Dynamis hat geschrieben : ↑ Di 14. Apr 2026, 11:43
Anders ausgedrückt: Irgendwann kann man eben doch aus den sozialen Zusammenhängen heraus und anfangen selbstständig zu denken.
Unsere Verständnisse vom Zusammenhang bzw. Unterschied zwischen Ich und Wir sind anscheinend ungefähr entgegengesetzt.
Ich hatte mir weiter oben folgendes Zitat zu eigen gemacht: „Ein Wir, das Ich, und ein Ich, das Wir ist.“ Nichts könnte mir ferner liegen als die Vorstellung, man müsse sich grundsätzlich „aus den sozialen Zusammenhängen herauslösen“, um selbstständig zu denken. Das Soziale ist für mich vielmehr vom Prinzip her der Ort, der Individualität und eigenständiges Denken ermöglicht und trägt. Es ist nicht ganz allgemein der Ort der „Zuchtrute“ – eher im Gegenteil.
Nehmen wir diese Diskussion hier im Faden als Beispiel: Wir bringen unterschiedliche Perspektiven ein und stellen sie zur Diskussion. Der Dissens ist ein Motor des Sozialen. Das heißt, wir begeben uns mit diesem Faden ins Soziale, um selbstständig zu denken – das ist kein Widerspruch. (Nebenbei bemerkt basiert auch dieses Gespräch auf einer komplexen, weitgehend unsichtbaren Infrastruktur, die ohne das Soziale gar nicht denkbar wäre.) Gerade die Verschiedenheit der Perspektiven befeuert das eigenständige Denken. Dabei greifen wir alle (bewusst oder unbewusst) auf unterschiedliche Traditionen zurück, die wir jeweils auf eigene Weise auslegen und zur Sprache bringen (und damit am Leben erhalten und weiterentwickeln). Das Soziale ist dabei aber gerade nicht mit bloßer Zustimmung zur Tradition zu verwechseln. Brüche, Widerspruch und Revolte sind selbst Teil des Sozialen. Du gibst folgendes Beispiel: „Der Gläubige kann seine Vorstellung von Gott modifizieren, er macht sich dann seine eigene Vorstellung von Gott.“ Eben darin könnte (s)ein wertvoller Beitrag zu dem „Gespräch, das wir sind“, liegen.
Der Ort der „Zuchtrute“ ist hingegen dort, wo versucht wird, die Differenz der Perspektiven, den Dissens, zu kappen – das wäre im eigentlichen Sinne asozial. Das Soziale wendet sich, wo die „Zuchtrute“ „herrscht“, gewissermaßen gegen sein Potenzial, indem es die Vielfalt der Perspektiven beschneidet – das kommt unbestreitbar vor. Aber das ist eher eine Deformation des Sozialen, nicht sein genereller, unausweichlicher Charakter. In gelungenen Fällen ist das Soziale vielmehr das Gegenteil: der Ort der „Einübung des Ungehorsams“, also der Mündigkeit.
Die „Zuchtrute“ ist zudem immer nur ein Ausschnitt unter vielen sozialen Formen. Man kann hier etwa auch an Arbeitsteilung und Spezialisierung denken, die unseren Alltag prägen: Der Umstand, dass es Spezialist:innen gibt, ist nicht per se ein Angriff auf selbstständiges Denken – im Gegenteil, er kann die Freiräume dafür überhaupt erst schaffen.
Zwei verschiedene Beispiele:
Ich bin bildender Künstler. Was ich tue, ist ohne das Soziale praktisch nicht möglich! Das beginnt bei nahezu allen Arbeitsmaterialien, die ich nutze. Es geht weiter mit „der“ Kunstgeschichte, die mich prägt, trägt und an der ich mich reibe. Und es endet noch lange nicht bei philosophischen Texten zur Ästhetik, die ich lese. Dazu gehört natürlich auch die „ästhetische Öffentlichkeit“, der ich meine Zeichnungen präsentiere – nicht nur in den sozialen (oops) Medien, sondern auch in und mit einer kleinen Produzentengalerie, die ich mit einem Dutzend anderer Künstler:innen betreibe und die ohne die „Einbettung“ in vielfältige soziale Räume gar nicht denkbar wäre.
Am Sonntag habe ich beim Spazierengehen hinter der Hecke einen kleinen Jungen im Garten des Elternhauses allein Fußball spielen gesehen. Eine große Wiese, ein Ball, ein „richtiges Tor“. Seine coolen Bewegungen waren offensichtlich von Vorbildern geprägt, die er aus dem Fernsehen oder von YouTube kannte. Als ich in dem Alter war, haben wir natürlich auch gekickt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals alleine gespielt zu haben. Wir hatten „natürlich“ auch kein „richtiges Tor“ – weswegen es ewig Streit darum gab, ob der Ball im Tor oder am Pfosten war – und selten solche wertvollen Bälle. Wir kannten zwar die berühmten Namen (Hölzenbein, Müller etc., wenn ich mich recht entsinne) und wetteiferten darum, wer welchen Namen im Spiel tragen durfte, aber wir hatten selbstverständlich kein YouTube.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas keinen Einfluss darauf hat, wer jemand ist oder wird. Auf diese Weise entsteht natürlich auch die fragliche Frage, wer man denn „wirklich“ ist jenseits der „Prägungen“.
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Und noch ein Nachtrag: Wir sind meines Wissens der Bauart nach sozial. Das zeigt sich zum Beispiel in unserer Fähigkeit, Gesichter zu lesen, die auf diese Lesbarkeit hin selektiert wurden. Die Fähigkeit zu sprechen ist in uns angelegt, das Gleiche gilt wohl für unsere Moralität und auch unsere Emotionen sind auf Sozialität angelegt, zum Beispiel indem sie sich anderen zeigen und von diesem mitempfunden werden können.
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Das klingt bis hierhin wie ein Loblied auf das Soziale – und in gewisser Hinsicht ist es das auch. Das heißt aber nicht, dass ich die Reibungen und Spannungen oder strukturelle Benachteiligungen übersehe. Ich kann hier natürlich nicht in wenigen Zeilen alle Dimensionen des Sozialen entfalten. Wir müssten zum Beispiel auch über die Liebe sprechen! Mir geht es darum, einen für den Zusammenhang essenziellen systematischen Punkt klarzumachen: Wenn wir über das Ich sprechen, müssen wir das Soziale mitdenken. Und zwar nicht als generelle Limitierung des Ichs. Denn dieses Soziale ist in meinen Augen nicht grundsätzlich – und schon gar nicht seinem Prinzip nach – ein Hindernis für unser selbstständiges Denken und Handeln, sondern im Prinzip dessen Möglichkeitsbedingung.
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“