltet sind. Die Vielfalt bliebe erhalten – nur eben auf der Ebene der individuellen Ausgestaltung.
Das ist so ähnlich wie bei der Freiheit. Der Umstand, dass wir uns alle selbst bestimmen können, bedeutet nicht, dass wir alle gleichförmig und entindividualisiert sind, nur weil es dafür einen gemeinsamen Ausdruck bzw. genauer: eine einzelne "Form" (die Form Selbst-bestimmung) gibt. Denn jede Jeck ist anders und daher kann man sich auf unendlich viele Weisen selbstbestimmten. Jede Jeck ist anders - ein Satz, den ich so oft wiederholt habe, der aber nie wirklich gehört wird. Keine zwei Sätze weiter wird mir dann vorgeworfen, ich mache alle gleich, wenn ich sie Jeck nenne oder ähnliches.
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Jörn Budesheim
"Interessant" ist, dass wir darüber ziemlich am Anfang ja auch schon auf eine relativ ähnliche Weise gesprochen haben. Aber es hat keine dauerhafte Auswirkung.
Das ist zwar nicht ganz dasselbe, aber geht doch vage in die nämliche Richtung.Quk hat geschrieben : ↑Sa 11. Jan 2025, 14:58Um die bunte Jeckengemeinschaft einfarbig zu machen mit einem einzigen Lebenssinn, ohne zugleich das Bunte zu verlieren, müssen wir vermutlich den "Sinn" auf zwei verschiedenen Ebenen behandeln:
1. Der Sinn als Begriff: Den gibt es nur ein Mal. Er hat eine Bedeutung.
2. Der Sinn als Inhalt. Jeder Jeck braucht seinen persönlichen Inhalt.
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Wolfgang Endemann
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Nein.Jörn Budesheim hat geschrieben : ↑Mo 10. Mär 2025, 09:48Der Begriff „Sinn“ macht keineswegs nur Sinn, wenn „Etwas“ nicht nur ist, sondern „etwas (anderes) bedeutet“
Man kann zwar definieren, wie man Lust und Laune hat. Will man vernünftig kommunizieren, sollte die Sprache präzise und konsistent sein. Begriffe sind ja keine Namen für Dinge, sondern für Zusammenhänge, die begriffen werden müssen. Unsere natürliche Sprache ist nur bedingt logisch, das ist unvermeidlich und sogar gut so, denn es bringt die Verhältnisse zum Tanzen, schüttelt sie durch, so daß sich neue, überraschende Verbindungen ergeben können. Dennoch muß das Ziel der konsistente Gebrauch sein. In diesem Sinn verwerfe ich gelegentlich eine Sprachpraxis oder mahne ein reflektierteres Sprechen an, wenn ich meine, auf eine Inkonsistenz gestoßen zu sein.
Im Fall von "Sinn" liegt eine Homonymie vor. Daß Etwas Sinn macht, ist ein anderer Begriff als daß man Etwas im Sinn hat. Letzterer bezeichnet einen Ort, ersterer eine Beziehung. In letzterem könnte man Sinn durch Bewußtsein ersetzen, etymologisch leitet sich dieser Begriff von den Wahrnehmungssinnen ab, die sinnliche Wahrnehmung bildet Äußeres in der Wahrnehmungsdimension auf Inneres ab. Da ist wie beim Bewußtsein als bewußtes Sein von Etwas das Wahrgenommene das Bild eines Seins. Der Sinn, der spezifische Ort des Bildes, ist dabei das wahrgenommene Sein, von dem das Sein abstrahiert ist, wahrgenommenes Sein ohne Sein. Im Fall von Gedankendingen handelt es sich um Vorstellungen, virtuelle Dinge, auch das ein Bewußtsein von Etwas. Und wie bei den Sinnen gibt es auch hier das Bewußtsein, in dem man vom Etwas abstrahiert, vom Vorstellungsinhalt. Was bleibt, ist nicht Bewußtsein, sondern Bewußtheit, oder, wie manche es nennen: Wachheit.
Da würde gelten <Der Begriff „Sinn“ macht keineswegs nur Sinn, wenn „Etwas“ nicht nur ist, sondern „etwas (anderes) bedeutet“>, aber davon reden wir nicht, wenn wir hier vom Sinn (des Lebens, im Leben) reden.
Alle die Beispiele, Sinn einer Handlung, Sinn eines Verkehrsschildes, Sinn eines Organs, Sinn des Lebens, sie alle fallen unter diese Doppelstruktur, mal als subjektiver, mal als objektiver. Nur Frege fällt nicht darunter, weil er eine unübliche Trennung von Sinn und Bedeutung vornimmt, den Sinn unkonventionell definiert. Aber der Fregesche Sprachgebrauch läßt sich ohne weiteres durch den üblichen substituieren. Mit meinen Worten oben: Frege nennt das Etwas den Sinn, den Sinn von Etwas die Bedeutung, wobei er präzisiert: eine Bedeutung; wenn wir vom Begriff des Etwas sprechen, meinen wir das Integral aller Fregeschen Bedeutungen (die Summe aller Beziehungen, in denen das Etwas steht) als den Sinn von Etwas.