Sinn des Lebens

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Friederike
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So 25. Okt 2020, 15:47

Soloturn hat geschrieben :
So 25. Okt 2020, 13:04
"Die Menschen sind nur Schauspieler auf der Bühne des Lebens"
Freue mich auf eure Interpretationen und bin gespannt.
Hm, "nur"? Wenn das Leben die Bühne ist, dann führen wir, jeder einzelne Mensch das "Stück" Leben auf (das Bild hinkt), also neuer nicht hinkender Versuch, dann gestalten wir das Leben, jeder für sich auf eine andere Art und Weise. Ach, ein schönes Wort fällt mir ein, wir performancen das Leben. Gibt das Leben Rollen + Texte vor? Ja, schon, aber man kann neue Rollen erfinden, oder bereits vorhandene und vorgegebene Rollen anders kostümieren und die Texte entweder wie neu entdeckt vortragen oder sie im Wortlaut abwandeln.

"Leben" macht mir ein wenig Kopfzerbrechen. Sowohl die biologische Existenz als auch die Präsenz des lebendigen Menschen, sein Erleiden, Erfreuen und Tun- solange seine biologische Existenz währt.

Wenn ich "Leben" so diffus sein lasse, dann sehe ich es aber doch hauptsächlich wie einen (Theater)-Fundus, aus dem wir schöpfen können. Nochmals "nur" ... ?

@Soloturn, eine Interpretation kann ich nicht anbieten, nur dies hier, mein Stückwerk. Was ist Deine Hauptidee, die Spur, die Du verfolgst?




sokrates_is_alive
Beiträge: 78
Registriert: Sa 26. Sep 2020, 14:38

So 25. Okt 2020, 19:26

Soloturn hat geschrieben :
So 25. Okt 2020, 13:04
Hallo,

meinen "Einstand" als neues Mitglied im Forum möchte ich mit einem Satz geben,
der mich schon länger beschäftigt und bei dem es mich interessieren würde,
wie ihr ihn interpretiert bzw. was eure Gedanken dazu sind:

"Die Menschen sind nur Schauspieler auf der Bühne des Lebens"

Freue mich auf eure Interpretationen und bin gespannt.
Dann versuche ich mal mein Glück, wobei ich gerne gewusst hätte, woher oder von wem der Satz stammt. Mir kommen zwei Ansätze in den Sinn:
1. Wenn wir "nur" Schauspieler sind, dann muss es ja einen Regisseur geben, der sein Drehbuch verfolgt, ohne jedoch die individuellen Ausdruckweisen und Interpretationen der Rollen durch seine Schauspieler zu unterdrücken. Dann wäre es wahrscheinlich dem Satz "Gott würfelt nicht" artverwandt.
2. Wir als Schauspieler haben eine Menge verschiedene Masken/ Rollen, die wir in unterschiedlichen Situationen, anwenden. Dabei sind wir nicht immer konsequent bzw. verschiedene Rollen können bei gleicher Fragestellung zu unterschiedlichen Verhaltensweisen führen. Dies würde bedeuten, dass der Begriff "Persönlichkeit" lediglich eine Patchwork-Decke verschiedener Aspekte ist, die sich nicht zwingend harmonisch zu einem Ganzen verbinden lässt.



"Der Teufel ist ein Optimist. Er glaubt, er könnte die Menschen schlechter machen." (nach Karl Kraus) :roll:

Jörn Budesheim

So 25. Okt 2020, 19:35

Vielleicht ist das hier die Quelle?
William Shakespeare hat geschrieben : Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.




Soloturn
Beiträge: 6
Registriert: Mo 19. Okt 2020, 20:50

So 25. Okt 2020, 20:04

Meine Gedanken gingen in die Richtung, wenn wir Menschen (nur) Schauspieler auf der Bühne des Lebens sind, muss es jemanden geben, der Regie führt und die Rollen zuweist. Entweder wird die jeweilige Rolle, die ein Mensch spielt durch seine Lebenssituation vorgegeben. Oder die Bühne des Lebens ist bei jedem Menschen eine andere sodass es auf die Umstände ankommt, wie authentisch ein Mensch sein darf bzw. sein kann . Und: Ist keine Rolle spielen zu wollen, das heißt, möglichst man selbst und wahrhaftig sein zu wollen auch bereits Schauspielerei , weil man einfach nur versucht man selbst zu sein?




Jörn Budesheim

Mo 26. Okt 2020, 05:50

Und das dürfte vielleicht in unseren Breitengraden eine der gängigsten Regieanweisungen sein: "sei du selbst!" :)




Jörn Budesheim

Mo 26. Okt 2020, 05:56

Eine Rolle zu spielen und authentisch zu sein - das ist meines Erachtens auch kein grundsätzlicher Widerspruch. Hier ein paar Beispiele:
  • Wer Kinder hat, muss die Rolle des Vaters oder der Mutter ausfüllen und das kann man ja so, so oder so tun.
  • Man kann auf eine Demonstration gehen, sagen wir "fridays for future" und spielt damit die Rolle des Demonstranten. Ist das zwingend unauthentisch?
  • Selbst, wenn man eine Maske trägt und das eigene Gesicht verbirgt, kann das Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein, ein Beispiel ist vielleicht die Gruppe Anonymous, mit der Guy Fawkes Maske.
  • In eine Kunsthalle gehen und sich die Kunstwerke anschauen, auch das ist eine Rolle. Auch das ist etwas, was man tun kann, weil man eben so ist.
Man müsste sich vielleicht fragen, in welchem Sinne es hier jeweils ein Drehbuch gibt und welche Spieleräume es einem einräumt.




Jörn Budesheim

Mo 26. Okt 2020, 08:58

Damit soll natürlich nicht "das Gegenteil" gesagt sein: eben sowenig wie Rolle per se im Konflikt mit der eigenen Identität stehen, können sie per se, die eigene Identität erfüllen. Es kann auch sein, dass jemand eine Rolle annimmt, weil ihm die Kraft fehlt, ein eigenes "Ich" zu entwerfen. Es kömmt immer auf den Einzelfall an :-)




Jörn Budesheim

Mo 26. Okt 2020, 09:07

Noch eine Kleinigkeit: Wir leben in einer Gesellschaft der Arbeitsteilung. Sie funktioniert nur, wenn die Meisten eine Rolle annehmen, sei es als Professorin, als Verkäufer oder als Taxifahrer. So eine Rolle ist mit Erwartungen verknüpft, die im Großen und Ganzen erfüllt werden müssen, damit das "System" läuft. Dazu gehört auch "Vertrauen". Wir müssen darauf vertrauen können, dass Ärzte im Allgemeinen sich auf ihr Handwerk verstehen.




Jörn Budesheim

Fr 2. Apr 2021, 20:49

"Dieser Sinn des Lebens wird zugleich als die Kraft angesehen, welche den einzelnen Menschen dann auch Schicksalsschläge ertragen lässt. Dabei ist der Lebenssinn immer an die Biographie geknüpft. Das bedeutet, dass die Frage, ob das Leben sinnvoll für jemanden ist oder nicht, immer nur von der betroffenen Person beantwortet werden kann: 'Der Lebenssinn wird individuell erlebt, ist persönlich biographisch gebunden und bleibt es auch durch alle ihn verändernden Lebensphasen und Lebenssituationen hindurch.' (Hefti-Schaffer)"

(in: Nadine Heinkel, Suizid als philosophisches Problem)

Wenn die Frage, ob das Leben sinnvoll für jemanden ist oder nicht, immer nur von der betroffenen Person beantwortet werden kann, dann müssten wir absurderweise einem Massenmörder zugestehen, ein sinnvolles Leben geführt zu haben, für den Fall, dass er es selbst so empfindet. Das ist eine Konsequenz des Gesagten, die man unnötig akzeptieren kann. Oder?




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iselilja
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Fr 2. Apr 2021, 21:01

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 2. Apr 2021, 20:49
"Dieser Sinn des Lebens wird zugleich als die Kraft angesehen, welche den einzelnen Menschen dann auch Schicksalsschläge ertragen lässt. Dabei ist der Lebenssinn immer an die Biographie geknüpft. Das bedeutet, dass die Frage, ob das Leben sinnvoll für jemanden ist oder nicht, immer nur von der betroffenen Person beantwortet werden kann: 'Der Lebenssinn wird individuell erlebt, ist persönlich biographisch gebunden und bleibt es auch durch alle ihn verändernden Lebensphasen und Lebenssituationen hindurch.' (Hefti-Schaffer)"

(in: Nadine Heinkel, Suizid als philosophisches Problem)

Wenn die Frage, ob das Leben sinnvoll für jemanden ist oder nicht, immer nur von der betroffenen Person beantwortet werden kann, dann müssten wir absurderweise einem Massenmörder zugestehen, ein sinnvolles Leben geführt zu haben, für den Fall, dass er es selbst so empfindet. Das ist eine Konsequenz des Gesagten, die man unnötig akzeptieren kann. Oder?
Würde ich nicht so sehen. Lediglich in dem Fall, wenn auch ich (man selbst) Massenmord als etwas Sinnvolles (im Sinne von: dem Leben einen Sinn gebend) verstehen würde. Man kann aber dennoch zugestehen, dass es für den Betreffenden einen Sinn ergeben mag. Den muss man aber nicht teilen.

Insofern dann wohl eine Frage der Akzeptanz, ja.




Jörn Budesheim

Sa 3. Apr 2021, 14:21

Stellen wir uns einen sadistischen Heimleiter vor, der alle Kinder tagein tagaus quält, vor sich selbst aber ein reines Gewissen hat, weil er glaubt, dass er sie nur so zu einem guten Leben führen kann. Für sich glaubt er, ein sinnvolles Leben zu führen. Aber so etwas kann kein sinnvolles Leben sein, es kann niemals sinnvoll sein, andere zu quälen. Also führt er kein sinnvolles Leben, sondern glaubt nur, ein sinnvolles Leben zu führen und irrt sich. Das heißt Sinn ist ein objektiver Tatbestand, denn man kann sich darin irren.




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iselilja
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Sa 3. Apr 2021, 16:32

Hm.. ich weiß nicht so recht.

Zum einen könnte ein so beschreibbarer Heimleiter (wo man sich dann schon fragen müsste wie er zu dem Posten kam :-) ) antworten, dass eher das Gegenteil - nämlich Kinder nicht tagein tagaus zu quälen (womit eigentlich? Hausaufgaben?) - keinen wirklichen Sinn hat. Hier fehlt also die objektive Begründbarkeit auf beiden Seiten.

Zum anderen stellt sich m.E. die Frage, was hier genau noch mit Sinn gemeint ist. Ich denke mal es liegen Welten zwischen einer halbwegs sinnvollen Tätigkeit und einem Sinn des Lebens. Ich wüsste nicht einmal genau, wie man hier eine begriffliche Trennung genau hinbekommt, aber das selbe scheint es mir jedenfalls nicht zu sein. Zum Beispiel könnte sich für viele Menschen der Sinn eines Berufes allein darin ergeben, dass er Geld zum Leben bringt. Ob sich daraus auch ihr Lebenssinn ergibt.. falls sie überhaupt über sowas nachdenken?




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infinitum
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Sa 3. Apr 2021, 22:36

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 3. Apr 2021, 14:21
Stellen wir uns einen sadistischen Heimleiter vor, der alle Kinder tagein tagaus quält, vor sich selbst aber ein reines Gewissen hat, weil er glaubt, dass er sie nur so zu einem guten Leben führen kann. Für sich glaubt er, ein sinnvolles Leben zu führen. Aber so etwas kann kein sinnvolles Leben sein, es kann niemals sinnvoll sein, andere zu quälen. Also führt er kein sinnvolles Leben, sondern glaubt nur, ein sinnvolles Leben zu führen und irrt sich. Das heißt Sinn ist ein objektiver Tatbestand, denn man kann sich darin irren.
ein bisschen erinnert mich dieser Sachverhalt an Arendts Banalität des Bösen: der Prozess an sich befindet sich in einem abgeschlossenen Blickwinkel in einer Position, die subjektiv für die Person moralisch stimmig ist. Wenn dieser Blickwinkel allerdings erweitert wird, offenbart sich erst das Böse, das in sich banal-fast unschuldig- erscheint.



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iselilja
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So 4. Apr 2021, 07:45

Sagt euch der Begriff "Kongo-Müller" was?




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Friederike
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So 4. Apr 2021, 17:14

iselilja hat geschrieben :
So 4. Apr 2021, 07:45
Sagt euch der Begriff "Kongo-Müller" was?
Nein.

Aber so eine Frage, die für sich verloren im Raum steht ... verwirrt (mich). Bild




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iselilja
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So 4. Apr 2021, 18:12

Friederike hat geschrieben :
So 4. Apr 2021, 17:14
iselilja hat geschrieben :
So 4. Apr 2021, 07:45
Sagt euch der Begriff "Kongo-Müller" was?
Nein.

Aber so eine Frage, die für sich verloren im Raum steht ... verwirrt (mich). Bild
Ich hatte den Begriff zum ersten mal bei Rio Reiser gehört.. ist lange her und da hatte ich das auch nicht weiter hinterfragt. Vor einiger Zeit bin ich dann aber auf eine Dokumentation gestoßen, ich glaube Arte. Weiß nicht mehr so genau. Dort wurde jedenfalls über den Soldaten Müller berichtet.. dort erfuhr ich auch zum ersten mal, dass man in der DDR eine Reportage über ihn gemacht hatte, mit allerdings journalistisch fragwürdigen Mittel. Man hatte ihn offensichtlich betrunken gemacht (oder doch zumindest dafür gesorgt, dass er genug zu trinken hat), nach dem Motto in vino veritas vermutlich.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_lachende_Mann

Meine kurze Frage richtete sich auf @Jörns Frage, ob jemand seine Lebenstaten als sinnvoll bezeichnen kann, wenn sie in den Augen der meisten kaum oder überhaupt nicht sinnvoll wären.




Jörn Budesheim

So 4. Apr 2021, 18:43

Diese Frage habe ich nicht gestellt, das kann jeder hier überprüfen.




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iselilja
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So 4. Apr 2021, 18:57

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 2. Apr 2021, 20:49
"Dieser Sinn des Lebens wird zugleich als die Kraft angesehen, welche den einzelnen Menschen dann auch Schicksalsschläge ertragen lässt. Dabei ist der Lebenssinn immer an die Biographie geknüpft. Das bedeutet, dass die Frage, ob das Leben sinnvoll für jemanden ist oder nicht, immer nur von der betroffenen Person beantwortet werden kann: 'Der Lebenssinn wird individuell erlebt, ist persönlich biographisch gebunden und bleibt es auch durch alle ihn verändernden Lebensphasen und Lebenssituationen hindurch.' (Hefti-Schaffer)"

(in: Nadine Heinkel, Suizid als philosophisches Problem)

Wenn die Frage, ob das Leben sinnvoll für jemanden ist oder nicht, immer nur von der betroffenen Person beantwortet werden kann, dann müssten wir absurderweise einem Massenmörder zugestehen, ein sinnvolles Leben geführt zu haben, für den Fall, dass er es selbst so empfindet. Das ist eine Konsequenz des Gesagten, die man unnötig akzeptieren kann. Oder?
Dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, wonach Du hier fragst. Oder stört Dich jetzt wieder, dass ich nicht exakt deine Wortwahl nutze?

Wenn es dich stört, dass ich dir antworte oder es zumindest versuche, dann sag es doch einfach.. dann höre ich auf damit.




Jörn Budesheim

So 4. Apr 2021, 19:10

Mich stört es sehr, wenn du Dinge von mir behauptest, die nicht stimmen. Diese Paraphrase ist sogar grob verfälschend.




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iselilja
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So 4. Apr 2021, 19:23

Möglicherweise würde Nadine Heinkel dasselbe über Deine Interpretation ihres Textes sagen.. wer weiß. Aber ich nehme Deine Antwort zur Kenntnis und versuche mich zurückzuhalten.




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