Tatsächlich hat Descartes eine andere Auffassung. Für Descartes ist ein Dissens immer ein Symptom eines Argumentationsmangels:Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Mi 15. Apr 2026, 07:43Der Ort der „Zuchtrute“ ist hingegen dort, wo versucht wird, die Differenz der Perspektiven, den Dissens, zu kappen – das wäre im eigentlichen Sinne asozial. Das Soziale wendet sich, wo die „Zuchtrute“ „herrscht“, gewissermaßen gegen sein Potenzial, indem es die Vielfalt der Perspektiven beschneidet – das kommt unbestreitbar vor. Aber das ist eher eine Deformation des Sozialen, nicht sein genereller, unausweichlicher Charakter. In gelungenen Fällen ist das Soziale vielmehr das Gegenteil: der Ort der „Einübung des Ungehorsams“, also der Mündigkeit.
Ein Dissens hat laut Descartes also mindestens zwei Ursachen (es wären sicherlich bei einer vollständigen Aufzählung noch weitere Ursachen zu nennen, z.B. psychologische Ursachen wie Streitsucht oder strukturelle Ursachen wie Konkurrenzkampf):Descartes hat geschrieben : Jedesmal aber, wenn die Urteile zweier Menschen über denselben Sachverhalt in entgegengesetzte Richtungen gehen, täuscht sich ganz gewiß zumindest einer der beiden. Außerdem besitzt offenbar keiner der beiden Wissen; denn wenn die Begründung des einen gewiß und evident wäre, könnte er sie dem anderen so darstellen, daß er schließlich auch dessen Verstand überzeugen würde." in: "Regulae ad directionem ingenii" (Regeln zur Ausrichtung der Geisteskraft, zitiert nach Meiner, S. 9.)
1. Mindestens einer der beiden irrt sich.
2. Es fehlt das Wissen, denn keiner kennt das geeignete Argument, um den Opponenten vom Gegenteil zu überzeugen.
Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn Wissen vorhanden ist, dann kann der Dissens auch geklärt und die Differenz der Perspektiven überwunden werden. Die Beschneidung der Vielfalt der Perspektiven kann auch auf der Grundlage von Wissen erfolgen - etwa, wenn der Klimawandelleugner eine bloße Meinung hat, dem der Klimawissenschaftler gesichertes Wissen entgegensetzt (vgl. dazu das angehängte Bild).
Die Zuchtrute führt hingegen zum Dissens:
Die "Zuchtrute" ist ein bildhafter Ausdruck dafür, dass Menschen der Anleitung und Anweisung bedürfen, damit sie in ihrem Denken überhaupt den Punkt erreichen, ab den sie selbstständig denken können.Descartes hat geschrieben : Es ist weitaus besser, wenn die Geisteskräfte der Kinder durch derartige Meinungen geformt werden – selbst wenn sie offensichtlich ungewiß sind, da sie ja unter den Gebildeten strittig sind – als wenn man sie frei sich selbst überließe.
Descartes hat geschrieben : Denn ohne Führer würden sie womöglich bald am Abgrund stehen, solange sie aber in die Fußstapfen ihrer Lehrer treten, weichen sie wohl zwar zuweilen vom Wahren ab, selbst dann aber schlagen sie noch eine Bahn ein, die gewiß zumindest insofern sicherer ist, als sie von Klügeren bereits erprobt worden ist. Auch wir selbst sind froh, früher auf der Universität so unterrichtet worden zu sein. Als wir jedoch ein ausreichend reifes Alter erreicht haben, haben wir die Hand der Zuchtrute entzogen, und sind jetzt dem Treueid entbunden, der uns an die Worte des Lehrmeisters band.