Das Anthropozän

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
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Jörn P Budesheim
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Mi 24. Dez 2025, 16:40

Timberlake hat geschrieben :
Mi 24. Dez 2025, 16:26
"System" Anthropozän
Das Anthropozän ist allerdings kein System im Sinne von Luhmann. Luhmann betrachtet Gesellschaftssysteme, z.B. das Gesundheitssystem, Politik, Wirtschaft, Kunst und so weiter... Diese Systeme bestehen für Luhmann aus Kommunikationen.



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Timberlake
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Mi 24. Dez 2025, 18:22

Dazu eine Anmerkung von Niklas Luhmann höchstpersönlich ..
luhmann.ir hat geschrieben :
Niklas Luhmann

Ökologische Kommunikation

Vorwort
Man bemerkt nicht nur, dass die Gesellschaft ihre Umwelt verändert, sondern auch, dass sie damit Bedingungen ihrer eigenen Fortexistenz untergräbt. Das Problem selbst ist zwar keineswegs neu, es tritt schon in frühen Stadien der gesellschaftlichen Entwicklung auf; aber erst heute erreicht es eine Intensität, die sich als nicht länger ignorierbares, störtendes "Rauschen" der menschlichen Kommunikation aufzwingt.
Für die Soziologie kam diese Diskussion - wie so vieles - überraschend, und sie traf das Fach theoretisch unvorbereitet. Die Soziologie hatte bis dahin rein innergesellschaftliche Perspektiven gepflegt, sich in Ideologien über die rechte gesellschaftliche Ordnung verwickelt und sich von Ideologien dann wieder zu befreien versucht, alles in der Annahme, dass die Gesellschaft oder Teile der Gesellschaft ihr Thema seien.
...

Aus dieser Fixierung auf die Gesellschaft selbst wird man nur durch einen Wechsel des theoriezentralen Paradigmas herauskommen. Ein solches Manöver hat weitreichende Folgen bis in alle Verästelungen des soziologischen Denkens hinein. Es sind radikale Schnitte erforderlich, und nach einer solchen Operation lernt man, wenn man sie nicht überhaupt verweigert, nur langsam wieder zu gehen.
Dazu vielleicht ergänzend ..
mediarep.org hat geschrieben :

Artikel: Anthropozän
Niels Werber setzt in seinem Beitrag an der Frage der notorischen Epochenbildung um 1800 an und kritisiert, dass der Anthropozän-Diskurs sich allein auf die vermeintliche Evidenz naturwissenschaftlicher, vor allem geologischer Daten und Zahlen verlassen würde und ausgerechnet für die Plausibilisierung des Zeitalters des Menschen Kenntnisse über den Menschen, seine Sozialordnung und Kultur offenbar nicht nötig seien. Stattdessen fordert Werber im Anschluss an Niklas Luhmann dazu auf, die Anthropozän-Hypothese als einen Beitrag zur »Selbstbeschreibung der Gesellschaft«, das heißt zur Beschreibung der Einfügung des Menschen und seiner Gesellschaft in die Welt zu verstehen.
Ich lasse das mal so, weil ansonsten meinerseits unüblich, unkommentiert so stehen. Trifft es doch auf den Punkt, was auch meine Meinung im Hinblick dessen ist, was du richtigerweise festgestellt hast, und zwar, dass das Anthropozän tatsächlich kein System im Sinne von Luhmann ist.




Timberlake
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So 18. Jan 2026, 15:46

Dia_Logos hat geschrieben :
So 18. Jan 2026, 10:20

6. Definition der Neuen Aufklärung: „Eine Neue Aufklärung zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass sie berechtigte Kritik an den falschen Universalien und der Dialektik der alten europäischen Aufklärung übt, die zur modernen Entkopplung von technisch-wissenschaftlichem Fortschritt und den Vorstellungen von menschlichem Wohlergehen und moralischem Fortschritt geführt haben.“

Apropos "Dialektik" der alten europäischen "Aufklärung" ?


Theodor W. Adorno / Max Horkheimer - Dialektik der Aufklärung

Vorwort
Der Abschnitt 'Kulturindustrie' zeigt die Regression der Aufklärung an der Ideologie, die in Film und
Radio ihren maßgebenden Ausdruck findet. Aufklärung besteht dabei vor allem im Kalkül der Wirkung
und der Technik von Herstellung und Verbreitung; ihrem eigentlichen Gehalt nach erschöpft sich die
Ideologie in der Vergötzung des Daseienden und der Macht, von der die Technik kontrolliert wird. Bei
der Behandlung dieses Widerspruchs wird die Kulturindustrie ernster genommen, als sie es von sich
aus möchte. Aber da ihre Berufung auf den eigenen kommerziellen Charakter, das Bekenntnis zur
gemilderten Wahrheit, längst zu einer Ausrede geworden ist, mit der sie sich der Verantwortung für die
Lüge entzieht, so hält unsere Analyse sich an den objektiv den Produkten innewohnenden Anspruch,
ästhetische Gebilde und damit gestaltete Wahrheit zu sein. Sie erweist das gesellschaftliche Unwesen
an der Nichtigkeit jenes Anspruchs. Mehr noch als die anderen Abschnitte ist der über Kulturindustrie
fragmentarisch.
Wenn die Definition der "Neuen Aufklärung" unterstellt, dass eine moderne Entkopplung von technisch-wissenschaftlichem Fortschritt und den Vorstellungen von menschlichem Wohlergehen und moralischem Fortschritt stattgefunden habe, so scheint es mir, dass es sich bei dabei um ein Beispiel für jene gemilderten Wahrheit zu handeln, von der Theodor W. Adorno / Max Horkheimer hier sagen, dass sie längst zu einer Ausrede geworden ist, mit der sie sich der Verantwortung für die Lüge entzieht. Fand doch meiner Meinung nach zweifelsohne zugleich auch das ganze Gegenteil statt, also eine Kopplung von technisch-wissenschaftlichem Fortschritt und den Vorstellungen von menschlichem Wohlergehen und moralischem Fortschritt. Wie wollte man auch ernsthaft, die Vorstellung zumindest vom menschliches Wohlergehen, vom technisch-wissenschaftlichem Fortschritt entkoppeln wollen.

Wie bei allem macht meiner Meinung nach allerdings auch hier die Dosis das Gift. U. a abzulesen, was hier in diesem Thread zur Diskussion steht .. Das Anthropozän.

Was allerdings um so bemerkenswerter ist, dass sich bei der Suche, nach dem Wort "Anthropozän", in dem 89-seitigem Transkript der "Neuen Aufklärung" herausgestellt hat, dass es darin nicht vorkommt. Sollte doch man doch davon ausgehen, wenn man sich schon explizit mit dem menschlichen Wohlergehen und dem moralischem Fortschritt befasst, dass man zumindest das Anthropozän erwähnt. Dazu nur mal zur Erinnerung ..



Weil andernort gerade ein Thema ..
Dia_Logos hat geschrieben :
So 28. Dez 2025, 10:07
Mensch und Maschine – Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz, Stellungnahme des Deutschen Ethikrates

https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publ ... schine.pdf

Vernunft
Bereits lange vor der Einführung des Begriffs der Intelligenz wurde der Begriff der Vernunft verwendet, um die spezifische menschliche Fähigkeit zu kennzeichnen, sich in der Welt zu orientieren, selbstverantwortlich zu handeln und so der eigenen Lebenspraxis eine kohärente Struktur zu geben. Intelligenz ist für Vernunft eine wichtige Voraussetzung, aber keine hinreichende Bedingung. Der Begriff der Vernunft gehört zu den basalen Grundkategorien menschlicher Selbst- und Weltdeutung, die unsere Kultur seit der Antike maßgeblich geprägt haben.
Wenn Vernunft zu den basalen Grundkategorien menschlicher Selbst- und Weltdeutung gehört, die unsere Kultur seit der Antike maßgeblich geprägt haben, so scheint der "Neuen Aufklärung" selbige, zumindest von daher, abhanden gekommen zu sein. Weil durchaus intelligent, ein Beleg dafür, dass die Intelligenz für die Vernunft eine wichtige Voraussetzung, aber keine hinreichende Bedingung ist. Nur halt nicht auf die künstliche Intelligenz, sondern auf den Menschen gemünzt. Das würde übrigens meiner Meinung nach ganz nebenbei die eigentliche Ursache für das Anthropozän auf den Punkt bringen, also ....

"Intelligenz ist für Vernunft eine wichtige Voraussetzung, aber keine hinreichende Bedingung"




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Jörn P Budesheim
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So 18. Jan 2026, 16:47

Auf dem Weg zu einer neuen Aufklärung hat geschrieben : Systematisch ökologisieren

Angesichts des Klimawandels und der Umweltzerstörung – Krisen, die von einer Rationalität angetrieben werden, die technischen Fortschritt und Ethik entkoppelt – müssen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ökologisiert werden. Das Projekt der Ökologisierung muss systematisch sein, viele Bereiche der Gesellschaft umfassen und verschiedene Akteure zusammenbringen. Damit dies gelingt, muss grundlegend eine ökologische Perspektive eingenommen werden, die den Menschen als einen Akteur sieht, der neben anderen Lebewesen in interdependenten Ökosystemen Nischen bildet. Nur mit einer solchen Perspektive wird der sozioökonomische und politische Wandel hin zu einer nachhaltigen Lebensweise seinem Namen gerecht werden.

Eine der größten Herausforderungen liegt heute darin, die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen; viele wissen, was getan werden muss, und doch wird Jahr für Jahr nichts unternommen. Dies verlangt nach einer wertorientierten soziologischen Untersuchung erfolgreicher Strategien zur Veränderung von Produktions- und Konsummustern auf individueller wie institutioneller Ebene. Erforscht werden müssen die Praktiken und Denkweisen, die den Einzelnen motivieren und in die Lage versetzen, individuell und kollektiv nicht-nachhaltige Produktions- und Konsummuster zu überwinden. Die Untersuchung bereits bestehender alternativer Praktiken für ein umweltbewusstes Leben, etwa Transition Towns und Genossenschaften, kann neue Ansätze inspirieren. Welche Werte liegen diesen Praktiken zugrunde? Was bindet die Menschen an diese Werte und aneinander? Was sind die Bedingungen für Erfolg und Misserfolg? Wie sieht es mit der Skalierbarkeit aus, und welche Ressourcen könnten in diesem Zusammenhang hilfreich sein? Da neue Praktiken und Denkschemata neue Wertvorstellungen erfordern, tragen Kunst und Literatur entscheidend dazu bei, Geschichten, Narrative, Lieder und Kosmologien zu erschaffen, die den Menschen in die Natur eingebettet sehen.



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C3PO
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Mo 19. Jan 2026, 12:01

Hier eine KI-Zusammenfassung aus dem PDF "Neue Aufklärung" zum Thema Umweltkrise.
Bericht: Die Umweltkrise als Katalysator einer Neuen Aufklärung – Eine Neudefinition des Verhältnisses von Mensch und Natur

1. Die Umweltkrise als systemischer Wendepunkt (Krisis)

Die gegenwärtige Umweltkrise darf nicht länger als isoliertes ökologisches Problem missverstanden werden; sie ist vielmehr das Epizentrum eines „komplexen Geflechts ineinander verwobener Krisen“. Die ökologische Instabilität ist untrennbar mit ökonomischen Verwerfungen, geopolitischen Spannungen und globalen Gesundheitsrisiken verknüpft. In dieser systemischen Verflechtung gewinnt der griechische Begriff der „Krisis“ seine ursprüngliche strategische Schwere zurück: Er bezeichnet keine bloße Fehlfunktion, sondern einen normativ aufgeladenen Wendepunkt, der eine fundamentale Entscheidung erzwingt. Wir stehen vor einer Weggabelung, an der das Festhalten an bisherigen Modellen „erfolgreicher Entwicklung“ zwangsläufig in die Katastrophe führt. Die Umweltkrise fungiert hierbei als der entscheidende Treiber globaler Risiken, der die epistemische und moralische Unzulänglichkeit unserer bisherigen Fortschrittsnarrative demaskiert.

Checkliste der ineinander verwobenen Krisendimensionen:

* Ökologisch: Rapider Verlust der Biodiversität, Klimawandel und die Destabilisierung planetarer Grenzen.
* Ökonomisch: Vertiefte soziale Ungleichheit und die Fragilität globaler Finanzströme.
* Geopolitisch: Ressourcenkonflikte und durch Umweltkatastrophen induzierte Fluchtbewegungen.
* Gesundheitlich: Die Covid-19-Pandemie als Symptom einer gestörten Interaktion zwischen Biosphäre und Gesellschaft.
* Technologisch: Die Disruption durch Künstliche Intelligenz und Digitalisierung ohne ethisches Fundament.

Diese Polykrise verdeutlicht, dass eine bloße Symptombekämpfung unzureichend ist; wir müssen die tieferliegende Pathologie unserer Moderne adressieren.

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2. Die Pathologie der Entkoppelung: Ursachen der ökologischen Instabilität

Die strategische Ursache der ökologischen Misere liegt in einer tiefgreifenden „Entkoppelung“: Die naturwissenschaftliche, technologische und wirtschaftliche Entwicklung hat sich radikal von menschlichen Werten und der Frage nach dem guten Leben (Eudaimonia) gelöst. Diese Pathologie ist das Resultat einer „Dialektik der alten Aufklärung“: Die Vernunft wurde auf ein Instrument des bloßen Kalküls reduziert – ein technokratischer Modus, der darauf abzielt, Komplexität lediglich zu beherrschen, anstatt sie zu verstehen.

Dieses „Schema der Herrschaft“ manifestiert sich in einer dreifachen Gewalt: der Herrschaft über die äußere Natur, über andere Menschen und über die eigene innere Natur. Im neoliberalen Wirtschaftsmodell führt dies zu einer rücksichtslosen Kommodifizierung von Lebewesen, bei der die Biosphäre zum bloßen Warenlager degradiert wird. Eine rein technokratische Lösung muss scheitern, da sie dieses Herrschaftsschema nicht überwindet, sondern lediglich effizienter zu managen versucht.

Gegenüberstellung: Quantitatives vs. Qualitatives Wachstum

Bild

Eine philosophische Neuausrichtung ist daher keine intellektuelle Beigabe, sondern die notwendige Bedingung, um den Circulus vitiosus der rein instrumentellen Vernunft zu durchbrechen.

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3. Neudenken des Verhältnisses: Vom Dualismus zur Interdependenz

Die Bewältigung der Krise erfordert eine „anthropologische Revolution“. Wir müssen den cartesianischen Dualismus zwischen Natur und Kultur überwinden, der den Menschen als gottgleichen Beobachter außerhalb der Welt halluziniert. Eine nachhaltige Zukunft ist nur durch die Anerkennung der radikalen Interdependenz möglich: Unsere kulturelle Freiheit ist physisch an die Integrität der Biosphäre gebunden.

Eine neue Ethik für das 21. Jahrhundert muss zwar anthropogen (vom Menschen geschaffen) sein, darf aber nicht länger anthropozentrisch (auf menschlichen Nutzen verengt) agieren. Wir müssen uns als Teil einer „Gemeinschaft der Verwundbarkeit“ begreifen. Dies schließt die Anerkennung der Materialität unserer Existenz ein – unsere irdische und leibliche Beschaffenheit ist kein Hindernis der Freiheit, sondern deren Basis. Hierbei rückt ein lateraler Universalismus in den Fokus: Ein Dialog auf Augenhöhe, der die Vielfalt der Perspektiven als Reichtum begreift, statt eine hegemoniale Einheitskultur zu erzwingen.

1. Anerkennung der Endlichkeit: Der Mensch als verletzliches Wesen, das in seiner körperlichen Materialität auf eine intakte Umwelt angewiesen ist.
2. Radikale Interdependenz: Die Einsicht, dass Freiheit nur innerhalb der Grenzen der Biosphäre und in Abhängigkeit von anderen Lebewesen existiert.
3. Relationale Dimension: Die Definition des Selbst durch die Verbindung zum „Anderen“; ein Übergang von atomistischer Autonomie zu kollektiver Verantwortung.

Diese theoretische Neuausrichtung dient als Fundament, um die Geisteswissenschaften als operative Infrastruktur für gesellschaftliche Entscheidungsprozesse zu positionieren.

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4. Strategische Handlungsfelder: Systematische Ökologisierung und neue Narrative

Die „Neue Aufklärung“ ist ein Projekt der individuellen und kollektiven Emanzipation. Die Geisteswissenschaften fungieren hierbei nicht als schmückendes Beiwerk, sondern als die Infrastruktur der Entscheidungsfindung. Während die Naturwissenschaften das „Was“ der Krise analysieren, liefern die Geisteswissenschaften das „Wie“ der Transformation durch die Gestaltung „realistischer Utopien“.

Ziel ist die systematische Ökologisierung der Gesellschaft. Dies erfordert den Austausch der alten mentalen Landkarte durch ein „Schema der Wertschätzung“ (Wertschätzungsschema). Ökologie wird so zur neuen Rationalität unseres Bewohnens der Erde (Oikos + Logos). Narrative sind hierbei strategische Werkzeuge: Sie sind die Filter, durch die wir Komplexität wahrnehmen und Handlungsoptionen bewerten. Ein Wandel des „Schemas“ ist die Voraussetzung dafür, dass technischer Fortschritt wieder an menschliche Werte gekoppelt wird.

Nächste Schritte zur Bewältigung der Umweltkrise (nach Kap. 7):

* Komplexität bewältigen: Integration subjektiver Erfahrungen und der Ich-Perspektive in systemische Krisenmodelle.
* Andersartigkeit willkommen heißen: Förderung einer dynamischen Universalisierung und dekolonialer Wissensproduktion.
* Systematisch ökologisieren: Neuausrichtung der Ökonomie an qualitativen Indikatoren und Praktiken der Weisheit (Phronesis).
* Gesundheitswesen neu gestalten: Abkehr von der Kommerzialisierung; Gesundheit als öffentliches Gut und Anerkennung unserer existenziellen Verwundbarkeit (Lehre aus Covid-19).
* Technologie und Kultur in Einklang bringen: Etablierung ethischer Standards für KI und Digitalisierung zur Stärkung menschlicher Autonomie.

Die Integration dieser Wertstrukturen in das gesellschaftliche Ethos ist der einzige Weg, um die Pathologien der Entkoppelung dauerhaft zu heilen.

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5. Resümee: Die Geisteswissenschaften als Kompass im 21. Jahrhundert

Die Umweltkrise ist die ultimative Aufforderung, das Projekt „Mensch werden im 21. Jahrhundert“ neu zu konzipieren. Die Forschung darf sich nicht länger im „Elfenbeinturm“ der Ex-post-Kritik isolieren, sondern muss durch Ex-ante-Evaluationen und zukunftsorientierte Konzepte zum Motor des Systemwandels werden. Die Geisteswissenschaften besitzen die integrative Kraft, die Kluft zwischen technischem Können und ethischem Sollen zu schließen.

Vorschläge zur Neuausrichtung:

1. Rekoppelung: Systematische Verknüpfung der Geisteswissenschaften mit Politik, Wirtschaft und Technik zur Steuerung des Fortschritts.
2. Kompassfunktion: Konzeption eines neuen Leitbildes des Menschseins, das individuelle und institutionelle Veränderungen strukturiert.
3. Integrative Kraft: Brückenschlag zwischen Disziplinen, Kulturen und Zeitebenen (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft).
4. Konstruktive Programme: Entwicklung von Lösungsoptionen, die über die bloße Kritik hinausgehen und Kompetenzen neu kombinieren.
5. Institutionelle Neugestaltung: Schaffung von „High-Trust Cultures of Creativity“ durch verlässliche Grundfinanzierung und Ex-ante-Vertrauen.
6. Überwindung der Herrschaftsschemata: Etablierung einer Neuen Aufklärung, die das räuberische Herrschaftsschema durch Wertschätzung ersetzt.
7. Kollektive Handlungsfähigkeit: Systematische Ökologisierung und Förderung eines dynamischen Prozesses der Universalisierung unter Einbeziehung des öffentlichen Interesses.

Dieser Bericht versteht sich als strategisches Plädoyer für einen mutigen Systemwandel, in dem die Geisteswissenschaften als zentraler Kompass einer lebenswerten und gerechten Zukunft agieren.



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Jörn P Budesheim
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Gamechanger?



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Jörn P Budesheim
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Di 20. Jan 2026, 09:42

Timberlake hat geschrieben :
So 18. Jan 2026, 15:46
Wenn die Definition der "Neuen Aufklärung" unterstellt, dass eine moderne Entkopplung von technisch-wissenschaftlichem Fortschritt und den Vorstellungen von menschlichem Wohlergehen und moralischem Fortschritt stattgefunden habe, so scheint es mir, dass es sich bei dabei um ein Beispiel für jene gemilderten Wahrheit zu handeln, von der Theodor W. Adorno / Max Horkheimer hier sagen, dass sie längst zu einer Ausrede geworden ist, mit der sie sich der Verantwortung für die Lüge entzieht. Fand doch meiner Meinung nach zweifelsohne zugleich auch das ganze Gegenteil statt, also eine Kopplung von technisch-wissenschaftlichem Fortschritt und den Vorstellungen von menschlichem Wohlergehen und moralischem Fortschritt. Wie wollte man auch ernsthaft, die Vorstellung zumindest vom menschliches Wohlergehen, vom technisch-wissenschaftlichem Fortschritt entkoppeln wollen.
Gäbe es keine Entkopplung von technologischem Fortschritt und ethischem Fortschritt, dann ließe sich fragen, warum wir heute von multiplen Krisen umzingelt sind. Es geht dabei übrigens auch gar nicht um die Frage, ob irgendjemand diese Entkopplung wollte, sondern zunächst schlicht darum, dass sie faktisch stattgefunden hat und dass es hier Korrekturbedarf gibt.

„Entkopplung“ bedeutet dabei selbstverständlich nicht, dass technologischer Fortschritt und ethischer oder gesellschaftlicher Fortschritt sich niemals berühren. Gemeint ist vielmehr, dass keine intrinsische, verlässliche Kopplung besteht. Technologischer Fortschritt führt nicht aus sich heraus – quasi automatisch – zu moralischem oder gesellschaftlichem Fortschritt. Genau diese Selbstläufigkeit war (vereinfacht gesagt) eine klassische Fortschrittshoffnung der alten Aufklärung, und dieser Fortschrittsglaube darf heute wohl als widerlegt gelten.

Hier passt sehr gut Michael Hampes Bemerkung, auch wenn sie einen etwas anderen Tenor hat: „Ich bin auch mit der Lebenserfahrung aufgewachsen, dass sich die Welt immer weiter befriedet und technologischer Fortschritt mehr Wohlstand bringt. Im letzten Drittel meines Lebens ist das nun alles den Bach runtergegangen. Das erstaunt mich schon sehr. Diese Erfahrung machen viele Menschen. Da haben wir vorher viel zu primitiv gedacht und konnten das deshalb nicht vorhersehen.“

Dass es weiterhin punktuelle oder kontingente Verbindungen gibt, bestreitet niemand. Aber ebenso wenig lässt sich leugnen, dass technologischer Fortschritt keineswegs zuverlässig mit ethischem Fortschritt einhergeht – also mit ihm gekoppelt ist. Die Entwicklungen bei Facebook, anderen Plattformen oder aktuell bei KI sind dafür naheliegende Beispiele: Wir erleben hier unbestreitbar enorme technologische Innovationen, während völlig offen ist, ob – und unter welchen Bedingungen – daraus tatsächlich ein ethischer oder gesellschaftlicher Fortschritt entsteht.

In diesem Sinn heißt „entkoppelt“ nicht: Es gibt keine Berührungen mehr. Es heißt: Die Verbindung ist nicht notwendig, nicht garantiert und nicht normativ fest eingebaut und oft auch gar nicht gewollt. Genau diese Diagnose scheint mir gemeint zu sein – und sie ist schwerlich eine „gemilderte Wahrheit“, sondern eher der Versuch, eine naive Fortschrittsannahme hinter sich zu lassen. Der Versuch, die „negative Dialektik“ gegen die „neue Aufklärung“ in Stellung zu bringen, ist meines Erachtens völlig verfehlt, wo doch eines der Ziele dieses Textes ist, die „negative Dialektik“ weiterzudenken!



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Burkart
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Di 20. Jan 2026, 23:17

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 20. Jan 2026, 08:17


Gamechanger?
Wäre ja nett, aber ich glaube nicht recht dran, z.B. dass der Fleischkonsum auf einmal stark eingeschränkt wird.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

Timberlake
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Mi 21. Jan 2026, 00:21

Bevor ich auf die letzten drei Beiträge antworte, möchte ich auf den Beitrag 97979 von mir und den Reaktionen von Jörn und C3PO darauf zurückkommen.

Hat sich doch mal wieder gezeigt, dass mein Focus auf das Anthropozän pathologische Ausmaße angenommen.
Timberlake hat geschrieben :
So 18. Jan 2026, 15:46

Was allerdings um so bemerkenswerter ist, dass sich bei der Suche, nach dem Wort "Anthropozän", in dem 89-seitigem Transkript der "Neuen Aufklärung" herausgestellt hat, dass es darin nicht vorkommt. Sollte doch man doch davon ausgehen, wenn man sich schon explizit mit dem menschlichen Wohlergehen und dem moralischen Fortschritt befasst, dass man zumindest das Anthropozän erwähnt

Wenn Vernunft zu den basalen Grundkategorien menschlicher Selbst- und Weltdeutung gehört, die unsere Kultur seit der Antike maßgeblich geprägt haben, so scheint der "Neuen Aufklärung" selbige, zumindest von daher, abhanden gekommen zu sein.
So wie mich hier das Fehlen des Worts "Anthropozän" in einem Transkript hat überreagieren lassen. Also ich, ohne auch nur bloß an eine weitere Recherche dazu zu denken , sofort der "Neuen Aufklärung" unterstellt habe, dass ihr deshalb die Vernunft abhanden gekommen sei. Dabei triff das viel mehr auf mich zu. Wie an den Beiträgen von Jörn und C3PO und dessen Richtigstellungen anschließend deutlich wurde. Aber auch an dem, was von Jörn als Administrator bei mir angemahnt wurde, und zwar nicht ständig und überall hier im Forum mit dem Thema Anthropozän zu spammen. Andernorts hat das übrigens tatsächlich zu einer endgültigen Sperre geführt. Was für mich übrigens insofern von Vorteil ist, dass ich mich, will ich mich hier nicht gänzlich aus dem Forum ausschließen, auch anderen Dingen zu wenden muss. Dingen, wie zuletzt solchem Zeugs, wie dem Nihilismus von nullplan. Auch bei diesem Thema wäre übrigens für mich das Spammen mit dem Anthropozän überhaupt kein Problem.
Anderseits, wenn es darum geht, das Anthropozän schlussendlich abzuwenden, so wäre es sicherlich von Vorteil, wenn darunter sehr viel mehr leiden würden. Eine Pathologie, die mich beispielsweise, zu einem unglücklichen Menschen macht, wenn ich sehe, wie erst kürzlich jemand im Supermarkt zu Apfelsaft in einem Tetrapak gegriffen hat, wo es doch dort auch Apfelsaft in der Pfandflasche von der Diesdorfer Süßmost- und Weinkelterei gibt. Aber auch zu einem glücklichen Menschen, wenn ich auf einmal im Bioladen Demeter Frisch-Sauerkraut vom Hof Dannwish im Pfandglas bekommen kann. Somit sicherlich kein Geheimnis verrate, wenn ich von mir behaupte, zumeist unglücklich zu sein.




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Burkart hat geschrieben :
Di 20. Jan 2026, 23:17
Wäre ja nett, aber ich glaube nicht recht dran, z.B. dass der Fleischkonsum auf einmal stark eingeschränkt wird.
Aber warum glaubst du das nicht? Der Fleischkonsum hat sich historisch immer wieder verändert, teilweise extrem stark. In Deutschland ist er von deutlich höheren Werten in den 1980er Jahren – manche Quellen sprechen sogar von rund 100 kg pro Person und Jahr – auf heute etwas über 50 kg gesunken. In den letzten ein, zwei Jahren haben sich die Werte auf diesem niedrigeren Niveau mit leichten Schwankungen stabilisiert.

Im 19. Jahrhundert lag der Fleischverzehr nach den Schätzungen der Ernährungs- und Sozialgeschichte, die ich gerade recherchiert habe, zum Teil deutlich unter heutigen Werten, teils sogar unter 20 kg pro Person und Jahr.

Das zeigt doch, dass unsere Ernährungsgewohnheiten keine unveränderlichen Naturkonstanten sind. Mai Thi Nguyen-Kim ist in ihrem Video zwar skeptisch, was eine schnelle Veränderung betrifft. Die historischen Entwicklungen zeigen jedoch, dass solche Veränderungen möglich sind – und tatsächlich stattgefunden haben. Warum sollte das also nicht wieder möglich sein, vor allem wenn viele Menschen begreifen, dass die Zukunft ihrer Kinder und Enkel davon abhängt?

Ich bin gespannt, was die kommende Generation bringt. Ich kenne etliche Familien, in denen die Kinder vegetarisch leben, während die Eltern weiterhin Fleisch essen, wenn auch eingeschränkt. Umfragen deuten zudem darauf hin, dass jüngere Generationen tatsächlich häufiger vegetarisch oder zumindest fleischreduziert leben als ältere.



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Mi 21. Jan 2026, 19:15

Ich glaube es nicht, dass es auf einmal schnell geht, weil die Idee schon älter ist und schon einige Versuche hinter sich hat, z.B. der Veggi-Day der Grünen.
Eine langsame Anpassung kann es natürlich gerne geben; ich esse auch weniger Fleisch als früher, aber eben nicht gar keines oder so.
Wenn die jüngere Generation es mehr so macht, ok, aber davon gehe ich auch nur teilweise aus.



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Burkart hat geschrieben :
Mi 21. Jan 2026, 19:15
ich esse auch weniger Fleisch als früher
Dann hast du ja den Vorschlag der Grünen ja auf deine Weise umgesetzt. :-)



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Timberlake hat geschrieben :
Mi 21. Jan 2026, 00:21
mit dem Thema Anthropozän zu spammen
Ist das eine Methode, die Erfolg verspricht? Ich vermute eher nicht. Was wäre stattdessen sinnvoll? Ich denke, die Philosophie könnte hier einiges zu bieten haben, indem sie zum Beispiel unseren Platz in der Natur (neu) bestimmt. Etwa, indem sie sich für die Anerkennung des Eigenwerts der Natur starkmacht, der unabhängig von jedem menschlichen Nutzen besteht. Die Natur ist kein Warenlager des Menschen. Wir sind schließlich ein intrinsischer Teil von ihr.



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Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 18. Jan 2026, 16:47
Auf dem Weg zu einer neuen Aufklärung hat geschrieben : Systematisch ökologisieren

... Da neue Praktiken und Denkschemata neue Wertvorstellungen erfordern, tragen Kunst und Literatur entscheidend dazu bei, Geschichten, Narrative, Lieder und Kosmologien zu erschaffen, die den Menschen in die Natur eingebettet sehen.
Meines Erachtens sind Methoden wie "Spammen", Sitzblockaden oder Bilder mit Tütensuppe bewerfen nur sehr bedingt "zielführend". Ich glaube, "positive" Angebote, die auch motivieren, sind besser.



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Sa 24. Jan 2026, 10:03

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 22. Jan 2026, 07:39
Burkart hat geschrieben :
Mi 21. Jan 2026, 19:15
ich esse auch weniger Fleisch als früher
Dann hast du ja den Vorschlag der Grünen ja auf deine Weise umgesetzt. :-)
Das ist aber eben nur eine langsame Änderung, keine große "auf einmal"-Änderung.



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Sa 24. Jan 2026, 10:57

Das kommt auf den Zeithorizont an, den man betrachtet. Aber wie dem auch sei, eine langsame Änderung ist besser als keine.



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Sa 24. Jan 2026, 11:59

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 24. Jan 2026, 10:57
Das kommt auf den Zeithorizont an, den man betrachtet. Aber wie dem auch sei, eine langsame Änderung ist besser als keine.
Das ist sicher richtig... wobei man sich gerade heute mit den Weltproblemen doch fragt, ob es nicht Wichtiges zu lösen gäbe, aber man kann natürlich das bisschen Fleisch-Weniger-Essen trotzdem parallel machen.



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Jörn P Budesheim
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Sa 31. Jan 2026, 11:33

Naturwissenschaft / Nihilismus / Hermeneutik der Natur

Wir müssen unser Verhältnis zur Natur radikal ändern. Dieses Verhältnis, das ja auch ein Verhältnis zu uns selbst umfasst, darf nicht primär auf Beherrschung zielen, sondern auf Verstehen.

Ein großes Problem, das die vielfältigen Krisen befeuert, liegt meines Erachtens in einem weit verbreiteten Nihilismus, also der Haltung, dass nichts in sich selbst einen Wert hat – besonders in den sogenannten aufgeklärten Gesellschaften. Wir sollten stattdessen den Wert des Lebens unumwunden anerkennen und die Natur nicht nur deshalb erhalten wollen, weil sie unser Lebensraum ist, sondern weil sie eben einen inneren Wert besitzt. Moralische und ästhetische Fragen müssen dabei wieder den ihnen gebührenden Platz einnehmen.

Dieser Ansatz wendet sich keineswegs gegen die Naturwissenschaften, sondern gegen eine bestimmte Form des szientistischen Naturalismus, die fälschlicherweise annimmt, dass (paradigmatisch die) physikalische Forschung bereits alles über die Welt aussagt. Das Problem liegt nicht bei den Naturwissenschaften – sie gehören zu den größten Errungenschaften der Menschheit – sondern beim sogenannten naturwissenschaftlichen Weltbild. Kein Naturwissenschaftler ist – um ein Beispiel zu geben – gezwungen zu glauben, dass es keinen Sinn gibt, nur weil die Naturwissenschaften keine Werkzeuge haben, ihn zu erkennen.

Naturwissenschaften sind also durchaus wichtig. Ohne sie werden wir die Klimakrise nicht bewältigen. Doch wir werden sie auch nicht lösen, wenn wir glauben, dies sei eine Aufgabe allein für die Naturwissenschaft. Wir brauchen eine neue Aufklärung, in der die Naturwissenschaften zwar mit an Bord sind – allerdings nicht als Kapitän, denn dieses Boot muss ohne Kapitän auskommen.

In diese Arche Noah der neuen Aufklärung gehören alle: neben den Naturwissenschaften natürlich die Geisteswissenschaften, die Kunst, die Politik, die Wirtschaft, die Öffentlichkeit und so weiter und so fort.

Allerdings können wir auch manches an den Naturwissenschaften infrage stellen: Innerhalb der Naturwissenschaften selbst gibt es Stimmen, die kritisieren, dass die Beschränkung auf rein quantitative Forschung das Qualitative notwendigerweise ausschließt. Wie aber können wir dieses Qualitative erfassen? Dazu müssen wir den ‚Blick von nirgendwo‘ als alleinseligmachende Methode in Frage stellen, ohne ihn vollständig zu verwerfen – ich plädiere für Methodenvielfalt.

wir brauchen eine Hermeneutik der Natur. Damit ist natürlich keine Hermeneutik des Elektrons gemeint. Forschende sollten ihre eigene Subjektivität als bedeutsam anerkennen und akzeptieren, dass sie selbst Teil des zu erforschenden Systems sind. Forschende brauchen sich – überspitzt gesagt – ihrer Gefühle nicht zu schämen; sie sind so real wie Bosonen, wenn auch anders geartet. Und sie sind wichtig! Wer die lebendige Natur erforscht, erforscht zugleich seinesgleichen, wozu notwendigerweise auch unsere Wertwahrnehmungen gehören, die wir unter anderem unseren Emotionen verdanken.

Überall im Universum gibt es natürlich auch anonyme Prozesse von größter Bedeutung. Doch der paradigmatische Fall von Natur ist die lebendige Natur – zum Beispiel jenes wunderbare Ökosystem namens Erde. Auch wenn wir bei der Hermeneutik der Natur unseresgleichen erforschen, ist nicht alles Lebendige in demselben Maß frei wie wir. Genau daraus folgt für uns eine große Verantwortung. Das anzuerkennen muss selbstverständlich ein Teil jeder naturwissenschaftlichen Erforschung der Wirklichkeit sein.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Timberlake
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Sa 31. Jan 2026, 12:39

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 22. Jan 2026, 07:41
Timberlake hat geschrieben :
Mi 21. Jan 2026, 00:21
mit dem Thema Anthropozän zu spammen
Ist das eine Methode, die Erfolg verspricht? Ich vermute eher nicht.

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 22. Jan 2026, 10:15
..
Meines Erachtens sind Methoden wie "Spammen", Sitzblockaden oder Bilder mit Tütensuppe bewerfen nur sehr bedingt "zielführend". Ich glaube, "positive" Angebote, die auch motivieren, sind besser.
Ich bin mittlerweile ganz deiner Meinung. Wenn ich zu anderen Themen mit dem Anthropozän spamme, verhalte ich mich gegenüber den betreffenden Usern in etwa so, wie die Klimakleber der "Letzten Generation" gegenüber den betreffenden Autofahrer.
jacobin.de hat geschrieben :
Die Letzte Generation blockiert sich selbst

Mitglieder und Unterstützer der Bewegung wenden zur Verteidigung dieser Aktionsform ein, dass viele Menschen ohnehin ständig aufgrund von Staus nicht vorwärts kommen. Das trifft zu, ist aber letztlich irrelevant. Wer im Stau steht und eigentlich auf dem Weg zur Arbeit ist oder unterwegs, um die Kinder abzuholen oder wichtige Einkäufe zu tätigen, ärgert sich, wird aber vor allem auch geplagt durch die konkrete Erfahrung der eigenen Machtlosigkeit.

Die Wartenden »sind und bleiben einander fremd«, bleiben eine Gruppe »an sich«. Die einzige Öffentlichkeit und Aktionsform als Gruppe »für sich«, die unter den »Wutbürgern« entstehen kann, ist ihre Konfrontation mit den Aktivistinnen selbst, wenn sie aussteigen, um die »Klimakleber« anzubrüllen und gegebenenfalls versuchen, sie widerrechtlich selbst von der Straße loszureißen.
»Ausgerechnet wohlmeinende Aktivisten schaffen eine Situation, in der das Eintreffen der Polizei von fast allen Anwesenden als erlösende Befreiung erlebt werden muss.«
Einer Aktionsform, bei der das Eintreffen der Polizei von fast allen Anwesenden tatsächlich als erlösende Befreiung erlebt wird. Wie vermutlich auch in meinem Fall das Eintreffen eines Administrators. Nur das die Befreiung darin besteht, dass man, nach dem der Administrator den Spam durch das Anthropozän wie auch immer unterbunden hat, sich, wie die o.g. Autofahrer, wieder dem eigentlichen Thema zu wenden kann. Auch wenn, wie bei den Klimaklebern und den "klimaschädlichen" Autofahrern, Schnittmengen zwischen dem Anthropozän und jenem Thema bestehen mögen.

Von daher würde sich, meiner Meinung nach, übrigens auch erklären, warum es bei der Aktionsform von Fridays for Future diese Probleme nicht gab. Worin würde auch, ich sage mal so, der Ottonormalverbrauchers davon in irgendeiner Weise davon eingeschränkt worden sein. Weil ausschließlich hier, in diesem Thread diskutierend, so das der Ottonormalverbraucher des Forums, als solches bei seinen Themen nicht mehr damit behelligt wird, würde ich übrigens meine Aktionsform, hier im Forum, zum Anthropozän, mit der von Fridays for Future vergleichen. Vorher, bevor es diesen Thread gab, allerdings tatsächlich mit der, von den Klimaklebern.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 31. Jan 2026, 11:33

Naturwissenschaften sind also durchaus wichtig. Ohne sie werden wir die Klimakrise nicht bewältigen. Doch wir werden sie auch nicht lösen, wenn wir glauben, dies sei eine Aufgabe allein für die Naturwissenschaft. Wir brauchen eine neue Aufklärung, in der die Naturwissenschaften zwar mit an Bord sind – allerdings nicht als Kapitän, denn dieses Boot muss ohne Kapitän auskommen.

In diese Arche Noah der neuen Aufklärung gehören alle: neben den Naturwissenschaften natürlich die Geisteswissenschaften, die Kunst, die Politik, die Wirtschaft, die Öffentlichkeit und so weiter und so fort.
Nur frage ich mich dann allerdings schon, wie das dann mit dieser Arche Noah der neuen Aufklärung funktionieren kann, wenn man in den Geisteswissenschaften, der Kunst, der Politik, der Wirtschaft, der Öffentlichkeit und so weiter und so fort, ggf. nicht mehr vom Klimawandel, im Besonderen und vom Anthropozän, im Allgemeinen behelligt werden will. Wenn man dort , so zu sagen, gänzlich unabhängig davon, seinen Stiefel durchzieht. Möglicherweise sogar, im Widerspruch dazu.



Ökologie und Ökonomie

Ökonomie und Ökologie lassen sich auf denselben griechischen Wortstamm zurückführen: oikos bedeutet Haushalt. Ökologie ist die Lehre (logos) vom Haushalt der gesamten Natur, Ökonomie ist die Haushaltsführung bzw. die Lehre vom Haushalt des Menschen in Familie, Unternehmen, Stadt und Staat (Kreeb 1979, 70 ff.). Bezeichnete der Begriff „Ökonom“ bis in die Anfänge dieses Jahrhunderts noch den Landwirt oder Gutsverwalter, so ist heute in erster Linie der Wirtschaftswissenschaftler gemeint.
Beispielsweise dadurch, dass man die Lehre (logos) vom Haushalt der gesamten Natur außer Acht lassend, in den Geisteswissenschaften, der Kunst, der Politik, der Wirtschaft, der Öffentlichkeit seinen Focus allein auf die Ökonomie richtet.

Beispiel
Wachstum

Die wirtschaftliche Entwicklung basiert auf drei zentralen Faktoren: dem intensiveren Einsatz von Arbeit, der kontinuierlichen Modernisierung des Kapitalstocks und vor allem auf stetigem technischem Fortschritt. Diese Wachstumstreiber sind essenziell für die Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.




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Jörn P Budesheim
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In dieser Ausgabe des Notebook-LM-Podcasts geht es um den ökologischen Fußabdruck, mit dem der BP-Konzern von seinem eigenen Verschulden abgelenkt hat. Außerdem geht es um PAIN und warum die Umweltbedrohung für uns so schwer zu fassen ist. Und schließlich um die Frage, was wir gemeinsam tun können, um dem Gefühl der Ohnmacht zu entkommen und vielleicht wirklich etwas zu bewirken.



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