Inzwischen sympathisiere ich mit der Definition von Hegel, welcher das Ich als "Übergehen aus unterschiedsloser Unbestimmtheit zur
Unterscheidung, Bestimmen und Setzen einer Bestimmtheit als eines Inhalts und Gegenstands" definiert (§6, Grundlinien der Philosophie des Rechts). Besonders der Punkt mit der Unterscheidung passt gut zu den von dir gemachten Anmerkungen, deswegen habe ich das rot markiert.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 10. Apr 2026, 08:34
Aber warum sollte man bei diesen Optionen die Existenz der anderen nicht ebenfalls in Betracht ziehen?
Ich ≠ Du. Wir unterscheiden uns in gewisser Hinsicht, z.B. du wohnst in Kassel, ich in Greifswald.
Jörn hat geschrieben :
Wir sind soziale Wesen.
Das ist eher eine anthropologische Wesensbestimmung und hat mit dem Ich wenig zu tun. Ich kann mich nämlich auch asozial verhalten, mich also von meiner Wesensbestimmung abwenden. Das meint Hegel mit "Unbestimmtheit", ich bin also auch nicht dadurch bestimmt, dass ich im anthropologischen Sinn ein "soziales Wesen" bin. Wenn du dich mit deiner Bestimmung als soziales Wesen identifizieren kannst und ständig voll nett zu anderen Leuten bin, während ich so rüpelhaft bin wie Hans Niemann, unterscheiden wir uns in dieser Hinsicht.
Jetzt kannst du natürlich einwenden, dass auch Hans Niemann sich in einem sozial konstruierten Koordinatensystem verortet, nämlich dem Elo-Ranking. Das ist aber nicht zwingend. Er könnte sich auch als Gottes Sohn oder als von der Evolution hervorgebrachte Laune der Natur bestimmen, also ohne Rückgriff auf die Kategorie des Sozialen.
Jörn hat geschrieben :
"Wer bringt den Müll runter?" "Ich mach das!"
Jepp, das ist ein Beispiel für Selbstbestimmung. Ich bestimme mich als jemand, der den Müll runterbringt, und führe somit eine Unterscheidung ein. Wenn ich den Müll runterbringe und du nicht, unterscheiden wir uns in dieser Hinsicht.
Jörn hat geschrieben :
Im Ich ist implizit auch immer das "du, er, sie, es, wir, ihr, sie" enthalten, meines Erachtens nicht nur grammatisch.
Ja, im Sinne einer Unterscheidung. Ich ≠ Du.
Jörn hat geschrieben :
Und zwar in verschiedensten Hinsichten: Ich bin zum Beispiel hier im Forum derjenige, der im Spiel des Gebens und Nehmens von Argumenten bestimmte Positionen vertritt.
Das ist natürlich auch eine Form der Selbstbestimmung. Du vertrittst diese Position, ich eine andere. Darin unterscheiden wir uns.
Jörn hat geschrieben :
Wenn "Ich = Ich-Bewusstsein", was ist dann mit deiner Vergangenheit, sofern sie dir nicht bewusst ist?
Du kannst dich mit dieser Vergangenheit identifizieren, du kannst es aber auch lassen. Wenn du als Kind dazu ausgewählt wurdest der nächste Dalai Lama zu sein, obwohl du dich nicht mehr daran erinnern kannst, kannst du dich immer noch von dieser Bestimmung abwenden und dich weigern den Dalai Lama zu spielen.
Jörn hat geschrieben :
Gehört sie nur dann zu dir, wenn du sie dir in Form eines Ich-Bewusstseins präsent machst?
Das ist zumindest eine mögliche Position. Niemand zwingt mich dazu mich mit der Vergangenheit zu identifizieren, die außerhalb meines Ich-Bewusstseins liegt.
Jörn hat geschrieben :
Wenn du über deinen Schlaf nachdenkst, sind dann die traumlosen Phasen ohne Ich-Bewusstsein ausgeschlossen, weil sie gar nicht zu deinem Schlaf gehören?
Wenn dir deine traumlosen Phasen so wichtig sind, kannst du dich gerne mit ihnen identifizieren. Mir persönlich ist die durchaus im Ich-Bewusstsein spürbare Erholung wichtiger, die ich verspüre, wenn ich aus dem Schlaf erwache.
Ich kann meinen Schlaf auch wissenschaftlich untersuchen lassen. Dann gehe ich in ein Schlaflabor und lasse mir lauter Kurven ausdrucken. In diesem Falle wird der Schlaf zu einem
Untersuchungsgegenstand: Ich bin nicht mit diesem Gegenstand identisch, sondern betrachte den Gegenstand genauso, wie ich meinen Notebook oder meine Schuhe betrachte: Als wertvolle Hilfsmittel, damit ich die restlichen Ziele in meinem Leben erreichen kann, aber nicht als Manifestation meines Ichs.
Jörn hat geschrieben :
Was ist mit deiner Zukunft? Du planst vielleicht einen Urlaub – für wen planst du ihn, wenn die Person, für die du die Zimmer bestellst, gar nicht du selbst bist, weil du dein zukünftiges Ich-Bewusstsein schließlich noch nicht hast?
Welchen Unterschied würde das machen? Ich kann auch für eine andere Person den Urlaub planen, einfach nur, um ihr eine Freude zu machen. Ein Unterschied könnte vielleicht der sein: Wenn ich mich nicht mit meinem Zukunfts-Ich identifiziere, werde ich vielleicht großzügiger - dann tritt der Aspekt der Freude stärker in den Vordergrund, ob es mein Zukunft-Ich ist, welches die Freude erlebt, oder mein Kind oder mein Freund, ist dann nicht mehr relevant. Großzügigkeit ist aber nichts, was zwingend schlecht ist.
Jörn hat geschrieben :
Und wenn wir sagen: "Ich war nicht bei Bewusstsein!" ... von wem reden wir dann?
Dann reden wir über eine Erinnerungslücke. Dabei ist es möglich, dass ich mich falsch erinnere. Ich
war bei Bewusstsein, aber ich habe den Eindruck, dass ich in dieser Zeit nicht bei Bewusstsein war. Dann habe ich die Möglichkeit mich entweder mit meiner gefühlten Erinnerung zu identifizieren oder mit dem objektiv feststellbaren Ereignis, auf welches meine Erinnerung keinen Zugriff hat. Nichts zwingt mich dazu mich mit dem objektiven Ereignis zu identifizieren anstatt mit der subjektiv erlebten Geschichte. Vielleicht hat das, was ich subjektiv als meine Geschichte wahrnehme, für mich eine viel größere Bedeutung als das, was objektiv feststellbar ist.