Wer oder was ist "Ich"?

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
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Consul
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Sa 18. Apr 2026, 21:59

Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 12:29
Wenn du so argumentierst, verwendest du räumliche Getrenntheit als Kriterium. Sobald die Beine vom Querschnittsgelähmten abgetrennt sind, hat man es mit räumlich getrennten Objekten zu tun.
Es gilt allgemein: Wenn A und B räumlich (vollständig) getrennt sind, dann ist A nicht Teil von B, und B ist nicht Teil von A.
(Sowohl A als auch B ist allerdings Teil von A+B. Das Unterteil eines Bikinis ist nicht Teil des Unterteils, und das Oberteil ist nicht Teil des Unterteils; aber sowohl das Unterteil als auch das Oberteil ist Teil des Bikins = Unterteil + Oberteil.)
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 12:29
Das Problem ist nur: Die siamesischen Zwillinge sind eben nicht räumlich getrennt. Da funktioniert dein Kriterium also nicht in deinem Sinne. Das ist wieder eines der Konsistenzprobleme, die du dir aufgrund deines vorherigen Pyrrhussieges eingekauft hast.
Ich kann dir leider nicht folgen.
Ein für alle Mal: Wenn Cindys Beine gelähmt wären, dann wären sie immer noch ein Teil von ihr. Abigail und Britanny teilen sich ein Beinpaar (soweit ich es beurteilen kann); und wenn ihre Beine gelähmt wären, dann wären sie immer noch ein Teil von Abigail und ein Teil von Britanny.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 12:29
Deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn du dieses Problem wegerklärst, indem du mir eine falsche Analogie vorwirfst: …

Dein Vorwurf, dass meine Analogie falsch sei, ist ein Beispiel für jenen Fehlschluss, der als Behauptung eines Sonderfalls bezeichnet wird: …

Wenn es allgemeine Kriterien dafür, wo die Grenzen zu ziehen sind, dann müssten diese Kriterien für den A+B-Körper genauso gelten wie für den C-Körper. Sonst sind es halt keine Kriterien, sondern nur willkürliche Setzungen. Dein Verweis auf die extreme Abnormalität des A+B-Körpers zeigt eigentlich nur, warum die Anatomie nicht für die Bestimmung dieser Kriterien geeignet ist. Üblicherweise ist die Anatomie eben nicht mit solchen Fällen wie dem A+B-Körper beschäftigt, deswegen stellen sich solche kriteriologische Fragen für Anatomen nicht. Und wenn es Chirurgen gibt, die tatsächlich damit beschäftigt sind Siamesische Zwillinge zu operieren, dann sind sie in erster Linie an medizinischen Problemen interessiert, die mit der hier verhandelten Fragestellung nichts zu tun haben.
Stimmt nicht, denn vor einer chirurgischen Trennung müssen sich die Mediziner sehr wohl mit der Frage befassen, wo innerhalb von A+B die Grenze zwischen A und B verläuft.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 12:29
Deine Position funktioniert eigentlich nur dadurch, dass du darauf verzichtest solche allgemeinen Kriterien anzugeben. Räumliche Getrenntheit wäre z.B. ein Kriterium, aber dann sind siamesische Zwillinge halt nicht räumlich getrennt und damit ein einheitliches Gebilde. Deswegen kommt bei dir dieses konzeptionelle Konstrukt heraus, welches ich als "Consul-Körper" bezeichne. Bei Menschen, die keine siamesischen Zwillinge sind, ist der Consul-Körper identisch mit dem, was die meisten Menschen vermutlich als "Organismus" bezeichnen würden. Und bei Siamesischen Zwillingen ist der Consul-Körper irgendetwas anderes und das bezeichnest du dann als "Organismus".
* Wie gesagt, ich betrachte den organischen Körper A+B nicht als einen einzigen Organismus, sondern als einen partiell verschmolzenen Doppelorganismus.

* Sowohl für den normalen Organismus C (Cindy) als auch für den abnormalen organischen Körper A+B (als Doppelorganismus) gilt, dass die ganze äußere Grenze entlang der Haut-Haar-Oberfläche verläuft.

* Der eine Teil der äußeren Grenze von A bzw. B fällt mit einem Teil der Haut-Haar-Oberfläche von A+B zusammen, und der andere Teil davon verläuft irgendwo innerhalb von A+B.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 12:29
Consul hat geschrieben :
Do 16. Apr 2026, 19:34
Falls Cs Beine amputiert werden, dann verläuft danach ihre äußere Grenze teilweise dort, wo zuvor eine äußere Grenze zwischen ihrem Rumpf und ihren Beinen verlief, welche zugleich eine innere Grenze von C als vollständigem Organismus (samt Beinen) war.
Deine Terminologie ist ein Quell unendlicher Überraschungen! :D
Wir lernen jetzt also, dass es auch bei C äußere Grenzen gibt, die innerhalb des C-Körpers verlaufen. Genauso, wie es beim A+B-Körper äußere Grenzen gibt, die innerhalb des Körpers verlaufen. So ganz blöde scheint meine Analogie also nicht zu sein.
* Nein, C (als Ganzes) hat keine äußere Grenze, die (teilweise) innerhalb von C verläuft. Äußere Grenzen innerhalb von C sind keine Grenzen von C (als Ganzem), sondern von Teilen von C (wie ihrem Rumpf).

* Die äußeren Grenzen innerhalb von A+B sind keine Grenzen von A+B, sondern von A bzw. B.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 12:29
Die offene Frage ist jetzt eigentlich nur: Äußere Grenzen von was? Du sagst: Bei C sind es die äußeren Grenzen des Rumpfs. Die Frage kann allerdings aufgrund der Analogie nach wie vor begründet gestellt werden, ob es sich nicht auch um die äußeren Grenzen des Consul-Körpers (also um die äußeren Grenzen von dem, was du als "vollständiger Organismus" bezeichnest) handeln könnte.
Die richtige Antwort lautet nein: Die untere Rumpfgrenze gehört definitiv nicht zur äußeren Grenze eines Menschen mit Beinen.



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Consul
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Sa 18. Apr 2026, 22:03

Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 15:42
Ja, da lässt du dich von der Locke'schen Terminologie irreführen. Wenn es sich um eine Zurückbeugung oder Umkehrung der Aufmerksamkeitsrichtung handelt, dann handelt es sich eben nicht mehr um eine passive Wahrnehmung. Wenn Reflexion als "the perception of the operations of our own mind within us" charakterisiert worden ist, ist das eben eine selbstwidersprüchliche Charakterisierung: Einerseits ist "perception" etwas Passives, andererseits ist der Vorgang, bei dem man seine Aufmerksamkeit auf die "operations of our own mind" lenkt, etwas Aktives. Selbst einem so großen Meister wie Locke passiert manchmal ein Patzer.
Nein, Locke ist kein "Patzer" unterlaufen.
Es gibt sowohl passive Wahrnehmung als bloße Bemerkung von etwas als auch aktive Wahrnehmung als Beobachtung von etwas.
Es gibt sowohl unbewusste (unabsichtlich-unwillentliche) Aufmerksamkeitslenkung als auch bewusste (absichtlich-willentliche) Aufmerksamkeitslenkung.
Es ist sicher auch dir schon oft widerfahren, dass deine Aufmerksamkeit innerhalb deines Wahrnehmungsfeldes plötzlich automatisch, ohne ein bewusstes Tun deinerseits auf etwas gelenkt wurde, das du zuvor nicht bemerkt hattest.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 15:42
Aber wenn wir von Introspektion sprechen, dann meinen wir häufig etwas anderes, dann ist da auch ein aktives Element dabei, nämlich eine bewusste Lenkung unserer Aufmerksamkeit auf unser Innenleben.
Ja, Introspektion in diesem aktiven Sinn ist innere Beobachtung (von Bewusstseinsinhalten), welche einen hohen Grad an innerer Aufmerksamkeit und eine absichtlich-willentliche Aufmerksamkeitslenkung nach innen erfordert.
Introspektion als innere Wahrnehmung (Bemerkung, Gewahrwerdung) kann hingegen (mehr oder weniger) passiv ablaufen.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 15:42
Diese bewusste Lenkung unserer Aufmerksamkeit ist eine Sache, deren man sich in der Reflexion durchaus bewusst werden kann. Deswegen ist die Reflexion ihr eigener Untersuchungsgegenstand.
Wenn eine Reflexion selbst zum Gegenstand einer (Meta-)Reflexion wird, dann besteht auch hier ein Unterschied zwischen der Reflexion erster Ordnung, deren Gegenstand eine Nichtreflexion ist, und der Reflexion zweiter Ordnung, deren Gegenstand eine Reflexion ist. Eine Reflexion kann keine Metareflexion ihrer selbst sein.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 15:42
Es ist das Eigentümliche der Reflexion, dass sie die "operations of our own mind within us" zu Bewusstseinsinhalten macht. Das passiert sonst nicht. Meistens bleiben die "operations of our own mind within us" in uns unbemerkt, erst die Reflexion macht sie zum Bewusstseinsinhalt.
Wenn von den Operationen (Aktionen, Aktivitäten, Prozessen) unseres Geistes die Rede ist, dann stellt sich seit der Einführung des Unbewussten in die Psychologie die Frage, ob bewusste (erlebte) oder unbewusste (unerlebte) Geistesvorgänge gemeint sind.

Soweit ich weiß, glaubt Locke nicht an einen unbewussten Geist. Geistige "Operationen" sind für ihn also allesamt bewusste Prozesse.
Die Reflexion (qua Introspektion) ist somit ausschließlich auf Bewusstseinsinhalte gerichtet; und Locke ist der Ansicht, dass sie eine notwendige Bedingung des Vorhandenseins von Bewusstseinsinhalten ist. Denn es gibt für ihn keine präreflexiven/präreflektierten geistigen Vorgänge, die zunächst unbewusst, unbemerkt, unwahrgenommen stattfinden, und erst später selektiv durch Reflexionsakte ins Bewusstsein emporgehoben werden.
Laut Locke funktioniert die Reflexion nicht wie eine Angel, mit der man bereits vorhandende und vom Angelvorgang unabhängige Fische aus dem Wasser und an Land zieht.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 15:42
Consul hat geschrieben :
Do 16. Apr 2026, 19:38
Gibt es so etwas wie Metaintrospektion, eine Introspektion einer Introspektion von X? Ich glaube nicht.
Das ist sicherlich eine sehr anspruchsvolle Übung, aber an sich spricht nichts dagegen. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf die Vorgänge im eigenen Kopf lenken kann und die Introspektion ein solcher Vorgang ist, kann man die Aufmerksamkeit auch auf die Introspektion lenken. Das Problem dürfte hier nicht die prinzipielle Unmöglichkeit sein, sondern dass viele von uns mit ihrem Geist zu wenig vertraut sind und sich solche anspruchsvolle Übungen deswegen nicht zutrauen.
Hm…Die Psychologen sprechen von Metakognition:
"metacognition: knowledge and beliefs about one's own cognitive processes"
—Oxford Dictionary of Psychology

"metacognition: awareness of or knowledge about one’s own thought processes and knowledge"
—Cambridge Dictionary of Psychology

"metacognition: awareness of one’s own cognitive processes, often involving a conscious attempt to control them"
—APA Dictionary of Psychology
Metaintrospektion wäre eine Art von Metakognition.
(Der Philosoph) David Armstrong behauptet die Möglichkeit von Metaintrospektionen ausdrücklich:
"Durch die Sinneswahrnehmung werden wir uns gegenwärtiger Geschehnisse in der physischen Welt bewusst. Eine Wahrnehmung ist daher ein mentales Ereignis, dessen (intentionales) Objekt Situationen in der physischen Welt sind. Bei der Introspektion hingegen werden wir uns gegenwärtiger Geschehnisse in unserem eigenen Geist bewusst. Introspektion ist daher ein mentales Ereignis, dessen (intentionales) Objekt andere mentale Geschehnisse sind, die Teil desselben Geistes sind. Dennoch kann die Introspektion durchaus mit der Sinneswahrnehmung verglichen werden, und Kants Beschreibung der Introspektion als ‚innerer Sinn‘ ist vollkommen gerechtfertigt.

Im Falle der Wahrnehmung müssen wir zwischen dem Wahrnehmen, das ein mentales Ereignis ist, und dem Wahrgenommenen, das etwas Physisches ist, unterscheiden. Im Falle der Introspektion müssen wir analog zwischen dem Introspizieren und dem Introspizierten unterscheiden. Verwechslungen sind im letzteren Fall umso leichter möglich, da es sich in beiden Fällen um mentale Zustände desselben Geistes handelt. Doch obwohl es sich in beiden Fällen um mentale Zustände handelt, ist es dennoch unmöglich, dass das Introspizieren und das Introspizierte ein und derselbe mentale Zustand sind. Ein mentaler Zustand kann sich seiner selbst nicht bewusst sein, genauso wenig wie ein Mensch sich selbst [vollständig] aufessen kann. Die Introspektion kann selbst Gegenstand eines weiteren introspektiven Gewahrseins sein, und so weiter; aber da die Kapazität des Geistes endlich ist, muss die Kette des introspektiven Gewahrseins von Introspektionen in einer Introspektion enden, die kein Introspektionsgegenstand ist.
Wenn wir die materialistische Gleichsetzung mentaler Zustände mit materiellen Zuständen des Gehirns vornehmen, können wir sagen, dass Introspektion ein Selbstabtastungsvorgang [self-scanning process] im Gehirn ist." [übersetzt von Google & Consul]

(Armstrong, D. M. A Materialist Theory of the Mind. London: Routledge & Kegan Paul, 1968. pp. 323-4)
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 15:42
…Die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit ist etwas, was erst durch die Sprache ermöglicht wird. …
Mein allgemeiner Punkt ist, dass Wahrnehmen und Denken nicht dasselbe sind.

Es gibt wohl auch sprachlose Tiere, die fähig sind, ihre äußere, extrospektive Aufmerksamkeit aktiv zu steuern. Man denke an eine Raubkatze, die ihre Beute genau beobachtet, bevor sie sie angreift.

Kann ich als Mensch mein innere, introspektive Aufmerksamkeit ohne gedanklich-sprachliche Befehle aktiv lenken? Zeit für eine Selbstbeobachtung…
Nun, ich habe den introspektiven Eindruck, dass es möglich ist. Es scheint mir, dass ich nicht denken/innerlich sagen muss, "Lenke deine innere Aufmerksamkeit von Bewusstseinsinhalt A zu Bewusstseinsinhalt B!", um meine innere Aufmerksamkeit von A zu B lenken zu können.



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Sa 18. Apr 2026, 22:25

Dynamis hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 13:24
…den Gedanken nicht weiterverfolgt und dafür darauf achtet, wie sich dieser Gedanke im Körper manifestiert. Die Reflexion ist dann einfach die Bewusstmachung dieser Optionen/Operationen. Das entspricht der Definition von Reflexion als "the perception of the operations of our own mind within us", die von Consul vorhin eingeführt worden ist.
Wie im vorherigen Beitrag bereits gesagt, Wahrnehmen und Denken sind nicht dasselbe. Doch Locke schreibt (leider):
"The two great and principal actions of the mind are these two:
Perception, or Thinking, and
Volition, or Willing."

(Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. 1690. II:vi.2)
"Wahrnehmung oder Denken" – Das "oder" steht hier für eine Gleichsetzung; doch dadurch wird die wichtige Unterscheidung von Reflexion qua Introspektion (innere Wahrnehmung) und Reflexion qua Kogitation (Denkung, Nachdenkung) aufgehoben.



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Sa 18. Apr 2026, 23:43

"Reflexion (lat. reflexio v. reflecto = zurückbeugen), eigtl. Zurückbeugung, bezeichnet im allgemeinen das Denken, im besonderen die auf den eigenen Bewußtseinsinhalt gerichtete Aufmerksamkeit, die innere Wahrnehmung, die Vergleichung, Bestimmung und Verknüpfung der Vorstellungen."

KIRCHNER (1907): Reflexion
perceptio, cogitatio, attentio, comparatio – das ist nicht alles ein und dasselbe!

Aber: Introspektion erfordert innere Aufmerksamkeit.
"Das 'Organ' der Introspektion ist die Aufmerksamkeit, diejenige Ausrichtung, welche ein Subjekt in eine entsprechende Beziehung zu einem angezielten Zustand bringt." [übersetzt von Consul]

(Goldman, Alvin I. Simulating Minds: The Philosophy, Psychology, and Neuroscience of Mindreading. New York: Oxford University Press, 2006. p. 244)
"Arten der Aufmerksamkeit. – Ich richte meine Aufmerksamkeit auf die Rose. Ich beobachte ihre Farbe, ihren Duft und ihre Struktur. Ich stelle fest, dass ich meine Energie auf die Beherrschung der äußeren Welt richten kann. Dies nennen wir äußere Aufmerksamkeit.

1. Äußere Aufmerksamkeit [outer attention] bedeutet, sich auf äußere Dinge zu konzentrieren. Sie richtet sich auf die Sinneswelt. Wenn die Lehrerin „Achtung!“ sagt, meint sie meist „Hört zu!“ oder „Schaut hin!“. Objektive, externe und äußere Aufmerksamkeit sind synonym und bedeuten einfach, sich auf die äußere Welt zu konzentrieren. Da die äußere Welt als objektive Welt bezeichnet wird, nennt man die Ausrichtung des Geistes auf äußere Dinge objektive Aufmerksamkeit [objective attention].

2. Innere Aufmerksamkeit [inner attention] bedeutet, sich auf das Innere zu konzentrieren. Ich konzentriere meine Kräfte auf ein Problem, eine Aufgabe, einen Wunsch, eine Entscheidung. Dies ist innere Aufmerksamkeit. Wir verstehen unter innerer Aufmerksamkeit die Hinwendung zur inneren Welt. Da die innere Welt als subjektive Welt bezeichnet wird, nennt man innere Aufmerksamkeit subjektive Aufmerksamkeit [subjective attention]." [übersetzt von Google]

(Baldwin, Joseph. Elementary Psychology and Education. New York: D. Appleton & Co., 1897. p. 7)



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Jörn P Budesheim
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So 19. Apr 2026, 06:57

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 12:53
Zu glauben, dass man bei der [sogenannten] Introspektion seine Aufmerksamkeit auf Vorgänge im eigenen Kopf lenkt, ist keineswegs selbstverständlich.
Ich habe das gestern mal mit zwei deep researches von Notebook LM und Chat GPT ein wenig recherchiert und teilweise mit perplexity geprüft. Und es scheint tatsächlich kulturelle Prägungen zu geben, die formen, wie und wo man den eigenen Denkvorgang erlebt, bzw. zu erleben glaubt*. Die Hauptkandidaten sind verschiedene Regionen des Kopfes und der Brustbereich, also die Herznähe. Am lustigsten fand ich die Vorstellung einer Probandin, die (bei einer großangelegten empirischen Untersuchung) meinte, sie hätte einen Stapel von Gedanken hinter dem Rücken. :) Das hat mich vage an Joseph Beuys erinnert, der behauptete, mit dem Knie zu denken.

Bedeutend kann auch der eigene Denkstil sein. Da spielt das Klischee eine gewisse Rolle: Wer eher logisch/analytisch denkt, verortet das denkende Ich eher im Kopf (Head-Locator). Wer eher emotional/intuitiv denkt, verortet es eher in der Brust/Herzregion (Heart-Locator). Die Begriffe "Head-Locator" und "Heart-Locator" stammen aus der entsprechenden empirischen Forschung.

Auch diese Unterscheidung – also zwischen Vernunftdenken und Emotionen – wird kulturell verschieden betrachtet. In manchen Kulturen gelten Vernunft und Gefühl als eine untrennbare Einheit und werden im Herz lokalisiert und andere Kulturen unterscheiden scharf. Die Logik gehört dann in den Kopf und das Gefühl ins Herz.

(* "zu erleben glaubt" – spannend fand ich den Bericht über einen Probanden, der sich zu Beginn der Versuchsreihe offensichtlich vollkommen im Irrtum darüber befand, wo er den eigenen Denkvorgang erlebte! Er gab zu Beginn Ort X an und am Ende der Versuchsreihe - mit verschiedenen Selbstberichten - wurde klar, dass das überhaupt nicht zutraf! Die Probanden hatten einen Piepser dabei und an zufälligen Zeitpunkten des Tages mussten sie innehalten und aufschreiben was, wie und wo sie gerade gedacht haben.)



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Dynamis
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So 19. Apr 2026, 10:02

Consul hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 21:59
Es gilt allgemein: Wenn A und B räumlich (vollständig) getrennt sind, dann ist A nicht Teil von B, und B ist nicht Teil von A.
(Sowohl A als auch B ist allerdings Teil von A+B. Das Unterteil eines Bikinis ist nicht Teil des Unterteils, und das Oberteil ist nicht Teil des Unterteils; aber sowohl das Unterteil als auch das Oberteil ist Teil des Bikins = Unterteil + Oberteil.)
Beim Bikini hat man es mit einer konventionell erzeugten Einheit zu tun. Es gibt nun einmal die Konvention, dass Frauen anders als Männer im Schwimmbad die Brüste nicht entblößen dürfen, deswegen müssen sie zusätzlich zum Unterteil noch ein Oberteil tragen. Deswegen sind sie durch die geschlechterspezifischen Normen anders als Männer dazu angehalten sich sowohl Unter- als auch Oberteil zu beschaffen, damit sie den hiesigen Sittlichkeitsnormen genügen können. Das ist aber eine bloße Konvention, deswegen bin ich mir nicht sicher, wie relevant das hier für eine ontologische Diskussion ist.

Vorhin hast du damit argumentiert, dass eine "Lähmung ja keine Abtrennung bedeutet", also implizit mit dem Kriterium der räumlichen Getrenntheit argumentiert. Nach diesem Kriterium gilt: Wenn zwei Gegenstände sich räumlich voneinander trennen lassen, sind sie separat, ansonsten bilden sie eine Einheit.
Consul hat geschrieben : Ich kann dir leider nicht folgen.
Das macht nichts. Abigail und Britanny bilden nach dem Kriterium der räumlichen Getrenntheit eine Einheit, da sie sich eben nicht voneinander trennen lassen bzw. erst nach einer erfolgreichen Operation. Das gilt auch, wenn du dem nicht folgen kannst.
Consul hat geschrieben : Stimmt nicht, denn vor einer chirurgischen Trennung müssen sich die Mediziner sehr wohl mit der Frage befassen, wo innerhalb von A+B die Grenze zwischen A und B verläuft.
Nein, sie müssen sich die Frage stellen, wie sie die bestmögliche Lebensqualität für A und B sichern können. Nach diesem rein pragmatischen Gesichtspunkt entscheidet sich der Chirurg, ob und wie er die beiden Körper voneinander trennt.
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 12:29
Wie gesagt, ich betrachte den organischen Körper A+B nicht als einen einzigen Organismus, sondern als einen partiell verschmolzenen Doppelorganismus.
Cool, dann sind wir eigentlich schon zusammengekommen. Ich brauche dann bloß zu sagen, dass sich aus meinem Argument ergibt, dass A und B jeweils nicht mit ihrem organischen Körper identisch sind, und dann ist mein Argument mit den siamesischen Zwillingen gerettet. Außerdem habe ich eine klare Vorstellung davon, was mit "organischer Körper" gemeint ist: Das ist einfach der Körper, der sich nach dem Kriterium der räumlichen Getrenntheit ergibt: Die Bestandteile von A und B lassen sich nicht so einfach auseinanderzerren, wo A hinläuft, läuft B mit. Alternativ lässt sich der organische Körper auch als derjenige Körper definieren, dessen Grenzen wie bei allen anderen Säugetieren durch die Haut/Haar/Fell-Umhüllung gegeben ist. Da gibt es also mindestens zwei Kriterien, mit denen sich dieses Gebilde charakterisieren lässt.

Bei dem, was du als "Organismus" und ich als "Consul-Körper" bezeichnen, kann ich hingegen kein Kriterium erkennen. Da werden von dir nur willkürlich irgendwo irgendwelche Linien in Bilder eingezeichnet, aber welche Kriterien du bei der Linienzeichnung verwendest, ist nicht erkennbar.
Consul hat geschrieben : * Der eine Teil der äußeren Grenze von A bzw. B fällt mit einem Teil der Haut-Haar-Oberfläche von A+B zusammen, und der andere Teil davon verläuft irgendwo innerhalb von A+B.
Und nach welchem Kriterium legst du das fest? Willkür?
Consul hat geschrieben : Die richtige Antwort lautet nein: Die untere Rumpfgrenze gehört definitiv nicht zur äußeren Grenze eines Menschen mit Beinen.
Und nach welchem Kriterium legst du das fest? Willkür?




Dynamis
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So 19. Apr 2026, 10:43

Consul hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 22:03
Nein, Locke ist kein "Patzer" unterlaufen.
Es gibt sowohl passive Wahrnehmung als bloße Bemerkung von etwas als auch aktive Wahrnehmung als Beobachtung von etwas.
Locke versteht Wahrnehmung vorrangig als passiv, deswegen ist die Rede von einem Patzer hier schon gerechtfertigt. Vgl das, was du selbst schon zitiert hast.
Locke hat geschrieben : "1. Wie die Wahrnehmung einerseits die erste Fähigkeit des mit unseren Ideen beschäftigten Geistes ist, so ist sie andererseits zugleich auch die erste und einfachste Idee, die wir durch Reflexion gewinnen. Sie wird von manchen ganz allgemein als Denken bezeichnet, obwohl das Wort Denken nach richtigem englischen Sprachgebrauch eine an den Ideen im Geist vorgenommene Operation bezeichnet, bei der der Geist aktiv tätig ist, das heißt mit einem gewissen Grad gewollter Aufmerksamkeit etwas betrachtet. Denn bei der reinen Wahrnehmung bleibt der Geist meist nur passiv, und was er wahrnimmt, muß er unvermeidlich wahrnehmen.

2. Was Wahrnehmung ist, wird jeder besser als durch eine von mir zu gebende Darlegung erkennen, wenn er darüber nachdenkt, was er tut, wenn er sieht, hört, fühlt usw. Das kann niemandem entgehen, der über die Vorgänge in seinem eigenen Geist nachdenkt. Wenn er nicht darüber nachdenkt, werden ihm auch alle Wörter der Welt keinen Begriff davon geben können.

3. Soviel ist gewiß, wenn alle Veränderungen, die im Körper herbeigeführt werden, nicht den Geist erreichen, wenn alle Eindrücke, die auf die äußeren Organe gemacht werden, nicht im Innern bemerkt werden, dann gibt es keine Wahrnehmung. Das Feuer könnte unsern Körper verbrennen, ohne bei uns einen anderen Effekt hervorzurufen als bei einem Stück Holz, wenn sich die Bewegung nicht bis zum Gehirn fortpflanzt und dort die Empfindung der Hitze oder die Idee des Schmerzes im Geist erzeugt; denn darin besteht die wirkliche Wahrnehmung.

4. Wie oft kann der Mensch an sich selbst beobachten, daß der Geist, wenn er intensiv mit der Betrachtung bestimmter Objekte beschäftigt ist und eine Reihe vorhandener Ideen sorgfältig überschaut, von den Eindrücken keine Notiz nimmt, die tönende Körper in dem Gehörorgan hervorrufen, obgleich sie dort dieselben Veränderungen bewirken, die für gewöhnlich die Idee eines Tones erzeugen. Der Impuls, der dem Organ mitgeteilt wird, mag hinreichend stark sein, wenn er aber vom Geist nicht beachtet wird, so erfolgt keine Wahrnehmung; wenn auch die Bewegung, die für gewöhnlich die Idee des Tones erzeugt, im Ohr stattfindet, so wird doch kein Ton gehört. Das Ausbleiben der Sensation wird in diesem Fall nicht durch einen Fehler im Organ verursacht, auch nicht dadurch, daß auf das Gehör weniger stark eingewirkt wurde als bei anderen Gelegenheiten, bei denen man hörte; vielmehr erfolgt die Sensation deshalb nicht, weil dasjenige, was sonst die Idee erzeugt, trotz Zuleitung durch das gewöhnliche Organ vom Verstand nicht beachtet wird und darum dem Geist keine Idee einprägt. überall also, wo Empfindung oder Wahrnehmung ist, wird wirklich eine Idee erzeugt und ist im Verstand gegenwärtig."

(Locke, John. Versuch über den menschlichen Verstand. [1690.] Band I: Buch I & II. Übers. v. Carl Winckler. Hamburg: Meiner, 1988. S. 158-60 [B. II, K. IX, §§1-4])




Dynamis
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So 19. Apr 2026, 11:04

Consul hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 22:03
Dynamis hat geschrieben :
Fr 17. Apr 2026, 15:42
Es ist das Eigentümliche der Reflexion, dass sie die "operations of our own mind within us" zu Bewusstseinsinhalten macht. Das passiert sonst nicht. Meistens bleiben die "operations of our own mind within us" in uns unbemerkt, erst die Reflexion macht sie zum Bewusstseinsinhalt.
Wenn von den Operationen (Aktionen, Aktivitäten, Prozessen) unseres Geistes die Rede ist, dann stellt sich seit der Einführung des Unbewussten in die Psychologie die Frage, ob bewusste (erlebte) oder unbewusste (unerlebte) Geistesvorgänge gemeint sind.

Soweit ich weiß, glaubt Locke nicht an einen unbewussten Geist. Geistige "Operationen" sind für ihn also allesamt bewusste Prozesse.
Die Reflexion (qua Introspektion) ist somit ausschließlich auf Bewusstseinsinhalte gerichtet; und Locke ist der Ansicht, dass sie eine notwendige Bedingung des Vorhandenseins von Bewusstseinsinhalten ist. Denn es gibt für ihn keine präreflexiven/präreflektierten geistigen Vorgänge, die zunächst unbewusst, unbemerkt, unwahrgenommen stattfinden, und erst später selektiv durch Reflexionsakte ins Bewusstsein emporgehoben werden.
Laut Locke funktioniert die Reflexion nicht wie eine Angel, mit der man bereits vorhandende und vom Angelvorgang unabhängige Fische aus dem Wasser und an Land zieht.
Nein, da verwechselst du unbemerkt und unbewusst. Die Operationen unseres Geistes werden bewusst ausgeführt, aber das heißt nicht, dass sie uns als solche bewusst sind. Ein Beispiel dafür ist Beethoven, wenn er sich in einen seiner Wutanfälle reinsteigert. Dann ist sein Wutanfall etwas, was ihm bewusst ist. Aber er bemerkt nicht, dass er selbst einen Anteil daran hat, indem er sich über eine Sache aufregt. Er denkt fälschlicherweise, dass dieser Wutanfall ganz von alleine passiert, ohne dass er etwas dafür kann.

Dass die Operationen unseres Geistes unbemerkt bleiben, hat nicht das Geringste mit dem Unbewussten zu tun. Das ist der ganz alltägliche Normalfall, der eintritt, sobald wir mit den Dingen der Welt da draußen beschäftigt sind. Wenn ich über die Dinge da draußen nachdenke, denke ich nicht gleichzeitig über die Operationen in meinem Geist nach. Ich tue etwas, während ich über die Welt da draußen nachdenke, und das ganz und gar bewusst. Aber was genau ich tue, bleibt dabei zunächst einmal unbemerkt.

Deswegen spricht Locke auch explizit davon, dass Kinder nur wenig Reflexion betreiben. Sie erleben die Welt um sich herum bewusst, aber nicht reflektiert!

Reflexion bedeutet für Locke, dass wir uns der Handlungen bewusst werden, die wir mit unserem Geist durchführen. Und genau wie der ein und derselbe Tanz mehrmals hintereinander ausgeführt werden kann, kann auch die ein und dieselbe Handlung mehrmals hintereinander ausgeführt werden. Ich kann ein und dieselbe Rechnung mehrmals hintereinander durchführen. Das erklärt dann auch, warum eine Reflexion sich auf sich selbst beziehen kann: Wenn ich erst reflektiere und dann nochmals reflektiere, kann sich die erste Reflexion auf die zweite Reflexion beziehen.




Dynamis
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Registriert: Di 24. Mär 2026, 19:10

So 19. Apr 2026, 17:52

Consul hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 22:03
Kann ich als Mensch mein innere, introspektive Aufmerksamkeit ohne gedanklich-sprachliche Befehle aktiv lenken? Zeit für eine Selbstbeobachtung…
Nun, ich habe den introspektiven Eindruck, dass es möglich ist. Es scheint mir, dass ich nicht denken/innerlich sagen muss, "Lenke deine innere Aufmerksamkeit von Bewusstseinsinhalt A zu Bewusstseinsinhalt B!", um meine innere Aufmerksamkeit von A zu B lenken zu können.
Denken ist nicht dasselbe wie "gedanklich-sprachliche Befehle" zu formulieren. Es gibt einen Zusammenhang zwischen der aktiven Lenkung der Aufmerksamkeit und der Sprache, aber dieser ist subtiler als es von dir mit der Befehlsform dargestellt wird. Sprache erweitert die Grenzen meines Bewusstseins. Dass es so etwas wie "Schwarze Löcher" oder "Atome" gibt, weiß ich nicht aus der direkten Anschauung, sondern nur deswegen, weil diese Entitäten als abstrakte Konzepte mit der Sprache vermittelt werden. Genauso ermöglicht Sprache eine Reflexion über die Operationen, die man mit seinem Geiste ausführt. Ein Beispiel dafür ist die Mathematik: Addition, Subtraktion, Multiplikation usw. sind Operationen, die man mit seinem Geist ausführt. Diese werden uns durch die Sprache beigebracht. Und genauso wie Addition und Multiplikation kognitive Operationen sind, ist es die Lenkung der Aufmerksamkeit auch. Es spricht also nichts dagegen, dass auch die Lenkung der Aufmerksamkeit mit sprachlichen Kategorien verfeinert werden kann. Sobald man das Bewusstsein analysiert und die verschiedenen Sachen beschreibt, die da so los sind, hat man auch mehr Klarheit darüber, auf welche Sachen man seine Aufmerksamkeit lenken kann.




Dynamis
Beiträge: 336
Registriert: Di 24. Mär 2026, 19:10

So 19. Apr 2026, 22:44

Timberlake hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 16:12
Wenn es um große Lebenspläne oder Ähnliches geht .. was ich mit der Frage Wer oder was ist "Ich"? verknüpfe :!: ..
Das ist ein wichtiger Punkt, den du hier ansprichst. In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal die Definition von Hegel aufgreifen, der das Ich als "Übergehen aus unterschiedsloser Un­bestimmtheit zur Unterscheidung, Bestimmen und Setzen einer Bestimmtheit als eines Inhalts und Gegenstands" definiert (§6, Grundlinien der Philosophie des Rechts). An großen Lebensplänen lassen sich sowohl der Aspekt der Unbestimmtheit als auch das Übergehen aus dieser Unbestimmtheit in das Setzen einer Bestimmtheit verdeutlichen. Wenn ich einen Lebensplan habe, bin ich dadurch unbestimmt. Es kann sein, dass es Umstände gibt, die außerhalb meiner Macht liegen und diesen Lebensplan vereiteln. Dann existiere ich trotzdem weiter. Gleichzeitig ist der Lebensplan ist eine individuelle Antwort auf die Frage, wer ich bin. Der Lebensplan ist das Zentrum meiner Intentionen, die Koordinationsstelle meiner Handlungen, damit spielt er eine fundamentale Rolle für unser Selbstbewusstsein.




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Jörn P Budesheim
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Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 17:52
Es spricht also nichts dagegen, dass auch die Lenkung der Aufmerksamkeit mit sprachlichen Kategorien verfeinert werden kann.
Ja. Wäre es anders, wäre jeder Besuch beim Arzt sinnlos. :-)



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Jörn P Budesheim
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Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 22:44
Wenn ich einen Lebensplan habe, bin ich dadurch unbestimmt.
"Unbestimmt? Schreibfehler oder tiefe Dialektik?



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Mo 20. Apr 2026, 08:05

Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 22:44
Gleichzeitig ist der Lebensplan ist eine individuelle Antwort auf die Frage, wer ich bin.
Und eine Stufe abstrakter ist die allgemeine Fähigkeit, "Lebenspläne zu schmieden", eine Antwort auf die Frage(n) "Wer oder was ist "Ich"?" bzw. "Wer oder was ist "der Mensch"?" Das unterscheidet uns – so will ich vermuten – von den Schwämmen. Allerdings ist das nicht voraussetzungslos zu haben, schätze ich. Wer gar nicht zu intentionalen Akten fähig ist, wird auch keine Lebenspläne schmieden können – um nur ein Beispiel zu geben.

Gehört das Wissen um die Begrenztheit des Lebens zu dieser Fähigkeit, "Lebenspläne zu schmieden"? Oder genügt es, sich selbst als eine veränderliche, (selbstbestimmende?) Identität über die Zeit hinweg zu verstehen? Muss man wissen, dass Pläne scheitern können und dass sie sich nicht von alleine erfüllen? ..?



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Jörn P Budesheim
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Mo 20. Apr 2026, 08:57

@Consul, @Dynamis: Ich hab eure Diskussion über Körpergrenzen nicht im Detail verfolgt und präsent. Hier ein paar Fragen/Gedanken/Beispiele:

Wenn jemand die ominöse Tasse in der Hand hält und beiläufig darauf blickt, gerät er in der Regel nicht in eine an surreale Filme erinnernde Situation, in der er sich über die unerwartete Veränderung am Ende der eigenen Hand erschreckt oder umgekehrt die neue "Tassenhand" schlicht hinnimmt und gar nicht ungewöhnlich findet. How come?

Wie ist es mit weniger surrealen Fällen: der Geigenbogen, der Zeichenstift, der Blindenstock – hier wird das Objekt ja (manchmal) sinnvollerweise wie ein (vorübergehender) Teil des eigenen Körpers erlebt.

Und die Gummihand? Das Experiment zeigt, dass man eine Gummihand als die eigene erleben kann.

Die Gummihand gehört definitiv nicht zum "Ich" (oder?), während die Fähigkeit, einen Zeichenstift "phänomenologisch" zu integrieren, sehr wohl zum Ich gehören kann (oder?)!



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Jörn P Budesheim
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Mo 20. Apr 2026, 09:13

Könnte eine Metaphysik, die nur das als real anerkennt, was es unabhängig von uns gibt, jemals die Frage „Wer oder was ist "Ich"?“ beantworten?



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Dynamis
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Mo 20. Apr 2026, 20:05

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 20. Apr 2026, 07:49
Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 22:44
Wenn ich einen Lebensplan habe, bin ich dadurch unbestimmt.
"Unbestimmt? Schreibfehler oder tiefe Dialektik?
Es ist kein Schreibfehler, aber vielleicht habe ich diesen Punkt noch nicht gut genug erklärt. Ich kann mich jederzeit für oder gegen meinen Lebensplan entscheiden. Deswegen bin ich dadurch unbestimmt. Eine Entscheidung gegen einen Lebensplan, den ich mir mit viel Mühe aufgebaut habe, hat meistens drastische Konsequenzen. Wenn ich zum Beispiel verheiratet bin und wenn es mein Lebensplan war diese Beziehung bis zu meinem Lebensende fortzuführen, ist eine Trennung mit Schmerzen verbunden. Aber unmöglich ist sie nicht. Es gibt ja genug Scheidungen.




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Consul
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Di 21. Apr 2026, 04:49

Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 10:02
Vorhin hast du damit argumentiert, dass eine "Lähmung ja keine Abtrennung bedeutet", also implizit mit dem Kriterium der räumlichen Getrenntheit argumentiert. Nach diesem Kriterium gilt: Wenn zwei Gegenstände sich räumlich voneinander trennen lassen, sind sie separat, ansonsten bilden sie eine Einheit.
Räumliche Getrenntheit ist für mich (insbesondere als mereologischen Universalisten) kein allgemeines Kriterium von Uneinheitlichkeit oder Unganzheitlichkeit.
Alaska ist vom Rest der USA räumlich getrennt, aber sie bilden zusammen eine politische Einheit. Alaska ist trotz der Getrenntheit von den anderen Bundesstaaten Teil der USA. Die Planeten unseres Sonnensystems sind alle räumlich voneinander getrennt, aber nichtsdestoweniger Teile einer Einheit oder Ganzheit, nämlich unseres Sonnensystems.

Ein abgetrenntes (und noch vorhandenes) Bein B eines Menschen M ist zwar weiterhin Teil der Einheit/Ganzheit B + (M–B) (als einer mereologischen Summe); aber infolge der räumlichen Trennung von B und M–B stellt B + (M–B) keinen einheitlich zusammenhängenden Menschenorganismus mehr dar, sodass B nicht mehr Teil von M ist. M ist durch die Beinabtrennung auf die Größe von M–B "geschrumpft", und B ist offenkundig nicht Teil von M–B (= Mensch minus ein Bein, einbeiniger Mensch).
Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 10:02
Abigail und Britanny bilden nach dem Kriterium der räumlichen Getrenntheit eine Einheit, da sie sich eben nicht voneinander trennen lassen bzw. erst nach einer erfolgreichen Operation. Das gilt auch, wenn du dem nicht folgen kannst.
Der organische Körper A+B ist eine Einheit oder Ganzheit, und zwar unabhängig davon, ob A und B voneinander getrennt werden können (ohne dadurch zu sterben) oder nicht; aber nach meiner animalistischen Auffassung ist A+B (als Ganzes) eben kein einzelner Organismus, sondern eine partielle Fusion zweier Organismen, A & B.
Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 10:02
Consul hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 21:59
Wie gesagt, ich betrachte den organischen Körper A+B nicht als einen einzigen Organismus, sondern als einen partiell verschmolzenen Doppelorganismus.
Cool, dann sind wir eigentlich schon zusammengekommen. Ich brauche dann bloß zu sagen, dass sich aus meinem Argument ergibt, dass A und B jeweils nicht mit ihrem organischen Körper identisch sind, und dann ist mein Argument mit den siamesischen Zwillingen gerettet. Außerdem habe ich eine klare Vorstellung davon, was mit "organischer Körper" gemeint ist: Das ist einfach der Körper, der sich nach dem Kriterium der räumlichen Getrenntheit ergibt: Die Bestandteile von A und B lassen sich nicht so einfach auseinanderzerren, wo A hinläuft, läuft B mit. Alternativ lässt sich der organische Körper auch als derjenige Körper definieren, dessen Grenzen wie bei allen anderen Säugetieren durch die Haut/Haar/Fell-Umhüllung gegeben ist. Da gibt es also mindestens zwei Kriterien, mit denen sich dieses Gebilde charakterisieren lässt.
Ich muss mich wiederholen: Der organische Körper A+B, wovon ich spreche, ist ein aus A und B bestehender und teilweise verschmolzener Doppelorganismus; und der innerhalb von A+B verlaufende Teil der äußeren Grenze von A bzw. B lässt sich in der Tat nicht so einfach identifizieren. Meine Grenzziehung im Bild der Hensel-Zwillinge mag ungenau sein; aber sie orientiert sich an den anatomischen Informationen über diese siamesischen Zwillinge, die ich habe.
Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 10:02
Consul hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 21:59
Der eine Teil der äußeren Grenze von A bzw. B fällt mit einem Teil der Haut-Haar-Oberfläche von A+B zusammen, und der andere Teil davon verläuft irgendwo innerhalb von A+B.
Und nach welchem Kriterium legst du das fest? Willkür?
Der Teil der äußeren Grenze von A bzw. B innerhalb von A+B ist wohl nur ungenau, ungefähr anatomisch bestimmbar; aber es steht fest, dass As bzw. Bs Haut-Haar-Oberfläche ein Teil ihrer äußeren Grenze ist.
Dynamis hat geschrieben :
So 19. Apr 2026, 10:02
Consul hat geschrieben :
Sa 18. Apr 2026, 21:59
Die richtige Antwort lautet nein: Die untere Rumpfgrenze gehört definitiv nicht zur äußeren Grenze eines Menschen mit Beinen.
Und nach welchem Kriterium legst du das fest? Willkür?
Nein. Du behauptest doch nicht ernsthaft, dass die untere Rumpfgrenze die untere Außengrenze eines vollständigen Menschenorganismus ist, oder?!



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Di 21. Apr 2026, 05:16

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 20. Apr 2026, 08:57
@Consul, @Dynamis: Ich hab eure Diskussion über Körpergrenzen nicht im Detail verfolgt und präsent. Hier ein paar Fragen/Gedanken/Beispiele:

Und die Gummihand? Das Experiment zeigt, dass man eine Gummihand als die eigene erleben kann.
Die Gummihand gehört definitiv nicht zum "Ich" (oder?), während die Fähigkeit, einen Zeichenstift "phänomenologisch" zu integrieren, sehr wohl zum Ich gehören kann (oder?)!
Hier ist der Unterschied zwischen dem physischen Körper und dem phänomenalen Körperbild wichtig: Mein Gehirn kann eine Gummihand in mein phänomenales Körperbild integrieren, die nicht zu meinem physischen Körper gehört.



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Di 21. Apr 2026, 08:51

Dynamis hat geschrieben :
Mo 20. Apr 2026, 20:05
Ich kann mich jederzeit für oder gegen meinen Lebensplan entscheiden. Deswegen bin ich dadurch unbestimmt.
Ich würde hier eher sagen, dass dich deine Lebenspläne bestimmen, aber nicht festlegen.



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Dynamis
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Di 21. Apr 2026, 11:23

Consul, es lässt sich nun einmal zeigen, dass deine Position an gleich mehreren Stellen unbegründet ist.
Consul hat geschrieben :
Di 21. Apr 2026, 04:49
Räumliche Getrenntheit ist für mich (insbesondere als mereologischen Universalisten) kein allgemeines Kriterium von Uneinheitlichkeit oder Unganzheitlichkeit.
Das Problem ist, dass diese Position nicht konsistent mit dem Rest deiner Argumentation ist:
Consul hat geschrieben : Ein abgetrenntes (und noch vorhandenes) Bein B eines Menschen M ist zwar weiterhin Teil der Einheit/Ganzheit B + (M–B) (als einer mereologischen Summe); aber infolge der räumlichen Trennung von B und M–B stellt B + (M–B) keinen einheitlich zusammenhängenden Menschenorganismus mehr dar, sodass B nicht mehr Teil von M ist. M ist durch die Beinabtrennung auf die Größe von M–B "geschrumpft", und B ist offenkundig nicht Teil von M–B (= Mensch minus ein Bein, einbeiniger Mensch).
An sich stimme ich dir zu, M ist geschrumpft, aber das bedeutet dann eben nur, dass räumliche Abgetrenntheit ein Kriterium ist und dass Beispiele wie Alaska uns daher nicht zu beeindrucken brauchen. Es ist deine Ablehnung dieses Kriteriums, die aus dem, was an sich unkontrovers ist, ein Begründungsproblem macht. You can't have your cake and eat it.
Consul hat geschrieben : Ich muss mich wiederholen: Der organische Körper A+B, wovon ich spreche, ist ein aus A und B bestehender und teilweise verschmolzener Doppelorganismus; und der innerhalb von A+B verlaufende Teil der äußeren Grenze von A bzw. B lässt sich in der Tat nicht so einfach identifizieren. Meine Grenzziehung im Bild der Hensel-Zwillinge mag ungenau sein; aber sie orientiert sich an den anatomischen Informationen über diese siamesischen Zwillinge, die ich habe.


Wenn du ein bereits widerlegtes Argument wiederholst, verrennst du dich in einem Zirkel. Du behauptest, dass deine Grenzziehung sich an den "anatomischen Informationen" orientiert. Diese Behauptung habe ich bereits als unbegründet kritisiert.
Dynamis hat geschrieben :
Mo 13. Apr 2026, 16:03
Consul hat geschrieben : Ich bin kein Fachmann, aber auf der Grundlage der verfügbaren anatomischen Informationen scheint sie ungefähr dort zu verlaufen (in anderen Dicephalus Fällen natürlich woanders)
Genau hier unterläuft dir eine Petitio Principii + non sequitur: Es ist gerade unklar, was aus der "Grundlage der verfügbaren anatomischen Informationen folgt. Das müsste erst einmal ausdiskutiert werden, damit wir einen philosophischen Begriff gewinnen.
Auf diese Kritik hast du bisher noch nicht mit einem Gegenargument reagiert! Stattdessen hast du mit einer Gegenfrage reagiert, die aber natürlich kein Argument ersetzt.
Consul hat geschrieben :
Mo 13. Apr 2026, 22:32
Dynamis hat geschrieben :
Mo 13. Apr 2026, 16:03
Bei deinem Argument handelt es sich deswegen um eine Petitio Principii + argumentum ad verecundiam, weil du als "wissenschaftliche Tatsache" voraussetzt, was hier eigentlich erst ausdiskutiert werden müsste: Was der philosophische Begriff eines Organismus ist!
Natürlich kann man über den Organismus-Begriff philosophieren (siehe Biological Individuals); aber ich kenne keine Auffassung dieses Begriffs—insbesondere keine von Biologen tatsächlich verwendete—, die impliziert, dass (gelähmte oder ungelähmte) Beine nicht zu einem vollständigen menschlichen Organismus gehören. Kennst du eine?
Somit bleibt die Kritik erst einmal stehen. Damit du dein Argument zum Einsatz bringen kannst, dass die Grenzziehung auf der Grundlage der verfügbaren anatomischen Informationen erfolgt, müsste also erst einmal auf diesen Kritikpunkt eingegangen werden. Wenn man stattdessen eine Gegenfrage stellt, ist man halt nicht auf den Kritikpunkt eingegangen.




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