Gestern hab ich auf Facebook – wo ich von Künstlern und Künstlerinnen verschiedenster Art nachgerade umzingelt bin – gefragt: „Wer ist die Zielgruppe der Kunst?“ Viele haben geantwortet. Heute Morgen hab' ich meine eigene Antwort formuliert:
Noch als ich die Frage „Wer ist die Zielgruppe der Kunst?“ gepostet habe, hätte ich selbst die gleiche „universalistische“ Antwort gegeben wie viele hier im Faden, nämlich „Alle!“.
Allerdings bin ich im Nachdenken darüber mittlerweile skeptisch geworden. Meines Erachtens sollte es zwar so sein, aber der Ist-Zustand scheint mir in vielen Bereichen ein anderer zu sein. Da Kunst seit langem zunehmend politisiert ist, und zwar in dem Sinn, dass sie je eine bestimmte Haltung zu bestimmten Themen einnimmt oder fordert oder indem sie sich an eine „Zielgruppe“ wendet, die die „Identität“ des Künstlers oder der Künstlerin teilt, entsteht oftmals so etwas wie ein „Wirgefühl in der Kunst“ (ein Ausdruck von Roland Schappert). Und dieses „Wir“ meint oft eben gerade nicht „wir alle“, sondern kennt ein spezifisches „Ihr“, das in vielen Fällen eben gerade nicht eingeschlossen, sondern ausgeschlossen ist.
Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr, denn sicher gab/gibt es oft Kunstwerke, die zwar mit „Alle“ gelabelt waren, aber de facto damit nur ein bestimmtes „Wir“ adressierten: den „alten weißen Mann“, den globalen Norden oder Westen … oder welche privilegierte Gruppe auch immer. Das hat für viele den Universalismus unglaubwürdig gemacht. Aber an dieser Stelle darf man meines Erachtens nicht stehen bleiben! Ein falscher Universalismus macht den Universalismus nicht falsch.
Die Kunstwelt ist zerrissen, das spürt man überall – übrigens auch in Kassel. Die Zielgruppe der Kunst besteht leider oft nur noch aus denen, die die eigene Haltung teilen.
Im Hinblick auf die documenta 16 und mit Rückblick auf die d15 schreibt der ehemalige documenta-Macher Roger M. Buergel: „Ich glaube, dass man zu Formfragen zurückfinden muss. [...] Wenn es keine Ambivalenz in der ästhetischen Erfahrung gibt, kann man auch nicht mehr diskutieren, dann gibt es nur noch dafür oder dagegen. Dieser Raum, den es braucht, um sich Kunst auf unterschiedliche Weise anzuschauen, der ist abhandengekommen.“
Wenn die Kunst aufhört, uns zu überraschen (auch die Künstler und Künstler:innen selbst) dann ist etwas verloren gegangen, was ihren Wert ausmacht, denn das gehört zu ihrer Faszination, dass sie oftmals eben gerade nicht eine klare Haltung bezieht ("dafür oder dagegen"), sondern irritiert, unverständlich ist und uns einfach nur packt, wo man nicht weiß, wie einem geschieht.
Adam Szymczyk, der auch eine documenta zu verantworten hat, schreibt: 'Es sind die Momente des Nicht-Verstehens, die fundamental sind für die Erfahrung von Kunst. Und mit diesem Nicht-Verstehen werden wir eben allein gelassen. Alles andere wäre keine Kunst, sondern Innenausstattung.'
„Wer ist die Zielgruppe der Kunst?“
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 1970
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
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Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
- Jörn P Budesheim
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Die Zielgruppe ist eine „Gruppe von Personen (mit vergleichbaren Merkmalen), die gezielt auf etwas angesprochen, mit etwas erreicht werden soll“, findet man im Netz. Den Begriff kenne ich aus dem Marketing, auch wenn er in anderen Bereichen wohl ebenfalls verwendet wird, zum Beispiel in der sozialen Arbeit. Für die Kunst klingt der Begriff eigentlich schräg. Entsprechend haben einige auf Facebook ihn (zurrecht!) auch mit einem Lächeln quittiert. Wenn man die Kunst als ein autonomes Unternehmen versteht – ein Begriff, der leider extrem vieldeutig ist –, kann die Kunst eigentlich keine Zielgruppe haben, weil sie damit ihre Eigengesetzlichkeit angreift und sich selbst zu instrumentalisieren versucht.
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“