Fehlt da nicht noch was?
br.de hat geschrieben :
Grundsätze der Aufklärung - modernes Gedankengut
In der Aufklärung wird die Vernunft zum Maßstab des gesellschaftlichen und persönlichen Handelns. War der Mensch im Barock noch in allen Bereichen seines Lebens fremdbestimmt, hat er jetzt die Möglichkeit kraft seines eigenen Verstandes autonom zu werden. Damit wird ein altes, von religiösen Vorstellungen bestimmtes Weltbild von einem neuen, naturwissenschaftlich geprägten Weltbild abgelöst. Es erfolgt eine Hinwendung zum Diesseits. Bestand der Sinn des Lebens zuvor darin, sich auf ein Leben nach dem Tod vorzubereiten, erhält in der Aufklärung bereits das Leben im Diesseits ausreichend Sinn. Auch hier ist bereits Glück möglich – sofern man ein tugendhaftes und vernunftgesteuertes Leben führt. Der Mensch gilt nicht mehr als Sünder, sobald er auf der Welt ist, sondern er wird positiv gesehen. Insgesamt ergreift die Aufklärer ein starker Fortschrittsglauben. Ist die Gesellschaft so, wie sie ist, noch nicht perfekt, so entwickelt sie sich doch unweigerlich hin zu einer idealen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind, frei von Vorurteilen, selbstständig und glücklich. Ein statisches Weltbild, in dem keine politische oder gesellschaftliche Veränderung möglich ist, da beides gottgewollt ist, wird so von einem dynamischen Weltbild abgelöst.
… und zwar, weil, wie es hier heißt, dass in ihr die Vernunft zum Maßstab des gesellschaftlichen und persönlichen Handelns wird, ein Hinweis auf die Aufklärung? Für den Fall, dass dem Themenstarter dieses Buch vorliegt, so würde ich von ihm schon gerne wissen, inwiefern Steinvorth in seinem Buch „Was ist Vernunft?” sich dabei auf die Aufklärung bezogen hat.
br.de hat geschrieben :
Grundsätze der Aufklärung - modernes Gedankengut
In "Aufklärung", "siècle des lumières" oder "enlightment" steckt die Vorstellung von einem lichten, hellen Zeitalter. So wie Sarastro in Mozarts „Zauberflöte“ die von Affekten geleitete Königin der Nacht besiegt und Tamino Zugang zum „Heiligtum des größten Lichts“ ermöglicht, so sahen sich die Aufklärer als Heilsbringer einer Welt, in der nicht Vorurteil und Aberglaube, sondern Verstand und Vernunft die Herrschaft haben sollten.
Sicherlich wird der Verstand heute nicht mehr durch einen Aberglauben eingetrübt. Wo wäre dergleichen heute noch ein modernes Gedankengut. Nur will mir scheinen, dass wir anstatt dessen uns nunmehr durch den Glauben an die Vernunft unseren Verstand eintrüben lassen.
Beispiel
Wenn man vielleicht noch die Wahl Trumps zum US-Präsidenten 2017, ich sag mal so, noch als ein Unfall dessen, also der Vernunft und der Aufklärung bezeichnen könnte, so kommt man wohl nach einer Wiederwahl 2025 nicht umhin diesbezüglich ernsthafte Zweifel an anzumelden.
Dia_Logos hat geschrieben : ↑ Di 23. Dez 2025, 11:34
Am Schluss seines Buchs „Was ist Vernunft?” zieht Steinvorth folgendes Resümee:
Rückblick: Als was sich das Rechtfertigungsvermögen herausgestellt hat
Es ermöglicht eine Erkenntnis der Welt im generationenübergreifenden Unternehmen, das die Wissenschaft ist, und eine Erkenntnis der Moral, die eine der Wissenschaft ebenbürtige institutionelle Form erst noch finden muß. Es ermöglicht auch ein Urteil über den Sinn der Welt, weil wir dank ihm die Gründe für und gegen bestimmte metaphysische Weltdeutungen abwägen und zu ihnen begründet Stellung nehmen können. Und seine Betätigung ermöglicht uns, in der Abwägung von Rechtfertigungsgründen die Prädetermination durch Naturursachen aufzuheben und durch eine von uns selbst gewählte Determination zu ersetzen, obgleich es ein Produkt der Evolution ist. Alle diese Leistungen unseres Rechtfertigungsvermögens haben die Philosophen, die sie anerkannt haben, als Leistungen der Vernunft betrachtet. Wenn wir daher im Rechtfertigungsvermögen die Vernunft wiedererkennen, bestätigen wir die meisten traditionellen Ansprüche der Vernunft. Nicht alle – den wohl bekanntesten, den auf unerschütterliche Gewißheit der Erkenntnis, müssen wir verwerfen. Aber dessen Verwerfung ist keine Verkleinerung der Vernunft, sondern ihre Befreiung von Fesseln, die sie an vermeintlich ewige inhaltliche Gewißheiten binden. Erst als fallible Vernunft gibt sie den Entwürfen des Verstandes und den Projekten der Phantasie den Spielraum, in dem wir sie an den Ideen der Wahrheit und Gerechtigkeit messen und das Ziel verfolgen können, in dem Kant die natürliche Bestimmung des Menschen und seiner Vernunft sah: die Regeln und Absichten des Gebrauchs aller seiner Kräfte weit über den Naturinstinkt zu erweitern und... keine Grenzen ihrer Entwürfe zu kennen.
Andererseits, wenn man davon ausgeht, dass die Vernunft eines Wetzsteins bedarf, an dessen Flächen sich dergleichen schärft, so wäre sicherlich als solches, also die Unvernunft, als Wetzstein, unabdingbar. Um einmal, hier erwähnte fallible Vernunft, die den Entwürfen des Verstandes und den Projekten der Phantasie den Spielraum gibt, in eine dazu m.E. passende Metapher zu übersetzten. Fragt sich allerdings nur, ob nicht das "Messer" im Verlauf dessen nicht soviel an Substanz verliert, dass am Ende nur noch der "Wetzstein" übrig bleibt.