Warum Kants transzendentaler Idealismus nicht notwendig ist:
Unsere Überlegungen beginnen bei der einfachen Tatsache, dass wir Erfahrung haben – und zwar notwendig in einer bestimmten Gestalt. Alles, was uns erscheint, erscheint räumlich geordnet, zeitlich strukturiert, kausal verknüpft und gesetzmäßig. Diese Struktur ist für uns unaufhebbar: Wenn sie anders wäre, wäre sie für uns keine Erfahrung mehr. Wir können nicht hinter diese Struktur zurücktreten, wir können sie nicht relativieren, wir können sie nicht „abschalten“. Sie ist die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas als Erfahrung erscheinen kann. In diesem Ausgangspunkt stimmen wir mit Kant überein.
Doch an dem Punkt, an dem Kant behauptet, diese notwendigen Strukturen müssten aus dem Subjekt stammen – Raum und Zeit als Formen der Anschauung, die Kategorien als Formen des Verstandes –, setzen wir an. Kant begründet seine Behauptung damit, dass wir über die Welt an sich nichts wissen können und daher die Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung nicht aus ihr ableiten dürfen. Aber aus der Unerkennbarkeit der Welt an sich folgt nicht, dass die Bedingungen der Erfahrung aus dem Subjekt stammen müssen. Es folgt lediglich, dass wir nicht entscheiden können, ob sie aus dem Subjekt stammen oder aus der Welt an sich. Beide Möglichkeiten sind prinzipiell unerkennbar, weshalb wir nicht – wie bereits erwähnt – annehmen können (wie Kant es tat), dass die Bedingungen der Erfahrung aus der Welt stammen, oder ob das Subjekt (beispielsweise) nur Vermittler der Bedingungen ist. Feststeht nur, dass das Subjekt die Bedingungen geben kann, ob es ein Wiedergeben der «Welt-an-sich» ist oder ein auf sich selbst gestelltes Gebendes ist weder wahrnehmbar noch, logisch ableitbar.
An dieser Stelle begegnet häufig ein Einwand: Man könne doch durch die Physiologie zeigen, wie der Verstand die Erfahrung konstituiert. Doch dieser Einwand verfehlt die Ebene des Problems. Denn jede physiologische Erkenntnis setzt bereits die Erfahrungsformen voraus, deren Ursprung sie erklären möchte. Jede physiologische Erkenntnis erklärt, wie innerhalb der Erfahrungswelt die Sinneswahrnehmung funktioniert. Wir wollen hier aber nicht wissen, was innerhalb der Erfahrungswelt geschieht. Die Physiologie ist selbst Erfahrungswissenschaft; sie operiert innerhalb der räumlich-zeitlich-kausalen Struktur, die angeblich erst durch das Subjekt hervorgebracht wurde. Wie dieser Vorgang mit jenem zusammenhängt, kann sie nicht erklären, weil sie ja eben gerade nicht erklärt, wie das Subjekt Sie zur Erfahrung gebracht hat, sondern nur welche Zusammenhänge innerhalb dieser Erfahrung bestehen. Sie kann nicht zeigen, wie der Verstand diese Struktur konstituiert – denn sie setzt sie bereits voraus. Mit einer Wissenschaft, die innerhalb der Erfahrungsbedingungen arbeitet, kommt man nicht über dieselbe heraus. Man kommt eben gar nicht die Erfahrung hinaus. Das Bewusstsein kann sich nicht überspringen, weshalb auch Kant nicht wissen kann, welche Rolle das Subjekt bei dem Zustande bringen der Erfahrungen hat.
Damit öffnet sich eine zweite, logisch gleichwertige Option: Die Welt an sich könnte so beschaffen sein, dass sie notwendigerweise räumlich, zeitlich und kausal erfahrbar ist, und der Verstand könnte diese Struktur lediglich übermitteln, nicht hervorbringen. Wir behaupten nicht, dass dies der Fall ist; wir behaupten nur, dass wir es nicht ausschließen können und dass Kant es ebenfalls nicht ausschließen kann. Entscheidend ist: Für die Struktur der Erfahrung spielt es keine Rolle, welche dieser beiden Möglichkeiten zutrifft. Die Erfahrung bleibt dieselbe – räumlich, zeitlich, kausal und gesetzmäßig –, ganz unabhängig davon, ob diese Struktur aus dem Subjekt stammt oder aus der Welt an sich.
Kant wollte mit seinen Überlegungen die Notwendigkeit und Allgemeinheit der Naturgesetze begründen. Kant meint, diese Notwendigkeit nur sichern zu können, wenn die Bedingungen der Erfahrung aus dem Subjekt stammen. Jedoch gilt:
1. Die Rolle des Subjekts beim zustande kommen der Erfahrung ist unerkennbar. Wir wissen nur, dass das Subjekt die Bedingungen mitmacht, aber nicht woher diese ihren Ursprung haben. 2. Die Notwendigkeit der Naturgesetze folgt aus der Unaufhebbarkeit der Erfahrungsstruktur und nicht aus einer Theorie über ihren Ursprung. Ob der Verstand diese Struktur konstituiert oder nur übermittelt, ist für die Notwendigkeit der Naturgesetze irrelevant. Die Notwendigkeit der Naturgesetze ergibt sich bereits aus der Struktur der Erfahrung selbst. Erfahrung kann nur als gesetzmäßige Erfahrung erscheinen; wäre sie nicht gesetzmäßig, wäre sie keine Erfahrung.
Kant behauptet mehr, als er begründen kann. Er schließt von der Unerkennbarkeit der Welt an sich auf die Notwendigkeit, die Bedingungen der Erfahrung aus dem Subjekt abzuleiten. Doch dieser Schluss ist nicht zwingend. Er ist eine methodische Entscheidung, keine logische Notwendigkeit. Unsere Position zeigt, dass man die Sicherheit der Erfahrung – ihre Notwendigkeit, ihre Gesetzmäßigkeit, ihre Objektivität – wahren kann, ohne sich auf eine spekulative Theorie über den Ursprung ihrer Bedingungen festzulegen.
Damit entsteht eine Haltung, die man als transzendentalen Minimalismus bezeichnen könnte: Die Struktur der Erfahrung ist notwendig; ihre Quelle ist unerkennbar; die Notwendigkeit der Naturgesetze ergibt sich aus der Struktur der Erfahrung selbst; wir können diese Struktur einsehen, ohne metaphysische Annahmen über den Verstand oder die Welt an sich treffen zu müssen. Es war nicht Ziel dieser Abhandlung, zu erklären, warum das Denken auf die Erfahrung (Wahrnehmung) anwendbar ist. Sondern demjenigen aufzuzeigen, der sich bei der Erklärung der Anwendung des Denkens auf Kants «Kritik der reinen Vernunft» stützt, dass diese Stütze keine mit Sicherheit unumstößliche ist. Der bedingende erste Schritt, das Denken selbst zum Erfahrungsobjekt zu machen, hat Kant nicht gemacht, weshalb er auch keine mit Sicherheit unumstößliche Stütze für alles Erkennen schaffen konnte.
Diese Abhandlung:
1. Soll gezeigt haben, dass Kants transzendentaler Idealismus nicht notwendig ist, um die Notwendigkeit der Erfahrung zu erklären.
2. Soll aufzeigen, dass Kants transzendentaler Idealismus nicht erklären, kann weshalb das Denken auf die Welt anwendbar ist.
Warum Kants transzendentaler Idealismus nicht notwendig ist
- Jörn P Budesheim
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Zunächst einmal: Herzlich willkommen im Forum!
Aus irgendeinem Grund ist dein Beitrag heute dreimal erschienen. Dem Augenschein nach sind es drei identische Beiträge. Zur Sicherheit habe ich zwei davon ins Off-Topic verschoben, statt sie einfach zu löschen – für den Fall, dass sie doch nicht identisch sind.
Im Laufe des Tages werde ich natürlich auch zu deinem Beitrag selbst ein paar Worte schreiben (erstmal danke dafür!).
Aus irgendeinem Grund ist dein Beitrag heute dreimal erschienen. Dem Augenschein nach sind es drei identische Beiträge. Zur Sicherheit habe ich zwei davon ins Off-Topic verschoben, statt sie einfach zu löschen – für den Fall, dass sie doch nicht identisch sind.
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Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
- Jörn P Budesheim
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Vorweg: Ich bin weit davon entfernt, ein Kant-Experte zu sein. Trotzdem würde ich dir gern ein oder zwei Rückfragen zu deinem Text stellen.
Du schreibst: „Unsere Überlegungen beginnen bei der einfachen Tatsache, dass wir Erfahrung haben – und zwar notwendig in einer bestimmten Gestalt.“
Hier – und, wenn ich mich nicht irre, auch im weiteren Verlauf – bleibt für mich offen, was genau mit „notwendig“ gemeint ist. Geht es um logische Notwendigkeit, um kausale Notwendigkeit oder um transzendentale Notwendigkeit? Diese Unterscheidung scheint mir wichtig zu sein, weil sie für das weitere Argument eine große Rolle spielt.
Du schreibst außerdem, Kant behaupte, diese notwendigen Strukturen müssten aus dem Subjekt stammen. Dabei unterscheidest du über den Text hinweg nur implizit zwischen empirischem und transzendentalem Subjekt. Wenn wir vom transzendentalen Subjekt sprechen, erscheint mir die Redeweise, die Strukturen „stammten aus dem Subjekt“, etwas irreführend. Nach meinem Verständnis stammen diese Strukturen nicht aus dem Subjekt, sondern sie sind – zusammengenommen – das transzendentale Subjekt, zumindest grob gesagt.
In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, ob Kant hier überhaupt nach einem „Ursprung“ fragt. Nach meinem Verständnis geht es ihm weniger darum, woher diese Strukturen kommen, sondern – und das scheint mir ziemlich wichtig – um ihre Geltung: also darum, unter welchen Bedingungen Erfahrung objektiv möglich ist. Er betreibt ja keine genetische oder evolutionäre Erkenntnistheorie, sondern Transzendentalphilosophie. In diesem Rahmen scheint mir die Alternative „aus dem Subjekt“ oder „aus der Welt“ den Boden der Transzendentalphilosophie bereits zu verlassen.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich damit verständlich ausgedrückt habe, und auch nicht, ob ich richtig liege. Vielleicht magst du dazu noch ein paar klärende Worte sagen.
Du schreibst: „Unsere Überlegungen beginnen bei der einfachen Tatsache, dass wir Erfahrung haben – und zwar notwendig in einer bestimmten Gestalt.“
Hier – und, wenn ich mich nicht irre, auch im weiteren Verlauf – bleibt für mich offen, was genau mit „notwendig“ gemeint ist. Geht es um logische Notwendigkeit, um kausale Notwendigkeit oder um transzendentale Notwendigkeit? Diese Unterscheidung scheint mir wichtig zu sein, weil sie für das weitere Argument eine große Rolle spielt.
Du schreibst außerdem, Kant behaupte, diese notwendigen Strukturen müssten aus dem Subjekt stammen. Dabei unterscheidest du über den Text hinweg nur implizit zwischen empirischem und transzendentalem Subjekt. Wenn wir vom transzendentalen Subjekt sprechen, erscheint mir die Redeweise, die Strukturen „stammten aus dem Subjekt“, etwas irreführend. Nach meinem Verständnis stammen diese Strukturen nicht aus dem Subjekt, sondern sie sind – zusammengenommen – das transzendentale Subjekt, zumindest grob gesagt.
In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, ob Kant hier überhaupt nach einem „Ursprung“ fragt. Nach meinem Verständnis geht es ihm weniger darum, woher diese Strukturen kommen, sondern – und das scheint mir ziemlich wichtig – um ihre Geltung: also darum, unter welchen Bedingungen Erfahrung objektiv möglich ist. Er betreibt ja keine genetische oder evolutionäre Erkenntnistheorie, sondern Transzendentalphilosophie. In diesem Rahmen scheint mir die Alternative „aus dem Subjekt“ oder „aus der Welt“ den Boden der Transzendentalphilosophie bereits zu verlassen.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich damit verständlich ausgedrückt habe, und auch nicht, ob ich richtig liege. Vielleicht magst du dazu noch ein paar klärende Worte sagen.
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- Jörn P Budesheim
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„Unsere Überlegungen beginnen bei der einfachen Tatsache, dass wir Erfahrung haben – und zwar notwendig in einer bestimmten Gestalt. Alles, was uns erscheint, erscheint räumlich geordnet, zeitlich strukturiert, kausal verknüpft und gesetzmäßig.“ (Simon Baumer)
Dazu noch eine Bemerkung: Ich glaube nicht, dass unsere Erfahrung ausschließlich auf diese Weise strukturiert ist. Wenn ich etwa ein Gedicht lese oder ein schönes Lied höre, mache ich meines Erachtens ganz andere Erfahrungen. Wie verhält es sich zudem bei einem wilden Tanz? Mir fehlen zwar die philosophiehistorischen Detail-Kenntnisse, doch ich vermute, dass Kant seine Beschreibung der Erfahrung zu sehr auf sein Interesse zugeschnitten hat, die Naturwissenschaften vor dem Skeptizismus zu schützen. Unsere wirklichen, lebendigen Erfahrungen bleiben dabei irgendwie außen vor. Womöglich erkannte Kant diese Problematik selbst und verfasste deshalb noch eine zweite und eine dritte Kritik :)
Dazu noch eine Bemerkung: Ich glaube nicht, dass unsere Erfahrung ausschließlich auf diese Weise strukturiert ist. Wenn ich etwa ein Gedicht lese oder ein schönes Lied höre, mache ich meines Erachtens ganz andere Erfahrungen. Wie verhält es sich zudem bei einem wilden Tanz? Mir fehlen zwar die philosophiehistorischen Detail-Kenntnisse, doch ich vermute, dass Kant seine Beschreibung der Erfahrung zu sehr auf sein Interesse zugeschnitten hat, die Naturwissenschaften vor dem Skeptizismus zu schützen. Unsere wirklichen, lebendigen Erfahrungen bleiben dabei irgendwie außen vor. Womöglich erkannte Kant diese Problematik selbst und verfasste deshalb noch eine zweite und eine dritte Kritik :)
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Timberlake
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Oder ..SimonBaumer hat geschrieben : ↑Sa 24. Jan 2026, 23:19Warum Kants transzendentaler Idealismus nicht notwendig ist:
Unsere Überlegungen beginnen bei der einfachen Tatsache, dass wir Erfahrung haben – und zwar notwendig in einer bestimmten Gestalt. Alles, was uns erscheint, erscheint räumlich geordnet, zeitlich strukturiert, kausal verknüpft und gesetzmäßig. Diese Struktur ist für uns unaufhebbar: Wenn sie anders wäre, wäre sie für uns keine Erfahrung mehr. Wir können nicht hinter diese Struktur zurücktreten, wir können sie nicht relativieren, wir können sie nicht „abschalten“. Sie ist die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas als Erfahrung erscheinen kann. In diesem Ausgangspunkt stimmen wir mit Kant überein.
Doch an dem Punkt, an dem Kant behauptet, diese notwendigen Strukturen müssten aus dem Subjekt stammen – Raum und Zeit als Formen der Anschauung, die Kategorien als Formen des Verstandes –
.. Raum und Zeit als Formen der Anschauung, die Kategorien als Formen des Verstandes - die der Verstand als Schatten an einer Höhlenwand projiziert? Für den Fall, dass man tatsächlich die Höhle verlassen und somit die wahre Natur Raum und Zeit erkennen könnte, würde ich übrigens Kants transzendentaler Idealismus tatsächlich für nicht notwendig erachten.
Wenn man an dieser Stelle häufig den Einwand begegnet : Man könne doch durch die Physiologie zeigen, wie der Verstand die Erfahrung konstituiert, warum dann nicht auch den Einwand, dass das, was wir unter Raum und Zeit seit Einstein und somit gemäß den Naturwissenschaften verstehen, uns dabei nicht auch nur bloß den Schatten an der Höhlenwand bedient haben, um den Ursprung dieser Schatten zu erklären? Wie denn auch, wenn man mit einer "Schatten" Wissenschaft, die innerhalb der Schatten arbeitet, nicht über dieselbe hinaus kommt. Man kommt eben gar nicht über die "Schatten" Erfahrung hinaus. Das "Schatten" Bewusstsein kann seine "Schatten" nicht überspringen. So das Kants Bewusstsein, das ebenfalls nur ein Schattenbewusstsein ist, nicht wissen kann, welche Rolle das Subjekt bei dem Zustande bringen der Schattenerfahrungen hat.SimonBaumer hat geschrieben : ↑Sa 24. Jan 2026, 23:19An dieser Stelle begegnet häufig ein Einwand: Man könne doch durch die Physiologie zeigen, wie der Verstand die Erfahrung konstituiert. Doch dieser Einwand verfehlt die Ebene des Problems. Denn jede physiologische Erkenntnis setzt bereits die Erfahrungsformen voraus, deren Ursprung sie erklären möchte. Jede physiologische Erkenntnis erklärt, wie innerhalb der Erfahrungswelt die Sinneswahrnehmung funktioniert. Wir wollen hier aber nicht wissen, was innerhalb der Erfahrungswelt geschieht. Die Physiologie ist selbst Erfahrungswissenschaft; sie operiert innerhalb der räumlich-zeitlich-kausalen Struktur, die angeblich erst durch das Subjekt hervorgebracht wurde. Wie dieser Vorgang mit jenem zusammenhängt, kann sie nicht erklären, weil sie ja eben gerade nicht erklärt, wie das Subjekt Sie zur Erfahrung gebracht hat, sondern nur welche Zusammenhänge innerhalb dieser Erfahrung bestehen. Sie kann nicht zeigen, wie der Verstand diese Struktur konstituiert – denn sie setzt sie bereits voraus. Mit einer Wissenschaft, die innerhalb der Erfahrungsbedingungen arbeitet, kommt man nicht über dieselbe heraus. Man kommt eben gar nicht die Erfahrung hinaus. Das Bewusstsein kann sich nicht überspringen, weshalb auch Kant nicht wissen kann, welche Rolle das Subjekt bei dem Zustande bringen der Erfahrungen hat.
Was allerdings, weil auch ich nicht mein Schattenbewusstsein überspringen kann, wie sollte ich unter diesen Umständen auch, wiederum auf das zutrifft, was von mir hier in diesem Beitrag behauptet wurde. Das kann ich demzufolge auch nicht wissen.
Auch wenn man diese Behauptungen wahren kann, ohne sich auf eine spekulative Theorie über den Ursprung ihrer Bedingungen in einem "Schattenuniversum" festzulegen.SimonBaumer hat geschrieben : ↑Sa 24. Jan 2026, 23:19
Kant behauptet mehr, als er begründen kann. Er schließt von der Unerkennbarkeit der Welt an sich auf die Notwendigkeit, die Bedingungen der Erfahrung aus dem Subjekt abzuleiten. Doch dieser Schluss ist nicht zwingend. Er ist eine methodische Entscheidung, keine logische Notwendigkeit. Unsere Position zeigt, dass man die Sicherheit der Erfahrung – ihre Notwendigkeit, ihre Gesetzmäßigkeit, ihre Objektivität – wahren kann, ohne sich auf eine spekulative Theorie über den Ursprung ihrer Bedingungen festzulegen.
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Timberlake
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Weil auch ich weit davon entfernt bin, ein Kant-Experte zu sein, dazu vielleicht ergänzend ...
"Raum und Zeit dieser Meinung nach nur Geschöpfe der Einbildungskraft
sind, deren Quell wirklich in der Erfahrung gesucht werden muß, aus deren
abstrahirten Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat, was
zwar das Allgemeine derselben enthält, aber ohne die Restrictionen, welche
die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht stattfinden kann. Die ersteren
gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen sich das
Feld der Erscheinungen frei machen. Dagegen verwirren sie sich sehr durch
eben diese Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld hinausgehen
will. Die zweiten gewinnen zwar in Ansehung des letzteren, nämlich daß
die Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den Weg kommen,
wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern bloß im Verhältniß
auf den Verstand urtheilen wollen; können aber weder von der
Möglichkeit mathematischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen eine wahre
und objectiv gültige Anschauung a priori fehlt) Grund angeben, noch die
Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in nothwendige Einstimmung
bringen. In unserer Theorie von der wahren Beschaffenheit dieser zwei
ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit ist beiden Schwierigkeiten abgeholfen."
Kant: AA III, Kritik der reinen Vernunft
." Die ersteren gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen sich das Feld der Erscheinungen frei machen"
.. würde ich allerdings meinen, dass Kant in seiner Theorie diese Position durchaus eingepreist hat. Also in dem sie das Feld der Erscheinungen frei machen, mathematischen Behauptungen über Raum und Zeit und somit – ihre Notwendigkeit, ihre Gesetzmäßigkeit, ihre Objektivität – wahren kann, ohne sich auf eine spekulative Theorie über den Ursprung ihrer Bedingungen festzulegen. Raum und Zeit verwirren erst, wenn man über diese mathematische und somit "logische" Form von Raum und Zeit "methodisch" hinausgeht. Sodass es bei ihm folgerichtig heißt ...
"In unserer Theorie von der wahren Beschaffenheit dieser zwei ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit ist beiden Schwierigkeiten abgeholfen."
Und wenn man ihn höchstpersönlich zu Wort kommen lässt ..
Nach Kant entstehen Raum und Zeit erst mit dem Menschen
Eigentlich meint man, gut Bescheid zu wissen über Raum und Zeit: Man rennt in der weiten Welt umher, und dabei verrinnen die Stunden. Menschen bewegen sich also in Zeit und Raum, wie man meint, bis es im Philosophieunterricht heißt, daß es genau anders herum ist. Kants Kritik der reinen Vernunft zufolge sind nicht wir in Raum und Zeit und sie um uns herum. Die beiden Grundgegebenheiten stecken vielmehr in uns. Sie stammen von uns. Wir bringen sie mit in die Welt, die wir mit ihrer Hilfe verstehen.
Kant: Raum und Zeit
Kant wiederum distanziert sich sowohl von Newton als auch von Leibniz, indem er folgendes schreibt[:
„Was sind nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen, oder auch Verhältnisse der Dinge, aber doch solche, welche ihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschaut würden […]?“
Kant verneint diese Fragen. Raum und Zeit seien keine wirklichen Wesen, wie Newton meinte. Und sind auch keine Bestimmungen oder Verhältnisse der Dinge an sich, wie Leibniz meinte. Stattdessen hat Kant einen phänomenologischen Ansatz, indem er von der subjektiven, menschlichen Wahrnehmung ausgeht:
„So, wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw., imgleichen, was davon zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe usw. absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüte stattfindet.“[5]
"Raum und Zeit dieser Meinung nach nur Geschöpfe der Einbildungskraft
sind, deren Quell wirklich in der Erfahrung gesucht werden muß, aus deren
abstrahirten Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat, was
zwar das Allgemeine derselben enthält, aber ohne die Restrictionen, welche
die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht stattfinden kann. Die ersteren
gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen sich das
Feld der Erscheinungen frei machen. Dagegen verwirren sie sich sehr durch
eben diese Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld hinausgehen
will. Die zweiten gewinnen zwar in Ansehung des letzteren, nämlich daß
die Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den Weg kommen,
wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern bloß im Verhältniß
auf den Verstand urtheilen wollen; können aber weder von der
Möglichkeit mathematischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen eine wahre
und objectiv gültige Anschauung a priori fehlt) Grund angeben, noch die
Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in nothwendige Einstimmung
bringen. In unserer Theorie von der wahren Beschaffenheit dieser zwei
ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit ist beiden Schwierigkeiten abgeholfen."
Kant: AA III, Kritik der reinen Vernunft
Vor dem Hintergrund des o.g. Zitats von Kant, in dem es darin heißt ...SimonBaumer hat geschrieben : ↑Sa 24. Jan 2026, 23:19
Kant behauptet mehr, als er begründen kann. Er schließt von der Unerkennbarkeit der Welt an sich auf die Notwendigkeit, die Bedingungen der Erfahrung aus dem Subjekt abzuleiten. Doch dieser Schluss ist nicht zwingend. Er ist eine methodische Entscheidung, keine logische Notwendigkeit. Unsere Position zeigt, dass man die Sicherheit der Erfahrung – ihre Notwendigkeit, ihre Gesetzmäßigkeit, ihre Objektivität – wahren kann, ohne sich auf eine spekulative Theorie über den Ursprung ihrer Bedingungen festzulegen.
." Die ersteren gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen sich das Feld der Erscheinungen frei machen"
.. würde ich allerdings meinen, dass Kant in seiner Theorie diese Position durchaus eingepreist hat. Also in dem sie das Feld der Erscheinungen frei machen, mathematischen Behauptungen über Raum und Zeit und somit – ihre Notwendigkeit, ihre Gesetzmäßigkeit, ihre Objektivität – wahren kann, ohne sich auf eine spekulative Theorie über den Ursprung ihrer Bedingungen festzulegen. Raum und Zeit verwirren erst, wenn man über diese mathematische und somit "logische" Form von Raum und Zeit "methodisch" hinausgeht. Sodass es bei ihm folgerichtig heißt ...
"In unserer Theorie von der wahren Beschaffenheit dieser zwei ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit ist beiden Schwierigkeiten abgeholfen."