Vernunft

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
Wolfgang Endemann
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Mo 25. Nov 2024, 17:33

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 25. Nov 2024, 16:08
Wo? Überall :-) Meine Position kommt in deiner Rekonstruktion gar nicht vor.

Sollte sie?
Da hast Du mich gründlich mißverstanden. Ich unterstelle Dir keineswegs diese Position, sondern nannte Deine Darstellung "Diese Sichtweise ...." hegelianisch. Ich habe explizit gesagt, daß ich mit Steinvorth weitgehend übereinstimme. Daß diese Sichtweise nicht Deine ist, war mir klar, daß sie geradezu das Gegenteil ist, das hast Du ja jetzt dankenswerterweise klargestellt, das ging aus Deiner Aussage "Dass ich das alles zitiere, heißt nicht, dass ich auch alles unterschreibe :)" nicht hervor. Oder muß man Dich "eigentlich" mehr ironisch lesen (nicht alles = nichts)?




Jörn Budesheim

Mo 25. Nov 2024, 18:01

Wolfgang Endemann hat geschrieben :
Mo 25. Nov 2024, 17:33
Sollte sie?
Klar, denn wenn du von meiner Position sagst, sie sei hegelianisch, dann sollte meine Position doch einigermaßen korrekt dargestellt sein.




Wolfgang Endemann
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Mo 25. Nov 2024, 22:22

Jörn, warum beziehst Du alles auf Dich? Ich habe die von Dir geschilderte Position als hegelianisch bezeichnet. Nur das wollte ich festhalten. Daß Du diese Position nur zitiert und kommentiert hast, um sie zu verwerfen, war mir nicht klar. In dem Fall hätte ich Dir heftig widersprochen.




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Consul
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Di 26. Nov 2024, 15:30

Wenn es um die Vernunft oder den Verstand geht, so geht es um bestimmte Arten und Weisen des Denkens, nämlich um vernünftiges, verständiges Denken, um intelligentes, logisches, rationales Denken. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie genau man denken muss, um vernünftig und verständig zu denken—d.h. wie sich diese Art und Weise des Denkens von anderen unterscheidet.

Kant nennt die reine Vernunft "das Vermögen der Erkenntnis a priori". Epistemologische Rationalisten/Intellektualisten sehen in der Ausübung der Vernunft oder des Verstandes eine besondere nichtempirische Erkenntnisquelle, mittels deren wir zu rein geistigen Einsichten in die Wirklichkeit gelangen.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Jörn Budesheim

Mi 27. Nov 2024, 09:06

Wie wäre es mit ein paar Beispielen?
  • Dass die Sonne scheint, gibt mir einen Grund, nach draußen zu gehen und einen Spaziergang zu machen.
  • Dass die Ausstellung in der Kunsthalle schon am Sonntag endet, spricht dafür, die nächsten Tage zu nutzen und mich endlich auf den Weg dorthin zu machen.
  • Dass ich Hunger habe, ist ein guter Grund, etwas zu essen.
  • Dass eine Person in Not ist, spricht die dafür ihr zu helfen.
  • Dass die Argumentation von Hans einen inneren Widerspruch aufweist, ist ein Grund, sie infrage zu stellen.
  • Dass Sokrates ein Mensch ist und alle Menschen sterblich sind, ist ein zwingender Grund, anzunehmen, dass Sokrates ebenfalls sterblich ist.
In der Regel sind aber mehrere Gründe im Spiel, nicht jeder Grund ist bereits ein ausschlaggebender oder zwingender Grund.
  • Ich habe zwar gute Gründe, einen Spaziergang zu machen (die Sonne scheint), aber der Umstand, dass ich Marie versprochen habe, ihr zu helfen, liefert mir einen stärkeren Grund, darauf zu verzichten oder den Spaziergang zu verschieben.
  • Dass die Ausstellung bald endet, mag ein Grund sein, sie zu besuchen. Allerdings haben mich die Fotos der Ausstellung, die ich bisher gesehen habe, gelangweilt – das spricht eher dagegen, ins Museum zu gehen.
  • Hunger gibt mir einen Grund zu essen. Dass ich jedoch gerade eine Diät mache, spricht dafür, mich an den Plan zu halten.
  • Dass mir die nötigen Maßnahmen zur Hilfe nicht zuzumuten sind, spricht dagegen zu helfen (ich muss mich nicht selbst über die Maßen gefährden).
  • Hans' Argumentation weist zwar Widersprüche auf, aber er bringt eine Reihe interessanter Punkte, die wiederum ein Grund sind, seine Überlegungen genauer zu prüfen.
Manches davon läuft auch "unterschwellig" ab, ohne bewussten "inneren Monolog". Man spürt vielleicht den Hunger, geht aber trotzdem nicht zum Kühlschrank, weil man sich gerade an die Diät halten möchte.

Hier ein halbes "Gegenbeispiel": Julia verteidigt im Meeting, die Argumente von Romeo. Später geht sie in sich und stellt fest, dass sie dabei eher Motive und nicht wesentlich Gründe geleitet haben, denn sie hat ein Auge auf Romeo geworfen. Solche Beispiele gibt es sicher zuhauf, man sollte sie nicht unterschätzen. Es kann hier auch schwer entwirrbare Mischformen geben, vielleicht waren ja einige der Argumente von Romeo wirklich stark.




Wolfgang Endemann
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Mi 27. Nov 2024, 18:00

Consul hat geschrieben :
Di 26. Nov 2024, 15:30
Epistemologische Rationalisten/Intellektualisten sehen in der Ausübung der Vernunft oder des Verstandes eine besondere nichtempirische Erkenntnisquelle, mittels deren wir zu rein geistigen Einsichten in die Wirklichkeit gelangen.
Ich würde mit Kant annehmen, daß es zwei Quellen der Erkenntnis gibt, empirische a posteriori und eine rein geistige der a priorischen Denknotwendigkeit. Und damit inhaltliche und formale Wahrheit, Einsicht in die Wirklichkeit und in die Möglichkeit. Man kann auch noch Kenntnis und Erkenntnis unterscheiden. Zum einen brauchen wir nur die Kenntnisnahme, bei manchem, kontingentem gibt es nichts zu erkennen, man kenn es nur zur Kenntnis nehmen, anderes muß verstanden werden, setzt also operatives Denken voraus.




Timberlake
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Mo 2. Dez 2024, 21:48

.. mit Verlaub , ich ergänze , "Ich würde mit Kants "Kritik der reinen Vernunft" annehmen , daß …
  • " Nun tritt hier ein durch die Kritik der reinen Vernunft gerechtfertigter, obzwar keiner empirischen Darstellung fähiger Begriff der Kausalität, nämlich der der Freiheit, ein, und wenn wir anjetzt Gründe ausfindig machen können, zu beweisen, daß diese Eigenschaft dem menschlichen Willen (und so auch dem Willen aller vernünftigen Wesen) in der Tat zukomme, so wird dadurch nicht allein dargetan, daß reine Vernunft praktisch sein könne, sondern daß sie allein, und nicht die empirisch-beschränkte, unbedingterweise praktisch sei. Folglich werden wir nicht eine Kritik der reinen praktischen, sondern nur der praktischen Vernunft überhaupt zu bearbeiten haben. Denn reine Vernunft, wenn allererst dargetan worden, daß es eine solche gebe, bedarf keiner Kritik. Sie ist es, welche selbst die Richtschnur zur Kritik alles ihres Gebrauchs enthält."
    Kant ... Kritik der praktischen Vernunft
.. bei der fest zu halten bleibt, dass sie .. so Kant .. weil selbst die Richtschnur zur Kritik alles ihres Gebrauchs enthält. keiner Kritik bedarf. Im Gegensatz zur "Kritik der praktischen Vernunft" , dessen Richtschnur zur Kritik der menschliche Wille "in der Tat" zukomme. Folglich werden wir hier zur Frage "Was ist Vernunft" auch die praktische Vernunft überhaupt zu bearbeiten haben.
  • "Ich verstehe unter der Materie des Begehrungsvermögens einen Gegenstand, dessen Wirklichkeit begehret wird. Wenn[127] die Begierde nach diesem Gegenstande nun vor der praktischen Regel vorhergeht, und die Bedingung ist, sie sich zum Prinzip machen, so sage ich (erstlich): dieses Prinzip ist alsdenn jederzeit empirisch. Denn der Bestimmungsgrund der Willkür ist alsdenn die Vorstellung eines Objekts, und dasjenige Verhältnis derselben zum Subjekt, wodurch das Begehrungsvermögen zur Wirklichmachung desselben bestimmt wird. Ein solches Verhältnis aber zum Subjekt heißt die Lust an der Wirklichkeit eines Gegenstandes. Also müßte diese als Bedingung der Möglichkeit der Bestimmung der Willkür vorausgesetzt werden. Es kann aber von keiner Vorstellung irgend eines Gegenstandes, welche sie auch sei, a priori erkannt werden, ob sie mit Lust oder Unlust verbunden, oder indifferent sein werde. Also muß in solchem Falle der Bestimmungsgrund der Willkür jederzeit empirisch sein, mithin auch das praktische materiale Prinzip, welches ihn als Bedingung voraussetzte"
    Kant .. Kritik der praktischen Vernunft

.. einer praktische Vernunft , dessen Bestimmungsgrund , in Form von Lust und Unlust , die Willkür ist . Nur um mal an dieser Stelle mal die Richtung dieser "Richtungsschnur zur Kritik" bereits im ersten Teil , im ersten Buch , im erstem Hauptstück und im ersten Lehrsatz von Kants "Kritik der praktischen Vernunft" vorzugeben.




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Dia_Logos
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Di 23. Dez 2025, 11:34

Am Schluss seines Buchs „Was ist Vernunft?” zieht Steinvorth folgendes Resümee:

Rückblick: Als was sich das Rechtfertigungsvermögen herausgestellt hat

Die Vernunft, so vermutete ich zu Beginn dieses Buches, können wir als das Vermögen des Rechtfertigens oder der Prüfung von Geltungsansprüchen von anderen intellektuellen Vermögen unterscheiden, insbesondere vom Vermögen des Verstehens und des Entwerfens von Problemlösungen, die ich dem Verstand als seine wichtigsten Geschäfte zuschrieb.

Der Vernunft das Geschäft der Rechtfertigung zuzuweisen hat eine Reihe von Vorteilen. Es entspricht der philosophischen Tradition, die das Rechtfertigen immer auch, obgleich nicht nur es, zur Vernunft rechnete. Es entspricht auch dem heutigen Verständnis, wenn dieses auch nicht die scharfe Grenze zum Verstand zieht, die ich ziehen will. Es entspricht vor allem der Erwartung, daß allen Menschen eine ihnen spezifische, sie von den Tieren unterscheidende Eigenschaft gemeinsam ist, die der sachliche Grund ist, nur ihnen und nicht den Tieren einen Grundstock von Rechten und Pflichten zuzuschreiben. Denn daß alle Menschen trotz ihrer offensichtlichen Unterschiede des Verstandes mit grundsätzlich gleicher Kompetenz Geltungsansprüche erheben und überprüfen können, ist zumindest auf den ersten Blick nicht abwegig.

Ich habe im Lauf dieses Buchs eine Reihe von Argumenten sammeln können, um die Vermutung, mit der ich begann, zu bestätigen und Kritiken an ihr abzuwehren. Ein anderes Ergebnis aber halte ich für wichtiger. Ob wir das Vermögen der Rechtfertigung nun Vernunft oder bei einem anderen Namen nennen, es hat sich (nicht nur in Europa, obgleich ich nur sehr kurz nach China geblickt habe) als ein Kern der Fähigkeiten und des Selbstverständnisses der Menschen herausgestellt. Zusammen mit dem Vermögen, eine propositionale Sprache zu sprechen, durch das es bedingt ist und das es bedingt, ist es die Grundlage für die Unterscheidung von Sein und Sollen, von Schein und Wirklichkeit, von Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit, von handelndem und erleidendem Subjekt und veränderbaren Objekten, von Erklärungen und Rechtfertigungen und Ursachen und Gründen. Es ist die Quelle der beiden Ideen, deren Verfolgung die Handlungen der Menschen und ihre Geschichte am folgenreichsten und fruchtbarsten geformt hat, der Idee der Wahrheit der Naturerkenntnis und der Gerechtigkeit im menschlichen Zusammenleben. Es ermöglicht eine Erkenntnis der Welt im generationenübergreifenden Unternehmen, das die Wissenschaft ist, und eine Erkenntnis der Moral, die eine der Wissenschaft ebenbürtige institutionelle Form erst noch finden muß. Es ermöglicht auch ein Urteil über den Sinn der Welt, weil wir dank ihm die Gründe für und gegen bestimmte metaphysische Weltdeutungen abwägen und zu ihnen begründet Stellung nehmen können. Und seine Betätigung ermöglicht uns, in der Abwägung von Rechtfertigungsgründen die Prädetermination durch Naturursachen aufzuheben und durch eine von uns selbst gewählte Determination zu ersetzen, obgleich es ein Produkt der Evolution ist. Alle diese Leistungen unseres Rechtfertigungsvermögens haben die Philosophen, die sie anerkannt haben, als Leistungen der Vernunft betrachtet. Wenn wir daher im Rechtfertigungsvermögen die Vernunft wiedererkennen, bestätigen wir die meisten traditionellen Ansprüche der Vernunft. Nicht alle – den wohl bekanntesten, den auf unerschütterliche Gewißheit der Erkenntnis, müssen wir verwerfen. Aber dessen Verwerfung ist keine Verkleinerung der Vernunft, sondern ihre Befreiung von Fesseln, die sie an vermeintlich ewige inhaltliche Gewißheiten binden. Erst als fallible Vernunft gibt sie den Entwürfen des Verstandes und den Projekten der Phantasie den Spielraum, in dem wir sie an den Ideen der Wahrheit und Gerechtigkeit messen und das Ziel verfolgen können, in dem Kant die natürliche Bestimmung des Menschen und seiner Vernunft sah: die Regeln und Absichten des Gebrauchs aller seiner Kräfte weit über den Naturinstinkt zu erweitern und... keine Grenzen ihrer Entwürfe zu kennen.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.

Timberlake
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Di 23. Dez 2025, 14:50

Fehlt da nicht noch was?
br.de hat geschrieben :

Grundsätze der Aufklärung - modernes Gedankengut

In der Aufklärung wird die Vernunft zum Maßstab des gesellschaftlichen und persönlichen Handelns. War der Mensch im Barock noch in allen Bereichen seines Lebens fremdbestimmt, hat er jetzt die Möglichkeit kraft seines eigenen Verstandes autonom zu werden. Damit wird ein altes, von religiösen Vorstellungen bestimmtes Weltbild von einem neuen, naturwissenschaftlich geprägten Weltbild abgelöst. Es erfolgt eine Hinwendung zum Diesseits. Bestand der Sinn des Lebens zuvor darin, sich auf ein Leben nach dem Tod vorzubereiten, erhält in der Aufklärung bereits das Leben im Diesseits ausreichend Sinn. Auch hier ist bereits Glück möglich – sofern man ein tugendhaftes und vernunftgesteuertes Leben führt. Der Mensch gilt nicht mehr als Sünder, sobald er auf der Welt ist, sondern er wird positiv gesehen. Insgesamt ergreift die Aufklärer ein starker Fortschrittsglauben. Ist die Gesellschaft so, wie sie ist, noch nicht perfekt, so entwickelt sie sich doch unweigerlich hin zu einer idealen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind, frei von Vorurteilen, selbstständig und glücklich. Ein statisches Weltbild, in dem keine politische oder gesellschaftliche Veränderung möglich ist, da beides gottgewollt ist, wird so von einem dynamischen Weltbild abgelöst.

… und zwar, weil, wie es hier heißt, dass in ihr die Vernunft zum Maßstab des gesellschaftlichen und persönlichen Handelns wird, ein Hinweis auf die Aufklärung? Für den Fall, dass dem Themenstarter dieses Buch vorliegt, so würde ich von ihm schon gerne wissen, inwiefern Steinvorth in seinem Buch „Was ist Vernunft?” sich dabei auf die Aufklärung bezogen hat.

br.de hat geschrieben :
Grundsätze der Aufklärung - modernes Gedankengut

In "Aufklärung", "siècle des lumières" oder "enlightment" steckt die Vorstellung von einem lichten, hellen Zeitalter. So wie Sarastro in Mozarts „Zauberflöte“ die von Affekten geleitete Königin der Nacht besiegt und Tamino Zugang zum „Heiligtum des größten Lichts“ ermöglicht, so sahen sich die Aufklärer als Heilsbringer einer Welt, in der nicht Vorurteil und Aberglaube, sondern Verstand und Vernunft die Herrschaft haben sollten.
Sicherlich wird der Verstand heute nicht mehr durch einen Aberglauben eingetrübt. Wo wäre dergleichen heute noch ein modernes Gedankengut. Nur will mir scheinen, dass wir anstatt dessen uns nunmehr durch den Glauben an die Vernunft unseren Verstand eintrüben lassen.




Beispiel

Wenn man vielleicht noch die Wahl Trumps zum US-Präsidenten 2017, ich sag mal so, noch als ein Unfall dessen, also der Vernunft und der Aufklärung bezeichnen könnte, so kommt man wohl nach einer Wiederwahl 2025 nicht umhin diesbezüglich ernsthafte Zweifel an anzumelden.
Dia_Logos hat geschrieben :
Di 23. Dez 2025, 11:34
Am Schluss seines Buchs „Was ist Vernunft?” zieht Steinvorth folgendes Resümee:

Rückblick: Als was sich das Rechtfertigungsvermögen herausgestellt hat

Es ermöglicht eine Erkenntnis der Welt im generationenübergreifenden Unternehmen, das die Wissenschaft ist, und eine Erkenntnis der Moral, die eine der Wissenschaft ebenbürtige institutionelle Form erst noch finden muß. Es ermöglicht auch ein Urteil über den Sinn der Welt, weil wir dank ihm die Gründe für und gegen bestimmte metaphysische Weltdeutungen abwägen und zu ihnen begründet Stellung nehmen können. Und seine Betätigung ermöglicht uns, in der Abwägung von Rechtfertigungsgründen die Prädetermination durch Naturursachen aufzuheben und durch eine von uns selbst gewählte Determination zu ersetzen, obgleich es ein Produkt der Evolution ist. Alle diese Leistungen unseres Rechtfertigungsvermögens haben die Philosophen, die sie anerkannt haben, als Leistungen der Vernunft betrachtet. Wenn wir daher im Rechtfertigungsvermögen die Vernunft wiedererkennen, bestätigen wir die meisten traditionellen Ansprüche der Vernunft. Nicht alle – den wohl bekanntesten, den auf unerschütterliche Gewißheit der Erkenntnis, müssen wir verwerfen. Aber dessen Verwerfung ist keine Verkleinerung der Vernunft, sondern ihre Befreiung von Fesseln, die sie an vermeintlich ewige inhaltliche Gewißheiten binden. Erst als fallible Vernunft gibt sie den Entwürfen des Verstandes und den Projekten der Phantasie den Spielraum, in dem wir sie an den Ideen der Wahrheit und Gerechtigkeit messen und das Ziel verfolgen können, in dem Kant die natürliche Bestimmung des Menschen und seiner Vernunft sah: die Regeln und Absichten des Gebrauchs aller seiner Kräfte weit über den Naturinstinkt zu erweitern und... keine Grenzen ihrer Entwürfe zu kennen.
Andererseits, wenn man davon ausgeht, dass die Vernunft eines Wetzsteins bedarf, an dessen Flächen sich dergleichen schärft, so wäre sicherlich als solches, also die Unvernunft, als Wetzstein, unabdingbar. Um einmal, hier erwähnte fallible Vernunft, die den Entwürfen des Verstandes und den Projekten der Phantasie den Spielraum gibt, in eine dazu m.E. passende Metapher zu übersetzten. Fragt sich allerdings nur, ob nicht das "Messer" im Verlauf dessen nicht soviel an Substanz verliert, dass am Ende nur noch der "Wetzstein" übrig bleibt.




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Jörn P Budesheim
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Mi 24. Dez 2025, 07:32

Timberlake hat geschrieben :
Di 23. Dez 2025, 14:50
Sicherlich wird der Verstand heute nicht mehr durch einen Aberglauben eingetrübt. Wo wäre dergleichen heute noch ein modernes Gedankengut. Nur will mir scheinen, dass wir anstatt dessen uns nunmehr durch den Glauben an die Vernunft unseren Verstand eintrüben lassen.

Beispiel

Wenn man vielleicht noch die Wahl Trumps zum US-Präsidenten 2017, ich sag mal so, noch als ein Unfall dessen, also der Vernunft und der Aufklärung bezeichnen könnte, so kommt man wohl nach einer Wiederwahl 2025 nicht umhin diesbezüglich ernsthafte Zweifel an anzumelden.
In dem Text von Steinvorth spiegelt sich eigentlich kein unkritisches Vertrauen in die Vernunft wider. Er versucht stattdessen, den Begriff zu klären und ihn von anderen Vermögen zu unterscheiden – zum Beispiel vom Verstand oder unserer Fähigkeit, eine propositionale Sprache zu sprechen. Dass wir grundsätzlich die Fähigkeit besitzen, unser Denken und Handeln zu rechtfertigen, bedeutet natürlich keineswegs, dass wir von ihr auch immer und ausnahmslos sachgerecht Gebrauch machen. Deswegen nennt er dieses Vermögen eben auch fallibel.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

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