Wer oder was ist "Ich"?

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
Dynamis
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Mi 8. Apr 2026, 11:39

Consul hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 02:05
"Wie Blatti betont, sind Animalisten jedoch nicht von sich aus auf eine Interpretation des Dicephalus festgelegt, die gegen die Transitivität verstößt. Tatsächlich gibt es mehrere mögliche Interpretationen des Dicephalus. Die natürlichste Interpretation ist, dass es zwei Personen, aber nur einen Organismus gibt. Nennen wir diese Ansicht (a). Der Animalismus würde gegen die Transitivität verstoßen, wenn (a) wahr wäre. Der Animalist könnte jedoch eine der folgenden Alternativen akzeptieren: (b) Es gibt nur einen Organismus und daher nur einen von uns – eine einzige Person mit zwei Geisten [minds] oder ein einziger Geist [mind], der auf zwei Gehirne verteilt ist. (c) Es gibt zwei von uns und daher zwei sich überschneidende oder verschmolzene Organismen, von denen jeder eine separate Person ist. (d) Der Dicephalus ist, was Blatti einen „Grenzfall“ nennt, in dem die dicephalen Zwillinge genügend Eigenschaften eines bestimmten Merkmalsclusters aufweisen, um als Kandidat für einen einzigen menschlichen Organismus zu gelten, aber nicht genug, um als eindeutiger Fall eines einzigen menschlichen Organismus zu gelten, da sie einige Eigenschaften aufweisen, die nicht charakteristisch für einen einzigen Menschen sind – „insbesondere das Vorhandensein zweier unterschiedlicher Subjekte der Erfahrung sowie die Fülle verschiedener Organe und Anhängsel“ (Blatti 2007: 604). Blatti drückt seine Auffassung von Dicephalus aus, indem er sagt, es handele sich um mehr als einen vollständigen menschlichen Organismus, aber weniger als zwei. Es gibt auch eine fünfte Position, die Blatti nicht explizit unterscheidet, nämlich (e) dass die Anzahl der menschlichen Organismen und somit die Anzahl der Wesen unserer Art unbestimmt ist." [übersetzt von Google]

(Campbell, Tim, & Jeff McMahan. "Animalism and the Varieties of Conjoined Twinning." In Animalism: New Essays on Persons, Animals, and Identity, ed. by Stephan Blatti & Paul F. Snowdon, 229-252. Oxford: Oxford University Press, 2016. pp. 235-6)
Für meine Argumentation muss ich mich gar nicht auf eine dieser möglichen Positionen festlegen. Mein Argumentationsziel ist es nämlich nicht den Animalisten zu widerlegen, indem ich die Optionen (b)-(e) ausschließe. Sondern mir geht es darum nachzuweisen, dass aus einer animalistischen Position nicht folgt, dass wir mit jedem Körperteil identisch sind. Da Option (a) absurd ist, kann ich auch mit (b)-(e) weiter argumentieren.

Ich gehe noch einmal auf mein Argument zurück:
Dynamis hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 08:15
A1: Die siamesischen Zwillinge Trix und Flix sind zwei Personen.
A2: Trix und Flix teilen sich denselben Körper.
A3: Wer einen Körper hat, ist identisch mit seinem Körper.
→Trix und Flix sind identisch. Widerspruch zu A1.
Die Optionen (b)-(e) laufen, soweit ich das sehe, allesamt darauf hinaus die Aussage A2 infrage zu stellen. Unabhängig von solchen Infragestellungen dürfte aber festzuhalten sein:

A2*: Trix und Flix sind miteinander in einer Fleischmasse M vereint, die von Haut, Knochen, Sehnen, Blutbahnen, Knorpel etc. zusammengehalten wird.

A2* dürfte unstrittig sein. Dass Trix und Flix in dieser Fleischmasse vereint sind, macht genau den Unterschied zwischen siamesischen Zwillingen und gewöhnlichen Zwillingen aus.

Jetzt argumentieren Leute, die Aussage A3 unterschreiben: Die Aussage A2* stimmt, aber Aussage A2 ist trotzdem falsch. Ja, es gibt diese Fleischmasse M. Aber M ist nicht identisch mit dem Körper von Flix oder mit dem Körper von Trix. Trix und Flix haben zwei verschiedene Körper, die Teile von M sind.

Okay, dann antworte ich: Ich stecke ebenfalls in einer Fleischmasse drin. Aber nicht jeder Teil dieser Fleischmasse ist Teil meines Körpers. Warum sollte ein Querschnittsgelähmter seine gelähmten Beine als Teil seines Körpers betrachten? Und warum sollte ich dann jedes Ereignis, das sich in meinem Gehirn abspielt, als Teil meines Körpers betrachten?

Also, die Animalisten dürften sich gerne weiterhin mit ihrem Körper identifizieren, aber daraus folgt trotzdem nicht, dass sie jedes Ereignis im Gehirn unmittelbar mit ihrem Ich identifizieren können.

EDIT: (b) ist natürlich eine Infragestellung von A1. Aber (c)-(e) laufen auf eine Infragestellung von A2 hinaus. Und soweit ich sehe, wird (b) in dieser Diskussion nicht ernsthaft diskutiert.




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Mi 8. Apr 2026, 11:53

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 7. Apr 2026, 14:50
ksta.de hat geschrieben : Frau Blaha, Ihr Buch beginnt mit einer Szene, die intimer kaum sein könnte: Sie als Dreijährige, die auf die Couch springt – und ein Vater, der brüllt. Warum dieser Moment als Einstieg in ein Buch über Feminismus und Wirtschaft?

Barbara Blaha: Patriarchat heißt übersetzt aus dem Griechischen die Herrschaft des Vaters – also lag eine Szene mit meinem Vater nahe. Aber es geht um mehr. Es gibt diesen alten Satz: Das Private ist politisch. Und den halte ich für sehr richtig. In der vermeintlich persönlichen Erfahrung jeder einzelnen Frau liegt nicht nur die individuelle Geschichte, sondern die systemische Erfahrung der Unterdrückung. Erst wenn wir das sichtbar machen, erkennen wir: Es geht nicht nur mir so. Und erst dann können wir gemeinsam darüber nachdenken, wie wir es ändern.

https://www.ksta.de/wirtschaft/eine-mut ... -1-1256646
Wenn das „Ich” von Barbara Blaha nicht nur die individuelle Geschichte ist, sondern auch die systemische Erfahrung der Unterdrückung – ist dann diese Erfahrung nicht Teil dessen, was man in den Blick nehmen muss, um die Frage „Wer oder was ist ‚Ich‘?” zu beantworten? Und wenn Barbara Blaha denkt, dass „das Private politisch ist”, wie soll das mit ihrem Körper identisch sein? Erstens stellt Sinn eine ganz andere Ordnung dar als das schier Naturgesetzliche. Zweitens hat derselbe Gedanke vielleicht schon vor Jahren ihre Identität mitbestimmt, während sich ihr Körper seither stetig verändert hat. Der Gedanke kann also gar nicht mit dem Körper identisch sein. Ansonsten wäre es auch für mich nicht möglich, ihn zu erfassen.
Hier würde ich einwenden, dass Barbara Blaha nicht von ihrem "Ich" spricht, sondern von ihrer persönlichen Erfahrung, also von ihrer Vergangenheit. Die Vergangenheit ist schon alleine deswegen kein Teil des Ichs, weil es in der Gegenwart lebt.




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Mi 8. Apr 2026, 11:56

Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 11:53
Hier würde ich einwenden, dass Barbara Blaha nicht von ihrem "Ich" spricht, sondern von ihrer persönlichen Erfahrung, also von ihrer Vergangenheit. Die Vergangenheit ist schon alleine deswegen kein Teil des Ichs, weil es in der Gegenwart lebt.
Hier würde ich (vehement) widersprechen. Das "Ich" ist eine Art "Zeitwurst". Es umfasst mich von der Geburt an bis zu meinem Tod!



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Mi 8. Apr 2026, 11:58

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 07:05
Consul hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 00:18
Im Fall einer partiellen Verschmelzung zweier Körper mag es unklar sein, wo (millimeter-/mikrometer-/nanometer-)genau die Grenze zwischen den gemeinsamen und den nichtgemeinsamen Körperteilen verläuft; doch an diesem Umstand ist nichts absurd.
Absurd ist, dass du eine scharfe Grenze zwischen Trix und Flix annehmen musst.
Und selbst, wenn es eine solche scharfe Grenze gibt: Was spricht dagegen, dass eine solche Grenze in jedem Körper bei jeder normalen Person besteht? Also, bei dem Querschnittsgelähmten verläuft diese Grenze vielleicht irgendwo im Beckenbereich und was darunter liegt, das gehört nicht mehr zu seinem "Körper".




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Mi 8. Apr 2026, 12:07

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 11:56
Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 11:53
Hier würde ich einwenden, dass Barbara Blaha nicht von ihrem "Ich" spricht, sondern von ihrer persönlichen Erfahrung, also von ihrer Vergangenheit. Die Vergangenheit ist schon alleine deswegen kein Teil des Ichs, weil es in der Gegenwart lebt.
Hier würde ich (vehement) widersprechen. Das "Ich" ist eine Art "Zeitwurst". Es umfasst mich von der Geburt an bis zu meinem Tod!
Nein, eher noch könnte man sagen, dass du mit deiner Erinnerung vertraut bist. Aber dass die objektiv feststellbare Vergangenheit und deine Erinnerung auseinanderfallen können, ist gut belegt. Ein besonders drastisches Beispiel dafür ist die satanic panic, da gab es in den 80er und 90er Jahren tausende von Fällen, wo Leute, die sich in therapeutische Behandlung begeben habe, meinten, sich daran erinnern zu können, dass sie von einem satanischen Kult missbraucht worden sind. Man ist diesen Verdächtigungen nachgegangen und hat nichts gefunden. Höchstwahrscheinlich gibt es diese Satanisten-Sekte, an die sich viele Leute meinten erinnern zu können, nicht.

Man kann die subjektiv wahrgenommene Vergangenheit zu einem Teil seiner personalen Identität machen, das geht schon. Das heißt aber nicht, dass die objektiv feststellbare Vergangenheit es auch ist.




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Mi 8. Apr 2026, 12:24

Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 12:07
Aber dass die objektiv feststellbare Vergangenheit und deine Erinnerung auseinanderfallen können, ist gut belegt.
Das ist so. Dass ich mir selbst (auch in anderen Hinsichten) nicht völlig transparent bin, ist klar. Ich sehe aber keinen Grund, warum das gegen meine Vorstellung vom Ich als Zeitwurst sprechen sollte. Meine Erinnerungsirrtümer sind natürlich ebenfalls ein Teil von mir.

Nachtrag: Ich glaube, der Begriff „Zeit-Wurm“ (time-worm) ist von Quine. Ich beanspruche aber keine korrekte Übernahme der Gedanken, die er damit verbunden hat. Ich finde nur den Ausdruck so passend.



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Mi 8. Apr 2026, 13:08

Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 11:53
Hier würde ich einwenden, dass Barbara Blaha nicht von ihrem "Ich" spricht, sondern von ihrer persönlichen Erfahrung, also von ihrer Vergangenheit. Die Vergangenheit ist schon alleine deswegen kein Teil des Ichs, weil es in der Gegenwart lebt.
Sie spricht hier nicht einfach von ihrer Vergangenheit, finde ich. Wenn sie im Zusammenhang mit dieser Erinnerung von ihr und ihrem Vater schreibt, dass „das Private politisch ist”, dann ist das eine Art Selbstbestimmung/Beschreibung. Diese Geschichte zusammen mit der Einstellung, dass „das Private politisch ist”, bestimmt (existenzialistisch formuliert) ihr (eins ihrer) "Projekt(e)", also wer sie (auch) ist. Das ist das, was ich unter Geist verstehe. Und das ist daher eine Antwort auf die Frage des Fadens: Wer oder was ist "Ich"? Aufgrund oben genannter Gründe denke ich, dass der Geist nicht auf Materielles reduzierbar ist.



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Mi 8. Apr 2026, 13:25

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 12:24
Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 12:07
Aber dass die objektiv feststellbare Vergangenheit und deine Erinnerung auseinanderfallen können, ist gut belegt.
Das ist so. Dass ich mir selbst (auch in anderen Hinsichten) nicht völlig transparent bin, ist klar. Ich sehe aber keinen Grund, warum das gegen meine Vorstellung vom Ich als Zeitwurst sprechen sollte. Meine Erinnerungsirrtümer sind natürlich ebenfalls ein Teil von mir.
Im Prinzip hat deine Position mit der von Consul mehr Gemeinsamkeiten als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Ihr beide findet eine ausgedehnte Einheit vor, bei dir ist es die "Zeitwurst", bei Consul ist es der Körper. In beiden Fällen wird diese von euch vorgefundene ausgedehnte Einheit mit dem "Ich" identifiziert. Und in beiden Fällen würde ich die fehlende Transparenz als Einwand gegen diese Identifikation verwenden. Dieser Einwand wurde so ähnlich auch von Descartes vorgebracht:
Descartes hat geschrieben : Aber ich habe in mir die Annahme gefestigt, es gebe gar nichts in der Welt, keinen Himmel, keine Erde, keine Geister, keine Körper: also bin doch auch ich nicht da? Nein, ganz gewiß war ich da, wenn ich mich von etwas überzeugt habe. (Zweite Meditation in "Meditationes de Prima Philosophia", übersetzt von Gerhard Schmidt, Reclam)
In meinen eigenen Worten formuliert: Um fehlende Transparenz festzustellen, muss man die vorgefundene Einheit in ein Subjekt und Objekt aufspalten. Ich kann mich sowohl über meine Vergangenheit als auch über meinen Körper täuschen. Um die Möglichkeit einer Täuschung überhaupt feststellen zu können, muss es ein Subjekt geben, das sich täuscht, und ein Objekt, über das man sich täuscht. Das Ich lässt sich dann genauso auch mit dem Subjekt identifizieren anstatt mit dem Objekt.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 13:08
bestimmt (existenzialistisch formuliert) ihr (eins ihrer) "Projekt(e)", also wer sie (auch) ist.
Ich denke, dass das Ich auch nicht mit seinen Projekten identisch ist. Man kann Projekte auch aufgeben, ohne dass dabei das Ich zerstört wird.




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Jörn P Budesheim
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Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 13:25
Im Prinzip hat deine Position mit der von Consul mehr Gemeinsamkeiten als es auf den ersten Blick den Anschein hat.
Ich glaube, meine Position hat mit der von Consul praktisch nichts zu tun. :-) Er ist ein Naturalist, ich bin ein Antinaturalist.
Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 13:25
Man kann Projekte auch aufgeben, ohne dass dabei das Ich zerstört wird.
Es wird nicht zerstört, es ändert sich. Der Geist muss nicht unverändert bleiben. ("Projekt" war hier vage im existenzialistischen Sinn gemeint. Wie wir uns selbst bestimmen, kann sich schließlich ändern.)
Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 13:25
In meinen eigenen Worten formuliert: Um fehlende Transparenz festzustellen, muss man die vorgefundene Einheit in ein Subjekt und Objekt aufspalten. Ich kann mich sowohl über meine Vergangenheit als auch über meinen Körper täuschen. Um die Möglichkeit einer Täuschung überhaupt feststellen zu können, muss es ein Subjekt geben, das sich täuscht, und ein Objekt, über das man sich täuscht. Das Ich lässt sich dann genauso auch mit dem Subjekt identifizieren anstatt mit dem Objekt.
Das Argument verstehe ich nicht. Ich verstehe nicht, was du zeigen willst?!



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Mi 8. Apr 2026, 13:51

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 13:33
Ich glaube, meine Position hat mit der von Consul praktisch nichts zu tun. :-)
Doch, die Gemeinsamkeit habe ich bereits beschrieben: Ihr beide setzt eine ausgedehnte Einheit voraus. Du setzt die "Zeitwurst" voraus, die zeitlich ausgedehnt ist. Consul setzt den Körper voraus, der räumlich ausgedehnt ist. Dadurch gebt ihr eine (m.E. falsche) Antwort auf die Frage "Was ist Ich?"
Jörn hat geschrieben :
Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 13:25
Man kann Projekte auch aufgeben, ohne dass dabei das Ich zerstört wird.
Es wird nicht zerstört, es ändert sich. Der Geist muss nicht unverändert bleiben.
Ja, es gibt eine Änderung. Das, was sich verändert, sind meine Projekte. Ich hingegen existiere weiter. Wenn ich weiter existiere, während meine Projekte sich verändern, dann bin ich offensichtlich nicht identisch mit den Projekten. Das ist eine negative Antwort auf die Frage "Was bin ich?"
Jörn hat geschrieben :
Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 13:25
In meinen eigenen Worten formuliert: Um fehlende Transparenz festzustellen, muss man die vorgefundene Einheit in ein Subjekt und Objekt aufspalten. Ich kann mich sowohl über meine Vergangenheit als auch über meinen Körper täuschen. Um die Möglichkeit einer Täuschung überhaupt feststellen zu können, muss es ein Subjekt geben, das sich täuscht, und ein Objekt, über das man sich täuscht. Das Ich lässt sich dann genauso auch mit dem Subjekt identifizieren anstatt mit dem Objekt.
Das Argument verstehe ich nicht. Ich verstehe nicht, was du zeigen willst?!
Ich will zeigen, dass man das Ich auch mit dem Subjekt identifizieren kann anstatt mit der von dir und Consul vorausgesetzten ausgedehnten Einheit. Die Antwort "Ich = Subjekt" ist eine positive Antwort auf die Frage "Was bin ich?"




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Jörn P Budesheim
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Mi 8. Apr 2026, 14:16

Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 13:51
Wenn ich weiter existiere, während meine Projekte sich verändern, dann bin ich offensichtlich nicht identisch mit den Projekten.
Das scheint mir keine gültige Schlussfolgerung zu sein. :-) "

Du schreibst zwar: "Wenn ich weiter existiere, während meine Projekte sich verändern, dann bin ich offensichtlich nicht identisch mit den Projekten.", aber unter der Hand ist gemeint: "Wenn ich weiter existiere, während meine Projekte sich verändern, dann bin ich offensichtlich nicht identisch mit den je einzelnen Projekten." Das ist richtig. Denn ich habe ja ggf. viele Projekte.

Ich schreibe allerdings auch gar nicht, dass wir identisch mit unseren Projekten sind, wir haben schließlich auch Körper und sicher anderes mehr. Ich hab in dem Text vom Dienstag moniert, dass Geist ein notwendiger Aspekt unserer Identität ist, einer, der sich nicht auf das Materielle reduzieren lässt. Der Satz "Ich bin ein Körper" ist ein Fall von Geist. Deswegen handelt es sich dabei um einen performativen Widerspruch.



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Mi 8. Apr 2026, 15:41

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 14:16
Du schreibst zwar: "Wenn ich weiter existiere, während meine Projekte sich verändern, dann bin ich offensichtlich nicht identisch mit den Projekten.", aber unter der Hand ist gemeint: "Wenn ich weiter existiere, während meine Projekte sich verändern, dann bin ich offensichtlich nicht identisch mit den je einzelnen Projekten." Das ist richtig. Denn ich habe ja ggf. viele Projekte.
Von mir aus können wir meine Schlussfolgerung auch so formulieren, wie du es dargestellt hat: "nicht identisch mit den je einzelnen Projekten". Ich gebe nur bedenken, dass diese Schlussfolgerung bereits enorme wichtige Implikationen hat. Wenn ich nicht meine Karriere bin, dann macht es auch nichts, wenn meine Karriere scheitert. Denn mich gibt es ja immer noch.




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Mi 8. Apr 2026, 15:51

Karriere? Ich verstehe kein Wort :-( Wovon sprichst du??

Und zur Erinnerung >
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 14:16
Ich schreibe allerdings auch gar nicht, dass wir identisch mit unseren Projekten sind



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Mi 8. Apr 2026, 16:19

Die eigene Karriere ist doch auch ein mögliches Projekt, welches man verfolgen kann. Es ist sogar ein Projekt, welches in unserer Arbeitswelt von vielen Menschen verfolgt wird. Oder was verstehst du unter "Projekt"? Irgendetwas anderes?

Wenn die Ökonomin Barbara Blaha ein Buch schreibt und einen "Think Tank für Wirtschaft und Gesellschaft" leitet, ist das eben ihre Karriere. Und in diesem Kontext beschreibt sie ihre persönliche Erfahrungen aus der Vergangenheit. Außerdem forscht sie über die Auswirkungen, die strukturelle Ungleichheit auf die Karrieren von Frauen hat. Wenn das Ich und die Karriere zwei verschiedene Dinge sind, hat ihre Forschung hier für die Frage "Was ist Ich"? hier wenig Relevanz.




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Jörn P Budesheim
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Mi 8. Apr 2026, 16:21

Sorry, ich muss passen. Ich verstehe überhaupt nicht, wovon du redest!



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Mi 8. Apr 2026, 16:22

Du redest von Projekten. Ich auch. An sich dürfte das nicht schwierig zu verstehen sein.




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Mi 8. Apr 2026, 18:27

Dynamis hat geschrieben :
Mi 8. Apr 2026, 16:22
Du redest von Projekten. Ich auch. An sich dürfte das nicht schwierig zu verstehen sein.
Ich spreche über Geist. Dafür habe ich gleich zu Beginn des Fadens drei Beispiele gegeben:
– „Ich bin [nichts als] ein körperliches Wesen, ein tierisches Lebewesen …“
– Barbara Blaha und ihre Position im Patriarchat
– „Wir sind Kinder des 21. Jahrhunderts.“

Hier ein paar weitere Beispiele:
– „Ich sch***e auf eure Konventionen. Ich gehöre zu den Typen, die nachts illegale Autorennen fahren.“
– „Looksmaxxing bringt mir Erfolg, Macht und Spaß!“
– „Ich bin der fürsorgliche Großvater, der mit seinen drei Enkeln im Sandkasten spielt.“

All diese Personen führen ihr Leben im Lichte von diversen Vorstellungen, wer sie sind, waren oder sein wollen. Diese Fähigkeit zur Selbstbestimmung bzw. Selbstbildfähigkeit nenne ich Geist. Der Begriff ist weit gefasst. So verstanden hat er lose Anschlüsse an verschiedene philosophische Traditionen: etwa an den Existentialismus (wo Vergleichbares „Projekt“ heißt) oder an Positionen wie den Neoexistentialismus bei Markus Gabriel. Gut passt auch Friedrich Nietzsche Zitat vom „nicht festgestellten Tier“.

(Diese Selbstbestimmung kann scheitern. Aber auch dann bleibt sie wirksam: Sie hat Einfluss darauf, wer/was wir tatsächlich sind oder werden.)

Mein zentraler Punkt für den Faden war folgender: Diesen Begriff von „Geist“ habe ich gegen die Vorstellung in Stellung gebracht, wir seien nichts als unsere Körper – eine Vorstellung, die paradoxerweise ihrerseits bereits etwas Geistiges ist. Diese Selbstbildfähigkeit lässt sich, so meine These, nicht auf materielle Prozesse reduzieren. Warum ich das glaube, habe ich an anderer Stelle skizziert.

Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, dass wir keine Körper haben. Für Menschen, die Looksmaxxing betreiben, wäre das auch misslich. Einen Körper zu haben, ist eine notwendige Bedingung für das Vorliegen von Geist. Bis auf eine mögliche Widerlegung gehe ich zudem davon aus, dass es sich dabei um biologische Körper handeln muss. (Für jemanden, der sein Leben in der Hoffnung führt, dass er sein Bewusstsein auf einen Computer wird hochladen können, könnten das natürlich schlechte Nachrichten sein.) Nebenbei: biologische Körper sind ihrerseits – so meine Vermutung – nicht auf rein materielle (sprich: physikalische) Prozesse reduzierbar.



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Dynamis
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Mi 8. Apr 2026, 19:31

Da möchte ich drei Punkte anmerken:
  1. Aus meiner Sicht exemplifizieren die meisten deiner Beispiele das, was man üblicherweise unter "Projekte" versteht. Deswegen habe ich nicht verstanden, warum du meine Rede nicht verstanden hast.
    Jörn P Budesheim hat geschrieben :
    Mi 8. Apr 2026, 18:27
    – „Ich bin [nichts als] ein körperliches Wesen, ein tierisches Lebewesen …“
    Eine so abstrakte und allgemeine Selbstbestimmung wird üblicherweise im Rahmen eines philosophischen Projekts vertreten, wo jemand eine philosophische Position vertritt und sie in philosophischen Diskussionen wie diesen hier verteidigt. Consul entwickelt eine philosophische Position, die er als "Animalismus" bezeichnet, und verteidigt sie hier gegen Einwände. Das hat er sich zu seinem persönlichen philosophischen Projekt gemacht.
    Jörn hat geschrieben : -Barbara Blaha und ihre Position im Patriarchat
    Barbara Blaha ist Ökonomin und Leiterin eines Think Thanks. Damit ist es ihr persönliches Forschungsprojekt, dass sie ihre ökonomische Position im Patriarchat untersucht.
    Jörn hat geschrieben : - „Wir sind Kinder des 21. Jahrhunderts.“
    Da fällt es mir tatsächlich schwer das einem Projekt zuzuordnen.
    Jörn hat geschrieben : – „Ich sch***e auf eure Konventionen. Ich gehöre zu den Typen, die nachts illegale Autorennen fahren.“
    Projekt: Illegale Autorennen.
    Jörn hat geschrieben : – „Looksmaxxing bringt mir Erfolg, Macht und Spaß!“
    Projekt: Looksmaxxing.
    Jörn hat geschrieben : – „Ich bin der fürsorgliche Großvater, der mit seinen drei Enkeln im Sandkasten spielt.“
    Projekt: Großvater sein, eine Beziehung zu den Enkeln pflegen.
  2. Jörn hat geschrieben : Mein zentraler Punkt für den Faden war folgender: Diesen Begriff von „Geist“ habe ich gegen die Vorstellung in Stellung gebracht, wir seien nichts als unsere Körper – eine Vorstellung, die paradoxerweise ihrerseits bereits etwas Geistiges ist. Diese Selbstbildfähigkeit lässt sich, so meine These, nicht auf materielle Prozesse reduzieren. Warum ich das glaube, habe ich an anderer Stelle skizziert.
    Ich würde dir hier zustimmen: Wenn Consul hier Prozesse der Selbstbestimmung auf materielle Prozesse reduziert, ist das sein persönliches philosophisches Projekt und dieses Projekt selbst ist nicht auf die materielle Ebene reduzierbar. Das hat etwas mit der von mir vorhin erwähnten Subjekt-Objekt-Dichotomie zu tun. Zur Veranschaulichung könnte man hier auch die Metapher des Spiegels verwenden: Die Beschreibung der materiellen Ebene setzt einen Spiegel, d.h. ein beschreibendes Subjekt, voraus, in welchem sich die materielle Ebene spiegelt. Dieser Spiegel kann nun nicht in der materiellen Ebene selbst enthalten sein.
  3. Jörn hat geschrieben : (Diese Selbstbestimmung kann scheitern. Aber auch dann bleibt sie wirksam: Sie hat Einfluss darauf, wer/was wir tatsächlich sind oder werden.)
    Ich weiß nicht, ob du das zur Diskussion stellen möchtest, da du diese Aussage in Klammern gesetzt hast, aber ich bin hier nun einmal anderer Ansicht. Und deswegen erlaube ich es mir hier das zu sagen, dass ich das anders sehe. :-) Außerdem passt es zum Thema "Was ist das "Ich"?", das wir hier gerade diskutieren.

    Ich würde hier einwenden, dass unsere Selbstbestimmung eben nicht beeinflusst, wer wir "tatsächlich sind". Das ist sogar die logische Voraussetzung dafür, dass Selbstbestimmung möglich ist. Denn unsere Projekte und allgemeiner unsere Selbstbestimmung sind revidierbar. Ich kann eben aufhören dieses oder jenes Projekt zu verfolgen. Meine Selbstbestimmung kann sich verändern. Wenn ich mich bei der Eheschließung als treuer Ehepartner selbstbestimme und in dem Moment ganz feste daran glaube, dass ich und mein Ehepartner unser gesamtes Leben zusammenbleiben werden, ist trotzdem später eine Scheidung möglich.




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Jörn P Budesheim
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Mi 8. Apr 2026, 20:27

Krähen verfolgen auch Projekte - sie sammeln Nüsse, bauen Nester etc. Aber sie machen nicht sich selbst zum Projekt. Sie können nicht das werden, wozu sie sich selbst machen.

Dass wir unser Leben im Licht einer Vorstellung von uns selbst führen – uns also selbst zum Projekt machen können –, bedeutet gerade nicht, dass wir uns damit auf alle Zeiten festlegen. Wir müssen nicht das bleiben, wozu wir uns selbst gemacht haben.



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RosiG2
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Mi 8. Apr 2026, 21:28

Consul hat geschrieben :
Mo 6. Apr 2026, 23:07
...

Wenn wir einen Körper haben, ohne einer zu sein, was (für eine Art von Entität) sind wir dann?

...
Der Vorstellungsthread wird, wie ich gesehen habe, weniger von den Menschen bedient - damit kann ich leben ;-)
So sage ich einmal auf diese Weise und an dieser Stelle mein "liebes Hallo" in die Runde.

Zum Thema hier, das ja eins ist, was fast jeden Menschen einmal im Leben beschäftigt, möchte ich auch gleich meine Ansicht über unser Sein in den Raum stellen - welche auch die Möglichkeit von siamesischen Zwillingen mit einräumt :-) :

So sind wir prozesshafte Entitäten, deren materielle Anteile eine Erscheinung davon sind.
Erscheinungen können sich überschneiden, bleiben aber nur dort stabil, wo die zugrunde liegenden Prozesse hinreichende Kohärenz aufweisen.

... auf ein nettes Miteinander :)



Ich bin zwar weich, aber darin bin ich knallhart!

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